23 Januar 2017

23. Januar, 2017


von MARC LANGE @Godzfave

Nenne die fünf besten Point Guards der NBA! Ohne mir besonders gute Fähigkeiten im Bereich Gedankenlesen zuzuschreiben, würde ich behaupten: Dir schwirren gerade Namen wie Russell Westbrook, Steph Curry oder Chris Paul durch den Kopf. Derrick Rose hingegen garantiert nicht. Früher war das noch anders.

Auch wenn ich nach den zehn besten Aufbauspielern frage, wäre der Name des 28-jährigen Knickerbockers wahrscheinlich noch immer nicht in deinem Kopf aufgetaucht. Verständlich. Immerhin spielt Rose eine bislang durchwachsene Saison. An den ex-MVP, den einst großen Hoffnungsträger der Chicago Bulls, erinnert sein Spiel schon lange nicht mehr.

Ein schneller Blick auf seine Zahlen vermittelt erst einmal ein anderes Bild. 18,1 Punkte, 4,5 Assists und 4,0 Rebounds pro Spiel sind absolut in Ordnung für einen Starter in der NBA. Aber genau da fängt das Problem schon an: Die Zahlen sind lediglich ok.


Mit dem Namen Derrick Rose bringen viele Fans (und teilweise auch General Manager) irgendwie immer och immer den hochexplosiven, im Drive unaufhaltbaren Guard der Bulls in Verbindung. Den Franchise-Player, 2012 Edition. Das ist er aber wie gesagt nicht mehr. Kann er nicht mehr sein.

Ohne die ganze Verletzungshistorie jetzt noch einmal komplett aufzurollen: Rose erlitt zwei schwere Knieverletzungen, die ihn jahrelang zurückwarfen. Die Hoffnung an sein Talent starb jedoch nie – bis heute nicht. Seine Knie scheinen momentan auch nicht mehr das Problem zu sein. Vielmehr haben seine Verletzungen, der Druck von der Presse, den Fans, den Trainers, bei ihm mentale Schäden hinterlassen.

Verstehen wir uns nicht falsch: D-Rose lässt manchmal immer noch sein Können aufblitzen. Es gibt Nächte, an denen er die Blockade in seinem Kopf kurz ablegen kann – so scheint es. Beim 117-106 Erfolg gegen die Boston Celtics war das schön mit anzusehen.

30 Punkte, 10 Rebounds, 5 Assists, dazu eine starke Feldwurfquote von 54 Prozent. Das war fast 'Vintage D-Rose'. Fast. Die unzähligen schwachen Spiele sind dann ruckartig ausgeblendet. Sofort schlägt bei manchen Fans das Herz höher: "Er ist wieder da", murmelt so mancher in sich hinein. Doch ist das wirklich so?


Sein unangemeldete Abstinenz vor dem Spiel gegen die New Orleans Pelicans vor knapp zwei Wochen spricht eine völlig andere Sprache. Rose verließ das Shootaround der Knicks, flog zu seiner Familie nach Chicago und war dementsprechend am Abend auch nicht zum Anpfiff in der Halle.

Die New York Daily News berief sich auf zwei Quellen, die behaupten, Rose war zu diesem Zeitpunkt so ein emotionales Wrack, dass er keine andere Möglichkeit sah, als seine Familie zu besuchen. "Ich war nicht ich selbst", versuchte sich Rose nach seiner Rückkehr am nächsten Tag zu entschuldigen. Am Ende setzte es eine 200.000 Dollar hohe Geldstrafe vom Team, der Point Guard stand bei der nächsten Partie wieder auf dem Parkett.

Was den Verantwortlichen jedoch viel mehr Sorgen machen sollte: Angeblich spielte Rose mit dem Gedanken, seine Karriere vorerst an den Nagel zu hängen, um einen klaren Kopf zu bekommen. Natürlich gibt es immer Dinge, die wichtiger als Basketball sind.

Die Familie ist eine davon. Trotzdem entschuldigt das nicht die Abwesenheit von Rose. Vielmehr untermauert es die Annahme, dass der "alte" Derrick Rose noch lange nicht wieder in der NBA ist. Vielleicht sogar nie mehr. Ein Umstand, der allen Team-Verantwortlichen in der Offseason Kopfzerbrechen bereiten wird. Wenn sie es überhaupt zusammen dorthin schaffen.


Rose ist nach dieser Spielzeit Unrestricted Free Agent. Wie ESPN berichtet, möchte der Point Guard einen 5-Jahres-Vertrag über 150 Millionen Dollar unterschreiben. Ob er den (im Big Apple) bekommen wird? Fakt ist: New York kämpft, trotz seiner Verpflichtung, im Osten gerade einmal um den achten Platz, ist eines der chaotischsten Teams der Liga.

Rose' Leistungen sind daran mit am wenigsten Schuld. Dennoch: Wenn die Knicks die Playoffs verpassen, wird Rose nach der Saison wohl wieder nach Chicago zu seiner Familie fliegen. Allerdings mit dem Unterschied, dass es dann kein Rückflug-Ticket mehr nach NY geben wird.


Wohin geht die Reise also? Auch die anderen 29 Franchises werden es sich zweimal überlegen, ob sie sich einen Spieler, der vor kurzem noch ans Karriereende gedacht hat, für fünf Jahre und 150 Mio. Dollar ans Bein binden möchten. Auch wenn der zumindest auf dem Parkett einigermaßen verlässlich daher kommt. Einigermaßen.

Die kommenden Wochen und Monate werden also die wohl wichtigsten in der Laufbahn von Derrick Rose – sowohl aus sportlicher als auch aus finanzieller Sicht. Schafft er es, das sinkende Knicks-Schiff durch fortgesetzt gute Leistungen noch in die Postseason zu hieven?

Vielleicht überlegen sich Phil Jackson & co. dann zwei Mal, ob sie ihn Rose doch über den Sommer hinaus halten. Oder schickt er diesen Dampfer durch seine Eskapaden endgültig in die ewigen Tiefen der Eastern Conference? Stay tuned...