02 Juli 2016

2. Juli, 2016


"Wenn wir was nicht verstanden haben, haben wir es kaputt gemacht." ALF

von ANNO HAAK @kemperboyd

Das ist das rhetorisch überarbeitete Prinzip dieser Kolumne (ich lernte, man nenne das so). Keiner, der nicht Lehrerkind ist, versteht die Überschrift, und schon überhaupt gar keiner mehr versteht  die Free Agency der NBA. Das mag daran liegen, dass sie aussieht wie die Free Agency der MLB. Vielleicht fehlt Fräulein Internet auch nur das Gespür fürs Geld. Vielleicht sind die ganzen Scheckausstellerversteher aber auch einfach nur Besserwisser und Melmac knows best. Gehen wir es an.

Der neue Salary Cap ist ja keine algebra- (hihi, Bra) befreite Wundertüte, in der aus einem Haufen Hundekot Mousse au chocolat werden kann. Niemand, der den CBA unterschrieben oder dem CEO von Disney zuviel Red Bull in den Gute-Nacht-Tee vor dem Tag der entscheidenden Verhandlung über den neuen Fernsehdeal geschüttet hat, bringt Lahme zum Gehen. It's the economy, stupid!

Der Salary Cap ist bei rund 94 Mio. $ angekommen. Das weiß eigentlich jeder. Bei der Hälfte von dem, was man so liest, hat man den Eindruck, das Gegenteil sei der Fall, oder der jeweilige Verfasser ist zu jung um die NBA der 90er zu kennen, oder beides. Oder noch wahrscheinlicher: Als in der Förderschule Prozentrechnung dran war, war er gerade krank.

Hunderter-Brüche sind vielleicht auch ein bisschen viel verlangt. Also probieren wir es mit dem Wort, das so häufig wie kein anderes von Leuten benutzt wird, die keine Ahnung haben, wovon sie eigentlich reden: Verhältnismäßigkeit. Dieses Mal in Zahlen.

Die Summen sind krank! KRANK sage ich!
(Nennen Sie mich einen Zyniker, aber eins vorne weg: die Altenpflegerargumente packen Sie bitte wieder ein. Eure Venezuelafanboytweets sind hier unerwünscht. Wer sich SJW nennt und die NBA verfolgt, sollte sich wegen akuter gesellschaftspolitischer Schizophrenie behandeln lassen. Guten Hunger!)

Okay, gesellschaftsverträglicher: Niemand in NBA-Shorts "verdient", was er bekommt. Er nimmt es, weil er es kann. Wenn Ihnen das nicht gefällt, habe ich dafür Verständnis. Dafür, dass Sie dann Trikots kaufen, den Fernseher für Basketball einschalten oder nur diese Kolumne (Gott, ist das schön!) lesen, nicht.

So, zu den Verhältnissen: Der Cap sieht Maximalgehälter vor, und die gehen ziemlich einfach, nämlich so: je nach Karrieredauer X Prozent vom Cap. Punkt. Für Leute, die länger als zehn Jahre in der Knochenmühle durchgehalten haben, sind es deren 35. Also Prozent. Da das hier eine lehrreiche Veranstaltung sein soll, gehen wir das durch: 94 Mio. / 100 = 940.000 $ x 35 = 32.900.000. "33 Mio." ist also das neue "20 Mio.".

Da nicht nur S****ße abwärts fließt, sondern auch Gold, gilt das für das Mittelgeschoss... man ahnt es: verhältnismäßig genauso. Ich dekliniere das an Monsieur Linsanity durch: "12 Mio. $ im Jahr?", schreit mancher auf. "Prozentrechnung!" will man zurückrufen. 12/94 x 100 sind ca. 13 Prozent. Das wären im letzten Jahr X/70 = 13/100, also x = 9,1 Mio. $ gewesen. Ist das der Schnapper des Jahres? Sicher nicht. Ist es (L)insane? Eher auch nicht.

Dass Michael Alex Conley jr. das erste Saisonspiel verpassen wird, weil er Rücken vom Geldkoffertragen hat, ist ergo längst nicht so bekloppt wie viele meinen. Die Frage, ob jemand, dessen Individualkarrierehighlight "All defensive second team" lautet, einen Maximaldeal verdient, kann man diskutieren. Nur erspar mir das Ausrufezeichen hinter der 150 mit den sechs Nullen.

Jordan hätte nie...
ICH! BITTE! SIE! Gruß an Roman, aber: "DeMar bis 2021: 139 Mio, LeBron Karriere: 153 Mio." ist leider ziemlich geschichtsvergessen. Abgesehen davon, dass der Weltenkönig vermutlich in den nächsten fünf Jahren mehr earnen wird als Conley given ist (was für 1 Sprache!): Derrick Coleman. Weeer?

Derrick Coleman war sowas wie der Ben Simmons des Jahres der deutschen Einheit. Vier Jahre nach seinem Draft unterschrieb er für fünf Jahre und 44 Mio. $. Der Rest der Karriere war dann zwar eher Kwame, aber das wusste man ja damals nicht. Ein Nummer-eins-Pick für unter 50 Millionen?!?!?!?

Was ein Schnapper verglichen mit heute, brüllt also der Mob! Magic Johnson begs to differ. Der war gerade im 15. Jahr seines 25-Jahres-Vertrags mit den L. A. Lakers, für den er 25 Mio. $ erhielt. Insgesamt wohlgemerkt, nicht p.a.. (Nein, ich habe mir den shice nicht ausgedacht.)

Die Gnade der späten Geburt ist eben das. Magic war bei der Auswahl seiner Eltern nicht unvorsichtiger als Derrick. Es ist der Zug der Zeit, dass sie sich ändert.

Das Erstaunliche ist: die Vorhersehbarkeit dessen, was diesen Sommer vor sich geht, ist proportional zur Vorhersehbarkeit der "Wahnsinns"-Schreierei. Der Cap Spike war bekannt. Die Tatsache, dass Spieler Maximaldeals bekommen, die sie nicht verdienen, war bekannt. Der Markt ist bekannt. Die Mathematik ist keine Wissenschaft. Ach so, Moment! Ok, erregen Sie sich weiter!

That's still sacramento
Also, jetzt aber, Destruktionsmodus an.

Numma eins: Die Owner verdienen doch viel mehr als die Spieler, die krallen sich 51%!

Das klingt hübsch. Das ist populär. Das ist nur leider falsch wie Dwight Howards Lächeln. 49% des BRI sind 94 Mio. $ pro Team. Die Rechnung mit den 51%-Ownern geht nur auf, wenn alle unter dem Cap bleiben oder genau drauf stehen. Das ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein erfolgreiches Derrick-Coleman-Investment.

Numma zwei: Die Spieler spielen das Geld schließlich ein.

Noch, ja, und auch nicht wirklich. Das Rad, das gedreht wird, hat ein Ende. Klingt komisch, ist aber so. Soweit man weiß, bluten viele Franchises unverändert Geld. In einer Zeit, in der man drei Milliarden Dollar jährlich nur für die nationalen TV-Rechte kassiert. Drei Milliarden! Pro! Jahr! Und Teams ersaufen in roter Tinte.

Währenddessen muss Papa Durchschnittsverdiener einen mittleren dreistelligen Betrag aufwenden, um mit zwei Nachkommen und einer Tüte schlecht gesalzenen Popcorns direkt unter dem Dach sitzend dabei zuzugucken, wie die Sixers verzweifelt versuchen, die 70. Saisonniederlage zu verhindern. Die NBA ist eine Blase, die platzen wird, bevor LeBron James seine Karriere beendet.

Numma drei: "meh bleibt meh"-Countdown.

a) Evan Turner. Wollen wir hier die Entwicklung in Boston diskutieren? Contract-year-player-Leistungsexplosions-Beispiele aufzählen? Über 17,5 Mio. p. a. lachen? Nein, ich bleibe bei Prozentrechnung. Du gibst nicht 19 von 100 Cap-Dollars für Evan Turner aus. Punkt.

b) Joakim Noah. Was Jackson da treibt, ist Isiah Thomas für Einkommensschwache. Das hat mit Rebuild nichts mehr zu tun. Das Jahresgehalt geht gerade noch durch, die Laufzeit ist ein Alptraum (ja, das P ist Absicht) und versperrt jedes "In der Übergangsphase müssen wir Geld verdienen"-Argument. "Wir werden mit Wade, dem Zinger, dem Melo, der Rose und dem Männerdutt die NBA erschüttern!"? Ihr werdet höchstens aufwachen und Euch fragen, warum Steve Francis aussieht wie ein französischer Big Man.

c) Dwight Howard. Ach, Bud! Bedeutet Dir meine Liebe denn gar nichts? Sorry, dämliche Frage.

d) New Orleans Pelicans. Was ist das eigentlich für ein Plan? Wenn er "Anthony Davis zu den Hawks treiben!" heißt, approved. Ansonsten: ich kann die Pelicans ja nicht kaputt machen, aber verstehen muss ich das nicht, oder?

e) Orlando Magic. Ich würde mal einen Mega-Trade vorschlagen. Oladipo-Harris-Ilyasova (ok, der ist geschummelt, aber lassen Sie mich ausreden) für Ibaka-Jeff Green-DJ Augustin. Wer sagt nein? Sideshow Rob jedenfalls nicht. Junge, Junge.

Honorable Mention: L. A. Lakers. Brian Windhorst sagte: "This is something the Milwaukee Bucks would do." Das war vor Delly, und das tut richtig weh. Schlimmer noch ist: es stimmt. Dellavadova zu den Bucks und Mozgov zu den Lakers sind gleichartig.

Gewöhnen Sie sich dran: die ruhmreichen Gold-Lilanen sind eine ganz normale Franchise. Also wenn Sacramento normal ist. Am Besten ablesbar ist das an Folgendem: früher gewann man mit den Lakers Ringe und versilberte die anderswo. Heute ist das umgekehrt.


Fundstück der Woche 
Auch wenn Sie sie nicht direkt erkennen: im Bildvordergrund Al Jefferson, dahinter Evan Turner! Keep ballin'!