05 Dezember 2016

5. Dezember, 2016


Rund ein Viertel der Spielzeit 2016/17 liegen bereits hinter uns und damit der geeignete Zeitpunkt für ein erstes Fazit. Wer hat sich positiv hervorgetan, wer negativ? Wessen Bilanz ist trügerisch? Und wer muss demnächst die Umzugskartons packen? Die #NBACHEF Redaktion diskutiert.

von NBACHEFSQUAD

Die größte Überraschung

Onur Alagöz @LakersParadigm: Sie haben zwar wieder etwas nachgelassen, aber die Energie, mit der die Los Angeles Lakers sich vom Startblock weggestoßen hatten, war komplett unerwartet. Dies ist immer noch ein Lottery Team voller potenziell guter Rookies. Immer noch weit weg davon, von irgendjemandem als zukünftiger Champion deklariert zu werden. Aber – sie machen und haben Spaß. D'Angelo Russell wird immer mehr zum Point Guard und emotionalen Leader, der er sein soll. Die Lakers sind nur einen Hauch vom achten Seed entfernt, werden diese Form aber wohl nicht halten können. Kein Problem – Lottery war ohnehin geplant, aber so schafft es Purple und Gold wenigstens im League Pass das ein oder andere Herz zu gewinnen.

Jan Wiesinger @WiesiG:  Auch wenn die Bulls aktuell kein Team mit einer atemberaubenden Anzahl an Siegen stellen, fällt meine Wahl auf die Truppe aus Windy City. Hier steht eine beinahe komplett runderneuerte Mannschaft auf dem alterwürdigen Parkett des United Center. Vor der Saison wurden hinsichtlich der Zusammenstellung erhebliche Zweifel geäußert: Viel zu wenig Spacing, viel zu viele Ballhandler, keine Kaderstruktur. Dwyane Wade (37%), Jimmy Butler (36%) und sogar Rajon Rondo (33%) treffen ihre Dreier weit über ihrem jeweiligen Karriereschnitt. Bleibt das über einen längeren Zeitraum so, dürfte die Saison der Bulls zumindest auf die Playoffs hinauslaufen. Neben der Produktion von der Bank ist die Konstanz ein Thema: Einigen Siegen gegen Topteams stehen auch vermeidbare Niederlagen gegen Teams mit schlechterer Win-Percentage gegenüber.

Stefan Dupick @hoopsgamede:  Der Start der Bulls ist bemerkenswert! "Das Team hat kein Shooting" – "Es wird kein Spacing geben"– "Rondo, Wade und Butler können nicht zusammen agieren" – "Die Bulls landen eher in der Lottery als in den Playoffs"... diese Thesen der Saison Preview können die Bulls bisher widerlegen. Natürlich gibt es in Chicago weder überragendes Shooting von Außen, noch perfektes Spacing, das ist aber auch nicht nötig. Das Team funktioniert und steht derzeit zurecht auf Platz vier im Osten.

Gerrit Lagenstein @GAL_Sports:  Die Chicago Bulls sind mein Überraschungs-Ei. Die Schokoladenhülle, die jeder kennt und erwartet hatte, ist die unglaubliche Schwäche von Downtown. Doch trotz Platz 30 bei den getroffenen Dreiern ist die gelbe Belohnung im Inneren in mehr als nur in jedem siebten Fall ein Sieg. Mit einer Bilanz von 11-8 liegt Windy City auf Platz vier im Osten. Leichtes Anfangsprogramm hin oder her: Für die Bulls hatte ich eine andere Tabellenregion projiziert.


Daniel Schlechtriem @W14Pick: Die Lakers. Zwar sind die Verträge von Timofey Mozgov und Luol Deng weiterhin eine Zumutung und werden in zwei bis drei Jahren richtig schmerzen, dafür ist der neue Coach Luke Walton jeden Cent wert. Lila-Gold hat früher als erwartet seine neue Identität gefunden und mit Julius Randle, Brandon Ingram, Jordan Clarkson und D'Angelo Russell eine Armada an hochbegabten jungen Spielern, die aktuell von Playoff Basketball träumen dürfen. Letzte Saison holte L.A. 17 Siege im ganzen Jahr, jetzt stehen sie bei 10. Es ist Anfang Dezember.

Die größte Enttäuschung

Alagöz: Wer wohl? Die Dallas Mavericks kriegen keinen Fuß auf den Boden. Der letzte Rang im Westen ist für den ehemaligen Dauer-Contender ein beschämendes Zeugnis. Dass Dirk zu Beginn verletzungsbedingt gefehlt hat, ist keine Entschuldigung. Williams und Barea haben ebenfalls Probleme mit ihrem Körper, aber auch Harrison Barnes hat es nicht geschafft, hier das Ruder rumzureißen. Das Team hat keinen gemeinsamen Nenner, die Offense läuft schlechter als ein Dacia mit Motorschaden. Offensive Rating von 98,9 – das bedeutet 29. von 30. Wenn sich Carlisle hier nicht personelle Änderungen überlegt und diese schnellstmöglich implementiert, wird man ab Frühjahr die Playoffs nur auf dem heimischen Beamer beobachten.

Wiesinger: Die Zauberer aus D.C. sind nach dem ersten Viertel der Saison eines der schlechtesten Teams der gesamten Liga. Das verwundert mich persönlich schon. John Wall, der auf dem Papier mit Shooting Guard Bradley Beal eins der vermeintlich besten Guard-Duette der Liga bildet, startete körperlich nicht mit 100% in die Saison. Die Bank spielt schwach. Und das von Neu-Coach Scott Brooks verordnete offensive Uptempo-Präparat scheint derzeit auch noch nicht sonderlich gut zu bekommen. Will man den Turnaround noch in dieser Saison schaffen, besteht akuter Handlungsbedarf.

Dupick: Die Performance der Timberwolves ist für mich bisher die größte Enttäuschung. Für viele Experten waren die Wolves vor der Saison ein klarer Kandidat für die Playoffs, zur Zeit sieht es in Minnesota eher nach erneuter Lottery als nach Playoffs aus. Wiggins und Towns zeigen zwar ihr Potential, aber es gibt noch viel zu lernen für das junge Team und gerade in der Defensive greifen die Prozesse von Experte Tom Thibodeau noch lange nicht.


Lagenstein: Die Washingtoner Bevölkerung war im November wirklich nicht vom Glück verfolgt. Mit Donald Trump bekommen die Hauptstädter einen neuen Nachbarn, auf den viele gerne verzichtet hätten. Das Basketball-Team konnte den Leuten keinen Trost spenden. Mit nur sechs Siegen aus den ersten 18 Spielen haben die Wizards ihren schlechtesten Start seit drei Jahren hingelegt. Die schwache letzte Saison scheint nicht nur ein kurzfristiger Durchhänger gewesen zu sein.

Schlechtriem: Das Zwischenzeugnis der Timberwolves sieht nicht gut aus. Von Playoffs kann jetzt schon keine Rede mehr sein, der Kader ist unausgewogen, es fehlt gestandene Qualität und Erfahrung. Entweder braucht Tom Thibodeau noch Zeit, den vielen Youngstern seine Vorstellungen von Basketball einzubläuen, oder aber er ist nicht der richtige Mann für Talententwicklung. So oder so, die Wolves sind mal wieder früh weit abgeschlagen und müssen trotz der Vorzüge von Towns und Wiggins weiter als Prügelknaben herhalten.

Die erste Trainerentlassung

Alagöz: Ich hoffe, Alvin Gentry hat sich nur eingemietet und kein Penthouse gekauft. Der 62-Jährige ist erst im vergangenen Jahr zum Big Easy gekommen und sollte die Pelicans um Superstar Anthony Davis in die Riege der Anwärter-Anwärter coachen. Pustekuchen. Wenn es so weiter geht, wird er seinen Hut nehmen müssen. Die Pelicans reißen gar nichts. Davis liefert zwar nach wie vor phänomenale Zahlen ab, aber das Memo, dass Basketball ein Teamsport ist, hat Gentry nicht gelesen. Hat man einen Superstar wie Davis an der Hand, sollte man es sich nicht verscherzen und sein Zugpferd glücklich halten. New Orleans, ihr macht einiges falsch...

Wiesinger: Alvin Gentry. Das ist schwierig. Hier gehe ich eher nach dem Ausschluß-Prinzip vor. Coaches in ihrer ersten Saison fliegen eher selten. Manche Teams haben eine beständigere Personalpolitik als andere. Trotz einiger Verletzungsprobleme zu Saisonbeginn und einer erkennbaren Aufwärtstendenz seit Jrue Holidays Rückkehr: Die Pellies stagnieren in ihrer Entwicklung und Gentry scheint mir nicht der richtige Mann dafür zu sein, das Ruder nachhaltig in Richtung Playoffs zu stellen.

Dupick: Wenn ich derzeit die Trainer der 30 Teams betrachte, dann sehe ich in den kommenden Wochen keinen Stuhl ernsthaft wackeln. Sollte ich mich jedoch festlegen müssen, dann sehe ich bei den Suns und den Nets die heißesten Kandidaten.

Lagenstein: Solange Vivek Ranadivé im Front Office der Kings sitzt und das Team nicht auf einem Playoff-Platz steht, kann ich nicht anders als an dieser Stelle Sacramento zu nennen. Nicht dass David Joerger irgendetwas in seinen ersten Monaten in Kalifornien grundsätzlich falsch gemacht hätte. Das braucht es in Sac-Town aber auch nicht. Keith Smart, Mike Malone und George Karl mussten mit ähnlichen Siegesquoten allesamt gehen.

Schlechtriem: Bis vor kurzem hatte ich Alvin Gentry auf dem Zettel, doch seine Pelikane haben sich einigermaßen gefangen. Deshalb setze ich im Westen auf Earl Watson von den Suns und im Osten auf Nate McMillan von den Pacers. Beide sind erst seit kurzer Zeit im Amt, bringen ihr jeweiliges Team aber nicht weiter. Watson war als Interimsnachfolger von Jeff Hornacek ohnehin nur eine Verlegenheitslösung, McMillan hat Indiana bis dato (22. in offensiver Effizienz) nicht den von Larry Bird lancierten Strukturwechsel verschafft und scheint die falsche Wahl für diese Aufgabe gewesen zu sein.

Der Blockbuster-Trade

Alagöz: Es ist kein Geheimnis, dass Boogie Cousins die Sacramento Kings 2018 verlassen will. Wieso also nicht noch Profit aus ihm schlagen, so lange es geht? Die Liste der Anwärter ist lang, die Bulls, Lakers, Celtics sitzen definitiv in der Nähe des Telefons. Cousins Gehalt ist mit 16 Mio. $ nicht fürstlich, was den Gegenwert für die Kings geringer, die Chance auf einen Trade aber höher macht. Wer weiß, vielleicht sind sogar die Cavaliers interessiert, in einem Straight-On Tausch für Kevin Love und Picks. Vielleicht packt Vlade Divac aber auch noch Rudy Gay dazu und man trifft sich zu dritt am Verhandlungstisch – Abnehmer gibt es wie gesagt genug. Tatsache ist, dass man in Nordkalifornien nicht langfristig mit Boogie planen kann. Das Front Office wird sich hüten, ihn komplett ohne Kompensation gehen zu lassen – habt also die Kings auf'm Trade-Alarm!


Wiesinger: Klay Thompson, Andre Iguodala + Damian Jones (GSW) gegen DeMarcus Cousins + Rudy Gay (SAC). Der Ruf kam ja nicht nach ausschließlich realistischen Trades. Thompson und Cousins sind zweifelsfrei die beiden Top-Spieler der Association, die am häufigsten in den Trade-Gerüchten auftauchen. Warum also die beiden nicht 1 zu 1 tauschen? Klay bekäme in Sacramento die unangefochtene Superstar-Rolle, Golden State den offensiv wohl dominantesten Center der Liga. Iguodala kann in Sacramento wieder starten. Gay ist zwar ein weniger guter Allrounder als Iggy, wird aber von der Bank auch abliefern. Das Ding wäre auch durchaus als Sign and Trade denkbar. Was dagegen spricht? Bei den Warriors läuft's ja derzeit eigentlich so schon ganz passabel...

Dupick: Es wird nie so heiß gegessen wie gekocht! Viele gehen in diesem Jahr von einer Flut an Trades aus, was daran liegt, dass viele Teams Bedarf haben. Letztlich geht es aber immer darum, dass mindestens zwei Teams glücklich gemacht werden und das ist gerade bei Blockbuster-Trades richtig schwierig. Der Name, der einem am ehesten in den Sinn kommt, ist wohl DeMarcus Cousins, aber ich glaube, dass es auch diesen Trade nicht geben wird. Letztlich glaube ich, dass ein Blockbuster-Trade in dieser Saison möglicherweise Rudy Gay beinhalten könnte, auch wenn ich auf deutlich mehr hoffe.

Lagenstein: An dieser Stelle würde ich gerne Boogie Cousins zu den Celtics sagen. Allerdings sehe ich gerade kein Szenario, in dem Boston bereit ist, etwas an die Westküste zu schicken, das die Kings zufrieden stellt und den Celtics kein Loch in der Kader reißt. Ich glaube kaum, dass Danny Ainge den "Carmelo"-Fehler machen wird. Warum Cousins teuer erkaufen, wenn man ihn im Sommer 2018 als Free Agent verpflichten kann? Sollte Boston wider Erwarten zu ungeduldig sein, dürften Bradley oder Crowder und der Brooklyn-Pick sicher weg sein.

Schlechtriem: Alle gehen mit Boogie, deshalb werfe ich zusätzlich die Wizards (Bradley Beal!) als weiteren möglichen Abnehmer in die Runde. Um noch etwas mehr Abwechslung zu bieten außerdem die Suns. Die müssen ihren Laden gründlich aufräumen, denn sie kommen mit Eric Bledsoe, Brandon Knight und Tyson Chandler nicht weiter. Also: Knight nach Dallas für Justin Anderson und Dwight Powell. Chandler nach Minnesota für Nikola Pekovićs Kadaver (Buy-Out!). Bledsoe nach Orlando für Nikola Vučević und Elfrid Payton. Das Ganze mit dem einen oder anderen Pick versüßen und dann bei der Lottery im Sommer einen Top-Pick abgreifen.

Wer schafft den Turnaround?

Alagöz: Die Indiana Pacers stehen gerade noch vor der Tür und schauen traurig durch's Fenster, wo die ganzen Playoff-Teams im Osten sitzen. Die Jungs von Nate McMillan sind auf ihrem eigenen Parkett stark, hatten unter anderem Pech mit ihrem Spielplan und haben den Rhythmus noch nicht gefunden. Paul George, Monta Ellis und Jeff Teague sind noch nicht wirklich in der Saison angekommen, werden das aber noch tun. Vor allem George saß einige Partien noch im Anzug auf der Bank. Der Osten ist in den unteren Playoff-Rängen nicht so hart umkämpft wie der Westen. Schafft es McMillan, die richtigen Stellschrauben zu ziehen und die Defense ein Level hochzuschalten, werden die Pacers um Rang sieben oder acht locker mitspielen.

Wiesinger: Detroit Pistons. Der Saisonstart war gruselig schlecht und die Unkenrufe der Kritiker im Vorfeld schienen sich zu bewahrheiten. Aber der Turnaround ist da: Die Pistons sind eins der derzeit zweifelsohne heißesten Teams der Liga. Reihenweise schießen sie ihre Gegner aus den Hallen und deklassieren diese dabei oftmals deutlich. Und das bisher ohne ihren etatmäßigen Aufbauspieler Reggie Jackson. Gelingt es dem Team, das dezentrale Scoring und ihr erfolgreiches Spiel in dieser Form weiterhin durchzuziehen, kann diese Mannschaft durchaus auch in den Playoffs für Sorgenfalten und schlaflose Nächte bei den Trainern anderer Teams sorgen.

Ein von Detroit Pistons (@detroitpistons) gepostetes Foto am

Dupick: Die Wizards sind ein heißer Kandidat für einen Turnaround. Wenn der Backcourt um Wall und Beal fit ist und ins Rollen kommt, dann ist in Washington einiges möglich! Zudem ist der Osten in der Breite eher schwach, so dass die Wizards hier noch einiges erreichen können.

Lagenstein: Die einfache Antwort lautet New Orleans. Die Pelicans sind schon auf einem gutem Weg. Nach dem miesen 1-9 Start stehen die Pelicans bei einem deutlich verbesserten 6-4 in den letzten zehn Partien. Das Lazarett in Louisiana lichtet sich langsam. Anthony Davis mit einem absurden Player-Efficiency-Rating von 32,1 sowie ein gesunder Supporting-Cast sollten definitiv genug sein, um wieder ins Playoff-Rennen einzusteigen.

Schlechtriem: Die Pistons sind schon mittendrin. Vor kurzem noch standen sie nach vier Niederlagen in Folge bei 6-9 und eine ernste Krise drohte, diese haben sie daraufhin mit sechs Siegen in sieben Begegnungen abgewendet. Nun ist Reggie Jackson zurück und wird nach dieser Zwangspause sowie infolge seiner unglücklichen Auftritte in der Postseason gegen die Cavaliers mit einer Extraladung Pfeffer im Hinterteil starten. So steigt die Motorstadt sogar um das offene Rennen um Heimvorteil im Osten ein.