28 November 2016

28. November, 2016


Der erste NBA Monat 2016/17 mitsamt Überraschungen und neuen Rekorden ist in den Geschichtsbüchern. Einer darf bisher nicht mitspielen: Donatas Motiejunas steckt im Wartezimmer der Restricted Free Agency fest. Und seine Aussichten werden nicht besser.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

'Früher oder später einigen die sich schon' – war der Tenor der Restricted Free Agents in den vergangenen Jahren. Dass mit Herbstanfang die Vertragssituation manch eines namhaften Spielers noch nicht geklärt ist, ist längst keine Seltenheit mehr. Hoch dotierte Kontrakte werden kurz vor oder während des Trainigscamps unterzeichnet.

Eric Bledsoe und die Phoenix Suns finalisierten 2014 erst Ende September das neue Arbeitspapier über fünf Jahre und 70 Mio. $. 2015 einigten sich Tristan Thompson und die Cleveland Cavaliers sogar erst wenige Tage vor der Saisoneröffnung über einen neuen Fünfjahresvertrag und 82 Mio. $.

Der einzig verbliebene Restricted Free Agent des 2016er Jahrgangs ist Houstons Donatas Motiejunas. Dieser durfte zwar kein Angebot in den Kategorien von Bledsoe oder Thompson erwarten: Als versatiler Big Man mit solidem Distanzwurf und einer anständigen Spielzeit 2014/15 – 12,0 PPG, 5,9 RPG und knapp 37% von der Dreierlinie – war aber zumindest ein gestiegenes Interesse nicht illusorisch. Doch anders als in den genannten Fällen hat das Spiel auf Zeit bisher kein gutes Ende genommen. Die Perspektiven des Litauers verdunkeln sich mit jedem Tag.


Seinen Ursprung findet dieses Fiasko bereits im Februar, als Motiejunas am Tag der Trade Deadline für einen Erstrundenpick zu den Detroit Pistons geschickt wurde – diese jedoch wegen gesundheitlicher Vorbehalte den Deal annullierten.

Der 2,13 Meter lange Center-Forward hatte sich im Frühjahr 2015 einer Rücken-OP unterziehen müssen, deren monatelange Rekonvaleszenz zum Zeitpunkt des Trades zwar abgeschlossen war.

Jedoch äußerte das medizinische Personal der Pistons Bedenken über die Langzeitfolgen dieser Verletzung und stellte die weitere sportliche Karriere Motiejunas' infrage. Donatas und seine Berater sehen das naturgemäß anders, eine Klage gegen die Pistons über die Spielergewerkschaft steht noch im Raum.


In der Tat hat dieser Vorfall dem Marktwert des 26-Jährigen keinen Gefallen getan. Motiejunas erhielt über den Sommer kein überzeugendes Offer Sheet. Das Qualifying Offer in Höhe von 4,4 Mio. $ erschien dem Lager des litauischen Nationalspielers angesichts der explodierenden Preise infolge des gestiegenen Salary Caps offenbar nicht marktgerecht.

Das bringt den 20. Pick des 2011 Drafts in die Zwickmühle, einerseits nicht zu lange dem aktiven Geschehen fern zu bleiben, sich andererseits aber auch nicht unter Marktwert verkaufen zu dürfen. Und als wäre seine Situation nicht schon heikel genug, spielt auch Motiejunas' Agent B.J. Armstrong in diesem zähen Verhandlungspoker eine eher unrühmliche Rolle.

Der ehemalige Point Guard, 1989 bis 2000 für die Bulls, Warriors, Hornets und Magic aktiv, blamierte sich mit einem wenig verständigen Tweet vor der Basketball-Welt, in dem er die Sinnhaftigkeit von Analytics infrage stellte.


Ob dies als Speerspitze gegen den nachdrücklichsten Vertreter von tiefgreifenden Zahlenspielen im Basketball – Rockets General Manager Daryl Morey – gedacht war oder Armstrongs generelles Unvermögen im Verständnis des zeitgemäßen Profisports ausdrückt: Die Verhandlungsposition verbessert hat dieser selbstdisqualifizierende Ausbruch nicht. Weder bei den Rockets, noch bei allen anderen Teams.

Armstrong verschaffte seinen prominentesten Klienten, Draymond Green von den Golden State Warriors und Bismack Biyombo von den Orlando Magic, zuletzt ausgezeichnete Deals. Im Falle Motiejunas hat er sich aber offensichtlich übernommen.


Zuletzt setzten die Rockets der Gegenseite eine Deadline bis 23. November. Hätte Motiejunas bis dahin ein neues Arbeitspapier unterschrieben, wäre er – basierend auf den NBA-Regularieren für neu unterschriebene Verträge – für die Trade Deadline drei Monate später noch verfügbar gewesen. Dies ist sicherlich kein allzu verlockender Anreiz für Houstons Nummer 20, allerdings hat das Verstreichen der gesetzten Frist seine Position noch weiter verschlimmert.

Das finale Angebot lag angeblich bei circa sieben Mio. $ im ersten Jahr, wobei die restliche Vertragslaufzeit nur teilweise garantiert gewesen wäre, respektive mit einer Teamoption versehen. Donatas sucht aber infolge der Ereignisse der letzten Zeit Planungssicherheit, die mit einem solchen Vertrag nicht gewährt sind. Ein neues Angebot aus Houston wird jedoch noch weniger schmackhaft für den Litauer sein.


Auch wenn sich Motiejunas für nicht wert geschätzt fühlt: "Captain Hook" braucht die Rockets mehr als umgekehrt. Seine Fähigkeiten vor allem im Low Post würden der Offensive der Roten zwar weiteres Feuer verleihen, dennoch stehen Daryl Morey und Coach Mike D'Antoni unter keinerlei Zugzwang. Mit Clint Capela, Nenê, Ryan Anderson und Montrezl Harrell sind die Texaner auf den großen Positionen ordentlich aufgestellt, Quasi-Rookie Sam Dekker verdient sich außerdem in Teilzeit-Minuten als Strech Power Forward – eigentlich Motiejunas' Position.

Offenbar kontaktierte Armstrong nach Ablauf des genannten Stichtages neuerlich sämtliche Teams mit Cap Space, in der Hoffnung, doch noch ein Vertragsangebot zu erhalten. Dies sind: Die Brooklyn Nets, die Denver Nuggets, die Philadelphia 76ers, die Utah Jazz, die Minnesota Timberwolves, die Phoenix Suns, die Indiana Pacers und seit kurzem die Oklahoma City Thunder.

Keine vielversprechende Liste, denn die meisten haben entweder keinen Bedarf auf den großen Positionen, offenkundig Vorbehalte wegen des Gesundheitzustands oder vermutlich Hemmungen, weil Houston mit jedem Vertrag mitziehen kann und sich somit vor allem ein niedriges Offer Sheet nicht lohnt. Hätten die aufgeführten Teams überhaupt Geschmack am 26-Jährigen gefunden, wären schon über den Sommer Verhandlungen initiiert worden.


Bleibt noch die Flucht nach Übersee. Doch auch in China und Europa laufen die Spielzeiten längst, die Budgets sind knapper und nicht viele Teams haben überhaupt die finanziellen Möglichkeiten, selbst mit einem Angebot aus den niedrigen NBA-Gefilden mitzuhalten. Dazu besteht beim litauischen Schlacks in vielen Bereichen des Spiels noch Verbesserungspotential, das außerhalb der NBA nicht annähernd so sehr gefördert werden würde, als im täglichen Wettkampf mit den besten Spielern der Welt. Die Abreise aus Nordamerika stünde einem sportlichen Rückschritt gleich.


Im Hause Motiejunas wird derzeit die Einsicht eingekehrt sein, dass es besser gewesen wäre, das Qualifying Offer anzunehmen. Der Vizeeuropameister von 2013 hätte sich die gesamte Spielzeit 2016/17 ins Schaufenster stellen können, den Rockets und allen anderen Teams die eigene Fitness demonstrieren und sportlich eine nachdrückliche Empfehlung aufs Parkett legen – und dann im Sommer 2017 sein Schicksal komplett in den eigenen Händen halten. Diese Option besteht jetzt nicht mehr.

Im schlimmsten Fall verpasst er die gesamte Saison – und im Sommer geht das Spiel von vorne los. Noch immer wäre er Restricted Free Agent, noch immer könnten die Rockets mit jedem Angebot mitziehen. Nur hätte er seit einem ganzen Jahr nicht auf dem Parkett gestanden und müsste sich mutmaßlich mit noch kärglicheren vertraglichen Dimensionen zufrieden geben.

So oder so: Donatas ist ein klarer Verlierer des Jahres 2016. Nicht weniger als seine Karriere steht auf dem Spiel, während er weiter vom Rand aus tatenlos zusehen muss, wie sich die Basketball-Welt ohne ihn dreht. Seit Mitte November bleiben vertragsgemäß die Gehaltszahlungen aus. Ohne Aussicht auf Besserung gehen sie weiter, die Leiden des jungen Motiejunas.