12 Juli 2016

12. Juli, 2016


von HARALD MAINKA @Harrystocats

Dwyane Wade spielt für die Miami Heat. Das war immer so. 13 Jahre lang. Der Mensch hasst Veränderungen, er hasst es, Verhaltensmuster umstellen zu müssen, sich neuen Gegebenheiten anzupassen. 

Dwyane Wade soll kein Heatle mehr sein? Jaja, und eine Mannschaft überweist Evan Turner 75 Millionen Dollar für's Basketballspielen. Achso. Reality-Check. F**k! Es fällt schwer, das zu akzeptieren. Wade County konnten wir immer genau verorten. Nun haben sich die Stadtgrenzen verändert. 

In einem äußerst lesenswertem Artikel beschreibt Bill Simmons die Aura des unbestreitbaren Pat Riley, und wie der einflussreiche Teampräsident selbst gegnerische Spieler auf subtile Weise für sich arbeiten ließ. Tue gutes, und rede darüber - es fällt nicht schwer, sich den 70-Jährigen als Mafiaboss vorzustellen, wie er Spielern Ratschläge für ihren weiteren Werdegang in der Association verteilt, ganz egal, ob diese nach Südflorida destinieren oder anderswo. 

Der achtmalige NBA-Champion ist vermutlich einer der wenigen Persönlichkeiten, an deren charismatisches Auftreten wir uns noch dann erinnern werden, wenn dieser menschgewordene Alien namens Timothy Theodore Duncan das Hardwood für immer verlassen wird.
Autsch...


Rileys Vermächtnis hat mit dem Abgang des Heat-Lifers Kratzer bekommen. Dwyane Wade hat in 13 Jahren für die Heat immer alles gegeben, und immer zurückgesteckt. Die Tatsache, dass er in all den Spielzeiten kein einziges Mal Topverdiener war, wurde bereits oft erwähnt. 

2006 hievte er seine Farben nahezu im Alleingang ( 34,7 PpG; 7,8 RpG; 3,8 ApG) gegen favorisierte Mavericks zur ersten Championship. Sein Salär damals? Drittes Rookie-Jahr, drei Millionen US-Dollar. In der Ära der Big Three steckte er gehaltstechnisch am meisten zurück - obwohl er 2010 auf dem absolutem Zenit seines Könnens befand und zu diesem Zeitpunkt vielleicht der beste Spieler der Association war.

Wade gehört zu den drei besten Shooting Guards aller Zeiten, ist der größte Miami Heat aller Zeiten. Das alleine rechtfertigt natürlich noch keinen satten Rentenvertrag. 

Sicher hat Wade, genau wie Lebron James und Chris Bosh, zwischen 2010 und 2014, die gern aufgegebenen Benjamins durch entsprechendes Sponsoring und Marketing wieder eingetrieben, aber die NBA ist nun mal die Liga, in der die Wertschätzung einer Organisation dem Spieler gegenüber an der Anzahl der Dollar-Nullen vor dem Komma bemessen wird.


Die ewige Nummer drei steht auf vielen Ebenen auf einer Stufe mit  Kobe Bryant. Mit Bedenken auf die monströse Vertragsverlängerung der Lakers in 2014 zu verweisen, greift völlig daneben. Der Zweijahresvertrag über 50 Millionen Dollar glich der kompetitiven Bankrotterklärung - noch dazu für einen 35-jährigen Altstar, der sich mitten in der Reha nach einer Achillesfersenverletzung befand, die im Endeffekt sein Ende bedeutete und seine Karriere nachhaltig schädigte. 

Wade hatte in der Vergangenheit ebenfalls immer mal wieder mit Wehwehchen zu kämpfen, zeigte sich in der jüngsten Saison nichtsdestotrotz topfit und war trotz seiner 34 Lenzen der beste, zuverlässigste Akteur in den Reihen von Trainer Erik Spoelstra. Und das trotz Mitspielern wie Goran Dragic, Hassan Whiteside, Chris Bosh.

Für die derzeitige Struktur des Heat-Kaders wäre ein Wade-Verbleib immens wichtig gewesen. Greenhorns wie Justise Winslow, Tyler Johnson und Josh Richardson profitierten bereits in ihrer ersten respektive zweiten Saison von Wades Professionalität und Erfahrung. 

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Winslows konstante Abgeklärtheit, Johnsons und Richardsons Selbstbewusstsein indizierten, wie wichtig Wades Präsenz auf dem Parkett, in der Umkleide, im Training, auf dem Weg zu den Spielen oder beim gemeinsamen Lunch ist. Es ist fatal, dass Pat Riley aufgrund der Sorge um die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der Mannschaft sich genau diese Tatsache nicht eingestehen konnte.

Es ist fatal, weil Wades Weggang einen Grund weniger bedeutet, nach Miami zu kommen. Spieler wollten immer unter Pat Riley spielen, aber nicht weniger neben Dwyane Wade, dem uneigennützigen Superstar. 


Bisher konnte Riley nach der Trennung keinen nennenswerten Ersatz präsentieren. Ohnehin hört Miamis Kaders für die kommende Spielzeit auf die Namen Goran Dragic, Josh McRoberts, Justise Winslow, Rodney McGruder, Hassan Whiteside und Chris Bosh, dessen Profikarriere nach einem erneut saisonbeendenen Blutgerinsel bedrohlich auf der Kippe steht. 

Wie nachhaltig Rileys Aura beschädigt ist, werden wir wohl erst in der kommenden Free Agency 2017 erfahren - dann, wenn er sich mit Chris Paul, Russell Westbrook, Blake Griffin, Paul Millsap und Giannis Antetokounmpo zum Essen verabreden wird, und das Geräusch seiner acht Meisterschaftsringe auf dem Tisch ertönen wird. 

Vieles schließt darauf hin, dass dieses Geräusch wesentlich dumpfer ertönen, wesentlich unattraktiver erscheinen wird. Spieler vergessen nicht, reden miteinander - das sollte Don Riley eigentlich wissen. 
Man schickt den Sohn der Stadt eben nicht fort.

"Ich bin mit den Bulls aufgewachsen, und habe mir vorgestellt, wie es ist, für dieses Team zu spielen. Als sie mir das Chicago-Trikot mit meinem Namen vorgelegt haben - da kam ich echt ins Grübeln. Das war wirklich hart." Das war 2010, als die Bulls das erste Mal drauf und dran waren, den verlorenen Sohn nach Illionois zurück zu holen. 


Sechs Jahre später fällt es schwer, Wades Heimweh als Hauptgrund anzusehen. Sind wir ehrlich: die Entscheidung pro Chicago basiert zunächst auf rein monetären Gründen. 47 Millionen US-Dollar für zwei Jahre sind genau die Art von Respekt, die er in Miami (schmerzlich) vermisst hat. Verhandlungen mit den Nuggets und Bucks waren nicht mehr als eine beleidigte Kurzschlussreaktion für sein gekränktes Ego.

 2015/2016 hat die Bulls ordentlich ins Wanken gebracht, bei den Fans herrscht nach einer enttäuschenden Saison der Blues und der Wind steht in Richtung Lotterie. Nach der Hassliebe des gegangenen Tom Thibodeau wird das Team auch in ihrer zweiten Spielzeit unter Fred Hoiberg nach ihrer Identität suchen müssen. 

Es spricht für sich, dass bis vor kurzem ein Trade von Jimmy Butler unter vorgehaltener Hand diskutiert wurde. Stand heute bleibt der 26-jährige Flügel in Chi-Town, die Wechselgerüchte werden vermutlich noch einige Zeit nachhallen, bis die endgültige Ausrichtung der Mannschaft nicht abschließend geklärt ist. 


Der derzeitige Kader beherbergt mit Nikola Mirotic und Doug McDermott gerade mal zwei Spieler , die in Hoibergs präferiertem Pace and Space-System funktionieren. Trotz ihrer vorhandenen Wurfstärke konnte sich bisher keiner der beiden Sophomores den Respekt der gegnerischen Verteidigungen verdienen. 

Die Big Men Taj Gibson und Robin Lopez trauen sich höchstens in die Grenzbereiche der Mitteldistanz, die fehlenden Lücken machten bereits in der letzten Saison dem balldominanten Butler zu schaffen. Wade liebt das Spiel aus der Mitteldistanz - wie genau die beiden auf der Platte harmonieren sollen, bleibt vorerst ein Rätsel, in dem Rajon Rondo vermutlich kein Teil der Lösung darstellen sollte.

Wie das alles ausgeht? Keine Ahnung. Stand heute wissen wir nur: Dwyane Wade spielt für die Chicago Bulls.

Das ist auch gut eine Woche nach seiner Entscheidung noch immer schwer vorstellbar. Genau so verhielt es sich mit Tim Duncans Karriereende. Die Fundamente der NBA bröckeln.

Gewöhnen wir uns lieber daran.