08 Dezember 2016

8. Dezember, 2016


von HARALD MAINKA

Das ist ein klassischer Andre Miller-Assist. Glaubt ihr nicht? Schaut im Netz nach, es ist voll davon. Denn Andre Miller ist der beste Point Guard der jüngeren NBA-Geschichte, von dem ihr noch nie etwas gehört habt.

Ja, genau, ich meine den etwas fülligeren Typen mit den Hasenzähnen. Diesen Wandervogel, der in den letzten zwei Saisons Umkleidekabinen in Washington, Sacramento, Minnesota und San Antonio heimatlich einrichten musste. So blieb der Mann, den sie aufgrund seiner wohl ernährten Körpermasse einst „Pinguin“ nannten, Fans und Zuschauern in Erinnerung.

Der innere Kreis des NBA-Zirkus wusste immer: Miller war ein Genie. Obwohl er kein (zu) alt gewordener Superstar ist, genießt er den Respekt und die Wertschätzung der ganzen Liga, weil er noch im hohen Basketballalter durch und durch Point Guard und Basketballnerd war. Er hatte diesen nicht erlernbaren hohen Basketball-IQ, erfasste sich auftuende Lücken noch vor Überqueren der Mittellinie.


Als Gevatter Zeit jegliches basketballerisches Rüstzeug aus seinem 40 Jahre alten Körper entließ, brachte er immer noch kaum vorhersehbare Boden- und Lob-Pässe mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit an den Mann. Beobachtet im obigen Video, wie er sofort nach dem Wurf die Flugkurve des Balles intuitiv berechnet, folglich genau richtig für den Abpraller bereit steht und blitzschnell den Pass zu Bradley Beal bringt.

Dieser etwas dickere, älterer Herr mit den Hasenzähnen ist einer der besten Point Guards des neuen Jahrtausends. Ein kurzer Statistik-Check:

Insgesamt 8524 Vorlagen in 17 Jahren bedeuten Platz Neun der besten Serviceleute der NBA-Geschichte. Die acht vor ihm sind allesamt sichere Hall Of Famer: John Stockton. Jason Kidd. Steve Nash. Mark Jackson. Magic Johnson. Oscar Robertson. Isiah Thomas. Gary Payton. Chris Paul, derzeit auf Rang elf, wird schon bald Rod Strickland auf Rang zehn einholen.
In den letzten 20 Jahren spielten lediglich Kidd und Nash mehr Assists als Miller. Seit 1990 bedienten in mehr als 800 Partien nur vier Einser (Kidd, Nash, Payton, Stockton) ihren Nebenmann häufiger.
Nur fünf Spieler erzielten seit 1999 in mehr als 1000 Partien mindestens zehn Punkte und fünf Assists: Kobe Bryant, Tony Parker, und dann wieder: Kidd, Nash… und Miller.

Zugegeben: man muss sich lange zurück erinnern, um Andre Miller im Körper eines voll austrainierten Basketballspielers ins Gedächtnis zu rufen. Wobei, voll austrainiert: war er das jemals?
In seinen 17 Spielzeiten folgte Miller stets dem Credo, dass nicht im Sommer, sondern erst im Herbst Spieler geformt werden. In der schönsten Jahreszeit nippte Miller lieber an einem Bier und bräunte halb Waschbrett/halb Plauze in einer beliebigen Strandbar am Venice Beach.

Dennoch brachte er um die Jahrtausendwende für die Cleveland Cavaliers mal ein durchschnittliches Double-Double zu Stande und war das einst das Werbegesicht der Marke „Converse“.

In seinen produktivsten Jahren gab es an ihm als Starting Point Guard kein Vorbeikommen. Er startete zwischen 1999 und 2011 in 915 von 978 Partien und legte 14,4 Punkte, 7,2 Assists und 4,1 Rebounds auf. Auch hier wieder hält nur Jason Kidd mit.


In den Konversationen um die besten Point Guards unserer Zeit fällt der Name des in Los Angeles aufgewachsenen Millers dennoch nie. Verständlich: Die NBA hat nie so viele, so gute Strippenzieher gesehen wie in den letzten zwei Dekaden. Hinzu kommt die verheerende Entwicklung der letzten Jahre.

Die verwässerte Grenze zwischen den beiden Guard-Positionen führt dazu, dass wir Chris Paul mit Steph Curry, Russell Westbrook mit James Harden vergleichen (können). Die „Ballhandler“ von heute sind nicht mehr nur Strategen, sondern athletische Freaks mit integrierter Lizenz zum Werfen. Und sind im Idealfall noch knallharte Wadenbeißer.

Es ist unmöglich, Millers Game zu vergleichen, weil es sich nach heutigen Standards kaum in Relation setzen lässt. „Andre Miller, Point Guard“ ist der einzig richtige Ausdruck und Zeichen seines basketballerischen Vermächtnisses.

Schließlich käme doch niemand ernsthaft auf die Idee, Legenden wie Nash und Kidd gemäß dem neuen Zeitgeist zu betiteln. In genau diese Reihe fällt womöglich Miller, der sich mit der Sprungkraft und Beweglichkeit eines Sumo-Ringers jahrelang über Wasser hielt.


Ohne erkennbare körperlichen Attribute ausgestattet, war sein Basketball-Gehirn das große, große Plus. Millers Vorteile auf dem Feld fußten auf einem schlicht unnormal hohem Gefühl für das Spiel. Und dennoch war er nie ein Anführer, wie Chris Paul und Jason Kidd.

Trotz einer Karriere-Wurfquote von 46,1% aus dem Feld - zur Hölle mit seiner Wurftechnik. Okay, er konnte nicht schießen wie Mike Bibby und Steve Nash. Hatte ganz und gar nicht  die Geschwindigkeit eines Russell Westbrook und Derrick Rose. Und spielte kein „Hoops“, wie Baron Davis oder Jason Williams, sondern einfach puren Basketball.

So wie damals, zwischen 2003 und 2006. Erinnert ihr euch, als er Teil der aufstrebenden Denver Nuggets war? Überhaupt, die Nuggets zu dieser Zeit. Die Franchise gehörte eine Saison zuvor noch zum Bodensatz der Liga und verlor letztlich das Tanking (einen Begriff, den es damals noch nicht gab) um LeBron James bekanntermaßen an die Cleveland Cavaliers.

Als ihnen an dritter Stelle des Drafts Carmelo Anthony in den Schoß fiel, drehte sich nach acht Jahren (der bisher längsten Durststrecke des Klubs) der Wind in den Rocky Mountains wieder in Richtung Playoffs. Plötzlich war Denver wieder cool und obendrein mit einigen talentierten Charakteren gesegnet.

Auf Center: Defensivanker Marcus Camby. Neben ihm ein junger, stets motivierter Nene Hilario. Als Fixpunkt auf Small Forward der College-Champion Carmelo Anthony, der für seine Leistungen eigentlich zum Rookie of the Year hätte gewählt werden müssen. Auf Shooting Guard: Voshon Lenard. Auf der Eins: natürlich Miller. Und von der Bank kam dieser kleine Kerl:


Unter der Regie von George Karl wurden die Nuggets zum aufstrebenden Team im Westen. Das Jahr 2003 läutete den erfolgreichsten NBA-Abschnitt der Nuggets-Historie ein. In der folgenden Saison holte das Team gleich 26 Siege mehr, war von da an für viele Jahre der Gejagte in der Midwest Division.

Millers Zeit bei den Denver Nuggets spiegelt seine Karriere am besten wieder, 2004/05 und 2005/06 hatte er die meisten Win Shares aller Goldstücke, die nötige Aufmerksamkeit wurde jedoch wie eigentlich immer anderen zuteil.

Allen voran natürlich dem Rohdiamanten Melo. Dem Mikrowellchen Earl Boykins. Und dem Camby Man als All Defensive Spieler und bestem Rim Protector der Liga. Und dann waren ja noch die beiden anderen prägenden Figuren in Phoenix (Nash) und New Jersey (Kidd), die ihn immer in den Schatten stellten.


Als die Nuggets nach drei Jahren des behutsamen Aufbaus die vorschnelle Möglichkeit sahen, mit dem Trade für Allen Iverson in die Elite des Westens aufzusteigen, endete Millers Zeit als Eckstein einer Franchise.

Es zieht sich durch seine Karriere: weder in Cleveland, bei den Los Angeles Clippers, in Denver und später dann in Philadelphia und Portland trauten ihm Trainer und General Manager zu, eine Mannschaft tief in die Playoffs zu führen.

Vielleicht auch, weil Miller trotz allem dieses leicht Autoritäre immer abging, welches „Floor Generals“ mitunter haben müssen. Es gibt nicht den einen bevorzugten Spielstil des Andre Millers. Er ordnete sich ganz und gar der Spielidee seines Klubs unter, schaufelte sich die Plays drauf und vertraute seinem einzigartigen Gespür für den Spielfluss. 29-mal gelangen ihm mehr als 15 Assists in einer Partie (Platz 15 in der Geschichte), zwei Mal sogar mehr als 20.

Und immer mal wieder gönnte er sich zur Abwechslung sogar selbst ein paar Würfe. So wie hier.


52 Punkte. Keiner seiner 31 Würfe gegen die Mavericks wirkt forciert, bei keinem seiner Drives oder Post-Ups wollte er mit dem Kopf durch die Wand. Jeder einzelne Sprungwurf war mit Bedacht und kontrolliert ausgewählt. Keine heiße Hand oder ein Egotrip konnten ihn von der bestmöglichen Entscheidung abhalten, zwei einfache Punkte zu erzielen (er versuchte nur einen Dreier an diesem Abend).

In der athletischsten Sportliga der Welt sind das hier die vielleicht langsamsten, aber auch intelligentesten 52 Puntke, die die NBA gesehen hat. Old School-Basketball. Eben Andre Miller-Basketball.

Irgendwo in dieser Zeit muss dann auch die Namensänderung passiert sein. Der Pinguin hieß fortan „Der Professor“ und schulte aufstrebende Point Guards wie John Wall, Ricky Rubio und Ty Lawson dank seines enormen Wissens und der Bereitschaft, das mit seinen Nachfolgern zu teilen.


Also, was ist Andre Miller? Ist er trotz fehlender Errungenschaften und fehlendem Charisma tatsächlich einer der prägenden Point Guards dieser Generation? Ist es ähnlich wie mit Mark Knopfler, dem Gitarristen und Sänger der Dire Straits? Niemand würde auf die Idee kommen, ihn in einem Atemzug mit Eric Clapton oder Keith Richards zu nennen.

Aber auch Knopfler hat einen eigenen, unnachahmlichen Stil. Und wenn im Radio der berühmte Anfangslick von „Sultans of Swing“ ertönt, ist man wie gefangen von der Musik und von Knopflers Spiel. Genau so verhält es sich mit Miller. Um höchsten Ansprüchen zu genügen, fehlten ihm womöglich trotz basketballerischen Intellekts die athletischen Voraussetzungen, um sich mit Nash und Kidd messen zu können.


Nach dem kurzen Intermezzo bei den Spurs in der vergangenen Spielzeit ist das Genie mit dem Wohlstandsbauch einen Monat nach Saisonstart noch immer ohne neuen Arbeitgeber. Ist Miller also immer noch Basketballprofi? Wir wissen es nicht, wissen kaum was über ihn. In sozialen Medien findet man Miller, wie sollte es anders sein, nicht. Interviews gibt er kaum.

Kobe, Kevin, Tim und Ray suchten alle die mehr oder weniger große Bühne für die Verkündigung ihres definitiven Karriereendes. Mit Andre Miller wäre diese Liste um einen Spieler reicher, der zu den hellsten Köpfen zählte. Titel und Karrierestatistiken können nicht belegen, was er ist: ein Hall of Famer. Falls ihr nicht überzeugt seid, dann schaut euch seine Highlights im Internet an.