15 November 2016

15. November, 2016


von MATTIS OBERBACH @MattisOb

In den Schlusssekunden wurde es auch dem Letzten klar. Als das Spiel der Philadelphia 76ers gegen die Indiana Pacers zu Ende ging und die Sixers nur noch Wimpernschläge vom ersten Saisonsieg entfernt waren, gab es keinen Zweifel mehr:

Es hat sich gelohnt. Das lange Warten auf Joel Hans Embiid, den lange verletzten Hoffnungsträger der Philadelphia 76ers, hat sich gelohnt.

Nach zehn Spielen der Saison, in denen Embiid sieben Mal auf dem Court stand, hat sich die Stimmung bei der Sorgen-Franchise um 180 Grad gedreht. Der 22-jährige Hüne von 2,13m Körpergröße bringt alles mit, um die Sixers ohne die Sorgenfalten der Vergangenheit in die Zukunft blicken zu lassen.

Und es wird noch besser.

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Nach seinen Verletzungen gehen die Sixers auf Nummer sicher, bis Weihnachten soll Embiid nicht mehr als 24 Minuten spielen, danach würde die Situation neu bewertet, heißt es. Die Regel wurde aber in drei von Embiids Einsätzen schon gebrochen, gegen Orlando, Cleveland und schließlich am Freitag im Overtime-Spiel gegen Indiana, Embiid spielte 25, 25 und 26 Minuten. Wie das kam? Alle Spiele waren bis in die Schlusssekunden knapp, Embiid stand im Zentrum des Offensivspiels.

Dennoch geht die Franchise im Großen und Ganzen weiter in die richtige Richtung: Man achtet auf das, was langfristig am besten ist für das Team und die zumeist jungen Spieler.

Die Playoffs sind so gut wie abgehakt. Die Bilanz von 1-9 ist die schlechteste der NBA. Aber es ist zu erkennen, wieso man eine Steigerung auf 20 Siege prophezeit hatte. Immer häufiger gibt es diese Momente, die Fans im heimischen Wells Fargo Center auf die Füße reißen, in Jubelstürme ausbrechen und Twitter erzittern lassen. Für diese Augenblicke zeichnet sich zumeist Joel Embiid verantwortlich.


Seine Stats wäre deutlich besser, wenn er nicht rund die Hälfte jedes Spiels auf die Bank verbannt wäre. Auf 36 gespielte Minuten hochgerechnet wäre er - halten Sie sich fest! - mit 29,3 Punkten auf dem sechsten Rang in der gesamten Association. Vor ihm liegen nur Russell Westbrook, DeMar DeRozan, Damian Lillard, Steph Curry und Anthony Davis. Hinter ihm Scoring-Maschinen wie James Harden, DeMarcus Cousins und Kevin Durant.

Diese Gesellschaft hätte wohl jeder gerne.

Mit 50% verwandelten Dreiern ist er in der Spitzengruppe bei Weitem der Beste. Zugegeben, er hat bislang nur 14 Mal von Downtown geworfen, aber selbst das ist für einen Center, zudem noch in seiner Rookie-Saison, kaum zu erwarten und nicht die Norm. Es gibt aber noch eindeutigere Stats, solche, die sein wirkliches Talent beweisen.

2,3 Blocks pro Spiel zum Beispiel. Und was für welche! Dieser Block war zwar im Bereich des illegalen Goaltendings, aber es ist deutlich zu sehen, dass Embiid kann und will. Wo er sich den „chase down block“ abgekupfert hat, ist offensichtlich.


Zurück zu Anthony Davis, der die Liga mit 2,9 Blocks pro Spiel anführt: Wenn man die Werte aller Spieler auf 36 Minuten auf dem Parkett hochrechnet, liegt Embiid hinter Kyle O’Quinn auf Rang zwei, weit vor Davis. 11,4 Freiwurfversuche pro 36 Minuten sind ein Top-Drei-Wert, auch 11,8 Rebounds können sich sehen lassen.

Was uns dieser Zahlensalat sagen soll: Nach einem halben Monat hat Embiid die statistische Spitze in einigen wichtigen Bereichen schon eingeholt. Wenn Patrick Ewing ihn als vielleicht besten Center der NBA beschreibt, dann mag das zu früh sein.


Aber Ewings Tweet geht in die richtige Richtung, ins Vorhersagende, denn der Wert Embiids wird sich in den kommenden Monaten und Jahren immer wieder und immer mehr zeigen. Dann könnte das Statement tatsächlich bald ins Faktische übergehen.

Embiid ist mehr als nur ein Center. Klar, er ist Hoffnungsträger einer ganzen Franchise, wird neuerdings auch als „Joel ‘The Process‘ Embiid“ vorgestellt.

Aber vor allem sind seine Basketball-Fähigkeiten extrem weit fortgeschritten. Die Dreier wurden oben angesprochen, seine Post-Moves, sein Ballhandling, seine intuitiven Bewegungen kommen noch dazu.

Weniger als ein Drittel all seiner Zweier werden assistiert. Das mag auf den fehlenden Top-Spielmacher in Philly zurückzuführen sein. Vielleicht aber entwickelt sich Embiid tatsächlich zu dem Star, den sich die 76ers so lange ersehnt haben.


Daran kann man sich gar nicht satt sehen.

Natürlich ist nicht alles Gold, was Embiid heißt. Seine Fouls muss er sicher etwas zurückschreiben, die Emotionen scheinen oft kurz davor, ihn zu disqualifizieren. Hingegen sind - wieder auf 36 Minuten hochgerechnet - 7,7 Turnover pro Spiel definitiv zu viel. Das ist der schlechteste Wert der Liga.

Aber die Sixers werden im kommenden Juni nicht Champions werden, sie werden noch nicht mal mehr die Playoffs erreichen können. Doch das muss auch nicht.

Embiid hat seinen Wert für das Team schon bewiesen und Coach Brett Brown dankt ihm dafür, indem er Embiid ständig einsetzt, wenn er nicht gerade auf der Bank sitzt. Seine Nutzungsrate liegt bei 40,2%. Vierzig Prozent!! Das ist Russell Westbrook Niveau (41,4%)



Wozu führt das alles? Zu ungekannter Euphorie im Team, in der Halle, in der Stadt. Dabei kommt der ursprüngliche Retter, der Mann, der eigentlich für die Wiederauferstehung der 76ers sorgen sollte, ja erst noch: Ben Simmons, der Rookie und First Overall Pick 2016.

Dazu spielt Dario Saric in seiner ersten NBA-Saison sehr passabel, Jahlil Okafor zeigt sich etwas stabiler als 2015, auch ein Nerlens Noel kommt erst in ein paar Wochen von seiner Verletzung zurück. Es könnte passieren, dass zu den Festtagen ein ganz anderes Team für die Stadt Philadelphia antritt.

Auch diese zweite Periode des Wartens wird überstanden werden. Die erste hat sich auf jeden Fall gelohnt.