17 Dezember 2016

17. Dezember, 2016


von AXEL BABST @CoachBabst

Seit nun über neun Monaten sind die Villanova Wildcats ungeschlagen. Der amtierende Champion dominierte bisher fast alle Partien und zeigte schon zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison bestechenden Basketball. Trotz der Ausfälle von Starter Phil Booth (Verletzung) und Omari Spellman, der eigentlich als Freshman direkt eine Zonenpräsenz darstellen sollte, aber aus akademischen Gründen keine Spielberechtigung erhielt, verfügen die Wildcats über einen gespielten Kern und fungieren als Einheit.

Speziell Josh Hart lässt bisher keine Diskussionen um die Auszeichnung zum Spieler des Jahres zu. Bisher kann kein anderer Collegespieler annähernd seine Form aufweisen. Dazu gesellen sich mit Finalheld Kris Jenkins, Sophomore Floor General Jalen Brunson und Oktopus Mikal Bridges drei edle Helfershelfer.

Abseits individueller Klasse und sich ergänzender Spielertypen ist jedoch die spielerische Klasse als Mannschaft das entscheidende Abgrenzungsmerkmal zum Rest der NCAA. Während Teams wie Duke oder Kentucky noch dabei sind, ihre Freshmen zu integrieren oder sich die UCLAs und Gonzagas der Collegewelt vor allem auf ihre Offensive verlassen, ist Villanova an beiden Enden des Feldes schon zwei Schritte weiter und kann auf diesem Kurs die Titelverteidigung anpeilen.


Offense
Grundsätzlich ist die gute fundamentale Ausbildung jedes einzelnen Rotationsspielers hervorzuheben, ohne die es nicht möglich wäre, viele der folgenden taktischen Marschrouten umzusetzen. Vergessen geratene Disziplinen wie Wurffinten, Jabsteps und hohe Passqualität sind die Eckpfeiler des Erfolgs. Novas Spieler zeigen, wie effizient solche vermeintlich kleinen Details sein können, um gutes Ballmovement und hochprozentige Wurfgelegenheiten zu kreieren.

Das Pick & Roll ist der zentrale Bestandteil der Wildcats Offense. Besonders beliebt ist das Flat Pick & Roll. Dabei setzt der Blocksteller seinen Screen nicht wie normalerweise im High Pick & Roll zu einer Spielfeldseite, sondern einem Backscreen ähnlich in den Rücken des Verteidigers am Ball. Erst im letzten Moment nehmen die Nova Bigs eventuell noch eine minimale Änderung zu einer Seite vor, um den Verteidiger komplett zu treffen.

Der Vorteil dieser Pick & Roll Variante liegt darin, dass die Defense zu schnellen Reaktionen gezwungen wird, da sie sich nicht im Vorhinein auf eine Seite einstellen kann. Missverständnisse und Breakdowns im Zwei-gegen-Zwei sind daher vorprogrammiert und eröffnen den Weg in die Zone. Die Gefahr für die Offense besteht jedoch darin, dass bewegte Blöcke abgepfiffen werden oder der Blocksteller den Screen nicht richtig trifft, wenn er einem Offensivfoul entgegenwirkt.

Coach Jay Wright ist in dieser Hinsicht ein exzellenter Lehrmeister, da er seinen Schützlingen Geduld einverleibt und die richtigen Spieler für eine solche Spielweise identifiziert. Jalen Brunson ist trotz seiner relativen Jugend jetzt schon einer der abgezocktesten Aufbauspieler der NCAA und im Pick & Roll kann er es mit jedem anderen Point Guard locker aufnehmen. Einen solchen Lenker als Ballhandler im Flat Pick & Roll nutzen können, macht einen gewaltigen Unterschied aus und erhöht die Qualität des Pick & Rolls von vornherein. Zunächst ein paar Beispiele, wie dieses Pick & Roll grundlegend aussieht:


In beiden Szenen liest Brunson, was die Defense ihm gibt. Sinkt der Verteidiger des Blocksteller zu weit ab, nutzt er seinen sicheren Pullup Dreier. Gegen langsamere Bigs oder schlecht positionierte Verteidiger, ist Brunson jedoch schonungslos und zieht zum Korb. Er ist zwar nicht sonderlich schnell, aber kräftig und ballsicher und liest die Verteidigung hervorragend. Mit beiden Händen ist sein In-and-Out-Dribbling sehr wirksam und friert die Defense ein.

Im Rücken des eigentlichen Pick & Rolls liften oft Josh Hart oder Kris Jenkins, je nach Aufstellung, an die Dreierlinie. Bleiben ihre Bewacher in der Zone, um bei der Penetration zu helfen, bestrafen die beiden Führungsspieler das mit ihrem sicheren Distanzwurf.


In dieser Beispielszene nimmt Jenkins zwar nicht den Dreier, aber dafür werden mehrere andere Facetten ersichtlich. Zum einen illustriert diese Aktion, wie effektiv Jenkins' Wurftäuschung ist. Sollte es irgendeine Statistik geben, mittels der gemessen wird, wie viele Wurftäuschungen eines einzelnen Spielers zu einem Abheben des Verteidigers oder Punkten des angreifenden Teams führen, so sollte Jenkins diese mit großem Abstand anführen. Es hilft natürlich, wenn man durch einen Gamewinner Dreier zu internationaler Bekanntheit gelangen konnte - da werden die Verteidiger grundsätzlichem bei jedem Muskelzucken nervös.

Zweitens zeit Jenkins mit solchen Aktionen aber auch, dass er seine Passfertigkeiten über den Sommer erheblich verbessern konnte. Diesen Bodenpass aus dem Dribbling zielgenau auf den wartenden Big Man zu spielen, schaffen in der NCAA weniger Point Guards als man vermuten möchte.

Sollte sich aus dem High Pick & Roll weder direkt noch indirekt eine gute Wurfoption ergeben, zeigt der Champ ein anderes Qualitätsmerkmal: Geduld. Ein überhasteter Wurf nach zehn Sekunden wird man von den Wildcats kaum zu sehen bekommen, stattdessen ziehen ein weiteres Pick & Roll auf und haben auch hier die Geduld zu warten, bis alle Spieler auf ihren Spots stehen.


Abgesehen vom perfekten ausgespielten Pick & Roll und den erneut aufblitzenden Passqualitäten des designierten Power Forwards Jenkins, sollten zwei Dinge Beachtung finden, die erst zum guten Spacing und dem Platz für Rollman Darryl Reynolds führen.

Zum einen zeigt Josh Hart nach seinem Pass auf Jenkins sofort Mikal Bridges, dass er die Seite wechseln soll, um zu verhindern, dass drei Angreifer auf der Weakside stehen und Hilfen erleichtert werden. Zum anderen wartet Brunson beim Pick & Roll vorbildlich auf das erste Dribbling von Jenkins, bis er seinen Cut Richtung Ball beginnt. Durch dieses gute Timing zieht er genug Aufmerksamkeit auf sich, um seinen Gegenspieler an der Hilfe beim Pick & Roll zu hindern.

Eine weitere spielweise des Flat Pick & Roll ist ein Handoff-Entry. Durch den Handoff kommt der Ballhandler mit mehr Geschwindigkeit in das Pick & Roll und der Verteidiger hat bereits einen Rückstand, bevor ihn der eigentliche Screen überhaupt richtig erwischt.


Neben dem Pick & Roll sind indirekte Blöcke eine weitere beliebte Einstiegsmöglichkeit, um in der Regel ein Side Pick & Roll anzuschließen. Auch diese Angriffsvariante ist prinzipiell eher simpel, doch die detailtreue Ausführung sorgt dafür, dass diese einfachen Aktionen für die meisten College Teams große Herausforderungen darstellen.


In dieser ersten Szene reicht ein einfacher Block, damit Josh Hart einen relativ offenen Dreier versenken kann. Doch dass dieser Wurf einigermaßen einfach aussieht, liegt an Harts guter Vorbereitung und seiner exzellenten Fußarbeit.

Zunächst treibt er seinen Verteidiger in den Block herein und erkennt nachfolgend sofort, dass der Verteidiger über den Block abkürzen will. Hart entscheidet sich vollkommen richtig für den Flare Cut. Während andere Spieler den Pass offbalance fangen und damit den Wurf erschweren würden, ist Hart direkt wurfbereit und schließt in einer fließenden Bewegung ab. Durch solche Kleinigkeiten reagieren Verteidiger anschließend meist sensibler, was Raum für Drives ermöglicht.


Dieses Mal folgt der Verteidiger Hart, der sich in Ruhe den Ball abholt, sich den Verteidiger zurechtstellt und ihn mit einem einfachen Fake und folgendem Crossover ins Leere springen lässt. Damit sind zwei Verteidiger mit einer Bewegung außer Reichweite und Hart zeigt seine Kreativität beim Abschluss am Korb.

Auch Postups gehören zur Offense der Wildcats, auch wenn dieser Aspekt des Spiels in dieser Saison noch nicht so erfolgsversprechend wie in der vergangenen Spielzeit ist. Ohne traditionellen Brettcenter bekommen Spieler wie Hart, Jenkins oder Power Forward Eric Paschall häufig die Touches am Zonenrand.

In der Regel starten die Wildcats aus einer Box- oder Diamond-Aufstellung heraus. Bei der Diamond-Variant stellt der Angreifer an der Baseline dem Mitspieler auf der Freiwurflinie einen Block, damit dieser frei wird. In der Box-Aufstellung stellen sich die beiden Spieler auf den Elbows ebenfalls Screens oder machen sich einfach so frei.

Gelangt der Ball auf den Flügel, wird der Lowpost-Bereich auf der Strongside isoliert. Hin und wieder erhält die gewünschte Zielperson einen Crossscreen an der Baseline und cuttet von der Weakside zum Ball.


Offensiv sind die gute Grundausbildung, die Geduld, das Teamplay und die Disziplin dafür verantwortlich, dass Nova zu den besten Offensivteams der NCAA zählt, auch wenn Teams wie Duke individuell sicherlich stärker besetzt sind.

Defense

In der Verteidigung schlummert bislang noch das meiste Potential zur Verbesserung, auch wenn sich die Wildcats hier schon auf hohem Niveau bewegen. Neben einer Zonenpresse und einer Matchup-Zonen liegt die Besonderheit der Villanova Defense darin, dass sie fast alle Aktionen switchen. Das erfordert ein hohes Maß an Kommunikation und flexible Verteidiger. Hier zeigt sich, dass Daniel Ochefu und Ryan Arcidiacono noch nicht wirklich ersetzt werden konnten und die neuen Rotationsspieler noch Zeit brauchen, um diese Vorgabe umzusetzen.

Grundsätzlich fährt Villanova jedoch sehr gut mit dieser Strategie und hat auch die geeigneten Spielertypen dafür.


In dieser Sequenz kommt La Salle nicht ein einziges Mal in die Zone, da alle Screens und Handoffs geswitcht werden. Ein richtiger Nachteil entsteht dadurch jedoch nicht. Am Ende verteidigt Hart im Postup. Dank seines kräftigen Oberkörpers kann er durchaus größere Gegenspieler in Schach halten. Doch beim ersten Dribbling des Bigs kommt direkt ein zweiter Verteidiger zur Hilfe. Auch nach dem Kickout sind direkt wieder zwei Verteidiger am Ball und forcieren einen unkontrollierten Drive und das Offensivfoul.

Auch andersherum entstehen am Perimeter kaum Mismatches, da die Nova Bigs, Guards vor sich halten können und flink auf den Beinen sind.


Paschall und Hart switchen den Block. Paschall, der in dieser Konstellation der Fünfer auf dem Feld ist, ist jedoch in einer tiefen Stance und kann dank seiner Schnelligkeit und langen Arme sogar Problemlos noch den Wurf des Guards blocken. Daraus entsteht der Fastbreak, der Novas erste Führung des Spiels bedeutet, die von den Wildcats anschließend nicht mehr hergeschenkt wird.

Problematisch wird es jedoch, wenn die Kommunikation nicht stimmt oder einer der fünf Verteidiger nicht aufmerksam ist.


Hier bringt sich Hart zunächst durch einen gescheiterten Stealversuch in eine schlechte Position. Er ist erst spät beim Blocksteller und damit zu spät, um bei der Penetration zu helfen. Auch Jenkins, der eigentlich helfen könnte (sollte), macht eine schlechte Figur und schreitet nicht ein.

Schwierig wird es außerdem, wenn tatsächlich der Aufbauspieler Brunson, der zwar kräftig aber dennoch zu klein ist, gegen den Big Man im Lowpost auf eigene Faust verteidigen soll.


Reynolds und Brunson verpassen den Moment zurück zu switchen, während der Ball auf der Weakside ist. In diesem Fall reicht ein geistesgegenwärtiger Angreifer, der trotz wildem Auf- und Abhüpfen seinen Mitspielern des Mismatch nicht begreiflich machen kann, um den Ball in den Post zu bringen, wo der Big die zögerliche Hilfe von Big Reynolds mit einem schnellen Spinmove bestraft.

Solche Missverständnisse und Fehler in der Verteidigung sind zu diesem immer noch frühen Saisonzeitpunkt verständlich, werden aber gegen Ende der Saison nahezu verschwunden sein müssen, wenn es auf das Final Four zugeht.

Insgesamt hat Nova das Potential zur Titelverteidigung, da sie eine realistische Chance darauf haben, das kompletteste Basketballteam der NCAA zu werden. Wenn sie an beiden Enden des Feldes ihr Optimum erreichen, werden selbst talentiertere Teams wie Duke Probleme haben, den Champion vom Thron zu stoßen.