31 Oktober 2016

31. Oktober, 2016


"I thought LeBron was just another guy to help me score." Ricky Davis, Draftexperte

von ANNO HAAK @kemperboyd

A beautiful mind…
Die zwei natürlichsten Verhaltensweisen des NBA-Fans im SM-Zeitalter sind Wort gewordene Überreaktion und verbalexkrementische Häme. Wenn dann das Superteam des Jahrtausends im ersten von 82 Spielen hergespielt wird, dann tobt der Forumstroll mit sicherem Instinkt in seinem natürlichen Habitat der blau-gelben Beute hinterher.

Dabei wäre die derbe Zurechtweisung des Vizemeisters eigentlich Anlass zur Selbstreflexion. Man wird sich nicht am Lidl-Spekulatius (haltbar bis 30.11.2016) vergehen, wenn man mutmaßt, dass mancher, der nun den Warriors den größten Absturz des frühen 21. Jahrhunderts prophezeit, sich noch vor rund 11 Wochen wie ein Fisch im pazifischen Wasser vor Oakland in dem Cluster bewegte, das am liebsten die NBA-Saison 2016/17 abgesagt und die Ringe gleich vor der Oracle abgestellt hätte.

Der Hypetrain fährt eben mal vorwärts Richtung Quadrouplepeat ohne ernsthaften Widerstand, um dann die Lok ans Zugende zu spannen und den Bahnhof "Quervergleich mit den LA Lakers 2004" anzusteuern. Nach einem Spiel. Lernkurven, flach wie ein Shaq-Freiwurf.


Vor allem aber wäre der Abriss der Megadeath Lineup Gelegenheit gewesen, das verdammte Genie anzuerkennen, das Gregg Charles Popovich ist. Einen voll ausgewachsenen Benchmob (Splitter, Diaw, Joseph, Marjanovic, Baynes) hat man für Gasol und Aldridge abgegeben. Green ist verletzt, Ginobili näher an der 40 als Russell Westbrook an Big O. Und? Achja, der Franchisefelsen ist nach 19 Jahren gerade zum Fischen gegangen.

Jeder andere hätte sich wohl flach auf den Rücken gelegt und sich einen Trinkbecher von Kevin Durant signieren lassen. Die Spurs starten mit Kyle Anderson ("WER?") und schmeißen für eine halbe Stunde Jonathon Simmons ("DEN NAMEN HAST DU DIR AUSGEDACHT!") rein. Resultat: ORtg 99,1. Für die Warriors, nicht für die Spurs.

Wer immer dachte, dieses Jahr seien die Spurs fällig, glaubt auch an den Abstieg des HSV. Wenn ich alt und grau bin, werden die Spurs immer noch 50 Spiele pro Jahr gewinnen. Dann lege ich mich hin und lasse mir meine Schnabeltasse von Gregg Popovich signieren.


Der Extension Jahrgang des Grauens
Wir müssen mal über 2013 reden. Zehn Jahre nach dem Jahrhundertjahr, das Darko Milicic zum Champion machte, lag der komischste Draft der Ligahistorie. Das galt schon bisher als safe. Jetzt, da das Ende der Frist naht, innerhalb derer man die Jungspunde jenes Jahrgangs vorzeitig bis zum Ende ihrer Prime an die eigene Franchise ketten kann, wird das deutlicher als je zuvor.

Der spektakulärste Draft Day Trade jenes skurrilen Tages im Juni 2013 streitet öffentlich mit seiner Franchise über den Prozess, den er ungewollt mit einleitete, die vorzeitige Vertragsverlängerung aber scheint ein eben jener zu sein, dessen Ende niemals kommt. Der vermeintlich Beste des ganzen Jahres ist zum EC-Wanderpokal geworden und der Nummer-1-Pick versucht, die Trümmer dessen, was mal seine Karriere war, in Brooklyn wieder zusammenzusetzen.


Die Picks 10, 15, 17 und 31 teilen sich derweil in den nächsten fünf Jahren ca. 350 Millionen garantierte Dollars. Der Luxussteuerallergiker vom Dienst aus Oklahoma denkt daran, dem Statisten neben RW0 im Backcourt der Thunder und dem Coiffeuräquivalent von Autounfall aus Down Under 180 Mio. $ in die demnächst swooshlogobedruckten Jogginghosentaschen zu stopfen. Einen hoch heiligen Gruß an die Experten, die heute schon wissen, was die Draftkandidaten 2017 ihren Teams mal bringen werden.


Der Marvin Williams Deal
So werde ich ab heute den neuen Vertrag von Dennis Schröder nennen. Williams, inzwischen in seinem zweiten Leben sowas wie ein Stretch Big des Hornissennests geworden, war jener überzählige Forward, den die Atlanta Hawks 2005 mit dem zweiten Pick Chris Paul vorzogen. Jenem Paul, der 2017 Free Agent und die Clippers verlassen wird (yeah, you heard me!).


Fahrlässig werfen sich die Hawks mit dem überdimensionierten Arbeitspapier für Deutschlands nächstes Goldkehlchen aus dem Rennen um CP3. Man kann das zukunftsweisend nennen, ich finde es nur noch traurig.


Gefällt der NBA nicht
Was kann man nicht alles für 25.000 $ erwerben? Man bekommt dafür den rechten Ohrring von LeBron James, einen halben Tag Dennis Schröder Basketball oder das Unterhosenfach mit Inhalt des Kleiderschranks von Russell Westbrook.

Man kann aber auch den Daumen von der übrigen Hand abspreizen, ihn in waagerechter Position zum Halse recken und ihn einmal quer von der einen auf die andere Seite der eigenen Kopfstütze führen. Dwyane Wade hat das getan, die NBA die Geste mit der eingangs zitierten Zahl bepreist.


Der NBA sind drei Dinge heilig: das Geschäft, Transgender People und die Kinder, deren junger, unausgereifter Geist übel deformiert werden könnte, wenn sie kurz nach dem Abspeichern des Spielstandes im aktuellen Egoshooter die „Kehle-durch“-Geste vom Kirchengönner aus der Stadt der Winde sehen. Daumen sind für die Likes nichtssagender Facebook-NBA-Top-10-Videos gedacht, nicht für gestische Obszönitäten. Die Liga der außergewöhnlichen Weichspüler. Wirklich dufte!


Fundstück der Woche
Aus der Kategorie „Es war nicht alles schlecht“: Anthony Bennett hat tatsächlich mal Punkte für die Cleveland Cavaliers erzielt. Keep ballin‘!