22 Dezember 2016

22. Dezember, 2016


von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Drei sind einer (oder zwei) zu viel 
Die Stimmung bei den Philadelphia 76ers müsste doch gar nicht so schlecht sein. Nach zweijähriger Verletzungspause hat Joel Embiid endlich das Parkett der National Basketball Association betreten können.

Die Sixers haben schon fast so viele Siege wie im kompletten vergangenen Jahr auf dem Konto. Dennoch ist die  Stimmung getrübt, denn die Sixers haben zu viele Center, die alle Spielzeit haben wollen. Dass im Sommer kein passender Deal gefunden wurde, rächt sich nun.

Head Coach Brett Brown schaffte es in der Vergangenheit stets, das Team intern zusammenzuhalten. Die Sixers waren mies, doch in der Umkleidekabine gab es kaum öffentliche Beschuldigungen oder Probleme zwischen Mitspielern - eigentlich Standard bei Teams, bei denen es nicht läuft.

Auch nach langen Niederlagenserien schien sich das Team nie komplett aufzugeben. Obwohl die Sixers in der letzten Saison fast immer als Verlierer vom Platz trotteten, gab es in Philadelphia nie eine Verlierer-Kultur.

Das Bild des Innenlebens der Sixers hat sich aber bedeutend verändert. Schon nach seinem zweiten Spiel nach seiner Verletzungspause beschwerte sich Noel öffentlich über die geringe Spielzeit und Wertschätzung. „Ich muss auf dem Platz stehen und Basketball spielen. Ich bin zu gut um acht Minuten zu spielen. Das ist verrückt. Das ist verrückt“, sagte Noel nach der Partie gegen die L.A. Lakers.


Die Aussage ist auf der einen Seite wahr, aber auf der anderen Seite lächerlich. Natürlich verdient Noel es mehr als nur acht Minuten auf dem Platz zu stehen, aber Noel verpasste aufgrund einer Knieverletzung das komplette Trainingslager. Da während einer NBA-Saison selten trainiert wird, scheint es nur logisch, dass Noel langsam ins Team zurück geführt wird.

Doch Noel scheint nicht auf Linie mit dem Trainerstab und dem Front Office zu sein. Noel wird im Sommer Free Agent, die grünen Dollarscheine winken, aber dafür braucht er Spielzeit um sich zu beweisen - viel Spielzeit.

Für Noel sind die Behauptungen, er müsse langsam an das Team zurückgeführt werden. nur Bestätigung seiner Befürchtungen, nur noch die Nummer drei in der Center-Hackordnung zu sein. Noel will raus aus Philadelphia. Die schon vorher kleinen Hoffnungen auf eine Normalisierung des Verhältnisses von Noel und Philly sind zerschlagen.

Wie kam es dazu? 
Wer hat also Schuld am Dilemma? Fangen wir mit dem ehemaligen Sixers Manager Sam Hinkie an, der alle drei Center verpflichtet hat. Noel kam als erster zu den Sixers. Die Franchise wollte einen kompletten Neubeginn und konnten es sich auch leisten, Noel zu draften, obwohl dieser das komplette Rookie-Jahr verletzungsbedingt ausfallen würde.

Als im Jahr darauf Joel Embiid an Position drei noch zu haben war, mussten die Sixers zuschlagen. Zu vielversprechend war der kamerunische Center, der mit Hakeem Olajuwon verglichen wurde.


Die Entscheidung, Okafor im Jahr darauf ebenfalls an Nummer drei zu ziehen, brachte die Sixers erst in diese Bredouille. Doch auch jene Entscheidung muss mit dem Hintergrund betrachtet werden, dass Embiid damals bereits zum zweiten Mal am Fuß operiert werden musste. Seine Karriere stand in der Schwebe. Okafor war eine Versicherung, sollte das Wagnis Embiid nicht aufgehen.

Dennoch war die Selektion Okafors einer der größten Fehler von Sam Hinkie. Es gibt zwar Gerüchte, dass die Besitzer unbedingt Okafor haben wollten, aber laut aktuellem Kenntnisstand ist Hinkie für den Pick zuständig.

Umso schmerzvoller ist es für Sixers-Fans zu sehen, wie Kristaps Porzingis in New York aufblüht, der nur einen Pick später gezogen wurde. Porzingis hätte besser zu Noel und Embiid gepasst und ist das deutlich bessere Talent. Porzingis ist auf dem Weg zum Superstar, während Okafor eklatante Schwächen hat. Vielleicht wäre Sam Hinkie heute noch der General Manager der Sixers, wenn er damals einen anderen Spieler verpflichtet hätte.

Der neue GM Bryan Colangeo kam eigentlich in eine sehr günstige Situation. Emiid schien endgültig gesund zu sein, der Nummer eins Pick 2016 gehörte ebenfalls den Sixers, die kommenden Draft-Picks der L.A. Lakers und Sacramento Kings sind solide Bausteine für eine erfolgreichere Zukunft. Doch die Situation um Noel, Embiid und Okafor ist verkappt.

Chance verpasst?
Normalerweise gibt es in der NBA drei Phasen, in denen ein Trade passiert. Im Februar zur Trade Deadline, im Juni beim Draft und im Juli, wenn die Free Agency beginnt. Vor dem Draft dürfte die Nachfrage an Noel und Okafor am höchsten gewesen sein.

Nach dem Draft haben die Teams ihre Prioritäten, finanziell wie sportlich, gesetzt und wollen sehen, wie sich ihre Spieler präsentieren. Nachdem kein Deal gefunden wurde, sank der Wert der beiden Center wieder, da es keine akute Nachfrage mehr gibt. So blieben die drei erst einmal weiter im Kader. Ein großer Fehler.

Noel, Okafor und Embiid kamen als Top-Talente in die Liga. Ohne die Knieverletzung von Noel wäre er vermutlich der erste Pick geworden, Okafor galt als bester Spieler seiner Highschool-Klasse und Embiid war der klare Nummer 1 Pick, bevor der Fußbruch bekannt wurde. Das Problem ist nicht nur, dass die drei die gleiche Position spielen, sondern vielmehr, dass sich ihr Talent nicht nebeneinander maximieren lässt.

Noel, Okafor und Embiid müssten enorme Abstriche in ihrem Minuten machen, sollten alle drei ihre Spielzeit abbekommen. Junge Spieler sind nicht dafür bekannt, Spielzeit bereitwillig zu opfern, vor allem nicht, wenn sie sich im letzten Vertragsjahr befinden. Daher ist Noels Frustration zu verstehen. Die Situation um Noel war somit vorhersehbar.

Auch die anderen General Manager haben die Aussagen von Colangelo gehört, als dieser davon sprach, sich das Ganze erst mal anzuschauen. Genüsslich werden dieselben General Manager nun Angebote unterbreiten, die nicht dem eigentlichen Wert der beiden entsprechen.


Colangelo hat es verpasst, nicht nur die Trades im Sommer zu bewerten, sondern auch mögliche Szenarien in der Zukunft mit in die Rechnung einzubeziehen. Neben dem Basketballprodukt auf dem Platz, zählt eben auch das Vorhersagen menschlichen Verhaltens von seinen eigenen Spielern und rivalisierenden GMs.

Und jetzt?
Dass nun alle drei Center noch im Kader stehen, ist das absolute Worst Case Scenario. Ein Szenario, bei dem es keine Gewinner gibt. Die Masse an Centern hat Auswirkungen auf das ganze Team. So muss Dario Saric auf die Small Forward Position ausweichen, auf der er defensiv hilflos ist.

Nicht einmal Joel Embiid, der zwar sicher in Philadelphia bleiben wird und die in ihn gesteckten Erwartungen sogar übertroffen hat, ist gefeit. Vielmehr muss der Center sein Spiel an die beiden anderen Center anpassen.

Über die Paarung zusammen mit Okafor hat sich Embiid schon mehrmals negativ geäußert. Er nannte zwar keine Namen, aber jeder wusste, in welche Richtung die Kritik geht. In wie weit kann es sich das Front Office erlauben, den Franchise Player zu verärgern und seine sportliche Entwicklung zu verlangsamen?

Wenn dann auch noch Ben Simmons spielbereit ist, wird das Chaos in der Kaderplanung endgültig komplett. Simmons soll zwar Point Guard spielen, ist aber defensiv auf der Vier am besten aufgehoben.

Die Situation ist mies und sie wird sich so lange verschlechtern, bis eine Lösung für das Problem gefunden wurde. Der Trade von Noel und/oder Okafor wird auch darüber bestimmen, wie die Sixers in der Zukunft aufgestellt sein werden.

Idealerweise kommt ein junger Guard nach Philadelphia. So oder so: Dass der oder die Deals schnell passieren müssen, sollte mittlerweile jedem klar sein.