04 August 2016

4. August, 2016


von GERRIT LAGENSTEIN @GAL_Sports

Die amerikanische Basketball-Nationalmannschaft geht bei den am Freitag beginnenden Olympischen Spielen wie so oft als klarer Favorit ins Rennen. Nicht immer konnten die NBA-Superstars die hohen Erwartungen erfüllen. Es benötigte einige Momente der Demütigung, um zu lernen, dass große Namen keine Goldgarantie mit sich bringen.

Am 8. April 1989 veröffentlichte die New York Times einen Artikel, dessen Inhalt den internationalen Basketball für immer veränderte. Der Beginn lautete folgendermaßen: „Der Regierungsapparat der FIBA hat mit eindeutiger Mehrheit dafür gestimmt, dass Profispieler an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfen.“ Was heute selbstverständlich erscheint, war es damals auf keinen Fall. Professionelle Athleten waren so verpönt wie es dopende Sportler heutzutage sind.

Pierre de Coubertin, Gründervater der Olympischen Spiele der Neuzeit, war der Ansicht, dass Professionalismus die Moral des Wettkampfes untergraben würde, weil bezahlte Athleten einen unfairen Vorteil gegenüber Amateuren hätten. Coubertin starb 1937. Seine Wertvorstellung lebte vorerst weiter.

Doch als der professionelle Sport in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommerziell immer erfolgreicher wurde, waren die Moralapostel vom Internationalen Olympischen Komitee gezwungen, ihr Regelwerk zu überdenken.

Man sollte meinen, die USA, das Mekka des Basketballs, hätte diese Entscheidung mit offenen Armen empfangen. Die NBA war schließlich schon zu diesem Zeitpunkt die stärkste Basketball-Liga der Welt mit den besten Spielern des Planeten.


Klar, die Amis hatten bis 1989 auch ohne den Einsatz von Profis zehn von möglichen 13 olympischen Goldmedaillen geholt. Doch die Pseudo-Amateure der Sowjetunion machten den deutlich jüngeren College- und High-School-Spielern deutlich zu schaffen. 1988 stand die USA abgesehen vom Boykott acht Jahre zuvor erstmals nicht im olympischen Basketball Finale.

Dennoch hatte das Land der „Stars and Stripes“ gegen die Zulassung von Profis gestimmt. Mit dieser Denkweise waren die Funktionäre nicht allein. Eine Umfrage der Associated Press unter NBA-Spielern ergab, dass nur 58 Prozent Lust hätten, an den „Olympics“ teilzunehmen. Tim Duncans legendäres Zitat „FIBA sucks“ schwirrte schon in den Köpfen der meisten Basketball-Stars, bevor „The Big Fundamental“ die beiden Wörter in den Mund nahm.

Isiah Thomas, einer der besten NBA-Spieler der Achtziger, begründete seine Wahl folgendermaßen: „Wenn wir Profis bei Olympia zulassen, sieht es so aus, als würden wir um jeden Preis gewinnen wollen.“ Für viele weitere Baller wurde der „World Champion“ zudem nicht auf Länderspielebene, sondern mit der NBA-Meisterschaft ermittelt. Die Olympischen Spiele waren nicht viel mehr als Lückenfüller in der basketballlosen Zeit.

Rise
Dass die USA 1992 in Barcelona dennoch mit einer unglaublichen Startruppe antraten, verdankten sie zu großen Teilen Rod Thorn. Der damalige Vize-Präsident der NBA für Basketball-Angelegenheiten führte das Auswahl-Komitee an. Michael Jordan, der aktuelle MVP der Liga sollte unbedingt dabei sein.


MJ zögerte aber. Er hatte schon 1984 als College-Spieler olympisches Gold geholt. Erst als Thorn Larry Bird und Magic Johnson überzeugen konnte, die Spiele als würdiges Karriereende zu nutzen, stieg der Enthusiasmus bei „His Airness“.

Von da an, war es kein Problem weitere Superstars zu rekrutieren. Scottie Pippen, John Stockton, Karl Malone, Patrick Ewing, Chris Mullin, David Robinson und Charles Barkley gaben ihre Zusage bis zum September 1991. Selbst Isaiah Thomas hatte auf einmal Interesse. Doch Jordan stellte gegenüber Thorn klar: „Rod, ich werde nicht spielen, wenn Isiah Thomas im Team ist.“

Mit dieser Abneigung gegenüber dem Point Guard der Detroit Pistons war er nicht allein. Magic Johnson präzisierte: „Isiah hat es sich selbst verbaut. Niemand im Team wollte mit ihm zusammenspielen.“

Damit spielte er unter anderem auf den von Thomas initiierten „Kein-Pass-zu-Jordan“-Pakt vom All Star Game 1985 an. Die verbliebenden beiden Plätze gingen schließlich an Clyde Drexler und Christian Laettner, um wenigstens einen einen Amateur im Kader zu haben.

Dass Dream Team, wie die Mannschaft inzwischen von der Sports Illustrated getauft worden war, sollte eben genau als das auftreten - als Team. Aufgrund der abnormalen Stardichte war die Frage danach, wer diese Mannschaft schlagen sollte, mehr als berechtigt. Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.


In Barcelona sollte das USA Basketball Team alle seine Spiele gewinnen und das mit durchschnittlich 43 Punkten Differenz. Ungeschlagen gingen Jordan, Bird und Magic aber nicht durch den Sommer. Ausgerechnet eine Auswahl der besten College-Spieler zwang die Mannschaft von Chuck Daly in die Knie. 54:62 hieß es am 24. Juni 1992 in La Jolla, Kalifornien.

Für die Amateur-Truppe liefen damals unter anderem Chris Webber, Grant Hill, Anfernee Hardaway, Jamal Mashburn und Allen Houston auf. Houston erinnerte sich an den merkwürdigen Moment: „Die Zeit lief ab und wir lagen vorne. Jede schaute sich verlegen um und dachte: ‚Das hätte nicht passieren sollen.‘ Für einige Minuten sagte niemand etwas.“

Unbekümmertheit hatte über Unterschätzung triumphiert. Jahre später konnte das sogar Großmaul Charles Barkley zugeben: „Als wir sie das erste Mal sahen, schauten sie für uns wie Babies aus. Wir dachten uns: ‚Lasst uns diese kleinen Kinder nicht zerstören‘. Sie spielten aber wie in einem Spiel 7. Bevor wir das merkten, hatten sie uns bereits überrumpelt.“ Es war ein Warnschuss zum richtigen Zeitpunkt.


Das Dream Team begann von da an wirklich als Mannschaft aufzutreten. Es wurden klare Rollen festgelegt und auch eingehalten. Das Resultat war eine Formation mit schier unbegrenzten Möglichkeiten. Aufbau Magic Johnson hatte die Qual der Wahl, wen er mit seinen Pässen bedienen sollte.

„Ich schaue nach rechts, da war Michael Jordan. Ich schaute nach links, da war Charles Barkley oder Larry Bird. Ich wusste einfach nicht, wo ich den Ball hinwerfen sollte.“ Ein Problem, von dem jede andere Mannschaft auf dieser Welt nur träumen könnte.

Das Potential der Startruppe war schon immer hoch gewesen. Der Unterschied zum Beginn der Vorbereitung war, dass das Dream Team seine Stärken nun konsequent ausspielte und keinen Gegner mehr unterschätzte. So soll Michael Jordan am Tag vor dem Eröffnungsspiel gegen Angola stundenlang Video-Scouting der Afrikaner betrieben haben. Auf der Frage nach dem „Wieso“ antwortete er schlicht: „Ich nehme meine Gegner immer ernst.“


Die USA gewannen gegen den Afrikameister 116:48, legten zwischendurch einen 46:1-Lauf hin. Die Spiele der Amis hatten keinen sportlichen Wert, dafür waren sie Kunst, die die ganze Welt bestaunte. Coach Daly sagte nicht umsonst: „Es war, als ob man Elvis und die Beatles vereint hätte, als ob man mit zwölf Rockstars reisen würde.“

Ex-NBA-Commissioner David Stern sah das Dream Team als Katalysator für Globalisierung seiner Liga. „Die Basketballwelt hatte die NBA eingeladen an ihr teilzuhaben und wir haben ‚Ja‘ gesagt. Die FIBA hat davon profitiert. Wir haben davon profitiert. Der Basketball hat davon profitiert.“

Zu dem Zeitpunkt, als die Mitglieder des Dream Teams ihre Goldmedaillen überreicht bekamen, standen in der National Basketball Association gerade einmal 21 Nicht-Amerikaner unter Vertrag. Seit der Saison 2014/15 sind es über 100.

Der Auftritt des 92er Teams löste nicht nur einen globalen Hype um das orangefarbene Leder aus, er ermutigte die unterlegenen Nationen auch in ihre eigenen Basketball-Programme zu investieren. So wie in Barcelona wollte sich niemand mehr vorführen lassen.

Fall
Auch wenn die USA aus den Olympischen Spielen 1996 und 2000 erneut als Sieger hervorgingen, die spielerische Leichtigkeit, die mit dem Begriff Dream Team verbunden war, ging den Amerikanern immer mehr verloren.

Schon im Halbfinale von Sydney waren es gerade einmal zwei Punkte, die sie von einem Ausscheiden gegen Litauen bewahrten - ein Land, das nicht einmal auf ein Prozent der Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten kommt.


Während der Rest der Welt basketballerisch große Entwicklungssprünge machte, ruhten sich die NBA Stars auf ihrem Erfolg aus. Die Zuschauer bekamen das Gefühl, dass die Mission Gold für die Multimillionäre inzwischen mehr eine lästige Pflicht denn eine ehrenvolle Aufgabe war. Dies sollte sich nach einer Dekade ohne verlorene Partie rächen.

Ausgerechnet bei der Heim-WM 2002 setzte es in neun Spielen drei Niederlagen. Die Konsequenz: Platz sechs. So schlecht war ein amerikanisches Team bei einer Weltmeisterschaft noch nie gewesen.


Während es Topscorer Paul Pierce einfach nur „peinlich“ war, zum ersten Profiteam zu gehören, das verlor. Trieb die Niederlagenserie Head Coach George Karl zur Weißgut: „Hat das Geld und die Gier der NBA einen Einfluss auf unsere Wettbewerbseinstellung? Ja, das könnt ihr so schreiben“, brüllte er den Journalisten in Indianapolis damals zu.

„Ich denke immer noch, dass wir die Besten der Welt sind, aber die anderen holen uns ein.“ Karl kritisierte vor allem die Nachwuchsförderung: „Es steht für mich außer Frage, dass die 16-, 17- und 18-Jährigen in Europa und dem Rest der Welt besser gecoacht werden und mehr Zeit in der Halle verbringen.“


Dass Länder wie Deutschland, China oder Argentinien mit Dirk Nowitzki, Yao Ming und Manu Ginobili in den Jahren zuvor ihre wahrscheinlich besten Basketballer aller Zeiten ausgebildet hatten, während in den USA nach dem Abtritt von Jordan und Co ein Starvakuum entstand, unterstützte seine These.

Dementsprechend fiel das Fazit des letztjährigen Trainers der Sacramento Kings aus: „Wenn wir von unseren besten Spielern erwarten, für ihr Land zu spielen, dann tun wir gut daran, sie richtig dafür vorzubereiten.“ FIBA-Basketball ist eben kein NBA-Basketball.

Für die Olympischen Spiele 2004 fand Karls Vorschlag jedoch noch kein Gehör. Die wild zusammengewürfelte amerikanische Mannschaft, die auf einige ihrer besten Spieler wie Kobe Bryant oder Jason Kidd verzichten musste, wurde in Athen noch schlimmer gedemütigt als zwei Jahre zuvor in Indiana.

Im Eröffnungsspiel gegen Puerto Rico setzte es eine 21-Punkte-Schlappe. Carlos Arroyo, ein Point Guard mit einem NBA-Karriereschnitt von 6,6 Punkten und 3,1 Assists, nahm die Defensive des Rekordsiegers nach seinem Gefallen auseinander.


Mit Müh und Not reichte es am Ende zur Bronzemedaille. Nun schrillten die Alarmglocken nicht nur bei George Karl. Sam Mitchell, der in jenem Sommer den Trainerposten der Toronto Raptors übernahm, brachte das Dilemma genau auf den Punkt: „Du kannst nicht einfach aufwachen, innerhalb von zwei Wochen ein Team zusammenstellen und damit eine Mannschaft schlagen, die über Jahre auf diesen Moment hingearbeitet hat.“

Redemption
Im folgenden Sommer wurden daher die bedeutendste Weichenstellung in der jüngeren Geschichte des amerikanischen Basketballs getätigt. Jerry Colangelo bekam 2005 den Job als Direktor der Nationalmannschaft. Der Plan des ehemaligen NBA-Managers sah vor über drei Jahre mit denselben Spielern zusammen zuarbeiten. Diese sollten 2008 in Peking dazu in der Lage sein, das olympische Gold zurückzuerobern. Das „Redeem Team“ war geboren.

Colangelo verstand es, nicht den Spielern von 2004 die Schuld am schwachen Abschneiden zu geben, sondern dem System. So lautete seine Devise: „Wir müssen die Kultur ändern.“ Dafür wurde als erstes ein Trainer gesucht, der dem Team über mehrere Sommer hinweg seine Handschrift verpassen würde. In Mike Krzyzewski von der Duke University wurde der passende Head Coach gefunden.

„Coach K und ich unterhielten uns darüber, wie das Team wieder Amerikas Mannschaft werden könnte“, erzähle Colangelo von einem der ersten Treffen mit seinem neuen Trainer. „Wir kamen zu dem Entschluss, dass es nur geht, wenn sich die Spieler wieder ganz in den Dienst der Mannschaft stellen.“


Krzyzewski nahm das Angebot sofort an: „Ich hätte erst meine Frau fragen sollen, aber es gibt keine größere Ehre als dieses Amt.“ Genau diese Einstellung wollte er auch von seinen zukünftigen Spielern sehen.

Eine wichtige Rolle kam dabei den Youngstern des 2003er Draft Jahrgangs zu. Sie waren jung genug, um über Jahre den Kern der Mannschaft zu bilden. LeBron James und Carmelo Anthony waren schon bei Olympia 2004 dabei gewesen. Bei der WM zwei Jahre später folgten Dwayne Wade und Chris Bosh.

In Japan reichte es zwar erneuet nur zum dritten Platz. Doch die Unterschiede in der Spielphilosophie im Vergleich zu den Teams aus den Vorjahren waren unverkennbar.


Die Wiedergutmachung folgte erst im August 2008 in Peking. Coach K’s Mannschaft gewann ihr Spiele nicht so hoch wie das Dream Team 16 Jahre zuvor. Das lag aber weniger an einem schwächeren Team USA als an der deutlich höheren Leistungsdichte der restlichen Nationen.

Das Finale gegen Spanien gilt als das beste olympische Endspiel aller Zeiten. Selbst der unterlegene Pau Gasol blickt gerne zurück: „Es war ein sehr ausgeglichenes Spiel. Sie machten ein paar Körbe, wir konterten sofort. Es hat wahnsinnig Spaß gemacht, bis Kobe in den letzten Minuten übernahm.“


Die Lakers Legende erzielte in den letzten 190 Sekunden acht Punkte, darunter ein Dreier mit Foul, und hatte damit wesentlichen Anteil am 118:107-Erfolg. Viel wichtiger als der Sieg war Bryant aber eine andere Sache. „Ich denke das Verständnis von uns als Team ist bedeutender als die Goldmedaille. Es geht darum, unser Land zu vertreten und es in der richtigen Art und Weise zu vertreten. Coach K und Colangelo haben gute Arbeit geleistet, uns diese Kultur beizubringen.“

Auf diesem System konnte aufgebaut werden. 2012 verteidigten die USA nicht nur ihre Goldmedaille. Sie entwickelnden dafür auch ein Selbstverständnis, das dem originalen Dream Team von allen Nachfolge-Mannschaften am nächsten kam.

Nicht ohne Grund wurde vor, während und nach den Wettkämpfen in London darüber diskutiert, ob die 2012er Mannschaft gegen die 92er hätte gewinnen können. Kobe Bryant war sich seiner Sache sicher: „Es wäre schwer, aber klar könnten wir das. Zu behaupten, wir könnten sie nicht schlagen, wäre verrückt.“


Letztlich ist es egal. Zu diesem Duell wird es nie kommen. Wichtig für den amerikanischen Basketball ist, dass sich auch das dezimierte Aufgebot für die kommenden Spiele in Rio nicht davor fürchten muss, ohne Gold nach Hause zu fliegen. Es sind nicht mehr einzelne Spieler, die den Unterschied für das Team USA machen. Es ist das System.

Der größte Star des diesjährigen Kaders lautet Kevin Durant. Sein Lebensmotto „hard work beats talent when talent fails to work hard“ passt nicht nur perfekt zum Ansatz von Colangelo, es dürfte ebenso einem gewissen Pierre de Coubertin gefallen - auch wenn Durant einer der bestverdientesten Profisportler überhaupt ist.