14 Januar 2017

13. Januar, 2017


von AXEL BABST @CoachBabst

In unserem Preseason Ranking noch gänzlich unerwähnt, waren die Baylor Bears bis Dienstagnacht eines der beiden letzten ungeschlagenen Teams im Collegebasketball. Diese 15 Spiele währende Siegesserie, in deren Verlauf Final Four Contender wie Oregon, Louisville oder auch Xavier bezwungen wurden, garantierte der Mannschaft die erstmalige Wahl an die Spitze der NCAA Rankings in der Schulhistorie.

Das ist umso beachtlicher, führt man sich vor Augen, was für einen Trümmerhaufen der heutige Coach Scott Drew bei seiner Ankunft 2003 in Texas vorfand. Nach einem teaminternen Mord verhängte die NCAA jahrelange Konsequenzen und der Skandal schlug derartig Wellen, dass kaum ein Spieler nach Waco gehen wollen.

Drew selbst bezeichnete das Programm als einen Traumziel für Walk-Ons, die ohne Stipendium oder außergewöhnliches Talent in einer relativ starken Conference spielen wollten.


Doch der Turnaround ging relativ zügig vonstatten und in den letzten Jahren konnte sich Baylor als Tournament Team und Destination für NBA Talente etablieren. Vor dieser Saison schien jedoch das Talent ausgegangen zu sein.

Mit Rico Gathers und Taurean Prince verließen im Sommer altersbedingt zwei der letzten NBA Talente die Bears. Aufgrund der vielen unbekannten Namen und der mangelnden Starpower blieb Baylor daher zunächst unbeachtet.

Doch während der ersten zwei Saisonmonate besticht die Mannschaft aus der Big12 mit einem starken Teamgeist, viel Energie und noch viel mehr Teamwork auf dem Feld. An beiden Enden des Feldes setzen die Bears bislang das um, was Coach Scott von ihnen verlangt. Zudem überraschten zwei Spieler in besonderem Maße.

Zum einen der belgische Aufbauspieler Manu Lecomte, der als Sophomore in Miami seinen Starterposten an Angel Rodriguez verlor und nun der Lenker und Denker auf dem Feld ist. Zum anderen Jo Lual-Acuil. Der geborene Sudanese kam letzten Sommer als Junior College Transfer nach Texas, durfte allerdings aufgrund einer diagnostizierten Herzerkrankung zunächst nicht spielen. Diese Saison ist er jedoch der Anker in der Defense.

Offense
Dass Trainer Scott in der Lage ist, Bigs in Korbnähe in Position zu bringen und sein Fach an der Taktiktafel versteht, dürfte nicht erst seit dieser Saison bekannt sein. In der Tat gehören seine Sets gerade in den Kategorien Quick Hitter (schnelle Punkte in Drucksituationen), ATOs (aus Auszeiten heraus) und Einwurfspielzügen zur Elite der NCAA. Drew wird immer wieder kreativ und bringt sein Team zur perfekten Ausführung

Der gemeinsame Nenner der meisten Plays sind indirekte Blöcke. Egal ob Crossscreen oder Backscreens für Bigs am Zonenrand oder Downscreen und versetzte Blöcke für die Außenspieler/Shooter - Drew findet einen Weg, sein Personal den Stärken entsprechend in Szene zu setzen.

Am liebsten nutzt Drew dann aber doch Kombinationen aus den genannten Varianten. Seine Screen-the-Screener-Sets dienen zwar meist den Bigs, enthalten aber durchaus andere Ausstiege und geraten nicht ins Stocken, wenn die erste oder gewünschte Option nicht funktioniert.


Was bei den beiden gezeigten Ausschnitten aufhält, ist die Fähigkeit der Baylor Bigs, das Spiel zu lesen. Jo Lual-Acuil erhält beide Male den Crossscreen und erkennt sehr gut, wie die Defense den Block verteidigt.

Iowa States Verteidiger Bowie macht den Fehler, über den Block gehen zu wollen, was sich die Innenspieler der Bears traditionell nicht entgehen lassen und zum Cut entlang der Baseline nutzen. Oklahoma State verteidigt die Aktion besser, allerdings unterstreicht Johnathan Motley sein Spielverständnis, indem er das Doppeln seines Frontcourt Partners erkennt. Sofort cuttet er zum Korb und bietet ein Passziel. Dank seiner guten Hände fängt und finisht er den Ball trotz Bedrängnis.

Nach Auszeiten kommen in der Regel Backscreens zum Einsatz. Eingepeitscht von der Ansage des Trainers in der Unterbrechung, kommen gegnerische Teams meist zu aggressiv zurück auf das Parkett, weshalb Baylor oft relativ leichtes Spiel hat.


Aus dieser Perspektive nur zu erahnen, beginnen die Bears in einer Horns-Aufstellung. Während Oklahoma State, ein Team, das das Pick & Roll sehr aggressiv verteidigt, sich schon für die Pick & Roll Defense wappnet. täuscht Motley den Block für Manu Lecomte nur an. Entlang der Baseline tauschen die Flügelspieler ihre Seiten.

Ish Wainwright erhält den Ball in der linken Ecke, Al Freeman stellt den Backscreen für Lual-Acuil. OSU ist offensichtlich überrumpelt und speziell Phil Forte, der Verteidiger des Blockstellers steht vollkommen falsch, wodurch er unfreiwillig Lual-Acuils Gegenspieler ein zweites Mal screent.

Generell liebt Drew es, die Verteidigung zunächst vom Korb mit hohen Aufstellungen wegzulocken, um die Zielaktionen dann blitzschnell am Korb enden zu lassen.

Viele Angriffe starten daher auch aus einer klassischen 1-4-UCLA-Aufstellung heraus. In den vergangenen Jahren liefen die Bears daraus vor allem viel Side Pick & Roll und das Set war eine Motion Offense mit sich wiederholenden Abläufen. Aufgrund der fehlenden Ballhandler für das Pick & Roll spielt Baylor diese Saison etwas abgeänderte UCLA Sets, die auch aus den Vorjahren bekannt sind, allerdings sporadischer eingesetzt wurden.


Wieder ist der Crossscreen für den Big Man der springende Punkt. Aufbauspieler Lecomte passt den Ball zu einer Seite und cuttet sofort auf geradem Wege in die Zone, während der Big Man der ballemfpangenden Seite einen Alibi-Ballscreen stellt. Sobald der Ball auf die andere Seite wandert, sprintet dieser Innenspieler die Baseline entlang und nutzt den Pick des Aufbauspielers Lecomte.

Dieses Play ist der Bread-and-Butter-Spielzug der Bears in dieser Saison und findet in kritischen Phasen Anwendung. Sollte der Pass auf den Big Man nicht funtkionieren, kommt es wieder zum Screen-the-Screener-Automatismus.

Neben indirekte Blöcken nutzt Drew ab und zu auch gezielt die Größe und Länge seiner großen Jungs und kreiert Lobsituationen, bei denen eine Seite freigeräumt wird.


Das Play ist dem Backscreen-Spielzug ähnlich, jedoch mit dem Unterschied, dass Lual-Acuil dieses Mal Richtung Ball sprintet, während Motley seinen Gegenspieler auf den Rücken nimmt. Da die Ecke auf der Weakside unbesetzt ist, kann kein Verteidiger dem Pass über Motleys Gegenspieler gefährlich werden. Motley hat die Routine, um in Brettnähe sicher zu vollstrecken.

Selbst bei Einwurfplays ist das klare Mantra, den Ball an den Ring zu den Innenspielern zu bringen. Und obwohl sich Gegner darauf einstellen und eigentlich wissen sollten, was der Gameplan der Bears ist, reichen oft verblüffend einfache Sets aus, um zwei leichte Punkte zu generieren.


Motley, die Schlüsselfigur im Spiel der Bears, übernimmt den Einwurf an der Baseline. Sobald ein Big Man als Einwerfer eingesetzt wird, sollten sich gegnerische Teams in Habachtstellung begeben und auf diese verdächtige Ausgangslage reagieren.

Doch Motleys Gegenspieler Deonte Burton, ohnehin nicht als engagierter oder disziplinierter Verteidiger bekannt, macht weder anstalten den Einwurfpass zu verteidigen noch Motley im Auge zu behalten. Eine Sekunde der fehlenden Aufmerksamkeit genügt, damit der Big Man einen Block von Lecomte nutzen und unbedrängt einschlagen kann.

Grundsätzlich zeigt sich also, dass die Bears sehr gut als Einheit funktionieren, solange der Ball durch gezielte Setplays an den Korb gebracht werden kann. Mit Motley haben sie dort stets eine verlässliche Option zur Verfügung. Doch auch die anderen Bigs TJ Maston und Lual-Acuil erfüllen und übertreffen die Erwartungen bisher. Die drei haben außerdem eine Art blindes Verständnis füreinander entwickelt und bedienen sich regelmäßig gegenseitig per Durchstecker nach hervorragend getimeten Cuts.

Einzig auf den Außenpositionen gibt es Anlass zur Sorge, was sich bei einem Team, das die ersten 15 Spiele gewinnen konnte, im ersten Moment schräg anhören mag, gegen "Press Virginia" aber offenkundig geworden sein sollte. Schon in den vergangenen Jahren bestachen die Guards der Bears nicht mit sonderlicher Kreativität oder Ausstrahlung. Genau genommen war Pierre Jackson (2013 gedraftet) der letzte schlagfertige Guard der Bears.

Lecomte könnte zwar durchaus in eine ähnliche Bahn geraten, doch zum jetzigen Zeitpunkt muss er noch viel Praxis bekommen und lernen, sein Spiel zu verbessern. Im Halfcourt weiß er seine Schnelligkeit bereits auszuspielen. Er kommt relativ leicht in die Zone und hat dank Floater und Stepback auch sichere Abschlussmöglichkeiten.

Allerdings fehlt ihm manchmal noch die Ruhe, die der einzige Aufbauspieler eines ungeschlagenen Topteams braucht, um die weiße Weste möglichst lange zu wahren. In dieser Hinsicht erwies sich Jake Lindsey im Saisonverlauf immer wieder als Schlüsselspieler, da er durchaus Point Forward Skills besitzt und für Big Plays sorgt (gegen Louisville, Iowa State, Oklahoma State u.a.).

Zudem zeigte sich gegen West Virginia wieder, wie ungern die Bears traditionell gegen Pressverteidigungen spielen. Sobald sie nicht ihren strukturierten Halbfeldbasketball aufziehen oder aus klaren Fastbreaksituationen heraus scoren können, geraten Teams von Scott Drew in Schwierigkeiten.


In dieser Szene zeigt sich ein Problem, das Lecomte als Guard noch hat: Wegen seiner geringen Größe nehmen ihn seine Gegenspieler gerne mal aus dem Spiel. Noch fehlen ihm die spielerischen Mittel und die Erfahrung, sich trotzdem durchzusetzen.

Lecomte bekommt den Einwurfpass nicht. Stattdessen landet der Ball in den Händen von Scoring Guard King McClure, der das Leder viel zu nah an der Baseline empfängt. Dadurch hat er wenig Platz und der Verteidiger des Einwerfers ist quasi direkt zum Doppeln bereit. Beide Komponenten führen zu einem schlechten Rückpass, den Einwerfer Lindsey nicht mehr retten kann.


Auch hier macht sich Lecomtes mangelnde Größe bemerkbar. Wurde er das ganze Spiel bereits über das Feld gehetzt, zeigt er in dieser Situation, dass er vorausschauend denken kann, was eine wichtige Eigenschaft für einen Aufbauspieler ist.

Er rechnet unmittelbar nach dem Überqueren der Mittellinie mit der Trap der zwei Verteidiger und will den beiden durch einen Split zuvorkommen. Allerdings verliert er die Kontrolle über den Ball und ermöglicht den Mountaineers einfache Fastbreakpunkte.


Wieder macht Lecomte eine unglückliche Figur, auch wenn dies eine typische Situation ist, aus der der Aufbauspieler nur als Verlierer hervorgehen kann. Mit zwei Verteidigern am Hals, hat Lecomte einfach nicht die Möglichkeit, sich die Positionierung seiner Mitspieler genau anzusehen.

Er muss davon ausgehen können, dass alle auf ihren vorgesehenen Spots stehen. Dies ist leider nicht der Fall, weshalb der Ball im Aus landet. Zwei Angreifer stehen nebeneinander an der Mittellinie. Freshman Wendell Mitchell sollte eigentlich dorthin laufen und stehen, wo der Pass von Lecomte letztlich landete - typischer Freshman Fehler.

Diese Szenen sollen nicht Aufbauspieler Lecomte diskreditieren, der - wie bereits eingangs erwähnt - eine exzellente Saison spielt und das Team anführt, sondern zeigen, wie wichtig für die Bears funktionierendes Teamplay ist.

Anders als andere Mannschaften in der Top5 oder Top10 verfügen die Texaner einfach nicht über das individuelle Talent, um auch mal auf diese Weise Spiele zu gewinnen. Johnathan Motley ist ohne Frage ein interessanter Spieler, allerdings tendiert er hin und wieder zu Passivität. Insgesamt muss von den Außenspieler wieder mehr Input kommen als in den vergangenen Wochen.

Defense
Neben der disziplinierten Ausführung der Setplays ist die Defense der Bears die zweite zentrale Komponente zur Erklärung des bisherigen Erfolgs. Dass die Zone, die Drew praktizieren lässt, äußerst schwer zu knacken ist, durften die Big12 Teams in den letzten Jahren immer wieder erfahren.

In der Tat handelt es sich um eine einzigartige Verteidigungsform, die nicht mit herkömmlichen Zonenverteidigungen zu vergleichen ist. Sie wandelt ihre Gestalt. Je nach Aktionen der Angreifer verschieben sich alle fünf Verteidiger zu unterschiedlichen Aufstellungen.

Erschwerend kommt hinzu, dass Scott und sein Trainerstab auch während eines Spiels gerne Änderungen in den Rotationen vornehmen. Konstant gute Würfe gegen diese Zone zu erspielen ist daher keineswegs einfach. Die Länge und das Energielevel sind zusätzlich erschwerende Faktoren.


In ihrer Grundaufstellung ist die Zone zunächst eine 1-3-1-Zone. Der Spieler auf der Freiwurflinie ist ein Guard, der bei Bedarf als zweiter Spieler nach vorne stößt und somit die Gestalt der Verteidigung zu einer sehr hohen 2-3-Zonenverteidigung wandelt.

In diesem Beispiel kommt Freeman hoch, sobald Oklahoma State einen direkten Block nutzen will. Bis dahin kann Lecomte die Aktionen am Perimeter alleine verteidigen. Nachdem die Pick & Roll Situation erfolgreich gemeistert wurde, gehen die Bears wieder in eine 1-3-1-Aufstellung zurück, wobei Lecomte und Freeman die Spots getauscht haben.

Gegen Ende der Posession kommt dann Motley und Wainwright ins Spiel, die aufgrund ihrer Länge und Erfahrung mit dieser Verteidigung, viele Pässe verhindern und somit die Chance auf einen guten Wurf zunichte machen.

Den krönenden Abschluss bildet Lecomte, der von der Freiwurflinie in die linke Ecke sprintet und den offenen Dreier verhindert. Die Angriffszeit läuft ab und es ist bezeichnend, dass Lecomte, der als Speerspitze deutlich oberhalb der Dreierlinie startet, die Sequenz in der Spielfeldecke beschließt.

In dieser Saison konnte Baylor auch sehr erfolgreich einen 1-2-2-Zonenpresse einstreuen, die in den vergangenen Spielzeiten nicht ganz so erfolgreich war.


Die Zonenpresse ist eigentlich gar nicht mal auf einen aktiven Ballgewinn ausgerichtet, sondern zielt eher darauf ab, Zeit von der Uhr zu nehmen. Sind erst zehn Sekunden Angriffszeit verstrichen, kann das gegen Baylors Halbfeldzone bereits den Untergang bedeuten. Aktiv zum Doppeln kommen die Verteidiger erst auf Höhe der Mittellinie, wie diese Szene zeigt. Unerfahrene Ballhandler treffen dann vom plötzlichen Druck überrascht schlechte Entscheidungen. In diesem Fall begeht Burton das Offensivfoul.


Auch in dieser Situation können die Bears den Ballhandler überraschen. Erst nach dem Überqueren der Mittellinie schnappt die Falle zu. Ballhandler Jevon Carter kann sich nur mit Mühe befreien. Würde er das bei seinen Teamkollegen nicht tagtäglich zu spüren bekommen, kann man hier von einem Ballverlust ausgehen.

Baylor hat den Vorteil, dass in der Zone mit Jo Lual-Acuil ein monströser Shotblocker nur auf optimistische Layups wartet, um sie ins Aus zu befördern. Auch hier zeigt der Junior seine Fähigkeit zur Rimprotection. Dass West Virginia trotzdem scort, kann er alleine allerdings auch nicht verhindern.

Fazit: Baylor ist ein Tean, das diese Bezeichnung verdient und tatsächlich gute Aussichten hat, im März ein gefährlicher Gegner zu sein. Teamwork, Wille, Disziplin und nervenaufreibende Verteidigung sind die Grundbausteine dazu. Allerdings sind die fehlende Konstanz der Außenspieler und die Berechenbarkeit im Angriff Probleme, die nicht so leicht aus der Welt zu schaffen sind und sich im weiteren Saisonverlauf noch rächen können.

Zudem sind die Bears sehr davon abhängig, dass sie das Spiel nach genau ihren Vorstellungen gestalten können. Das Tempo darf nicht zu schnell sein und die Verteidigung des Gegners sollte sich brav auf das Halbfeld beschränken.

In den vergangenen Jahren war Drew zudem immer wieder anfällig dafür, sich zu sehr auf die Zonenverteidigung zu verlassen. Zwar variiert Baylor an dieser Stelle deutlich besser als in den vergangenen Jahren, dennoch ist der Anteil der Zonenverteidigung immer noch etwas hoch.