24 November 2016

24. November, 2016


Die Houston Rockets haben über die Sommerpause wieder einmal einen Kurswechsel eingeläutet. Nachdem die Saison nun einen Monat alt ist, fast ein Fünftel der neuen Spielzeit absolviert, ist die Zeit reif für ein erstes Zwischenfazit. Neuer Trainer, neue Besetzung, veränderter Spielstil. Was funktioniert, was nicht?

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Das Erwartete 
Die Rockets haben die sechstbeste Offensive (Effizienz: 108,3) der Liga. Nur bei drei der bisher 15 Auftritten legten die Texaner weniger als 100 Punkte auf die Anzeigetafel. "Houston ist ein sehr gutes Offensivteam, es ist eine Herausforderung, sie zu verteidigen", konstatierte Coach Terry Stotts knapp, nachdem die Rockets seinen Portland TrailBlazers 126 Punkte eingeschenkt hatten.

Den Hauptanteil an dieser Wucht trägt selbstverständlich James Harden. Mit durchschnittlich 28,7 Punkten, 12,5 Assists und 7,7 Rebounds marschiert der Bärtige mit großen Schritten in Richtung MVP-Ehren. Dass er die Anzahl seiner Vorlagen im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt hat, liegt vornehmlich an der Feuerkraft der Neuzugänge Ryan Anderson und Eric Gordon sowie dem zum Starter beförderten Center Clint Capela, mit dem das Zusammenspiel im Pick and Roll exzellent funktioniert.

Ein von Houston Rockets (@houstonrockets) gepostetes Foto am

So sehr die neuen Rockets mit ihrem Teamcaptain funktionieren, so deutlich sinkt die Qualität, wenn die Nummer 13 auf der Bank Platz nimmt. Die Sehnsucht nach einem weiteren Superstar – der Dwight Howard vor allem vergangene Saison nie war – ist nicht unbegründet.

Um das Punktekonto in Hardens Abwesenheit zumindest ausgeglichen zu halten, hat der neue Coach Mike D'Antoni diverse Lineups getestet, bringt besagte Gordon und Anderson früher aufs Parkett zurück. Und doch ist Houston so abhängig von ihrem besten Spieler wie sonst annähernd höchstens die Oklahoma City Thunder von Russell Westbrook.

Ob mit oder ohne Harden: Die Raketen nehmen ligaweit die meisten Dreier pro Spiel (36,2) und mit Abstand die wenigsten Würfen aus der Mitteldistanz. Die alte Methodik: Freiwürfe, Layups, Dreier hat auch unter dem neuen Trainer Bestand. Wenig überraschend also ein hoher Wert bei der Effective Field Goal Percentage (54,2% – Platz zwei) und im True Shooting (57,2% – Platz drei).

Das Unerwartete 
Mike D'Antoni zu den stark auf Angriff getrimmten Rockets? Nicht wenige erwarteten eine Rückkehr der "seven seconds or less", die der Coach des Jahres 2005 bei den Phoenix Suns erfolgreich mit seinem verlängerten Arm Steve Nash umsetzte.

Davon kann in Houston aber keine Rede sein. Die Texaner sind im Pace nur Ligadurchschnitt. Zwar hat D'Antoni bereits betont, dass er von seinen Spieler mehr Tempo erwarte. Jedoch hat der mit nun noch mehr gestalterischen Aufgaben anvertraute James Harden gerade in plötzlichen, überraschenden Tempowechseln seine größte Stärke, sodass ein langsamerer Spielaufbau bestehen bleiben wird.
Infolge D'Antonis Verpflichtung war von defensivem Sodom und Gomorrha auszugehen, schließlich hatten alle von ihm betreuten Teams erhebliche Schwierigkeiten, die gegnerische Punktzahl gering zu halten. Tatsächlich weisen die Rockets bei der defensiven Effizienz einen deutlich unterdurchschnittlichen Rang auf (106,0 – Platz 24).

Jedoch war dieser Wert nach den ersten Spielen merklich schlechter, eine Verbesserung und bessere Abstimmung ist erkennbar. Anders als im Vorjahr ziehen die Akteure wieder an einem Strang. Help Defense und Rotationen funktionieren unter dem neuen Defensivguru Jeff Bzdelik deutlich besser als noch im Frühsommer. Elitär wird diese Verteidigung freilich nicht mehr werden, aber zumindest besteht Aussicht, dass sie im Verlauf der Saison ein halbwegs respektables Level erreicht.

Bemerkenswert sind darüber hinaus die guten Werte im Rebounding (Rebound Rate 52,5 – Platz drei), die nach dem Abgang Dwight Howards so nicht zu erwarten waren. Vor allem am gegnerischen Brett sind die Rockets, insbesondere Clint Capela und Ryan Anderson, erfolgreich.

Die vielen Dreier sorgen für längere Abpraller, auf die sich die Roten offensichtlich besser als noch im Vorjahr eingestellt haben. In Capela, Anderson sowie Montrezl Harrell greifen gleich drei Spieler durchschnittlich über zwei Offensiv Rebounds pro Spiel ab.


Negativ bemerkenswert ist die sinkende Freiwurfquote von James Harden. Die aktuellen 82,5% stellen eine Verschlechterung um fast vier Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr dar. Nur in seiner Rookiesaison vor sieben Jahren traf Houstons bester Spieler schlechter von der Linie.

Beispielhaft für diese Unzulänglichkeit stehen die vier Fehlversuche in der letzten Spielminute beim knappen Sieg über die Detroit Pistons am vergangenen Montag, die für einen Spieler seines Kalibers und seiner gewohnten Nervenstärke mehr als unüblich sind. Da es sich allerdings um den legitimen MVP-Anwärter und offensiven Alleskönner handelt, besteht zumindest die berechtigte Hoffnung, dass sich seine Quote im Verlauf des Jahres normalisiert.

Das Gute 
Mit einer Bilanz von 9-6 Siegen und Rang fünf im Westen haben die Raketen den schwierigen Saisonauftakt mit sechs der ersten sieben Partien in der Fremde adäquat gelöst. Im Vergleich zum Vorjahr sind Offensive und Defensive deutlich strukturierter, insbesondere nach Auszeiten und bei Out-Of-Bounds-Plays.


Die neuen Schlüsselspieler Eric Gordon und Ryan Anderson haben sich gut eingefügt und sorgen allein mit ihrer Präsenz, ihrer bekannten Gefährlichkeit von der Dreierlinie, für mehr Räume. Wie sehr die Mannschaft im Vorjahr unter den internen Streitigkeiten bzw. dem überforderten Interimscoach J.B. Bickerstaff litt, verrät ein Blick auf die Assist Ratio.

Die Rockets beendeten die letzte Spielzeit auf Platz 19. In der noch jungen Saison stehen sie auf Rang vier, was auf die bereits aufgeführte verbesserte Struktur und Harden in noch prominenterer Rolle zurückzuführen ist. Allerdings betonen Mannschaft und Trainerstab immer wieder nachdrücklich, wie sehr sie auf Teambuilding-Maßnahmen setzen und wie viel besser die neue Gruppe zueinander passt.

Symptomatisch dafür ist Hardens exzellenter Start in die Saison – im Vergleich zum Vorjahr, als er übergewichtig und in schlechter Gesellschaft ins Trainingscamp stieß und dadurch nicht unbeteiligt daran war, dass Teambesitzer Les Alexander früh die Reißlinie zog und Trainer Kevin McHale vor die Tür setzte.

Grund zur Zuversicht gibt außerdem die Rückkehr von Patrick Beverley. Seitdem der 28-Jährige wieder auf dem Feld, haben die Rockets nicht zufällig drei von vier Partien für sich entschieden. Der einstige bloße Kettenhund verfeinerte in den letzten Jahren sein Spiel, traf schon vergangene Saison 40% von der Dreierlinie und entwickelte auch seine klassischen Point Guard Fähigkeiten weiter, so dass ein Unterschied zum noch zu rohen Ersatz Tyler Ennis unübersehbar wird. Die Wiederkehr des hauseigenen "Wolverine" hilft den Raketen also nicht nur defensiv.

Das Schlechte 
Auch wenn Anderson und Gordon in Houston angekommen sind, erledigen sie ihren Hauptjob – werfen, werfen, werfen – noch zu unkonstant. Gordon blieb am Montag in Detroit komplett ohne Punkt und traf auch zuletzt gegen die Toronto Raptors nur 1-8 von der Dreierlinie.

Andersons Dreierquote ist mit knapp 40% zwar noch im ordentlichen Rahmen, aus dem Feld trifft er jedoch nur 38% – schlechter als in seiner Rookie-Saison. Zuletzt erzielte er in drei Spielen trotz über 30 Minuten auf dem Feld weniger als 10 Punkte bei 20% oder weniger von der Dreierlinie, was für einen gewerbsmäßigen Scharfschützen indiskutabel ist. Als erste offensive Schaltstelle hinter Harden sind die Erwartungen an die beiden Ex-Pelikane höher als das bisher Geleistete.


Die bereits aufgeführte defensive Mittelmäßigkeit wird nicht in den Griff zu kriegen sein und jedem NBA-Team immer wieder einfache Punkte ermöglichen, vor allem wenn Clint Capela als einziger legitimer Shotblocker eine Verschnaufpause erhält. Donatas Motiejunas wäre hier eine Entlastung, doch der 2,13 Meter lange Litauer hat sich auch nach fast einem Monat laufender Spielzeit noch nicht mit den Verantwortlichen auf einen neuen Vertrag geeinigt und sitzt somit als Restricted Free Agent in der Vorhölle.

In puncto Turnover gehören die Raketen weiter zum Bodensatz der Liga. Egal ob nach nackten Zahlen (17,0 pro Spiel – drittschlechtester Wert) oder im Turnover Ratio (15,3 – ebenfalls drittschlechtester Wert), zu oft geben die Texaner den Ball her. Wenig überraschend ist hier Harden mit besorgniserregenden 5,8 pro Spiel Hauptträger.

Dies ist zwar auch auf seine extrem hohe Usage – 33,5% der Rockets' Angriffe laufen über den Bärtigen – und den oft nicht risikofreien Spielstil zurückzuführen. Dennoch geht das Spielgerät noch zu oft aus Ungenauigkeit oder wegen Abstimmungsschwierigkeiten an den Gegner.


Das bisher größte Problem ist aber die fehlende Konstanz und eine erhebliche Schwäche im letzten Viertel. Bei der Auftaktniederlage gegen die Los Angeles Lakers glichen die Rockets mit knapp drei Minuten auf der Uhr zum 112-112 aus, erzielten in der restlichen Spielzeit aber nur noch ganze zwei Pünktchen und ließen deren acht zu. Das vierte Viertel ging mit 30-18 an den überraschenden Sieger in Lila-Gold.

Ähnlich das Gastspiel beim Meister aus Cleveland. Bei noch zwei Minuten zu spielen hatten die Rockets den Vorsprung der Cavaliers auf zwei Punkte zum 112-114 reduziert, kollabierten dann aber völlig, das Spiel ging mit 128-120 an LeBron James und seine Gefolgsmänner. Im vierten Viertel ließen die Rockets 43 Punkte zu.

Die Schwächen im letzten Viertel kam jedoch am deutlichsten bei der Niederlage gegen die Oklahoma City Thunder zum Vorschein: Mit noch über sechs Minuten zu spielen hatten sich die Rockets eine aussichtsreiche 100-94 Führung erspielt, erzielten jedoch in der gesamten Restspielzeit nur noch drei Punkte und gaben den Sieg somit aus den Händen. Im gesamten letzten Viertel erzielten die Roten nur 13 Punkte.


Dass es sich hierbei nicht um Zufälle, sondern um ein Muster handelt, zeigt auch der Blick auf die knapperen Siege. Beim Heimspiel gegen die bisher wenig überzeugenden Dallas Mavericks führte Houston vier Minuten vor der Schlusssirene mit neun Punkten.

Die Rockets brachten es in der Restzeit aber nur noch auf einen Treffer aus dem Feld und zwei von der Freiwurflinie, ermöglichte mit dieser Ebbe dem texanischen Rivalen beinahe ein Comeback. Ein ähnlich schlechtes letztes Viertel legten die Rockets bei den Siegen über die San Antonio Spurs und Detroit Pistons aufs Parkett und verspielten somit beinahe die gute Ausgangsposition.

Das Fazit 
Obwohl auf den neuen Trainerstab noch viel Arbeit zukommt, fällt die Zwischenbilanz positiv aus – auch weil die Defizite der im Vorfeld zumeist besser eingeschätzten Utah Jazz, Portland TrailBlazers oder Oklahoma City Thunder schwerer wiegen als die der Rockets. Mehr Konstanz und Konzentration im letzten Viertel lässt sich im Verlauf einer Saison erarbeiten, sodass James Harden & Co. vorerst um Platz vier und damit Heimvorteil in der ersten Playoffrunde kämpfen.

Die Tendenz der Youngster Clint Capela, Sam Dekker, Montrezl Harrell und – trotz zuletzt wenig Spielminuten – K.J. McDaniels fällt ebenfalls positiv aus. Capela hat die ersten Hürden als Starting Center gemeistert, Dekker die schwere Verletzung im Rookie-Jahr genutzt, um an seinem Wurf zu arbeiten, Harrell geht weiter mit Einsatz und Leidenschaft voran.

Wer die Rockets und vor allem GM Daryl Morey kennt, der weiß jedoch, dass der Kader nicht über den Februar dieses Gesicht behalten wird. Houston braucht einen weiteren Ringbeschützer und muss die zu große Abhängigkeit von seinem Franchise Player weiter minimieren.

Die genannten jungen Spieler sind der Schlüssel für eine qualiative Zunahme. Daneben ist vor allem die Frage interessant, ob Morey sein Team tief genug im Win-Now Modus sieht, um zusätzlich heiß begehrte Draft Picks in die Waagschale zu werfen.