10 Juli 2016

10. Juli, 2016


Die erste große Welle der Free Agency ist vorbeigezogen und auch wenn immer noch der ein oder andere namhafte Spieler keinen neuen Vertrag unterschrieben hat, nehmen die meisten Roster Gestalt an. So auch der Kader der Rockets. General Manager Daryl Morey hat seine Hausaufgaben gemacht und Spieler nach Osttexas geholt, die exzellent ins System des neuen Coaches Mike D'Antoni passen.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

In Ryan Anderson, Eric Gordon und Nenê wechseln drei Spieler nach Houston, die allen voran ein ernstes Verletzungsrisiko im Gepäck haben. Keiner des Trios absolvierten in den letzten drei Spielzeiten mehr als 70 Partien.

Dieser Umstand lässt vor allem in Hinblick auf die jüngere Geschichte der Rockets, Yao Ming und Tracy McGrady grüßen freundlich, keine Freudensprünge zu. Dennoch verbessern sie das Team auf dem Papier – und das ist schon mal ein Anfang. Insbesondere Anderson und Gordon entsprechen der klaren Vorstellung, die die Rockets seit Jahren akribisch verfolgen: Dreier, Layups und Freiwürfe.

Vor allem der letzte Punkt ist kein unbedeutender Faktor. In der abgelaufenen Spielzeit legten die Texaner mit 69,4% von der Linie den ligaweit viertschlechtesten Wert auf. Dass Anderson und Gordon seit vier Jahren zusammen spielen und gut befreundet sind ist ein willkommener Nebeneffekt. Zudem haben die Rockets einem Divisions-Rivalen zwei Leistungsträger abgeluchst, die die New Orleans Pelicans nicht ohne weiteres zu ersetzen imstande sind.

#3 Ryan Anderson

Power Forward | 28 Jahre | 21. Pick im 2008 Draft (New Jersey Nets)

Stats 2015/16: 17,0 PPG | 6,0 RPG | 1,1 APG | 0,4 BPG | 0,6 SPG | 42,7% FG | 87,3% FT in 66 gm.
Vertrag: 4 Jahre, 80 Mio $.
Stationen: 2008 bis 2009: New Jersey Nets, 2010 bis 2012: Orlando Magic, 2012 bis 2016: New Orleans Hornets/Pelicans
NBA Most Improved Player 2012

Anderson gilt als ausgesprochener Wunschspieler Daryl Moreys, denn er verkörpert den modernen Power Forward, der nicht mehr pure Masse mitbringt, sondern vor allem einen guten Distanzwurf, um die gegnerische Zone so unterbevölkert wie möglich zu halten.

Bei den Pelicans war der Scharfschütze vor allem als Bankspieler gefragt und avancierte zu einem der zuverlässigsten und produktivsten sechsten Männer ligaweit. In Houston hingegen wird Anderson aller Voraussicht nach mehr Verantwortung tragen, starten und in D'Antonis Hochgeschwindigkeitsoffensive das machen, was er am besten kann: Werfen, werfen, werfen.


Für besondere Szenarien ist sogar eine Aufstellung mit dem 2,08 Meter Mann als einzigem Big denkbar, so dass die Rockets fünf Schützen gleichzeitig auffahren. So oder so macht Anderson Houston von der Dreierlinie gefährlicher: Mit 30,9 pro Spiel nahmen die Rockets in der abgelaufenen Spielzeit ligaweit die zweitmeisten Würfe von Downtown. Bei der Trefferquote lagen sie mit 34,7% jedoch nur im unteren Mittelfeld. In dieser Kategorie stellt Anderson mit einem Karrierewert von knapp 38% ein deutliches Upgrade dar.

Bei vier Jahren Vertrag ist Andersons unübersehbare Verletzungshistorie das größte Risiko. Diverse Knie- und Rückenprobleme werfen ihn immer wieder zurück und werden nach seinem Wechsel nicht auf wundersame Weise verschwinden. Zumindest schaffte er es in den letzten beiden Spielzeiten auf über 60 Spiele – bei zuletzt sportlicher Irrelevanz, die nun immerhin nicht mehr gegeben ist.

#10 Eric Gordon

Shooting Guard | 27 Jahre | 7. Pick im 2008 Draft (Los Angeles Clippers)

Stats 2015/16: 15,2 PPG | 2,2 RPG | 2,7 APG | 0,3 BPG | 1,0 SPG | 41,8% FG | 88,8% FT in 45 gm.
Vertrag: 4 Jahre, 53 Mio. $
Stationen: 2008 bis 2011: Los Angeles Clippers, 2011 bis 2016: New Orleans Hornets/Pelicans
NBA All-Rookie Second Team 2009

EG hat bereits eine indirekte Geschichte mit den Rockets, denn er kam 2011 infolge des zweiten Chris-Paul-Trades nach New Orleans – der erste, der Pau Gasol von den Los Angeles Lakers nach Houston hätte schicken sollen, wurde bekanntlich von der Liga als kommissarischem Teambesitzer der damaligen New Orleans Hornets verhindert.

Am Big Easy blieb Gorden so etwas wie das ewige Talent. Seine offensiven Fähigkeiten sind unbestritten, jedoch stand der eigene Körper stets im Weg. Synchron zu Ryan Anderson machen dem ebenfalls hochbegabten Schützen vor allem Knie und Rücken zu schaffen.


Die Rockets brauchen Gordon vor allem dann, wenn James Harden eine Verschnaufpause erhält. Ohne den Bärtigen kam die Offensive in den letzten Jahren zum Erliegen. EG bringt die Feuerkraft und offensive Variabilität mit, dies zu ändern. Er kann für sich selbst und für andere kreieren und als Spot-Up Shooter auch an der Seite Hardens agieren. Anders als Anderson wird Gordon aber vermutlich vorerst von der Bank kommen.

Gordons bisherige Karriere ist ein ziemlicher Reinfall. Die Clippers entledigten sich erst ihres Loser-Images, nachdem (oder weil) er und Chris Paul die Arbeitgeber tauschten. New Orleans war zuletzt trotz Anthony Davis als Franchise Player im Westen nicht kompetitiv. Nach acht Jahren NBA hat er erst vier Playoffspiele in der Vita stehen, die allesamt gegen die Warriors verloren gingen.

In Houston erwarten EG mehr Qualität und gewachsene Strukturen. Das letzte Jahr lief sowohl für die Rockets, als auch für Gordon wenig zufriedenstellend. Der Hunger wird groß sein.

#42 Nenê

Center | 33 Jahre | 7. Pick im 2002 Draft (Denver Nuggets)

Stats 2015/16: 9,2 PPG | 4,5 RPG | 1,7 APG | 0,5 BPG | 0,9 SPG | 54,4% FG | 57,8% FT in 57 gm.
Vertrag: 1 Jahr, 2,9 Mio. $
Stationen: 2002 bis 2012: Denver Nuggets, 2012 bis 2016: Washington Wizards
NBA All-Rookie First Team 2003

Etwas überraschend verstärken sich die Rockets außerdem mit dem Brasilianer Nenê, der aktuell in den Vorbereitungen für die Olympischen Spiele im eigenen Land steckt. Auch hier lässt sich ein Zusammenhang zum blockierten Pau Gasol/Chris Paul-Trade herstellen.

Die Rockets standen damals, 2011, angeblich kurz vor einer Einigung mit Nenê. Weil erwähnter Trade jedoch unterbunden wurde, hatten die Texaner doch keinen Platz für den Big Man und er verlängerte bei den Nuggets, um ein Jahr später nach Washington getradet zu werden.

Für Nenê ist dieser Wechsel nach Houston ein herbeigesehnter Neuanfang. In der Hauptstadt gingen Minuten und Zahlen zurück, interne Quellen sprechen davon, dass sich der Brasilianer bei den Wizards vor allem in der Offensive falsch eingesetzt fühlte, weil er nur im Low-Post involviert wurde. Mike D'Antonis Schemen werden ihm mehr Möglichkeiten geben, er kann als Passer im High-Post sowie im Pick and Roll agieren, gegebenenfalls um dann wie sein Vorgänger Dwight Howard Alley-Oop-Anspiele zu versenken.

Nach aktuellem Stand wird Nenê als Backup für Clint Capela fungieren, dem er gleichzeitig als Mentor dient. Trotz regelmäßigen Trainingseinheiten mit Hakeem Olajuwon sollte Capela aus der täglichen Arbeit mit dem leichtfüßigen Brasilianer einiges lernen.


In Washington wurde Nenê häufig als Power Forward eingesetzt. Dies passt jedoch nicht in Houstons Tempobasketball und ist nur in speziellen Matchups, beispielsweise gegen Zach Randolph oder Blake Griffin sinnvoll.

Moreys To Do

Wichtigste verbleibende Personalie in der Free Agency ist Donatas Motiejunas. Die Rockets ließen trotz des annullierten Trades mit den Detroit Pistons im Februar bereits großes Interesse an einem Verbleib der Litauers verlauten. Angebote anderer Teams sind bisher nicht bekannt. Der entscheidende Faktor ist die Rückenverletzung des 2,13 Meter Mannes, die ihn große Teile der abgelaufenen Spielzeit kostete und auch infolge des Vetos der Pistons seinen Marktwert senkte.


Sollten sich am Kader der Raketen weitere signifkante Änderungen einstellen, wird dies wahrscheinlich via Trade geschehen. In K.J. McDaniels, Sam Dekker, Montrezl Harrell und dem frisch gedrafteten Chinanu Onuaku weist die Mannschaft eine Vielzahl an talentierten Spielern auf, die allerdings in der momentanen Zusammenstellung nicht übermäßig viele Minuten erwarten dürfen.

Somit ist ein Paket um eine Auswahl dieser Spieler für einen gestandenen Veteranen denkbar. Nachrüsten müssen die Texaner vor allem im Aufbau: Andrew Goudelock, der nominelle Point Guard hinter Starter Patrick Beverley, wurde kürzlich aus seinem Vertrag entlassen. Eine Weiterbeschäftigung von Beverleys bisherigem Backup Jason Terry ist nicht zu erwarten.

Harden verlängert bis 2019

Zusammen mit der offiziellen Vorstellung Ryan Andersons und Eric Gordons verkündeten die Rockets die Vertragsverlängerung von James Harden. "The Beard" bleibt faktisch mindestens ein Jahr länger in Houston und kann 2019 eine Spieleroption über ein weiteres Jahr ziehen. Diese Verlängerung lässt er sich mit einer Anpassung des aktuellen Arbeitspapiers satt entlohnen.


Aus rein monetärer Sicht also ein fragwürdiger Deal, immerhin bezahlen die Texaner nun zwei Jahre lang freiwillig deutlich mehr, als es der bisherige Kontrakt verlangte. Allerdings ist dieser Schritt als Statement in Richtung der restlichen Liga zu verstehen.

In eben dem Sommer, in dem die Identifikationsfiguren Kevin Durant und Dwyane Wade ihr bisher einziges Team verlassen, setzen die Rockets und Harden selbst das richtige Signal. Kommenden Sommer, wenn zahlreiche hochqualitative Spieler Free Agents werden und GM Morey neuerlich seine Angel auswirft, gibt es keine Ungewissheit ob Hardens Verbleib.


Die Rockets fangen diese Gehaltserhöhung mit dem übrigen Cap Space in Höhe von knapp 10 Mio. $ auf. Das ist insofern kein Problem, als dass die für diese Summe verfügbaren Spieler wahrscheinlich keine Verbesserung gebracht hätten und – wie oben aufgeführt – die Tendenz ohnehin eher in Richtung Trade geht.

Dieser Zug verhindert außerdem interne oder von außen hineingetragene Reibereien. Als Franchise Player und Teamcaptain ist Harden nun folgerichtig der bestbezahlte Spieler des Teams. Die Hierarchien sind klar festgelegt und mögliche Störsignale prophylaktisch verhindert.