21 Januar 2017

21. Januar, 2017


von ANDRÈ NÜCKEL @AndreNueckel

Nach dem Gewinn der ersten Meisterschaft in der Franchise-Geschichte standen gleich mehrere Fragezeichen hinter den Cleveland Cavaliers. Während der große Rivale Golden State mit der Akquisition von Kevin Durant zum vielleicht größten Contender aller Zeiten avancierte, hat der Klub um LeBron James jeglichen Druck verloren.

Von fehlender Anspannung ist zur Halbzeitmarke der aktuellen Saison jedoch nichts zu spüren. Cleveland spielt den vielleicht besten Basketball der NBA und hat sich in vielerlei Hinsicht verbessert.

Mann auf der Bank
Als Ex-Coach David Blatt im Januar 2016 geschasst wurde, geriet Tyronn Lue direkt unter Beschuss. Die Medien zerrupften ihn, was einerseits an seinem freundschaftlichen Verhältnis zu LBJ lag. Andererseits erklärte er in seiner ersten Pressekonferenz: „Es geht nicht darum, was wir anders machen werden als David. Es geht darum, was wir besser machen als er.“

Nicht wenige sahen in dem 39-Jährigen eine Marionette LeBrons, doch der einstige Point Guard, der mit den L.A. Lakers zwei Championships feierte, erwies sich als Volltreffer. Anders als sein Vorgänger schreckt Lue nicht zurück, James zurechtzuweisen. Nach der 94-113-Klatsche gegen die Clippers Anfang Dezember monierte er beispielsweise: „Ich brauche vom besten Spieler der Welt einfach mehr.“

Der Übungsleiter hat den Cavs eine Identität verpasst. Die florierende Offense zählt nicht nur optisch zu den stärksten der Liga. Der amtierende Meister hat das fünftbeste Offensive Rating (109.7) und weiß dabei vor allem durch die vielen Blöcke und Cuts zu gefallen.

In 50.9% der Fälle, bleibt der Spalding nicht länger als zwei Sekunden in den Händen eines Akteurs – die Spieler sind ständig in Bewegung und ermöglichen so viele offene Spots (19.1% der Würfe sind „wide open“).


Diese Räume bestraft Cleveland durch sein elitäres Shooting brutal. Mit 524 getroffenen Dreiern haben nur die Houston Rockets häufiger von Downtown getroffen (674), aber die Raketen machen bekanntlich nichts anderes, weshalb der Blick auf die Quote lohnt: Die Nummer eins des Ostens (30-11) zerschießt die Liga mit 38.4% von draußen. Nur San Antonio und Golden State treffen sicherer.

Love in the air
Am wichtigsten – und hier kommen Lues Fähigkeiten als Trainer erst richtig zur Geltung – ist die Implementierung von Kevin Love im System. Der Power Forward ist endlich in Ohio angekommen und liefert wieder auf All-Star-Niveau ab.

Zum ersten Mal seit dem Trade aus Minnesota (2014) verbreitet die Big Three mit Kyrie Irving, James und ihm Angst und Schrecken, was nicht zuletzt daran liegt, dass erstmals keine Zweifel an der Existenz des Dreigestirns bestehen. Love galt lange als fünftes Rad am Wagen, doch mittlerweile sitzt er selbst am Steuer seines eigenen Bandwagons.


Wie die Tabelle zeigt, legt er bei den Punkten, Rebounds und Quoten Bestwerte im Jersey der „Wine & Gold“ auf. Der Stretch-Big gehört gegenwärtig nicht nur zu den besten Werfern von jenseits der Dreierlinie, sondern arbeitet auch effektiv in der Zone. Love verbrachte im Sommer viel Zeit im Athletik-Bereich; der Forward hat Masse aufgebaut und wirkt folgerichtig dynamischer. In Korbnähe verwandelt er starke 57%.

In der Defense ist er ebenfalls nicht mehr die große Hypothek, obgleich er niemals ein Plus-Verteidiger werden wird. Seine direkten Gegner treffen nur um 0.6 Prozentpunkte besser, wenn der 28-Jährige mit Abwehrarbeit bemüht ist. Das bestätigt auch sein Net-Rating, das mit einem Wert von 8.8 das beste seiner Karriere darstellt.


Uncle Drew is back
Top-Quoten legt auch Irving auf. Viele lassen sich von den starken Playoffs bei der Gesamtbetrachtung der letzten Saison blenden, denn Uncle Drew spielte keinesfalls eine gute Runde. Bedingt durch einen Bruch der Kniescheibe startete der Einser erst zum Jahreswechsel und spielte anschließend bescheiden; nie traf er schlechter von der Dreierlinie (32.1%) oder bereitete weniger Körbe vor (4.7 APG).


Kyrie konservierte seine starken Finals über Olympia und wirbelt seit Oktober wieder wie gewohnt durch die Hallen der NBA. Heuer ist er auf Rekordkurs bei den Punkten (23.7), bei den Freiwürfen (89.2%) und ebenfalls beim Net-Rating (5.8). Besonders hochprozentig fällt der Dreier vom rechten Flügel – und wir alle wissen, warum er „The Shot“ gerne nimmt.

LeBron wieder eine Gefahr von draußen
Da Love und Irving beide einen Sprung in allen nennenswerten Kategorien gemacht haben, ist eigentlich der logische Umkehrschluss, dass James weniger produziert und sich zurücknimmt, aber hier trifft das genaue Gegenteil ein. LBJ legt wie immer königliche Werte auf und befindet sich in einigen Bereichen ebenfalls auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

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Die Statline 26/8/8 liefert der mittlerweile 32-Jährige mit einer brutalen Konstanz ab und definiert mit seinem Gesamtpaket weiterhin die Spitze. Dabei hat James seine Achillesferse ausgemerzt: Der Distanzwurf gehört wieder zum Repertoire des Auserwählten – dank einer Steigerung um sechs Prozentpunkte auf 37% (bei 4.7 Versuchen pro Abend).

Homogenes Team
Aber Cleveland besteht nicht nur aus den drei Musketieren. Nach dem komplizierten Daumenbruch von J.R. Smith sind die hochgezogenen D-League-Spieler Jordan McRae, der im Juni bereits Meister wurde, und DeAndre Liggins, in die Bresche gesprungen, haben ihren Wert in einem intakten Mannschaftsgefüge unter Beweis gestellt.


Zwar werden beide Guards wahrscheinlich niemals über eine Ergänzungsrolle hinauswachsen, aber der Verletzungsausfall hätte sich in den letzten beiden Jahren wesentlich drastischer ausgewirkt als es im derzeitigen Winter der Fall ist.

Mit der Ungewissheit der Wiederkehr von Swish hat GM David Griffin im Hintergrund einen fast schon typischen Deal eingefädelt. Zum dritten Mal in Serie verstärkt er die Cavaliers, ohne dabei großes Risiko einzugehen oder viel zu opfern. Mit Kyle Korver ist einer der besten puren Shooter der Geschichte an den Lake Erie gewechselt.

Mit dem Ex-Hawk weist der Meisterschaftsanwärter nicht nur den neunten Spieler auf, der mindestens 36% von draußen trifft. Griffin hat damit nochmals die Ausrichtung der Franchise unterstrichen: Cleveland bleibt im absoluten Win-Now-Modus. Kein Team ist älter, kein Team ist erfahrener, kaum ein Team funktioniert besser.

Repeat?
Lue besitzt dank der herausragenden Moves von Griffin, der es aufgrund seiner Trades und Zusammenstellung der Truppe verdient hat, Manager des Jahres zu werden, unfassbare Flexibilität in seinen Lineups. Der Coach kann problemlos Formationen mit fünf Schützen aufs Parkett schicken.


Durch die Verschiffung des Vertrages von Mo Williams ist ausserdem ein Kaderplatz freigeworden, um mutmaßlich den Backup-Point-Guard endlich zu besetzen. Rookie Kay Felder ist hier noch keine Option, Veteranen wie Ex-Cavalier Jarrett Jack oder Mario Chalmers werden derweil gehandelt. Aber auch auf Center klafft nach dem Kreuzbandriss von Chris „Birdman“ Andersen eine Lücke. Weitere Deals sind daher nicht auszuschließen.

Anders als in den vergangenen Spielzeiten gibt es rund um Cleveland diesmal keine Störgeräusche vor der zweiten Hälfte der regulären Saison. Der Champion funktioniert besser denn je und spielt befreit auf. Love, Irving und James harmonieren und werden vielleicht erstmals zusammen im All-Star Game auflaufen.

Druck ist bekanntlich keiner mehr vorhanden, denn die Warriors sind jetzt in der Bringschuld und müssen ihren Ultimate Warrior schlagen. Alles läuft auf ein weiteres Rematch dieser beiden Schwergewichte im Finale hinaus. Ausgang: offen.

Das Problem der NBA ist neuerdings, dass Cleveland nicht mehr "nur" LeBron ist. Diese Zeit ist vorbei. Die Cavs sind endlich mehr als LeBron James – und das macht dieses Team zum gefährlichsten der eigenen Geschichte.