20 November 2016

20. November, 2016


* "Die Vergangenheit ist ein Prolog."

von ANNO HAAK @kemperboyd

Der alte Mann und das Casino
Der alte weiße Mann ist seit der lachhaften Präsidentenwahl in den US of A das Feindbild aller, die sich für progressiv halten. Ich habe wenig gegen Männer, noch weniger gegen Alte, und welche Hautfarbe sie in die Sonne halten, die uns alle bescheint, ist mir wumpe.

Mein Feindbild sind alte Männer, die vom Krieg erzählen. Und dabei den Anschein erwecken, der sei besser als Frieden. Nicht, weil Waffenklirren vor Harmonie ginge. Weil der Krieg früher war. Früher, als alles besser war.

Die Generation der sozialen Medien, die kein Senfei essen kann, ohne bei Instagram "#nomnom" zu einem Bild der Delikatesse zu posten, möge sich folgendes Szenario vorstellen: Es sind Conference Finals in der NBA. Es ist dunkel. Am nächsten Tag steht Spiel 2 im MSG an, dem inzwischen entweihten Tempel des orangenen Leders. Der beste Spieler der Liga bestellt sich eine Limousine zum Hotel, in dem er sich schlafender Weise auf das größte Spiel der Saison bis dahin vorbereiten sollte.

Er lässt sich in die Stadt kutschieren, in der der president elect so schwer Schiffbruch erlitt, in das Lidl unter den Zockerparadiesen. Er spielt ein paar Runden black und ein paar Runden Jack. Gegen drei Uhr morgens ist er ein paar zehntausend Dollar ärmer und müde. Er lässt sich zurückfahren. Am nächsten Tag verliert sein Team Spiel 2 und geht null und zwei in Rückstand.

Das Jahr ist 1993. Die Stadt ist Atlantic City. Die Conference Finals lauten Knicks gegen Bulls. Der beste Spieler der Liga ist Michael Jordan. Sein Trainer ist Phil Jackson. Er lässt es durchgehen. Weil er nicht anders kann. Weil die Bulls Meister werden, stört es keinen. Aber die Heat zu zwingen, eine Nacht in Cleveland zu bleiben, ist pöhse.

Sagen wir es dem Zen-Master mit dem Method Man aus der Wutang Posse und dem Durst Man aus der Bizkit Posse weißer junger Männer:

"What's that I didn't hear you?"
"Shut the fuck up!"
"Come on, a little louder!"

"Shut the fuck up!"

Oder in modern: geh Defensivkoordinatoren bestellen, deren größte Leistung als Head Coach war, Dein Vorgänger bei den Lakers zu sein. Damn!


Oden and out
Da geht er hin, der Ruhm alter Tage. Greg Oden wird nie mehr Basketball spielen. Er selbst war offenbar der Letzte, dem das klar wurde. Jedenfalls hat er es erst kürzlich offiziell gemacht. Oden tritt zurück. Der größte Bust des letzten Draftjahrzehnts, ach was des Drafts überhaupt, sei er gewesen. Sagen nicht Hater, sondern Oden über Oden.

Die Selbstkritik in Ehren, aber da liegt der gesichtsälteste 20-jährige der westlichen Hemisphere falsch. Sagte BTW auch sein Jahrgangskumpel Kevin Durant. Der stand gefühlt häufiger in den Conference Finals als Oden überhaupt auf einem NBA-Parkett. Die Karriere des ersten und des zweiten Picks aus dem Jahre 2007 hätten unterschiedlicher nicht sein können.

Ex ante aber war die Entscheidung damals nachvollziehbar. Wer Oden am College sah, kann nachvollziehen, dass man den vermeintlichen Erben von Shaq in der Rolle als der NBA größter Zonendominator dem Slim, der erst später ein Reaper wurde, vorzog. Wenn Presti ehrlich ist, wird er zugeben, dass er froh war, ist und bleiben kann, dass die Tischtennisbälle ihm die Entscheidung abnahmen.

Oden ist schlicht eine tragische Figur, dessen Körper seinem Talent nicht standhielt. Milicic, Bennett, Kwame und Konsorten hätten an ihrem besten Tag gerne dominiert wie der immer grundmalade Oden an den wenigen Tagen, an denen sein Rücken, seine Füße und was sonst noch an instabilen Körperteilen da ist, wollten wie sein Kopf. Vielleicht revanchiert sich das Universum und lässt ihn zu einem großen Trainer reifen. Zu wünschen wäre es ihm.


Prognoseritis
Seit Lowe in unser aller Leben den Guru spielt, gibt es die Neigung, zu jedem möglichen und unmöglichen Zeitpunkt Storylines der NBA-Saison in den Sand zu malen. Die August-Prognosen, die Narrative zum Auftakt, die Weihnachtsweissagungen und die Deadline-Dooms-Day-Prognose gehört zum Repertoire wie Anal Üsen darüber, warum Dwight Howard niemals nie nicht ein Postscorer wird.

Ich will und kann mich dem nicht mehr entziehen. Seit J. R. Smith sich wie ein vernunftbegabter Basketballer benimmt, und da Phil Jackson nicht jede Woche mehrere Interviews gibt, ist Themenebbe am A-Spiel-Strand. Deshalb: hallo und willkommen zum Rest der Saison!

Evergreen
In diesem Jahr wird er sich materialisieren, der Hologram-Trade der besten Liga der Welt. Das DeMarcusmare wird zu Ende gehen und Boogie ein freier Mann. Die ersten Stories über den Locker Room Cancer Cousins sind unterwegs, eine anonyme Wurst verstieg sich dazu, es als "Alptraum" zu qualifizieren, ihn in den eigenen Farben zu sehen.

Ich glaube kein Wort davon. Aber solche Berichte sind der sicherste Indikator dafür, dass das Geschacher begonnen hat und die Preistreiberei über Bande läuft. Das "Senke den Marktwert des Assets, das Du haben willst"-Spiel wurde selten so plump gespielt. Cousins' Vertrag läuft noch 19 Monate. Dass er in Sacramento verlängert, glaubt nicht mal der Bluthuster auf Divacs Kippenschachtel. Free at last!

Der Benchmobdutt
Joakim N. wird Bankspieler. Der bestbezahlte der Liga, aber eben zweite Einheit. Die NetRtg-Zahlen lügen nicht. Noah ist, was er schon in den letzten Jahren war: das, was der Sloananbeter einen Minusspieler nennt.

Hornacek wird J. Holiday (nein, nicht Jrew) nicht mehr lange erklären können, warum er sitzen und Joakim Noah beim verzweifelten Versuch, aus 2016 wieder 2010 zu machen, zugucken soll. Das Pluslineup ist da, Prozingis ohnehin besser im Zentrum aufgehoben und der Noahärger über die Degradierung wird sich in Jacksons Bart verfangen wie Fliegen in der Haarpracht des Ex-DPOY.

Millsap der  Geschichte
Der unheimlichste heimliche Tradekandidat schlafwandelt in Atlanta. Paul Millsap, der beste Hawk, wird auf dem Block landen. 2015 war er schon mal fast weg, 2016 hätte man ihn wohl vom Hof gejagt, wäre Horford nicht den Sirenengesängen aus Boston erlegen.

2017 ist die letzte Gelegenheit, dick zu kassieren. Dass die angeblich in roter Tinte ersaufenden Hawks die Kasse für einen bald 32-jährigen, der mehrfach Geld liegen ließ, leeren wollen, erscheint mehr als fraglich, zumal der Kader Jugend braucht wie Greg Odens Gesichtsfalten. Es wäre ein Fehler, ihn abzugeben. Ich will nicht, dass sie ihn abgeben. Aber wenn ich irgendwas zu sagen hätte, würde Oden bei den Seattle Supersonics Joel Embiid zeigen, wo der Barthel den Most holt.

Keltewall(ung)
John Wall wird ein Boston Celtic. Die Wizards sind mit dem Big-Three-Projekt, von dem sie sich einredeten, es sei in Entstehung begriffen, hart auf dem Boden der Realität gelandet. Homeboy KD ließ sie an der virtuellen Garderobe abblitzen, Wall und Beal verfilmen nicht nur die Seifenoper von Dallas Jim und Jason neu. Sie performen auch ähnlich oft beide gemeinsam den Erwartungen und Verträgen entsprechend, wie Weihnachten auf einen Sonntag fällt.

Die Celtics haben mehr Assets als die Sixers zu geben, brauchen aber keinen Cousins und zu habende Stars der Magnitude Garnett sind schlichtweg nicht zu kriegen (ein get-give-have-Satz, die Englisch-Lehrerin weint sich in den Schlaf). Auch wenn Walker inzwischen der Komparativ von Wall ist, wäre der erste Pick von 2010 der Name, den Ainge zur Beruhigung des ungeduldig werdenden Publikums in Boston braucht.

Denn Beal werden die Wizard auf keinen Tradeblock gesetzt bekommen. Das aufnehmende Team müsste ihn da erst mal runter nehmen, um ihn dann wieder auf die Geldbündel zu stellen, die man ihm im Sommer nachwarf. Einen 100-Mio.-Mann mit unzuverlässigem Körper, noch unzuverlässigerem Wurf und Gezicke gegen den besten Mitspieler nennt der Fachmann "Blei im Regal".

Washington könnte trotzdem (mit der Hoffnung auf seinen Durchbruch immer grün wie die bisherigen Trikots von Thomas und Crowder) um ihn bauen, und der kleine Mann, der einst der 60. Pick war, zeigt ihm, wie man mit Herz spielt. Ein bisschen Smart und ein Pick in schwarz-weiß, fertig ist der Reload in der Hauptstadt.


Fundstück der Woche
Happy "Malice in the palace memorial day", everyone! Keep ballin'!