14 Juli 2016

14. Juli, 2016


Impressionen aus dem Leben des besten Verlierers, den die NBA je gesehen hat.

von ANNO HAAK @kemperboyd
 
2013: "You can't do that!"
...brüllt Gregg Popovich. Wut quillt aus allen Poren. Wenige Meter entfernt von ihm sitzt Jeff van Gundy und philosophiert über den "einen" Mangel in der Instant Replay Regel (Disclaimer: es gibt mehr als einen).

Van Gundy, der beste Trainer, der niemals war, und Popovich, der beste Trainer, der nie ins Fernsehen wollte, reden über die selbe Szene und meinen zwei völlig verschiedene Dinge. Die Schiedsrichter haben den schnellen Angriff der Spurs mit hektischen Pfiffen gestoppt.

Die Spurs bekommen eine Auszeit, die sie eigentlich nicht mehr haben. Van Gundys "Mangel". Popovich sieht etwas anderes auf seiner Taktikgooglebrille. Sie können sich sortieren. Was sie nicht gekonnt hätten ohne die ADS-Pfeiferei.

Zwei Minuten später wirft er ein. Er wäre Teil der kontroversesten Szene des Basketballs gewesen, wenn Tony Parker ein Wunder geschafft hätte. Der Franzose schafft es nicht. Der letzte Angriff endet in der Luft. 

Er bleibt locker. Was macht das schon für einen Unterschied? Ray Allens Dreier war ein Dreier. Fokus, bleib locker, Pop! Verlängerung in Spiel 6 der NBA Finals 2013, Miami wins!

1997: San Antonio? Auch kein leichtes Leben
Er hat verloren, kaum dass die Tischtennisbälle, mit denen ausgelost wird, wer ihn bekommt, ihre Destination gefunden haben. Sporen statt Kelten. Eine Verliererfranchise statt dem Team, das eine Meisterschaft gewinnt. Und danach noch eine. Das gleiche in Grün. Larry Legends Rücktritt mag ein Loch gerissen haben, aber 'We the Celtics!'

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No, you not! Der Zauber ist verflogen. Len Bias war kein bedauerlicher Einzelfall (Disclaimer: in keiner Beziehung). Das Glück, die launische Anbieterin käuflicher Liebe, hat genug grüne Scheine auf dem Nachttisch und wendet sich neuen Ufern zu. In Texas wird sie fündig, dem christlichen Zentrum der vermeintlichen Bigotterie.

Nicht der Rekordmeister, der mit suizidalem Ehrgeiz Spiele vergeigt hatte, um den Himmel voller Banner hängen zu können, bekommt den Pick, der die Welt bedeutet. Statt dessen dürfen die Spurs den designierten Franchiseretter von den Jungferninseln auswählen. Die Celtics waren schlechter, als sie aussahen, bei den Spurs war das umgekehrt.

Boston bekommt Ron Mercer und Chauncey Billups, die Spurs kriegen ihn. Sie verdienen ihn nicht, sie brauchen ihn nicht. Der Mann, der der größte Gewinner der Basketballgeschichte werden wird, verliert, bevor er je gespielt hat. Was wollen sie mit noch einem Big Man, fragen sich viele. Mit dieser Losertruppe wird er sein Talent im Abo auf ein unehrenhaftes Zweitrundenaus verschleudern, unken manche.

Die Sporen sind die Antithese ihres zukünftigen selbst. Wenn das Geld auf dem Tisch liegt, wird konsequent versagt. Die Welt mag David Robinson den "Admiral" nennen, die Klasse damals junger Menschen, die heute Kommentarspalten unter Basketballartikeln mit verstandsbefreiten Kommentaren vollmüllen würden, nennt ihn einen Vier-Sterne-Choker. Direkt unter dem Eisen an der Uniform das 'red heart' für tödliche Verwundung im Kampf gegen Hakeem.

Das Narrativ liefert Dennis Rodman. Was kann eine Franchise richtig machen, die mit Bob Hill einen unfähigen Trainer hat(te) und mit Gregg Popovich einen profilneurotischen GM ohne messbaren Basketball-IQ? Die gemeinsam Will Purdue für den besten Brettabfischer des bekannten Universums ertradeten? Eben!

So war das damals. "The Menace" erklärte die Spurs zur Verliererorganisation und jemand hörte zu. Jemand glaubte ihm. Auch ernst zu nehmende Menschen. So lange war er in der NBA. With the first pick in the 1997 NBA draft..., San Antonio wins!

2006: Dirk as Dirk can
Ginobili steht auf seinem patentierten Spot, halblinks direkt an der Stadtgrenze. Dann spursen die Spurs, wie sie nie mehr gespurst haben. Ball an den Zonenrand zu ihm. Zwei Dribblings, ein halbherziges Mavs-Doppeln, Ball wieder raus genau auf das argentinische Brustbein. Ball runter, Ball hoch, das Handgelenk klappt...bang.

Und schon hat San Antonio einen 20+-Punkterückstand aufgeholt. Führt mit drei. Auszeit. 32,2 Sekunden auf der Uhr. Dirk im Post. Bowen hakelt, Bowen schiebt, Bowen weiß, was passiert. Baseline Turn, einbeiniger Jumper, klar. Der Würzburger hat eine andere Idee.

Drehung über rechts, ein Rennpferdantritt und er ist am Korb, Lefty Layup... And One. Zwanzig Sekunden später wird er von Dirk geblockt (Disclaimer: nein, habe ich mir nicht ausgedacht). Overtime.


Fünf Nettominuten später gehören die Spurs zum antiillustren Kreis von Teams, die ein siebtes Spiel zu Hause in der Verlängerung verloren haben. Western Conference Playoffs 2006, Runde 2, Mavs win!

Dann geht er ab
Zwei große Spiele und ein Draft, Tim Duncan hat sie alle (vermeintlich) verloren. Er spielte Basketball, wie man ihn spielen muss, wurde jetzt häufig gesagt. Er hat mehr Spiele gewonnen als manche der Expansion.Franchises seit Ende der Achtziger, rechnen manche vor. Er hat nie die Playoffs verpasst, vermerken viele. Sie haben alle recht, und doch nicht.

Ich dachte nach, was Timothy Theodore Duncan für mich zu dem absolut einzigartigen Spieler machte, der er war. Es war sein Umgang mit Niederlagen. Er entzog der Schlacke des Basketballerlebens den süßen Nektar des Triumphs. Minuten, nachdem Dirk ihn 2006 geblockt hatte, ging er ab. Die Umarmung für Dirk Nowitzki ist mehr als Standard. Sie ist die genuine Anerkennung, dass da an diesem Abend einer besser war als er selbst. Das ist Sport, das ist Tim Duncan.

Das Shampoo ist kaum aus den Haaren gespült, da fragen sie ihn, ob die Spurs zu alt sind. Im Mai 2006 war das, Sommermärchenzeit. 12 Monate später sweepen sie die Cavs. Er machte nie Gewese um die bitteren Pleiten, die er im Triumph nie vergaß.

Er knirschte nicht mit den Zähnen, er gab keine Interviews und erzählte, was er alles besser machen würde, und warum er eine selbstoptimierte Person werden will. Er ging vom Podium, er machte Heimaturlaub, er arbeitete. Dann spielte er und zeigte LeBron, wo Barthel den Most holt.

The Spurs made him
Die Franchise machte ihn zu dem, der er war. Sie komplimentierte die stoische Persönlichkeit, sie machte seine Mannschaftsdienlichkeit zum Teil ihrer Kultur. Deshalb machte er die Spurs, so sehr wie umgekehrt.

Er draftete Tony Parker so wenig wie Manu Ginobili. Er hatte nicht die Idee, George Hill für Kawhi Leonard abzugeben. Aber keiner dieser Spieler wäre irgendwo anders zu dem geworden, was er ist. Das ist das Verdienst der Spurs. Es ist das Verdienst der Duncan-Spurs.

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Boston hätte es werden können, San Antonio sollte es sein, dann ist das so. In Boston schreiben sie heute noch "What if"-Geschichten. Larmoyanz über das verpasste grüne Trikot ist nicht überliefert.

Duncan jammerte nicht, er stellte das Schicksal nicht in Frage. Er kam, er ging an die Arbeit. Er machte aus einem Choking Team den größten Champion der modernen NBA...und brachte Paul Pierce nach Beantown.

Vizemeisterschaft am grünen Tisch
2013 ist der letzte Spurs-Titel sechs Jahre her. Andere hätten längst aufgegeben. Die Dauer einer durchschnittlichen NBA-Karriere hoch drei wartet er auf das Gold in den Armen und das Geschmeide am Finger.

Dann kommt der Herzensbrecher aus der Ecke. Popovich brüllt, Van Gundy salbadert, Brean ist außer sich. Wenn Duncan je den Überblick verloren hat, dann in Spiel 6 der NBA Finals 2013.

Als die Schiedsrichter festgestellt haben, dass the purest Jump Shot in the NBA von hinter der Linie abgeflogen war, geht er zur Grundlinie. Die letzte Chance war eine vergebene, bevor er den Ball in der Hand hatte. Er hätte ihn nicht nehmen dürfen. Shuttlesworths Bombe sah er von der Bank. Er durfte nicht eingewechselt werden.

Niemand bemerkt es. Niemand fragt ihn danach. Es wäre auch sinnlos gewesen. Er hätte gesagt, was immer "vergossene Milch" auf englisch heißt. Er ging sowieso vom Podium und arbeitete für Spiel 7.

"Really?"
...und als auch das verloren und der Traum von der vermeintlich finalen Meisterschaft dahin ist, wagt es jemand, ihn zu fragen, ob er zurückkommt. Er klebt sich kein Tape über den Mund, er bricht die Pressekonferenz nicht ab. Er zieht die Braue Richtung Firmament und fragt "Echt jetzt?"

So war er, der Stoiker vom Dienst. Die Heat haben ihm gerade das Herz herausgerissen und er quittiert die dümmsten Fragen mit Bierruhe. So wie jede Frage. Tim Duncan war die Antithese des modernen NBA-Superstars. Er konnte nicht springen, er machte sich nicht viel aus (sozialen) Medien, Mode oder Image.

Dass man ihn langweilig nannte, kümmerte ihn nicht nur nicht. Er schien es gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Diese Attitüde war nie aufgesetzt. Er entwarf kein 10 Dollar Sneaker, er klopfte sich nicht auf die Brust, weil er nie einen Trade forderte, er wollte gar keine Marke werden. Und auch keine Anti-Marke. So wurde er zur Ikone.

Sixtyseven
Dann arbeitete er, kam zurück, drehte die Klimaanlage ab und gewann den fünften Ring. "Zeig mir einen guten Verlierer und ich zeige Dir einen Verlierer", hat ein Mensch mal gesagt, der Tim Duncan nicht kennen konnte. Duncan hätte wohl nur die Braue hochgezogen und nicht einmal "Really?" geantwortet.


Duncan verlor oft. Duncan verlor gut. Immer. Duncan nahm Niederlagen als das an, was sie sind: Inspiration. Dann ging er arbeiten und dann war er besser. Besser als vorher. Besser als der Gegner. Deshalb drängelten sich der Neu-Bulle und der Auserwählte um den ersten Hug, als sie ihn gerade niederschmetternd besiegt hatten, damals 2013.

Manche sagen jetzt, er hat zu spät aufgehört. Manche sagen jetzt, Tim Duncan war die größte Chance der Menschheit, Vater Zeit zu schlagen, und die Menschheit hat sie vergeben. Michael Jordan hat mal darüber philosophiert, ob es nicht gesund gewesen wäre, 1998 zurückkommen und besiegt zu werden. Zu sehen, dass es einen Besseren gibt.

Abgesehen davon, dass er ihn in den 99er Finals gefunden hätte: Tim Duncan ist besser als Michael Jordan. Zumindest in dieser Hinsicht. Er etablierte die beste Defensive der NBA-Geschichte. Er gewann 67 Spiele, er fand einen Besseren. 2016. Mit 40. Er nahm es zur Kenntnis. Er verlor. So wie er sein Leben lang verloren hatte. 1997 und 2006 und 2013.

Tim Duncan war der beste Verlierer, den die NBA je hatte. Das machte ihn zu einem der größten Sieger des Basketballs. Und er drehte nicht einmal einen "Failure"-Werbespot darüber.

Er suchte nicht den großen Knall zum Abgang wie ich zum Ende dieser Hommage. Keine große Operette, keine 60 Punkte, nirgends, keine Rede, nichts. Er ging so, wie er immer war, so, wie er Basketball spielte, so wie er einmal mehr verlor als gewann. Still. Fair. Groß. Tim. Duncan. Auf bald!