10 Januar 2017

11. Januar, 2017


8 Tage, 7 Spiele, 5 Städte, 2800 Kilometer entlang des Ostens der USA und Kanadas. Vom 30. Dezmeber bis 6. Januar nahm NBACHEFler Gerrit Lagenstein am NBA Hardcore Trip East von Teamsportreisen teil. Hier schildert er wie es ihm im Heimatland der National Basketball Association ergangen ist.

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports

IT for three
30. Dezember: Einer der Tipps in meinem Reiseführer lautet: “Geben Sie sich nach ihrer Ankunft nicht einfach der Müdigkeit hin." Dass ist leichter gesagt als getan, wenn man auf einmal mehr als 28 Stunden wach bleiben muss. Die Entscheidung, nach der Ankunft in New York direkt weiter nach Boston zu fahren und nicht im Hotelzimmer zu entspannen, war dennoch goldrichtig.


Genau genommen machten wir uns  zum zweiten Mal an diesem Tag nach Beantown auf. Wenige Stunden zuvor hatten wir Massachusetts schon einmal passiert - allerdings in knapp 12.000 Metern Höhe beim Anflug auf JFK.

Mit dem Flugzeug hatte diese Strecke eine gute halbe Stunde gedauert. Dass der Bus damit nicht mithalten können würde, war klar. Dass die Anfangsgeschwindigkeit im dichten Großstadtverkehr aber noch unter der des gelandeten A380 auf dem Rollfeld lag, brachte den Zeitplan doch etwas durcheinander.


Statt entspannt im TD Garten durch den Fanshop zu schlendern, nahmen wir unsere Sitze gerade so zum Team Intro der Celtics ein. Isaiah Thomas bekam mit Abstand den meisten Applaus. Warum? Das sollte der 1,75 Meter große Guard in den folgenden zweieinhalb Stunden eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Neun Dreier, 52 Punkte - 29 davon im vierten Viertel. Letzteres ist ein neuer Franchise-Rekord bei den Celtics. Einer der kleinsten Spieler der NBA hat die Latte für den weiteren Trip äußerst hoch gelegt.


Back-to-Backs
31. Dezember: Es ist der Klassiker in der NBA. Man checkt morgens die Ergebnisse und wundert sich, warum der amtierende Meister aus Cleveland mit 16 Punkten gegen die Mittelfeldtruppe aus Detroit verloren hat. Dann fällt dir wieder ein, dass die Cavaliers am Vortag bereits gegen die Golden State Warriors ran mussten. Ein klarer Fall von keine Kraft beim "Back-To-Back".


Heute durfte ich diese Erfahrung auf kleiner Bühne selber machen, denn am Silvestertag schauten wir nicht beim Basketballspielen zu, sondern schnürten selbst die Sneaker. Beim New Year's Jam Turnier von Teamsportreisen gewann mein Team "Pascals Rollercoasters" die ersten beiden Spiele locker leicht und war auf gutem Wege sich den ersten Platz zu sichern.

In der letzten Partie musste nur noch das Team von “FIVE”-Chefredakteur Dré Voigt geschlagen werden. Die "Wolfsburg Warriors" hatten ihr erstes Spiel mit 17 Punkten gegen ein Team verloren, das wir mit 12 Punkten schlugen.

Diese Partie war aber keine zehn Minuten her, als wir gegen die Warriors ranmussten. Die längere Pause hatte Drés Truppe gut getan, sie nutzten unseren müden Beine gnadenlos aus und schlugen uns mit acht.

Im Dreier-Vergleich von drei Mannschaften, die nun zwei Siege und eine Niederlage auf dem Konto hatten, verpassten wir den Titel um einen mageren Punkt. Wie gut, dass es abends in die Tonic Bar am Times Square ging und dort bei kostenlosen Getränken ins neue Jahr gefeiert wurde...



The World's Most Famous Arena
2. Januar: "Welcome to the world's most famous arena." Bereits Sekunden nach dem Betreten der Halle schallte der Slogan des Madison Square Gardens zum ersten Mal aus den Lautsprechern. Die Arena der Knicks hat einen gewissen Ruf und wirbt damit recht intensiv. Verständlich, wer will nicht einmal in der Arena sein, in der John Lennon seinen letzten Auftritt vor seiner Ermordung hatte oder Muhammad Ali von Joe Frazier besiegt wurde?


Stars sind im Garden aber nicht nur auf dem Parkett oder der Bühne sondern auch immer wieder auf den Court Side Plätzen anzutreffen. Die Knicks haben als Füller für Unterbrechungen sogar eine eigene Kategorie, in der sie die heute anwesenden Prominenten vorstellen. Gegen die Magic waren das unter anderem 50 Cent, Cate Blanchett, Michael J. Fox und Ron Howard.


Traurigerweise nahm neben ihnen eine Person Platz, die wir alle viel lieber auf dem Feld gesehen hätten. Der von Kevin Durant aufgrund seiner einzigartigen Fähigkeiten als Basketball-Einhorn bezeichnete Kristaps Porzingis musste verletzt aussetzen. Ein paar spektakuläre Blöcke des 2,21-Meter-Letten hätten nicht nur wir sondern auch die Knicks gut gebrauchen können. Deren Defensive war einfach grauenhaft.

Das Highlight des Abends blieb also die Spielstätte. Keine Arena der NBA ist älter. Das merkt man zwar etwa bei den engen Sitzabständen, andere alte Überbleibsel haben aber auch ihren Charme. Statt eingespielten Pop-Chören wird während des Spiels regelmäßig die Orgel bedient. Im MSG hätte wir es gut und gerne noch ein paar Spiele ausgehalten. Doch es wird Zeit, dass der Hardcore Trip seinem Namen gerecht wird.


Trust the Process
3. Januar: Dramatische Szenen in Manhattan! Heute sollte es von New York nach Philadelphia gehen. Der Shuttle erschien auch rechtzeitig vor dem Hotel. Das Problem: Der Sprinter hatte einen Platz weniger als wir Leute waren. Große Aufregung machte sich breit. Einer unserer Mitstreiter rief bei Teamsportreisen an, um die Sache zu klären. Als er wiederkam, hörten wir einen Satz mit dem wir nicht gerechnet hatten.


"Jungs, ich fahr nach Hause. Karl hat mich umgebucht." Wir konnten es nicht so richtig glauben und versuchten es ihm auszureden. Doch er wollte offensichtlich wirklich zurück und nutzte nun die Gunst der Stunde. Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten. So ging es zu elft nach Philadelphia.


Die dort ansässigen 76ers gehörten in den letzten Jahren gelinde gesagt nicht zu den besten Teams der Liga. Durch das absichtliche Inkaufnehmen von Niederlagen hatten die Sixers so manchen Fan vergrault. Genau das war jedoch unser Glück. So konnten wir für gleiches Geld wesentlich weiter unten sitzen als in Boston oder New York.

Sportlich befindet sich das Team aus der City of Brotherly Love im leichten Aufwind. Nach zwei Jahren Verletzungspause kann Juwel Joel Embiid endlich spielen - und wie! Mit 25 Punkten und 8 Rebounds lieferte er sich mit dem letztjährigen Rookie of the Year Karl-Anthony Towns (23 & 15) ein Duell auf Augenhöhe.

In Anlehnung an den Masterplan des mittlerweile geschassten Managers Sam Hinkie feierten ihn die Fans mit "Trust the Process"-Chören. Großer Jubel brach auch in den Schlusssekunden auf, als Robert Covington die Partie für die Sixers gewann.


Urlaub in Cleveland?


4. Januar: „Euch gefällt die Stadt? Ihr denkt sie ist cool? Ich habe noch nie von jemanden gehört, dass er Urlaub in Cleveland macht.“ Diese Worte stammen aus dem Mund von Joakim Noah. Die Abneigung des ehemaligen Bulls-Centers gegenüber der Stadt war sicherlich der sportlichen Rivalität geschuldet.

Im Grunde hat der Franzose aber Recht. Im Vergleich zu den großen Märkten wie New York, Chicago und L.A. hat Cleveland nicht sehr viel zu bieten. Die Cavaliers sind die große Attraktion – zumindest wenn sie in Bestbesetzung antreten. Dem war heute leider nicht so.

Die NBA ruht so gut wie nie. Gut für uns, denn sonst könnten wir kaum jeden Tag ein Spiel in einer anderen Stadt sehen. Was für die Fans ein Segen ist, wird für die Spieler mit andauernder Saison aber immer mehr zum Fluch. Wer alle zwei Tage auflaufen muss, hat kaum Zeit zur Regeneration. Verletzungen und Erkrankungen sind vorprogrammiert.

Kaum ein NBA-Profi absolviert die vollen 82 Spiele. In New York hatten wir bereits auf die Künste von Kristaps Porzingis verzichten müssen. In Cleveland drohte noch viel größeres Unheil. Auf Seiten des amtierenden Champions war einige Stunden vor dem Sprungball der Einsatz von allen drei Stars fraglich.


LeBron James plagte eine Erkältung, Kyrie Irving hatte Probleme mit dem Oberschenkel und Kevin Love litt noch an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung.

Immerhin: der selbsternannte King schleppte sich trotzdem aufs Parkett und bot mit 31 Punkten, 8 Rebounds und 7 Assists auch eine ansprechende Leistung. Es mangelte ihm aber spürbar an Unterstützung. So war gegen die gut treffenden Bulls nichts zu holen. Cleveland hielt für uns also wirklich nicht viel Positives bereit.


We The North


5. Januar: Der Slogan der Toronto Raptors lautet „We The North“.  Mit dem Team aus Kanada soll sich eine ganze Himmelsrichtung identifizieren – der Norden und der steht im Winter bekanntlich eher für tiefere Temperaturen.

Bereits in Cleveland hatten uns eisige Minusgrade auf dem Weg von der Quicken Loans Arena zum Hotel begleitet. Das war jedoch nichts dagegen, was uns einige Stunden später auf dem Highway Richtung Grenze blühen sollte.

Erst waren Schneereste am Straßenrand anzutreffen, dann fing es an vom Himmel neue Kristalle zu regnen und ehe man sich versah, glich die Autobahn der reinsten Skipiste. Als wir am ersten Auto vorbeifuhren, dass in den Straßengraben geschliddert war, hatten wir ernsthaft Zweifel, ob wir es überhaupt und wenn ja wann nach Toronto schaffen sollten. Immerhin hätten wir mit unserem Durchschnittstempo selbst in einer 30er-Zone keine Radarkontrolle fürchten müssen.


Doch alles halb so wild. Bereits einige Kilometer weiter war die Straße von zwei Schneepflügen größtenteils freigeräumt worden. So blieb uns sogar noch die Zeit einen kleinen Abstecher zu den Niagarafällen zu machen. Auch wenn der Weg in Kanadas einwohnerreichste Stadt mühsam war, so hat er sich trotzdem sehr gelohnt.

Der Slogan „We the North“ ist nämliche keine leere Phrase, die zu den niedrigen Temperaturen in Ontario passt. Er wird von den Raptor-Fans gelebt. Die auf dem Trip bisher beste Stimmung dürfte nicht ganz unschuldig daran sein, dass Toronto gegen Utah einen zwischenzeitlichen 11-Punkte-Rückstand noch in einen 8-Punkte-Sieg drehte.


Back in Brooklyn
6. Januar: Die Fans der Brooklyn Nets sind nicht gerade mit Glück gesegnet. Besitzer Michail Prochorow versuchte vor einigen Jahren um jeden Preis Meister zu werden, was nicht gelang. In der NBA 2K17 müssen die Nets diese Suppe nun ausbaden.

Die teuer erkauften Stars sind längst weg, hoffnungsvolle Talente sucht man mangels Draft-Picks vergeblich und Free Agents wollen erst recht nicht im Südosten des Big Apples unterschreiben. Die gute Nachricht: Es gibt kaum Nets-Fans.


In den Auszeiten von NBA-Spielen ist es gang und gäbe feiernde Heim-Fans auf den Rängen über den Videowürfel zu zeigen. Im Barclays Center wurde während diesen Unterbrechungen immer der gleiche Block gezeigt - eine Hand voll Supporter, die sich die Brooklyn Brigade nennen. Mehr Zuschauer in weiß-schwarzen Trikots waren in der Arena nämlich nicht zu finden. Das Weinrot und Gold der Cavaliers war hingegen in fast jeder Sektion präsent.


Die Nets sind auch vier Jahre nach dem Umzug nach New York noch nicht in der Stadt angekommen. Angesichts der geringen Erfolgsaussichten wird sich daran in den nächsten Jahren kaum etwas ändern. Der Besuch des Barclays Center hat sich trotzdem gelohnt.

Die von den Baukosten her teuerste Arena Amerikas ist ein echtes Schmuckstückchen. Dazu war das Spiel in Brooklyn die perfekte Ergänzung zu unserem ersten Cavs-Spiel, denn dieses Mal durften auch Kyrie Irving und Kevin Love auflaufen. So konnte der Trip enden.


Beste Performance: Isiah Thomas


Ich sollte Recht damit behalten, dass der Gala-Auftritt von IT nicht getoppt wird. Weder an seine 52 Punkte noch an seine Abgezocktheit in den Schlussminuten kam während des Trip ein anderer Spieler auch nur annähernd heran. Mitte des letzten Viertels bestanden keinerlei Zweifel mehr, dass Thomas den nächsten Wurf nehmen und auch treffen würde. Der kleine Guard war so heiß, dass die ganze Halle nur noch sehen wollte, wie der Ball zu ihm und von dort ohne Ringberührung durchs Netz ging.

Bestes Spiel: 76ers vs Wolves


Joel Embiid gegen Karl-Anthony Towns. Dieses Center-Duell wird die Liga mit großer Wahrscheinlichkeit in den kommenden Jahren prägen. Schon in in der NBA2k17 lieferten sich die Premium-Pivoten ein Duell vom Feinsten.

Erst glänzte der Twitter-MVP, indem er seine 76ers mit xy Punkten in Führung brachte. Als Embiid kurz durchschnaufte, führte KAT die Wolves zurück ins Spiel. In den Schlussminuten rieben sich die Big Men sehenswert defensiv aneinander auf. Robert Covingtons Alley-Oop-Buzzer-Beater war die perfekte Garnierung.

Beste Stimmung: Air Canada Centre


Zugegebenermaßen, der TD Garden war nach Isaiah Thomas' Shooting-Lauf am Kochen. Für den Stimmungsvergleich ist die Dreier-Serie jedoch unzulässig. Wenn es gut läuft kriegt jeder seinen Hintern hoch. Die Fans in Toronto unterstützten ihr Team auch lautstark als die Raptors noch hinten lagen. Dabei ging die Initiative in den meisten Fällen auch direkt von den Rängen aus und nicht wie in vielen anderen Hallen über Animationen auf dem Videowürfel. Toronto hat richtig Bock auf Basketball.

Schönste Stadt: New York


Captain Obvious ist am Start. Die Wahl fällt natürlich auf New York. Auch wenn wir kaum Zeit hatten, andere Städte als den Big Apple unter die Lupe zu nehmen, ich hätte mich wohl so oder so für NYC entschieden. Für mich als Großstädter bieten Manhattan, Brooklyn und Co alles, was mein Herz begehrt. Geschäfte jeglicher Art, kurze Wege mit der Metro und eine Skyline, die selbst an nebligen Tagen vom One World Trade Center aus gigantisch aussieht. Der Central Park sorgt für das nötige Grün und ist genau die richtige Abwechslung von der Betonwüste.

Was noch gesagt werden muss:
Wer die Atmosphäre in den Basketballtempeln von Griechenland oder Serbien kennt, mag von der Stimmung in den NBA-Hallen enttäuscht sein, doch die Spiele auf den beiden Kontinenten lassen sich einfach nicht vergleichen. Die Fankultur der Amerikaner sieht kein ständiges Anpeitschen sondern mehr das genussvolle Zuschauen vor. Der Sport ist hier eben hauptsächlich Unterhaltung und genau so habe ich mich in der letzten Woche gefühlt - bestens unterhalten.