09 Dezember 2016

9. Dezember, 2016


Acht Jahre ist her, dass Seattle seines NBA-Teams beraubt wurde. Der Umzug nach OKC war nicht die erste Relocation in der Geschichte der Liga. Nie zuvor hatte es jedoch eine solch traditionsreiche Franchise getroffen. 41 Jahre Basketball-Historie wurden in einer Art und Weise mit Füßen getreten, die selbst in der durch und durch kommerzialisierten NBA ihresgleichen sucht. Nach Jahren der Tristesse im Staate Washington keimt nun wieder Hoffnung auf.

von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports

16. April 2008 - Kevin Durant legt 42 Punkte auf und führt sein Team zum 126-121 Sieg gegen die Golden State Warriors. Es ist zum damaligen Zeitpunkt der Karrierebestwert für zweiten Pick des NBA Drafts 2007.

Die Fans in Seattle haben aber wenig Grund zum Jubeln. So glorreich die Zukunft von KD auch scheinen mag, die meisten Sonics-Fans wissen, dass sie davon nichts haben werden. Der 16. April 2008 ist der Tag des letzten Spiels in der Geschichte der Franchise aus Seattle.

Zwei Tage später stimmt die NBA dem Umzug des Teams nach Oklahoma City zu. 1967 kamen die Sonics als elftes Team in die Liga. 13 Jahre drauf feierten sie ihre einzige Meisterschaft. Legenden wie Gary Payton, Shawn Kemp und Ray Allen schnürten in all den Jahren für die Franchise aus dem Nordwesten die Sneaker. Von einem Tag auf den anderen ist Basketball in Seattle Geschichte geworden.


Das letzte Heimspiel in der Stadt hatte bereits am 13. April stattgefunden. Kevin Durant erinnert sich auch Jahre später noch ziemlich gut an die Partie: „Wir spielten gegen Dallas. Für sie ging es um Platz fünf oder sechs in den Playoffs. Wir wollten es ihnen so schwer wie möglich machen“, erzählt KD in einem Artikel von newsok.com.

„Es war ein Spiel, in dem es hin und her ging. Ich weiß noch wie ich einen Wurf traf, der uns kurz vor Schluss in Führung brachte. Ich konnte nichts mehr hören, als ich zur Bank ging. So laut war es.“ Die Fans kämpften um ihr Team. Sie wollten die Besitzergruppe um Clay Bennett überzeugen, die Franchise doch in Seattle zu lassen. Vergebens - die Würfel waren schon längst gefallen.


In den Monaten zuvor hatte sich die NBA von ihrer hässlichsten Seite gezeigt. Im Grunde war das Schicksal der Sonics besiegelt, als Starbucks-CEO Howard Schultz die Franchise 2001 erwarb. Der Kaffee-Milliardär war zwar ein ausgezeichneter Geschäftsmann, hatte aber leider keinerlei Ahnung von der Führung von Sportteams.

Hatten die SuperSonics in den Neunziger Jahren nur zweimal die Playoffs verpasst, benötigten sie dafür unter Schultz Ägide gerade einmal drei Spielzeiten. Als sein „Spielzeug“ anfing keinen Spaß mehr zu machen, bemängelte der Mehrheitseigentümer die marode Spielstätte, die ihn seiner Meinung nach Jahr für Jahr Millionen kostete.


Zugegebenermaßen war die Key-Arena die kleinste Halle der NBA. Nur knapp über 17.000 Zuschauer passten rein. Was Schultz jedoch viel mehr störte: Die Arena war auch ansonsten winzig. Kein Platz, um wie in einer Mall kräftig bei Catering und Merchandise abzusahnen.

Schultz trat folglich mit der Stadt in Verhandlungen über eine neue Halle. In den Jahren zuvor hatten die Seattle Mariners und die Seattle Seahawks für ihre neuen Stadien Millionenzuschüsse bekommen. Bei den Sonics sträubte sich die Verwaltung jedoch. Der Einsatz von Steuergeldern für den Bau der Baseball- und Football-Stadien hatte für reichlich Kritik in der Bevölkerung gesorgt.

Die Stadt wollte sich nicht noch einmal von einer Milliarden umsetzenden Sportliga erpressen lassen, die mit einem Umzug drohte. Schultz selbst traute sich nicht, die Sonics aus Seattle wegzureißen. Er wollte nicht der „Buhmann“ der Stadt sein. Deshalb verkaufte er die Franchise an Clay Bennett, einen Geschäftsmann aus Oklahoma.


Felsenfest behauptete Schultz bei der Bekanntgabe der Transaktion: „Wir haben lange gesucht, um neue Eigentümer zu finden, die das Team nicht aus Seattle wegnehmen.“ Schon 2006 kaufte die Fanbase ihm das nicht ab. Bennett war immerhin die treibende Kraft hinter dem temporärem Umzug der New Orleans Hornets nach Oklahoma City während der Post-Hurrikan-Katrina-Zeit gewesen.

Es war ein offenes Geheimnis, dass Bennett sein eigenes Team in seiner Heimatstadt haben wollte. Auch wenn er offiziell stets betonte, eine Lösung für Seattle finden zu wollen, entlarvte ihn Monate später die Veröffentlichung von E-Mails, die seine wahren Absichten ans Licht brachten. Die Sonics sollten in den mittleren Westen.

Das einzige Problem: Der Mietvertrag der Franchise mit der Stadt hatte 2008 noch eine Laufzeit von zwei Jahren. Statt auf ihr Recht zu pochen, ließ sich die Stadt von Bennett jedoch auszahlen. Höchstwahrscheinlich aus dem Grund, dass die NBA hatte durchsickern lassen, dass Seattle nie wieder ein Team bekommen würde, wenn sie Bennett zwingen würde, bis 2010 im Staate Washington zu verweilen.


Kevin Durant wäre gerne dort geblieben. „Ich liebe Seattle. Es ist ein großartiger Ort, um dort zu leben. Besonders im Frühling und im Sommer ist es dort sehr schön. Die Fans sind einfach unglaublich. Sie geben dir so viel Unterstützung, fordern nicht zu viel, sondern wollen einfach nur, dass du mit vollem Herzen dabei bist.“ KDs Fazit: „Es ist einfach eine großartige Stadt, eine großartige NBA-Stadt.“

Aus Respekt der großen Fangemeinde gegenüber, war die Liga immerhin zu einem Kompromiss bereit. Im Gegensatz zu vielen anderen Relocations von Sportteams durfte die nach Oklahoma wandernde Franchise die Namensrechte nicht mit in ihre neue Heimat nehmen. Die Sonics wurden quasi eingefroren, bereit für den Zeitpunkt, an dem ein neuer Investor sie reaktivieren würde.


An Interesse mangelte es nicht. Hedge-Fund-Gründer Chris R. Hansen wollte 2013 die Rolle des heilbringenden Samariters übernehmen. Mit Partnern wie dem damaligen Microsoft-CEO Steve Ballmer konnte ein Finanzpaket bereitgestellt werden, dass den Kauf der Sacramento Kings inklusive Umzug nach Seattle sicherstellte.

Die Kings waren zu diesem Zeitpunkt im Besitz der Maloof-Familie. Die war händeringend auf der Suche nach einem Abnehmer für ihre Franchise, nachdem sich die Suche nach einer neuen Arena in Kalifornien als ähnlich kompliziert wie in Seattle herausgestellt hatte. Beide Seiten waren sich einig. Für 625 Millionen Dollar sollten die Kings über die Theke gehen.


Doch dieses Mal spielte die Liga nicht mit. Seattle wurde zum Opfer seiner eigenen Geschichte. Die Teambesitzer hatten aus dem Sonics-Umzug gelernt, wie schädlich sich der Diebstahl einer Franchise aus ihrem langjährigen Habitat auf das Image erweisen kann. Der geplante Umzug wurde mit 22-8 Stimmen abgeschmettert.

Die offizielle Begründung von David Stern lautete: „Wir denken, dass die Maloofs Sacramento sehr gut getan haben und dass sie motiviert sind, die Franchise schnell wieder voranzubringen.“ Mit anderen Worten: Sacramento wurde die Zeit geben, um die Finanzierung einer neuen Halle auf die Beine zu stellen, die Seattle nie bekam.

Mittlerweile hat die Hauptstadt Kaliforniens ihre neue Arena - das in diesem Herbst eröffnete 'Golden 1 Center'. Da die Maloofs die Kings jedoch, statt an Hansen, an Chaos-König Vivek Ranadive verkauften, ist die Franchise in den letzten Jahren zur Lachnummer der NBA geworden. Schlimmer als in Sactown wäre es in Seattle also sicherlich nicht gelaufen.


Wenn über die Umsiedlung kein Team in die Stadt zu holen ist, dann bleibt nur ein Weg offen: Expansion. Nun war es in Bezug auf dieses Thema in der NBA zuletzt etwas still geworden. Doch langsam kommt wieder Bewegung ins Spiel. Als erstes gelang an die Öffentlichkeit, dass es im neuen TV-Vertrag der Liga eine Klausel geben würde, die den anderen Teams die gleichen Einnahmen wie heute zusichert - selbst wenn ein weiteres Team in die Liga kommen sollte.

Als nächstes berichteten mehrere amerikanische Medien, dass das Thema 'Expansion' auch in den aktuellen Tarifverhandlungen zwischen Liga und Spielergesellschaft eine Rolle spielt. So weit, so gut. Sollte tatsächlich ein neues Team in die NBA aufgenommen werden, heißt das aber noch lange nicht, dass dieses auch in Seattle landet.

Der ehemalige Sonics-Star Spencer Haywood behauptete zwar im Mai: „Adam Silver liegt viel daran, ein Team nach Seattle zurückzubringen. Er will wieder gut machen, was in Seattle geschehen ist.“ Fakt ist aber: solange das alte Problem mit der Halle nicht gelöst ist, wird Seattle nicht in die National Basketball Association zurückkehren.


Passend zum Henne-Ei-Problem weigert sich die Stadt weiterhin zu investieren, ohne eine Sicherheit zu haben, dass der professionelle Basketball nach Seattle zurückkehrt. Chris Hansen arbeitet derweil trotz des Korbs, den er 2013 von der Liga bekam, weiter an seinem Traum, die Sonics zu reaktivieren - zur Not auch ohne Hilfe der Stadt.

Am 25. Oktober schrieb Hansen zusammen mit seinen Partnern folgende Aussage auf sonicsarena.com: „Wir haben uns dazu entschlossen, die öffentlichen Gelder in Höhe von 200 Millionen Dollar, die in unserer ersten Planung vorgesehen waren, zu streichen.“ Stattdessen soll die brandneue 'Sonics Arena' vollständig aus privater Hand bezahlt werden.

Die Stadt muss nun nur noch das Grundstück bewilligen, auf dem gebaut werden soll. Einer von Hansens Unterstützern ist Russell Wilson, seines Zeichens Quarterback der Seattle Seahawks in der NFL: „Durch das Spielen von „NBA Jam“ und das Schauen von „SportsCenter“ wurde ich ein Fan der SuperSonics“, verriet der Super Bowl Gewinner kürzlich in der Players Tribune.

Neben dem größten Sporterfolg der Stadt will Wilson seiner Wahlheimat deshalb noch etwas zurückgeben: „Die NBA braucht Grün und Gold zurück. Seattle braucht Basketball. Ich tue daher, was ich kann, um das wahr werden zu lassen. Deshalb unterstütze ich die Sonics Arena Group.“


Neben dem Finanziellen ist gerade die Publicity, für die Wilson sorgt, extrem wichtig. So erklärte Nate McMillan, der 1998 von den Sonics gedraftet wurde und mittlerweile Coach der Indiana Pacers ist: „An alle Sonics-Fans: die NBA sieht, was ihr macht. Sie sieht, dass Seattle eine großartige Stadt ist und ich denke, der nächste freie NBA-Platz geht an Seattle.“

1979 sorgte Seattle für einen NBA-Zuschauerrekord mit 39.000 Fans im 2000 abgerissenem 'KingDome'. Das 'Century Link Field', die Heimat der Seahawks, stellt zwar keine Massenrekorde auf, gilt aber als eines der lautesten Stadien der Welt. Mangelnder Aktionismus kann den Sportfans in Seattle also definitiv nicht vorgeworfen werden. Sie sind treu und passioniert.

Es sind aber nicht nur die Anhänger, die ein NBA-Team verdient hätten. Seattle bringt auch jede Menge spielerisches Talent in die Liga. Seit 1998 wurden 22 Spieler aus Seattle / Western Washington im NBA Draft gezogen. Das entspricht Platz sieben unter den Metropolregionen Nordamerikas - und Platz eins unter all denjenigen, die keine NBA-Franchise besitzen.


Doug Christie ist einer dieser 22 Spieler. Seine Antwort auf die Frage, warum Seattle so viele Profis produziert: „Die Jungs in Grün und Gold spielen zu sehen, hat das Leben unserer Generation verändert.“ Es wird Zeit, dass die Jugend in Seattle neue Hardwood-Helden bekommt. Go Sonics!