23 Juni 2016

23. Juni, 2016


Tis the trade season. Wenige Tage vor der Draft, wenige Tage nach den Finals beginnt die diskutabelste Zeit des Jahres. Wir werfen den Blick aus der orangenen Küche direkt in den Speisesaal der Vertragsverschiebung. Heute: Der Abgang des Lokalmatadors.

von DANIEL SCHLECHTRIEM @W14Pick

Das Märchen von Derrick Rose und den Chicago Bulls hat ein jähes Ende gefunden. Der Sohn der Windy City, 2008 an erster Stelle gedraftet, als die Chancen der Bulls auf den besten Spieler seines Jahrgangs eigentlich verschwindend gering waren: Diese Story war so gut, dass sie den Beginn der neuen Ära einläuten und Rose zum ersten Puzzlestück und Anführer der Nachfolger der legendären Mannschaft um Michael Jordan, Dennis Rodman und Scottie Pippen machen sollte.

Lange Zeit waren die Bullen auf keinem schlechten Weg: Mit Tom Thibodeau an der Seitenlinie und Rose als offensiver Schaltstelle erreichte Chicago 2010/11 62 Siege – die beste Bilanz seitdem oben genannte Spieler im United Center regierten. Rose wurde zum MVP gewählt, scheiterte aber in den Playoffs an den neu formierten Miami Heat um LeBron James, Dwyane Wade und Chris Bosh.

Dennoch galten die Bulls, insbesondere wegen Rose, auf lange Zeit als ärgster Herausforderer der Miami Thrice – doch der Körper machte nicht mit. 2012 riss sich Rose während der ersten Playoffrunde gegen Philadelphia das Kreuzband. Ohne ihren MVP war Chicago auf verlorenem Posten, sie unterlagen den achtplatzierten Sixers – und die Abwärtsspirale nahm ihren Lauf.

D-Rose verpasste die komplette Spielzeit 2012/13 und auch die folgende Saison lief nicht besser. Kurz nach seiner Rückkehr erlitt er einen Meniskusriss. Wieder eine Operation, wieder das Saisonaus. In drei Jahren absolvierte der heute 27-Jährige nur 49 Spiele der Regular Season.

Die Bulls hatten gar keine andere Wahl, als ihr Spiel umzustellen. Jimmy Butler avancierte in Roses Abwesenheit zum neuen Franchise Player. Das Management ließ Coach Thibodeau ziehen, wagte mit Fred Hoiberg einen Neuanfang. Und der Sohn der Stadt passte nie so recht zu diesen neuen Bulls, die nicht mehr wirklich „seine“ waren.

Aus diesem Grund – und weil Rose es nach seiner Rückkehr nicht vermochte, an bessere Tage anzuknüpfen, kommt der Trade des einstigen Hoffnungsträgers nicht völlig überraschend.

CHI: Robin Lopez, Jerian Grant, José Calderon
NYK: Derrick Rose, Justin Holiday, 2017 2nd Round Pick


Rose wird zu den Knicks geschickt, die im Backcourt seit Jahren von akuten Qualitätsproblemen geplagt werden. Mit einem ehemaligen MVP im besten Basketballalter scheinen diese allerdings nur auf dem Papier erledigt zu sein. Der Schritt birgt für das Team von Phil Jackson eine Menge Risiken.

Das offensichtlichste ist Roses Verletzungshistorie. Über 70 Saisonspiele absolvierte er zuletzt vor seinem vernichtenden Kreuzbandriss vor vier Jahren. Sein altes Niveau erreichte er seit der Rückkehr aufs Parkett in allen relevanten Kategorien nicht mehr. Der ohnehin nie besonders gute Dreier hat weiter gelitten, in beiden letzten Spielzeit traf er keine 30%.

Auch war er in seiner Heimatstadt nicht nur der Trikotnummer nach die Nummer eins, die Offensive der Bulls lief komplett über ihn. Selbst in der abgelaufenen Saison wies er eine Usage Rate von 27% auf.

In New York erwarten ihn allerdings in Carmelo Anthony und Kristaps Porzingis gleich zwei Spieler, die den Ball in der Hand brauchen, um am offensiven Ende wirklich effektiv zu sein und zumindest im Falle von Melo nicht besonders gerne ihre Aufmerksamkeit teilen. Mit Rose und Anthony im Aufgebot laufen die New Yorker Gefahr, Porzingis Entwicklung zu blockieren, erst recht weil diese Akquisition den ereignisreichen Sommer erst einläutet und unmittelbar nach diesem Trade der Name Dwight Howard um den Madison Square Garden spukt.

Darüber hinaus sind die Medien in New York weitaus polemischer als die Chicagos. Rose verlässt die Komfortzone seiner Heimatstadt, in der ihm Fehler oder ein schlechtes Spiel ohne weiteres verziehen werden. Der Big Apple hingegen verlangt Resultate, das Publikum im Madison Square Garden ist ungeduldig und sehr direkt.

Sie werden sich nicht weniger als die Leistungen seiner MVP-Saison versprechen. Sollte D-Rose dazu nicht gleich zu Beginn in der Lage sein, kann es für den introvertierten Point Guard sehr schnell sehr ungemütlich werden.


Für den Deal spricht, dass Roses über 21 Mio. $ dotierter Vertrag nur noch ein Jahr läuft und New York bei Nichtgelingen im Sommer 2017, wenn faktisch ein gesamtes Aufgebot an All-Stars Free Agent werden wird, eine Menge Cap Space zur Verfügung hätte. Im Falle eines Fehlergriffs wären die mittelfristigen Konsequenzen überschaubar.

Dennoch ist der Preis für die Akquisition des dreifachen All-Stars nicht gering. José Calderons Abgang war mehr oder minder absehbar, der zu Saisonbeginn 2016/17 35-jährige Spanier eignet sich nur noch als Teilzeitkraft in der NBA.

Jerian Grant legte keine sonderlich überragende Rookie-Saison hin und passte kaum in die von Phil Jackson präferierte Triangle. Der 19. Pick des 2015 Drafts wird mit dem von Fred Hoiberg vornehmlich praktizierten Pick and Roll deutlich besser zurecht kommen. Als echter Playmaker hat Grant infolge Roses Abgang eine Chance, sich am Michigansee zu beweisen.

Wichtigste Personalie für die Bulls ist aber Robin Lopez. Zum einen wird der sechsfache Meister durch diese Verpflichtung unabhängig von seinen kommenden Free Agents Joakim Noah und Pau Gasol, die beide einem Abgang nicht sonderlich abgeneigt sein sollen und von nun an keinerlei Druck mehr auf das Chicagoer Management ausüben können.

In Lopez kommt ein zuverlässiger und vor allem weitaus weniger verletzungsanfälliger (82 absolvierte Partien in drei der letzten vier Spielzeiten) defensiver Anker für die Zone und das eigene Brett: Die Bulls beendeten die Saison als 20. in der Defensive Rebound Rate.


Trotz mangelndem Talent für die Offensive hat sich der Zwillingsbruder von Brooklyns Brook Lopez ein zumutbares Arsenal angeeignet und den limitierten und ausrechenbaren Spieler aus seinen ersten Jahren in Phoenix und New Orleans hinter sich gelassen.

Mit knapp 14 Mio. $ pro Spielzeit bis 2019 ist der 28-Jährige zudem kriminell unterbezahlt. Sollte die Führungsetage in Form eines Deals um Jimmy Butler den kompletten Wandel in die Wege leiten, wäre Lopez ein weiterer exzellenter Tradechip.

Die Rechnung, bitte
New York braucht große Namen und Strahlkraft, angesichts der jüngere Franchise-Geschichte ist dieser Zug aus Sicht der Verantwortlichen daher nachvollziehbar. Dennoch bleiben Zweifel, ob dieser mit Unvorhersehbarkeit überzogene Deal nicht ähnlich in die Hose geht wie die um Stephon Marbury oder Steve Francis.

Die Bulls hingegen haben alles richtig gemacht. Eine weitere Verletzung Roses käme dem Karriereende gleich, zumal ein weiterer Langzeitvertrag gewiss nicht in die Planungen von GM Gar Forman gepasst hätte. Auf diesem Weg hat er aus dem sinkendem Marktwert das Maximum herausgeholt.

Vorteil: Bulls