13 Dezember 2016

13. Dezember, 2016


Gerade als die Leiden des jungen Motiejunas beendet schienen, beginnt das Drama neuerlich. Ein Offer Sheet der Brooklyn Nets erhellte den verdunkelten Horizont, den die Karriere des litauischen Nationalspielers eingenommen hatte. Doch diese Aussichten täuschten – seither ist eine Posse um den Restricted Free Agent entstanden, die in der jüngeren NBA-Geschichte ihresgleichen sucht.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Donatas Motiejunas, Forward-Center der Houston Rockets und seit Juli 2016 Restricted Free Agent, hatte über die Off-Season kein passendes Angebot erhalten. Die neue Saison startete ohne ihn. Ein Wechsel nach Übersee stand ebenso im Raum wie ein komplett verlorenes Jahr.

Neue Zuversicht gab ein Vorstoß der Brooklyn Nets, denen es auf allen Positionen an Qualität mangelt und die über genug finanziellen Spielraum verfügen, dem 26-Jährigen ein einigermaßen marktgerechtes Angebot zu unterbreiten. Brooklyn wartete vorsätzlich den inoffiziellen Stichtag des 23. Novembers ab.

Hätte Motiejunas vor diesem Datum unterschrieben, wäre er für die Trade Deadline im Februar verfügbar gewesen. Da dies nun nicht mehr der Fall war, erhofften sich die Nets um ihren neuen General Manager Sean Marks, dass die Rockets im Sinne ihrer Flexibilität davon absehen, mit dem Vertrag gleichzuziehen.


Vier Jahre und 37 Mio. $ waren die Rahmenbedingungen des Offer Sheets, das die Nets mit Motiejunas aushandelten und den Rockets vorlegten. Der Haken an der Sache: Nur 31 Mio. $ dieses Vertrag waren als Grundgehalt festgelegt, die restlichen sechs Mio. $ als Bonus. Gemäß des Collective Bargain Agreements (CBA) waren die Rockets jedoch einzig verpflichtet, mit dem Grundgehalt gleichzuziehen. Entsprechend amüsiert müssen die Gemüter in der Managementetage der Texaner gewesen sein, denn dies machte die Entscheidung für ein Matching deutlich einfacher.

Der Verdacht liegt nahe, dass sich sowohl die Nets, als auch Motiejunas' Agent B.J. Armstrong besagten Umstandes nicht bewusst waren. Anstatt eines komplizierten und kopfzerbrechenden Deals – wie es die Rockets 2012 mit Ömer Asik und Jeremy Lin taten und 2014 mit dem Offer Sheet der Dallas Mavericks für Chandler Parsons ihre eigene Medizin zu schmecken bekamen – legten sie Houstons General Manager Daryl Morey einen sehr teamfreundlichen Vertrag vor. Statt die Gegenseite vor eine schwierige Entscheidung zu stellen, lösten sie augenscheinlich nur Heiterkeit aus. Morey zog selbstverständlich gleich.

Motiejunas war also zu geringeren Bezügen als gedacht für vier Jahre an Houston gebunden. Offenbar um dieses Versagen gegenüber seines Klienten zu kaschieren, griff Armstrong zu einem ihm wohlbekannten Mittel. 1995 weigerte sich der damals als Point Guard Aktive für die frisch aus dem Boden gestampften Toronto Raptors zu spielen, die ihn im Zuge des Expansion Drafts nach Kanada holten.


Armstrong, eben noch an der Seite der Chicago Bulls des zurückgekehrten Michael Jordans, freundete sich damals mit dem Gedanken, eine neue Franchise aufzubauen, überhaupt nicht an und forcierte mit seiner Weigerung einen Trade zu den Golden State Warriors – die allerdings in der folgenden Spielzeit ebenso wenig mit Playoff-Basketball zu tun hatten wie die Raptors.

Wenn auch mit fragwürdigem Ergebnis erfüllte dieser Kniff damals seinen Zweck. 21 Jahre später ging er gründlich nach hinten los. Motiejunas machte es seinem Agenten nach und erschien trotz gültigen Vertrags nicht zum Medizincheck, während Armstrong vollmundig verlauten ließ, er und sein Klient würden ihre Rechte kennen – woraufhin sämtliche Experten, inklusive CBA-Guru Larry Coon, verdutzt fragten: Welche Rechte? Motiejunas hatte ein Offer Sheet unterschrieben, die Rockets gleichgezogen. Wie es das Gesetz verlangt.


Die Weigerung, sich dem Medizincheck zu unterziehen, war nicht nur der klare Bruch einer Regelung, zu der sich die NBA-Spieler mit der Unterzeichnung des letzten Collective Bargain Agreements verpflichteten, es war außerdem Ausdruck fehlender Loyalität gegenüber eben jenen Spielern, die dieser Verpflichtung bis heute nachkommen und ihren Vertrag erfüllen – auch wenn sie möglicherweise lieber für das Team gespielt hätten, bei dem sie einst das Offer Sheet unterschrieben. So ist das Spiel.

Solidarität von der Spielergewerkschaft, die bis kommenden Donnerstag, 15. Dezember, eine Einigung mit den Teambesitzern über ein neues CBA erreichen will und ein solches Störfeuer überhaupt nicht gebrauchen kann, war also nicht zu erwarten.

Würde Motiejunas mit dieser Weigerung seinen Willen durchsetzen, wäre ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen und ein derartiges Theater ab sofort jeden Sommer zu erwarten, wenn ein Restricted Free Agent einerseits auf Entscheidungsfreiheit pocht, andererseits aber auch nicht willig ist, auf Geld und Sicherheit zu verzichten und lediglich das Qualifying Offer zu unterschreiben.


Houston hätte seinen litauischen Big Man infolge Armstrongs nächstem kapitalen Bock in der Vorhölle schmoren lassen können, ihn so so lange zum Zuschauen verdammen und nicht bezahlen, bis er sich dem Medizincheck unterzieht. Anders als manche behaupten könnte er auch nach Ablauf des 1. März nicht zu einem anderen Team wechseln, nicht einmal mehr außerhalb der NBA, da er offiziell bei den Rockets unter Vertrag stand und somit niemals eine Freigabe der FIBA erhalten hätte. Stattdessen handelten die beiden Parteien einen neuen Deal aus, der sich – wenig überraschend – noch teamfreundlicher gestaltet als das Offer Sheet der Nets.

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Motiejunas erhält zwar für die laufende Spielzeit ein wenig mehr garantiertes Geld, in etwa auf dem Level, das er von Brooklyn zugesichert bekam. Dafür kann er bereits nach Ablauf der aktuellen Spielzeit getradet werden, was mit dem Offer Sheet der Nets für ein ganzes Jahr nicht möglich gewesen wäre. Und noch viel wichtiger: Das Datum, an dem die Rockets entscheiden müssen, ob sie Donatas' Gehalt für die Saison 2017/18 garantieren wollen, wird vom 1. März auf den 15. Juli verlegt – auf einen Zeitpunkt, an dem die hochkarätigen Free Agents des nächsten Jahrgangs entschieden haben und das Management weiß, ob es zusätzlichen Platz im Salary Cap benötigt.

Damit ist das Schicksal des 20. Pick des 2011 Drafts noch fester in den Händen der Rockets. Je nach gusto können sie ihn am Ende der Saison entlassen, wenn sie mit seinem Gesundheitszustand oder seinen Leistungen unzufrieden sind oder schlichtweg Raum brauchen, um einen anderen Spieler zu verpflichten. Bei sinkendem Gehalt und steigendem Cap haben sie drei Sommer in Folge, bis 2020, eine Teamoption. Kein Team der NBA hat derart viel Entscheidungsgewalt über einen ihrer Spieler.

Armstrongs und Motiejunas' Weigerung lief also letztlich darauf hinaus, dass der Spieler mittelfristig noch schlechter dasteht, als mit dem Vertrag der Nets. Dieser Umstand rundet die unrühmliche Rolle des Agenten in diesem Trauerspiel ab.

Und gerade als alle glaubten, die Saga habe schließlich ihr Ende gefunden, kam es, wie es kommen musste. Aus bisher unbekannten Gründen steht der Vertrag plötzlich wieder in der Schwebe. Ob es sich um medizinische Vorbehalte handelt oder der Schuh anderweitig drückt, ist nicht bekannt. Die Beteiligten kommunizieren kryptisch:


Es bleibt nur zu hoffen, dass sich dieses Stück nicht über ganze fünf Akte zieht.


UPDATE 15.12.: Die Rockets haben den Vertrag annulliert, Motiejunas wird dadurch zum Unrestricted Free Agent. Ob diese Kehrtwende medizinische Gründe hat, bleibt ungeklärt.