30 Januar 2017

30. Januar, 2017


von AXEL BABST @CoachBabst

Zu den Traditionen im College Basketball gehört es, Freshmen-beladene Teams vor Saisonbeginn in höchsten Tönen zu loben und dabei zu vergessen, dass Talent nicht unbedingt mit einer erfolgreichen Saison des jeweiligen Colleges gleichzusetzen ist.

Glücklicherweise gibt es Teams wie Gonzaga, die ab Ende Dezember den abschwellenden Hype dazu nutzen, aus dem Schatten herauszutreten und Basketball in seiner reinsten Form zelebrieren.

Denn obwohl der Hype um die Freshmen in dieser Saison tatsächlich mal gerechtfertigt ist und die Class für den stärksten Draftjahrgang seit mindestens 2003 sorgen sollte, gibt es Ende Januar mit Gonzaga nur noch ein einziges Team, das ungeschlagen ist.


Natürlich kann man hier die alljährlich aufkommende Diskussion um die fehlenden Schwergewichte in Gonzaga Spielplan und Conference anführen. Doch das wäre gerade in diesem Jahr ungerechtfertigt. Siege über Florida, Iowa State, Arizona und St Mary's sind Argumente, um Gonzagas bisheriges Resumee besser als beispielsweise UCLAs (bis vor einer Woche noch als Final Four Contender und 1 Seed in aller Munde) aussehen zu lassen.

Abgesehen von solchen Diskussionen, die erst kurz vor dem Selection Sunday beim Seeding der Topteams relevant werden, ist es einfach eine Wohltat, den Bulldogs zuzusehen. Und gerade hierfür verdient Coach Mark Few große Anerkennung. Das Team folgt genau der Marschroute, die Few vorgibt und seit Jahren so aufzieht.

Vor dem Hintergrund, dass nur zwei der acht Rotationsspieler die letzte Saison komplett im Dress der Bulldogs bestritten, ist Fews Leistung noch höher anzusiedeln. Das Spieler haben klar definierte Rollen und ergänzen einander hervorragend. Neben den oft gelobten Transfers Nigel Williams-Goss und Johnathan Williams sowie Rückkehrer Przemek Karnowski, entwickeln sich Graduate Transfer Jordan Mathews als eiskalter Shooter und die Freshmen Zach Collins und Killian Tillie als Backup Bigs zu Schlüsselfaktoren.

Offense
Wie bei den meisten Final Four Contendern unterscheiden sich die Bulldogs von anderen Collegeteams dadurch, dass sie scheinbar mühelos und beliebig reproduzierbar einfache Punkte generieren. Auch bei GU ist die bevorzugte Methode der Fastbreak.

Zwar sind die Bulldogs nicht unbedingt mit den Sprungwundern anderer Topteams gespickt, dennoch besitzen die Spieler auf ihre eigene Weise eine faszinierende Athletik, die sie im Teamverbund einzusetzen wissen. Besonders die Effizienz und Kontinuität, mit der Gonzaga schnelle Transition Zähler erbeutet, ist beeindruckend und zermürbt den Gegner auf Dauer.

Wie Athletik und Effizienz in Spokane definiert wird, lässt sich am besten mit Przemek Karnowksi erklären. Einen solchen Koloss (2,16m/über 130 Kilo) würde man auf den ersten Blick nicht als athletisch bezeichnen.

Allerdings ist der Pole für seine Statur enorm schnell unterwegs und besitzt eine hervorragende Fußarbeit. Dass er vor einem Jahr aufgrund anhaltender Rückenbeschwerden kaum gehen konnte und das Karriereende im Raum stand, sieht man ihm derzeit überhaupt nicht an.

Und doch ist Karnowksi integraler Bestandteil der meisten Fastbreaks. Mit seinen Rimruns zieht er viel Aufmerksamkeit auf sich und öffnet seinen Mitspielern Räume. Ist die Defense nicht schnell genug unter dem eigenen Korb, platziert sich Karnowski in Ringnähe, wo er mit dem Ball in den Händen nicht mehr zu stoppen ist.


In der ersten Situation verteidigt Karnowski zuerst den Wurf, kann aber nicht verhindern, dass der Jumper im Korb landet. Statt sich jetzt darüber zu ärgern, sprintet er jedoch sofort in die gegnerische Hälfte, weshalb er direkt am No-Charge-Halbkreis Position beziehen kann. Aufbauspieler Nigel Williams-Goss treibt das Leder über das Feld und hat keine Mühe Karnowski zu bedienen. Der Pole ist so nah am Korb aufgrund seiner Statur nicht zu verteidigen.

In der zweiten Situation geht San Diego daher dazu über, Karnowski direkt beim Ballerhalt zu doppeln. Doch der Big Man ist ein exzellenter Spielmacher aus dem Postup heraus. Gerade wenn er den Ball am rechten Zonenrand erhält, kann er das ganze Spielfeld überblicken, indem er sich über seine favorisierte rechte Schulter wendet. Dank seiner Größe und seines Spielverständnisses liest er die beiden Weaksideverteidigt lehrbuchhaft und findet den cuttenden Johnathan Williams.

Zuletzt zeigt die dritte ausgewählte Szene, wie Gonzagas Bigs ihren Außenspielern auch indirekt Punkte ermöglichen. Dieses Mal ist Williams der Rimrunner, der die beiden Verteidiger irritiert. Williams-Goss zeigt gleichzeitig sein strategisches Talent als Ballverteiler und findet Shooter Jordan Mathews, der aus vollem Sprint den Pass in Balance fängt und rythmisch den Dreier versenkt.

Die Kombination aus individuellen Pass- und Scoringskills auf verschiedenen Positionen und dem disziplinierten Spacing im Fastbreak machen die Bulldogs zu einem der gefährlichsten NCAA Teams in der Transition.

Dieser Effekt verstärkt sich noch dadurch, dass Gonzaga mühelos in die eigene Early Offense übergeht, sollte sich aus der ersten Angriffswelle kein hochprozentiger Abschluss ergeben.


In dieser Situation ist beispielsweise ein direktes High-Low auf Freshman Big Zach Collins nicht möglich, dennoch gerät die Offense nicht ins Stocken, sondern alle fünf Angreifer bleiben in Bewegung, weshalb die Defense sich nicht sortieren kann.

Sie wird direkt mit den nächsten Aufgaben beschäftigt. Ballhandler Josh Perkins übergibt den Ball per Handoff an Backcourt Partner Williams-Goss und sprintet in die Strongside Corner.

Auch auf der Weakside müssen die Verteidiger aktiv werden und einen Downscreen von Killian Tillie für Shooter Mathews verteidigen. Dadurch kann keiner der beiden helfen, was schwerwiegende Konsequenzen hat.

Denn während die vier Spieler am Perimeter ihre Aktionen parallel durchführen, arbeitet Collins in der Zone weiter für eine gute Position und einen guten Passwinkel. Diese Arbeit zahlt sich aus und Williams-Goss füttert seinen Big. Der Lobpass ist so gut, dass der Collins' Verteidiger keine Chance hat, an den Ball zu kommen, und Collins selber in einer fließenden Bewegung direkt abschließen kann. Durch die fehlende Helpside sieht der Abschluss kinderleicht aus.

Mit einfachsten Mitteln (Handoff & Pindown) konnten die Zags hier einen Layup erspielen, doch es geht auch noch etwas komplizierter für den Härtefall und auch der Variation wegen:


Perkins entscheidet sich dieses Mal gegen den Handoff zur Strongside und stattdessen für den Pass auf den Trailer. Williams könnte hier eigentlich direkt Karnowski im High-Low bedienen, vergisst allerdings den Inside-Look. Nach dem Swing-Pass auf Mathews stellen Perkins und Williams zwei versetzte Blöcke für Silas Melson, wodurch drei Verteidiger gebunden werden.

Karnowksi kann dadurch wieder den Ball im Lowpost erhalten, wenn auch zwei Meter weiter vom Korb entfernt, als ihm lieb wäre. Hier offenbart sich jedoch ein weiterer wesentlicher Charakterzug - seine Geduld. Er wartet ab, ob ein Doppeln kommt, sieht, dass dies nicht der Fall ist und nimmt sich abschließend die Zeit für zwei Dribbling, um in eine gute Distanz für seinen Fadeaway zu gelangen.

Im Halbfeldangriff sind Postups und Layups weiterhin das Ziel der Sets. Oft nutzen die Bulldogs daher Pick & Rolls, um ihren Rollern tiefe Position zu gewähren und die Defense auf diese Weise zu knacken. Wieder ist Karnowski dabei der Dreh- und Angelpunkt, da er ein hervorragendes Gespann mit Williams-Goss bildet. Zudem ist er ein Ruhepol, der durchaus auch mal die Guards dirigiert und ihnen vorgibt, was sie zu spielen haben.


In der ersten Szene klappt der Schnellangriff dieses Mal nicht, allerdings laufen die Bulldogs ein schnelles Pick & Roll bevor, die Defense sich richtig geordnet ist. Daher dient auch das Blocken-und-Abrollen als verlässliches Mittel in der Secondary Offense.

Williams-Goss illustriert in dieser Szene, was für ein gutes Spielgeführt er besitzt. Er treibt seinen Verteidiger gekonnt in den Screen, hält ihn auf seinem Rücken und zeigt anschließend seinen Touch mit einem schönen Floater.

In der zweiten Szene beruhigt Karnwoski das Spiel nach waghalsigen Dribblings und einem ungenauen Pass vorerst. Anschließend holt er sich Perkins zum Pick & Roll und nutzt beim Abschluss sein weiches Handgelenk.

Im organisierten Halbfeldangriff ist Coach Few ein Mastermind darin, mit klug konzipierten Plays für viel Bewegung und gutes Spacing zu sorgen, bevor das gewollte High Pick & Roll gelaufen wird.


Der Einstieg erinnert an die Early Offense: Handoff auf der Ballside und Pindown auf der Weakside. Dieses Mal stellt auf der Weakside jedoch Mathews den Pick für Williams und der Ball wird komplett auf den anderen Flügel bewegt.

Nach dem Pass von Williams auf Mathews erhält der Vierer einen Backscreen von Perkins. Dieser dient aber vor allem der Ablenkung, da Perkins auf diese Weise frei wird und direkt ins High Pick & Roll mit dem Big Man übergehen kann. Dadurch geht Perkins schon mit einem Vorteil in das Pick & Roll und muss nur noch in der Lage sein, diesen für sich zu nutzen.

Im folgenden Play wird einerseits deutlich, dass die Bulldogs mit dem Pick & Roll vor allem ihre Bigs in Korbnähe platzieren wollen. Andererseits macht sich auch der europäische Einfluss auf die Spielweise der Zags bemerkbar.


Denn hier wird aus einer Floppy Aufstellung an der Baseline heraus ein Zipper Cut für Melson vorbereitet, was ein typisch europäischer Einstieg in ein Play ist. Melson hat sehr viel Platz beim Ballerhalt und zusätzlich für das Auflösen der Rudelaufstellung in der Zone zu Verwirrung bei der Verteidigung.

Dadurch hat Melson im Pick & Roll Zeit und kann in aller Ruhe warten, bis der abrollende Collins in einem angemessenen Passwinkel auftaucht. Collins ist in dieser Hinsicht schon extrem weit für einen Freshman, da er ein gutes Spielverständnis besitzt und bereit ist, für eine gute Position zu kämpfen. Beim Finish hilft ihm sein kräftiger Körperbau.

Abschließend noch ein Beweis dafür, dass die Zags durchaus sprunggewaltige Spieler in ihren Reihen haben:


Dieses Play, ein Ballscreen mit einem anschließenden Backscreen in den Rücken des Verteidigers des Blockstellers, ist momentan eines der verbreitesten auf dem Globus und auf höchstem Level ausgeführt nicht zu verteidigen.

Interessant ist hierbei jedoch das Design. Während die meisten Teams mindestens drei Schützen (den Backscreener und jeweils einen in der Ecke geparkt) bei diesem Play verwenden, ist hier Karnowski gar nicht als Blocksteller involviert. Stattdessen kämpft er auf der Ballseite am Zonenrand um Position, weswegen die Weakside wieder komplett frei ist. Dadurch gibt es keinen Helpside-Verteidiger, der das Lobanspiel verhindern könnte.

Offensiv sind Bulldogs also in der Lage, jederzeit gute Würfe zu produzieren. Die wichtigsten Waffen sind dabei Transition, Postups und das Pick & Roll - genau in dieser Reihenfolge. Doch spätestens im Tournament, wenn die Spiele wieder enger werden, kann Mark Few wieder beweisen, dass er auch in Sachen Einwurfplays und Quick Hitters zu den besten des Fachs gehört.

Defense
Während die Offense der Zags immerhin noch verhältnismäßig oft ihre Anerkennung erhält, scheint die gute Defense der Bulldogs hingegen komplett unterzugehen. Auch auf dieser Seite des Feldes ist Gonzaga weniger spektakulär unterwegs als andere Topteams.

Sie haben keine Presse als Markenzeichen wie West Virginia oder Louisville, landen mit ihren Highlight Blocks nicht in der Sportscenter Top10 wie Kentucky oder Kansas und genießen auch im Halbfeld nicht den Ruf wie Virginia oder Arizona, dennoch ist ihre Halbfeldverteidigung elitär.

Das liegt auch hier wieder an guten Fundamentals auf allen Positionen, die als Kollektiv zu einer starken Teamdefense zusammgesetzt werden. Die Guards üben auf den ballführenden Spieler Druck aus oder verhindern einfache Pässe durch gute Deny-Defense. Die Bigs verteidigen das Pick & Roll ordentlich und geben Hilfe, wenn sie benötigt wird.


Diese Sequenz gegen Santa Clara gibt einen guten Einblick, wieso Gonzaga als Team so gut verteidigt. Zunächst ist die Verteidigung abseits des Balls hervorzuheben. Santa Clara versucht durch mehrere Blöcke abseits des Balls Lücken zu reißen, damit die Nutznießer der Blöcke direkt attackieren können.

Doch Gonzagas gute Defense führt lediglich dazu, dass die Broncos den Ball viel weiter vom Korb entfernt fangen müssen, als sie es wollen. Dadurch verpuffen die ersten 20 Sekunden Angriffszeit wirkungslos und es besteht keine Bedrohung für die eigene Zone.

Als es dann schließlich zum Pick & Roll kommt, sind beide Verteidiger in guter Position und switchen den Rescreen, wodurch auch hier keine Chance zu einer Penetration entsteht. In den 30 Sekunden des Angriffs berührt der Gegner daher nicht ein einziges Mal mit dem Ball in der Hand die Zone.


Mit Williams, Collins und Tillie verfügen die Zags in dieser Saison zudem über drei überaus athletische Bigs, die allesamt Fehler ihrer Mitspieler auf durchaus spektakuläre Art und Weise bereinigen können. Hier ist es Williams, der den gegnerischen Wurfversuch ins Aus befördert.

Allerdings kann auch Karnowski den Ring beschützen. Dank seiner Ausmaße ist er ein schwer zu überwindendes Hindernis per se. Dazukommt, dass er genau weiß, wie er sich in der Defense positionieren muss, um Angreifern Angst einzuflößen.

Eine Kostprobe dazu findet sich in der folgende Szene. Sie zeigt allerdings auch eine Anfälligkeit der Zags: Sie geben durchaus zweite Wurfchancen ab (gegnerische Offensivreboundingrate liegt bei fast 29%, NCAA Rang 166), was angesichts der oft vorhandenen Größenvorteile eigentlich nicht der Fall sein sollte.


Weder Williams noch Melson haben auf der Weakside, wo der Großteil der Fehlwürfe landet, eine gute Ausgangslage. Williams hat beim Wurf keinen Kontakt mit seinem Gegenspieler und Melson steht in einem schwierigen Winkel zum Ring, da er den Wurf nicht sieht. Melsons Gegenspieler kriegt erwartungsgemäß den Ball in die Finger und selbst als der Ball anschließend doch wieder frei ist, gehen beide Zags nur halbherzig zu Werke und begehen die Todsünde mit nur einer Hand nach dem Ball zu tippen.

Immerhin ist die anschließende Defense ordentlich. Karnowski verteidigt das Pick & Roll gut, indem er einen idealen Abstand zum Ballhandler hält und seinem Mitspieler die Möglichkeit gibt, sich über den Screen zu kämpfen. Außerdem zeigt er, was seine Präsenz in der Zone ausmacht. Auch Williams verrichtet seine Aufgabe im Eins-gegen-Eins sehr ordentlich und forciert einen schwierigen Wurf.

Die einzige wirkliche Achillesferse neben dem Defensivrebounding ist die Verteidigung des Pick & Pops, wenn Karnowski den Blocksteller verteidiger. Der Innenspieler fühlt sich am Perimeter einfach nicht wohl, weil ihm die Geschwindigkeit fehlt.


Karnowski sieht in dieser Situation, dass sein Gegenspieler zur Dreierlinie poppen möchte. Da die Seite komplett für das Pick & Pop befreit ist, fehlt eine Hilfe komplett - er muss also eigenständig den Wurf verteidigen.

Karnowski bricht dadurch das Hedgen etwas früher als gewohnt ab und lässt den letzten Sidestep weg. Dadurch läuft er jedoch seinem Guard Melson in die Füße, der über den Block aber unter Karnowski hergehen soll. Durch diese Kollision gibt es keine Chance mehr, den Wurf zu erschweren.

Solche Fehler können Teams wie Villanova, UCLA oder Arizona, die über Shooting Bigs verfügen, ganz schnell für sich nutzen. Eine Möglichkeit, solche Probleme zu umgehen, wäre die Verteidigungsvariante zu ändern und nicht mehr zu hedgen. Das sollte der Coaching Staff auf jeden Fall überdenken, wenn im Tournament schussstarke Gegner auf dem Spielplan stehen.

Dennoch ist dies eine der wenigen Schwächen im Spiel der Bulldogs, was angesichts der Tatsache, dass die meisten Topteams noch nicht überzeugen konnten, ein wichtiges Abgrenzungsmerkmal im März sein kann.

Denn auch wenn hinter der Qualität der Conference Gegner ein dickes Fragezeichen steht und die Befürchtung, dass die Monate Januar bis März eine Unterforderung für die Zags darstellen, nicht unberechtigt sind, ist Gonzaga bisland das konstanteste Team der NCAA. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Mark Few endlich sein erstes Final Four erreicht.