27 Dezember 2016

27. Dezember, 2016


von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Der Comeback-Sieg der Houston Rockets gegen die Minnesota Timberwolves eine Woche vor Weihnachten hatte einen bitteren Nachgeschmack: Center Clint Capela verletzte sich infolge eines Zusammenstoßes mit Karl-Anthony Towns schwer.

Beim Schweizer wurde ein Wadenbeinbruch diagnostiziert, der ihn circa sechs Wochen und 20 Saisonspiele außer Gefecht setzen wird. Das stellt die Rockets und ihren GM Daryl Morey vor eine wichtige Entscheidung: Sollen sie einen Trade anstreben?

Nach James Harden und Trevor Ariza ist Capela der Spieler, den Houston am wenigsten ersetzen kann. Im Kader der Roten findet sich neben dem 22-Jährigen kein legitimer Ringbeschützer, mit 1,6 BPG und 5,6 DRPG leistet der Genfer einen essentiellen Beitrag zur bisher überraschend stabilen Defensive der Texaner (14. in defensiver Effizienz).

Doch nicht nur am eigenen Korb, auch in der Offensive ist Capela ein elementarer Baustein: Das Pick & Roll mit James Harden klappt bemerkenswert gut. Houstons Nummer 15 bringt einerseits die körperliche Robustheit mit, um dem Bärtigen genug Raum zu verschaffen, selbst zum Korb zu ziehen. Andererseits verfügt er aber auch über Athletik und gute Hände, um ein Alley-Op Anspiel mit krachenden Dunks zu verwerten.

Medical Update: Clint Capela has a small left fibula fracture. He will be re-evaluated in approximately four weeks.

A photo posted by Houston Rockets (@houstonrockets) on


Somit fehlt den Rockets vorerst eine wichtige Zutat ihres Erfolgsrezepts. Capelas erster Backup, der Brasilianer Nenê, greift zwar auf ein ordentliches Offensivarsenal zurück und ist hier sogar vielfältiger einsetzbar, jedoch längst nicht so dynamisch wie der zweite Schweizer der NBA. Defensiv war Nenê ohnehin nie überragend und wird aufgrund seines fortgeschrittenes Alters und der Verletzungshistorie nicht die gleichen Minuten abreißen können wie der etatmäßige Center.

Ohnehin übernimmt die Rolle des Starters vorerst Montrezl Harrell. Der ist zwar ähnlich athletisch veranlagt wie Capela, bringt jedoch nur 2,03 Meter Körpergröße aufs Parkett und dadurch  eingeschränkte Möglichkeiten, gegnerischen Leuchttürmen in der Zone Widerstand zu leisten.

Selbst wenn es bei den kolportierten sechs Wochen Ausfallzeit bleibt, besteht Gefahr, das so gute Zwischenzeugnis zu relativieren, zudem ist auch eine längere Rekonvaleszenz nicht ausgeschlossen ist. Folglich müssen sich die Rockets zwangsläufig mit Alternativen beschäftigen und haben bereits begonnen, den Markt zu sondieren.

Der Markt
Logischer Ansprechpartner sind die Philadelphia 76ers, die nicht nur über einen überfüllten Front Court verfügen, sondern auch in Nerlens Noel über einen sehr unzufriedenen Spieler, der zuletzt seinen Wechselwunsch mehr als deutlich gemacht hat.

Noel ist exakt der Spielertyp, der Houston abhanden gekommen ist. Allerdings bestehen Zweifel: Nicht nur aufgrund diverser Verletzungen in der noch jungen Profikarriere des 6. Picks des 2013 Drafts, Noel gilt er als charakterlich schwierig – was die Rockets im Besonderen nach den belastenden internen Zwistigkeiten des Vorjahres abschreckt.

Dass die Sixers in dieser Personalie gesprächsbereit sind, ebenso dass sie sich mit den Rockets bereits im Sommer über einen Trade um Noel unterhalten haben, ist kein Geheimnis. Allerdings sind schon in Sondierungsgesprächen unterschiedliche Vorstellungen im Marktwert des 22-Jährigen zu erwarten. Noel wird im Sommer Restricted Free Agent und darf angesichts der explodierenden Preise ein saftiges Angebot erwarten. Das hemmt potentielle Käufer, die Rockets eingeschlossen, den von den Sixers mindestens geforderten Erstrundenpick in die Waagschale zu werfen.


Eine weitere Möglichkeit, die sich aufgetan hat, ist Denvers Jusuf Nurkić. Der defensivstarke Bosnier galt vor allem in seinen ersten beiden Jahren als Hoffnungsträger in der Mile High City, wurde aber zuletzt von Nikola Jokić verdrängt und fand sich seit Mitte Dezember kaum noch auf dem Spielfeld wieder.

Ob die Nuggets ihren 2,13 Meter Riesen aufgegeben haben und überhaupt verfügbar machen, ist nicht bekannt. Da er nach besagtem Jokić jedoch Denvers einziger echter Center ist und sie schon länger daran interessiert sind, den seit kurzem als falschen Fünfer agierenden Kenneth Faried zu traden, ist kein Schnäppchenpreis für Nurkić zu erwarten.

Daher wird auch Tyson Chandler von den Phoenix Suns ein Thema in Houstons Gedankenspielen sein. Das Wüstenteam hängt den eigenen Erwartungen auch diese Saison hinterher und spielt im Playoff-Rennen keine Rolle. Frisches Blut muss her und daher sind die Suns in vielen Richtungen gesprächsbereit.

Chandler bringt neben seinen 2,16 Meter Körpergröße die defensive Stabilität und Reboundstärke mit, die den Rockets seit Capelas Fehler abhanden geht. Zudem ist davon auszugehen, dass er als ehemaliger NBA Champion und Defensive Player of the Year nicht sonderlich erpicht darauf ist, im Spätherbst seiner Karriere in Phoenix um die goldene Ananas zu spielen.

Mit seinen 34 Jahren ist der ehemalige Maverick allerdings auch schon längst über seinem Zenit und hat merklich an Athletik eingebüßt. Zudem steht seine Unterschrift unter einem der unattraktivsten Verträge der Liga. Der zweite Pick des 2001 Drafts hat bis 2019 jährlich 13 Mio. $ garantiert, was selbst mit steigendem Cap kaum noch durch seine Leistungen gerechtfertigt wird – in zwei Jahren voraussichtlich überhaupt nicht mehr. Die Addition Chandlers wäre also ein Kurzzeitlösung, die ein Langzeitproblem schafft.

Weitere denkbare Kandidaten sind Kosta Koufos von den Sacramento Kings, den diese aber vermutlich wegen seines günstigen Vertrags und der Ungewissheit um Franchise Player DeMarcus Cousins kaum abgeben werden, oder aber Andrew Bogut von den strauchelnden Dallas Mavericks.

Ob Mavs-Boss Mark Cuban bereit ist, dem Rivalen aus Osttexas unter die Arme zu greifen, steht allerdings schwer in Zweifel. Zudem ist Bogut selbst sehr verletzungsanfällig und wird im Sommer Free Agent, sodass ein Trade auf ein Leihgeschäft für einen Kaufpreis hinauslaufen würde.

Ebenfalls vermutlich verfügbare Bigs wie Nikola Vucevic von den Orlando Magic, Greg Monroe von den Milwaukee Bucks oder Jahlil Okafor von den Philadelphia 76ers kommen nicht in Frage, weil sie entweder nicht dem gesuchten Spielertyp entsprechen, oder aber nicht den erwarteten Anforderungen entsprechen.

Gegenwert
Als Houstons Tauschware bietet sich allen voran Flügelspieler K.J. McDaniels an, der zur Beginn der Saison ordentliche Leistungen aufs Parkett brachte, infolge der Rückkehr Patrick Beverleys aus dem Lazarett jedoch seinen Platz in der Rotation verloren hat und seither nur noch Garbage Minuten erhält.

McDaniels hat in Houston nie sein komplettes Potential entfaltet: Der 23-Jährige ist kein geborener Scharfschütze und passt somit nicht optimal ins Konzept der Raketen. Mit jährlich 3,3 Mio. $ und einer Teamoption im nächsten Sommer ist er als Perspektivspieler für einige Teams interessant.


Weil die Rockets ihr funktionierendes Gebilde nicht auseinander reißen werden wollen, kommen darüber hinaus vor allem Draft Picks und Rechte an europäischen Spieler infrage. Sergio Llull ist infolge seines klaren Bekenntnisses zu Real Madrid vermutlich keine Option, dafür aber Alessandro Gentile, der kürzlich einen Vertrag bis Saisonende bei Panathinaikos unterschrieb und voraussichtlich für die nächste Saison einen Wechsel nach Übersee anstrebt.

Houstons halbitalienischer Coach Mike D‘Antoni zeigte sich im Sommer sehr vom zweifachen Italian League All-Star angetan, jedoch sind die Rockets auf dessen Position aktuell stark besetzt und würden daher vermutlich bei einem richtigen Angebot einen Tausch erwägen.

Sollte ein verbessertes Angebot notwendig werden, kann Morey auf diverse Draft Picks zurückgreifen. Die Rockets haben 2017 ihre eigenen Erstrundenpick sowie den Zweitrundenpick der Denver Nuggets (Ty Lawson Trade) und Portland TrailBlazers (Thomas Robinson Trade) im Sortiment. Der Erstrundenpick steht für einen Ersatzmann Capelas aber höchstwahrscheinlich nicht zur Verfügung.

The Call
Die Marktlage gibt keinen idealen Kandidaten her. Daryl Morey wird nicht bereit sein, um jeden Preis Kompensation zu finden – zumindest so lange in Aussicht steht, dass Capela etwa um den All-Star Break im Februar wieder zur Verfügung steht.

Sollten sich keine erschwinglichen Alternativen auftut, werden die Rockets auf Nenê und Harrell setzen, außerdem verstärkt ein kleines Lineup mit Ryan Anderson als einzigem Big Man spielen.

Sobald der Februar und die Trade Deadline näher rücken, der Basar lautstärker und weitere Spieler verfügbar werden, ist eine Verstärkung in der Zone zu erwarten. Die Saison der Texaner läuft bisher zu rund, um nicht einen tiefen Playoff-Run anzupeilen – und dann wäre ein Ausfall Capelas ohne adäquaten Ersatz fatal.