18 Juli 2016

18. Juli, 2016


von CHRISTOPH LENZ @NBAKenner

Die Bezahlung von NBA-Spielern ist ein ebenso komplexes wie häufig diskutiertes Thema. Wer warum wie viel bekommt, ist oft nicht rational zu erklären, sondern hängt von unterschiedlichsten Faktoren ab - zu denen neben BWL-Grundlagen wie Marktnachfrage, verfügbaren Alternativen und finanzielle Machbarkeit (Stichwort „Bird-Rechte“) auch weniger greifbare Dinge wie „Sympathie“ oder „verstecktes Potenzial“ zählen.

Diese können im Einzelfall aufgedröselt und durchdekliniert werden und am Ende steht eine mehr oder weniger genaue und gute Erkenntnis, warum Spieler W Team X genau Y Dollar für die nächsten Z Jahre wert ist. Zu jedem dieser Faktoren gibt es zig unterschiedliche Meinungen... und somit auch genauso viele dazu, ob der Spieler denn nun über- oder unterbezahlt sei.

Neben solchen komplexen Vertragsanalysen gibt es auch eine andere Herangehensweise an das Thema „passende Bezahlung von NBA Spielern“. Nämlich die Möglichkeit, die erbrachte Leistung ins Verhältnis zum Gehalt zu setzen. Dafür habe ich die Betrachtung auf die klassischen Boxscore-Stats Punkte, Rebounds und Assists verkürzt. 

Das vernachlässigt natürlich wichtige Elemente wie Effizienz, der „Fit“ im Team und vor allem die Leistung in der Defensive, was im Einzelfall natürlich die Bewertungen beeinflussen muss. Daher ist diese Analyse zwar ein Hilfsmittel bei der Einordnung von Verträgen, aber keine Wunderwaffe oder ein allgemein gültiges Tool zum Errechnen von Spielergehältern.

Um in Zeiten des schwankenden Salary Caps überhaupt Vergleiche in Sachen „Output je Input (Gehalt)“ anstellen zu können, ist es ratsam die Gehälter nicht in absoluten Dollar-Werten, sondern in Prozent des Salary Caps darzustellen. Dadurch wird schnell deutlich, wie stark sich der Wert einzelner Verträge verändert.


Meine Analyse der neu abgeschlossenen Verträge konzentriert sich darauf, die (potenzielle) Leistung an Statistiken von Spielern zu messen, die in den vergangenen drei Saisons (2013/14 bis 2015/16) jeweils im Rahmen von einem Gehalts-Prozentpunkt über und unter dem Prozentsatz des neuen Vertrags lagen. 

Auf dieser Basis ergibt sich ein Durchschnittswert, der dann die Messlatte für einen Spieler mit diesem Gehalt darstellt, und eine Vorgabe ist, was der Spieler bringen muss, um sein Gehalt zu rechtfertigen und/oder über- oder unterperformt.



Jeremy Lin 
(12,2% vom Cap)
Das erste Beispiel ist Jeremy Lin. Er verdient bei den Brooklyn Nets im kommenden Jahr 11,48 Millionen Dollar, was etwa 12,2% des Salary Cap von 94,1 Millionen Dollar ausmacht. Um mehr Vergleichswerte zu erhalten, betrachte ich alle Spieler mit 1,0 Prozentpunkten mehr oder weniger, also alle Spieler, die im Zeitraum von 2013/14 bis 2015/16 zwischen 11,2 und 13,2% des Salary Caps ausbezahlt bekamen. 

Das schließt zum Teil auch Rookie-Verträge ein, was aber die Aussagekraft der Analyse nicht verwässern sollte, da diese wertvollen Verträge ja in dieser Form existieren und die betreffenden Spieler eben genau den dargestellten „Output je Dollar“ bringen.

Die Gehaltsgruppe in die sich Lin nun einordnen wird, enthält sowohl All-Stars wie Kyrie Irving (Rookie Contract 14/15) und Isaiah Thomas, als auch Spieler vom Schlage eines Lance Stephenson oder Brandon Jennings die ihre Verträge in der abgelaufenen Saison nicht annähernd mit so vielen Punkten und/oder Rebounds bzw. Assists rechtfertigen konnten wie die erstgenannten. 

Um als durchschnittlicher Spieler seiner Gehaltsklasse zu gelten, also „genau richtig bezahlt“ zu sein müsste sich Jeremy Lin irgendwo um die 12,7 Punkte, 4,3 Rebounds und 2,9 Assists einordnen. Die Durchschnittswerte enthalten natürlich Spieler aller Positionen (in diesem Fall 51 Spieler), daher kann z.B. bei einem Point Guard wie in Lins Fall der zu erwartende Assist-Wert eher höher als beim Durchschnitt, der Rebound-Wert dagegen eher drunter angenommen werden.


In der abgelaufenen Saison war Jeremy Lin in seiner Backup-Rolle mit begrenzten Minuten hinter Kemba Walker schon ausgesprochen nahe an allen drei Zahlen dran. Davon ausgehend, dass seine Rolle in Brooklyn signifikant größer als die in Charlotte sein sollte, ist es durchaus realistisch, dass selbst ohne ein neues „Linsanity“ der Vertrag von Jeremy Lin ihn eher unterbezahlen wird... oder er zumindest angemessen für das, was er leisten kann soll und wird, bezahlt wird.

Kent Bazemore 
(16,7% vom Cap)
Die 15,73 Mio. $, die Kent Bazemore im kommenden Jahr nach seiner Verlängerung bei den Atlanta Hawks verdienen wird, lassen nicht nur sein Bankkonto, sondern auch die in ihn gesteckten Erwartungen gewaltig wachsen. 

Da er sich jetzt in einer Gehaltsklasse mit seinem Kumpel aus Warriors-Zeiten, Stephen Curry, oder der 2013/14er Version von Russell Westbrook befindet, ist es sicher, dass Baze nicht mehr zu den ganz Großen seiner Gehaltssphäre zählen wird, wie es noch letztes Jahr der Fall war, als er mit nur 2,86% des Salary Cap seinen Durchbruch als Starter in der NBA feiern durfte.

Bei seinen Hawks hat sich so einiges verändert, das Team um ihn herum hat ein nagelneues Gesicht. Bazemores Rolle sollte sich allerdings nicht bedeutend ändern. Dadurch, dass Dwight Howard als neues Element im Spiel der Hawks das Geschehen und die gegnerische Defensive näher in Korbnähe rückt, könnten sich auf dem Flügel mehr Räume und Würfe für Bazemore und Korver ergeben, als das mit dem guten Dreierschützen Al Horford der Fall war. 

Hält Bazemore seine Effizienz und harmoniert er mit Schröder und Howard ähnlich wie mit Teague und Horford, sollte er die Zahlen der Vorsaison bestätigen können. Vielleicht ist noch ein kleiner Scoring-Push drin, dafür könnten die verfügbaren Rebounds durch Howards Präsenz weniger werden.


Bazemore wird sich ohne große Entwicklung oder Sprünge nicht wirklich deutlich als überdurchschnittlicher Spieler in seiner Gehaltsgruppe positionieren können, sollte aber zumindest an der Marke kratzen und seinen Vertrag damit rechtfertigen. In einer reinen „schwarz-weiss-Betrachtung“ ist die Chance, dass er im kommenden Jahr tatsächlich überbezahlt ist, aber durchaus realistisch. 

Harrison Barnes 
(23,5% vom Cap)
Einer der häufiger und heftiger kritisierten Verträge der Free Agency 2016 ist der Maximalvertrag, den die Dallas Mavericks an Harrison Barnes unterbreitet haben. Dieser katapultiert den „Black Falcon“ in eine Einkommenskategorie mit James Harden und Paul George. 

Dass er sich auch nach der kommenden Saison als Alpha-Mav höchstwahrscheinlich nicht in die Güteklasse dieser Top 15 Spieler und Abo-Allstars einordnen wird, ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Dass er aber produktiver als sein ehemaliger Teamkollege David Lee sein wird, erwarten selbst schärfste Kritiker.

In Dallas wird von ihm gefordert werden, dass er eine Führungsrolle übernimmt und das Team trägt. Der Blick auf die Zahlen, die der imaginäre durchschnittliche Spieler mit 23,5% des Salary Cap auflegte, zeigt einen Spieler, der vielleicht kein All-Star wird, aber im Stile eines Nicolas Batum ein Team mit Vielseitigkeit führen kann. Batum wird dabei von Kemba Walker, Barnes von Dirk Nowitzki unterstützt, sodass weder die komplette Scoring- noch Führungsverantwortung allein bei ihm liegen werden. 


Ausgehend von den 2015/16 Werten, die Barnes neben Curry, Thompson, Green und Iguodala aufgelegt hat, fehlt noch ein gutes Stück, um den Erwartungen und Gehaltszahlungen in Dallas gerecht zu werden. 

In Barnes‘ Fall ist es durchaus möglich, dass er dort hinkommt, aber ein klares Scheitern an den gestiegenen Anforderungen steht bei weitem nicht außer Frage. Wenn er sich nicht so klar verbessert, dass er die angesprochene Batum-Rolle tragen und ausfüllen kann, oder er sogar auf seinem Warriors-Niveau stagniert, dann ist er als klar überbezahlt anzusehen. 

Schafft er den erhofften Sprung aufs nächste Level, ist es durchaus möglich, dass er den Vertrag angemessen mit Leben füllt. Weniger wahrscheinlich, aber (in Anbetracht der doch recht moderaten Werte die er erreichen muss) nicht ausgeschlossen ist, dass sein Vertrag in ein bis zwei Jahren als wirklich guter Deal gilt.

Mario Chalmers 

(k/A) 
Nein, ihr habt kein Signing verpasst: Mario Chalmers ist nach wie vor ein Free Agent. Als kleines Experiment werde ich mich daran versuchen, wie gut die Methode umgekehrt funktioniert. Natürlich können Entscheidungen wie Minimalverträge bei Contendern hier nicht einberechnet werden.

Aber ich versuche in etwa darzustellen, wie viel Mario Chalmers angesichts seiner Stats in der vergangenen Saison (in seinem konkreten Fall ist das faszinierenderweise bis auf 0,1 Punkte pro Spiel in den untersuchten Kategorien identisch mit der Saison 2014/15) verdienen sollte.

Dazu gehe ich den umgekehrten Weg und suche alle Verträge, mit denen ähnliche Stats (+/- 1,0 Punkte/Rebounds/Assists) wie die von Mario Chalmers erzielt wurden.


Von Jeremy Lin’s Lakers-Saison bis zu Brian Roberts‘ Minimalvertrag 2013/14 gibt es insgesamt 22 Spieler, die ähnliche Zahlen wie Chalmers‘ 10,3 Punkte, 2,6 Rebounds und 3,8 Assists pro Spiel auflegten. Ausgehend vom Salary Cap von 94 Mio. $ wäre Mario Chalmers im kommenden Jahr also mit 5,582 Millionen perfekt bezahlt. 

Seine Erfahrung in Championship Teams und sein noch nicht allzu hohes Alter könnten diesen Dollarvertrag etwas nach oben springen lassen. Allerdings ist der Nachfragemarkt wohl auch nicht mehr allzu groß, sodass Chalmers möglicherweise in die Kategorie „unterbezahlt“ fallen könnte, wenn sein neues Team mit ihm in einer ähnlichen Rolle wie zuletzt in Miami oder Memphis plant.

Miles Plumlee 
(k/A)
Um die Übung auch mit einem Frontcourt-Spieler anzugehen, habe ich Miles Plumlee ausgewählt, der bei den Bucks einen soliden Rollenspieler darstellte und zumindest für seine mit 14 Minuten pro Spiel begrenzte Spielzeit recht ordentliche Werte in den Boxscore brachte.

Ob es einem Team so viel Wert sein wird, wie es Ed Davis 13/14 in Memphis war, bevor er in Portland zu einem der besseren Backup-Bigs der Liga wurde, sollte massiv bezweifelt werden. Ein Schnäppchen-Deal wie ihn James Ennis 2014/15 für Miami in gute Zahlen ummünzte ist für Plumlees Leistungen aber auch zu wenig.


Mit Blick auf die Zahlen sollte der älteste der drei Plumlee-Brüder versuchen, einen Arbeitgeber zu finden, der bereit ist ihm die 4,3 Mio. $ (entspricht 4,58% des Caps) zu zahlen, die ein Spieler im Schnitt verdient, wenn er in etwa 5,2 Punkte, 3,6 Rebounds und 0,7 Assist zum Teamerfolg beiträgt, was von Plumlee durchaus erwartet werden kann.

Da er Restricted Free Agent ist, stellt dieser jährliche Vertragswert gleichzeitig den Punkt dar, bis zu dem Milwaukee (in der Annahme, dass er in einer ähnlichen Rolle mit ähnlichem erwartetem Output genutzt wird) gegnerische Angebote „matchen“ sollte. Bei einem höheren Angeboten müssen die Bucks dann abwägen, ob sie eine Leistungssteigerung und/oder größere Rolle für Plumlee sehen können.

Update: Plumlee verlängerte in der Nacht vom 18. auf 19. Juli in Milwaukee. Sein neuer Deal: vier Jahre, 52 Mio. $



Wie bereits erwähnt, sind all diese Gedankenspiele kein eindeutiger oder allgemeingültiger Weg, um die Gehälter von NBA-Spielern zu bewerten. Es ist aber eine Möglichkeit und bietet in dieser Zeit, die ständig neue Bezugsgrößen in Sachen Salary Cap mit sich bringt, einen zahlenbasierten, nicht emotional aufgeladenen Anhaltspunkt und eine gewisse Orientierung, was ein Spieler in Relation zu seinem tatsächlichen Gehalt bringen könnte... und sollte.


Diese Story wurde am 19. Juli auf den neuesten Stand gebracht.