23 Juni 2016

23. Juni, 2016


von PHILIPP LANDSGESELL @Phillyland

Über ein Gelingen des Rebuilds à la Sixers wurde ausschweifend und kontrovers debattiert, der Faktor Unsicherheit war immer allgegenwärtig. Doch wer seine Strategie vollends auf den Draft ausrichtet, lebt bewusst mit dieser Unsicherheit. Man spekuliert auf die Ping-Pong-Bälle, die einem wohlgesonnen sein müssen, und auch die per Pick gewählten Spieler müssen einschlagen, sonst wird die Franchise schnell zur Lachnummer einer ganzen Liga.

Diese Entwicklung hat in der letzten Saison ihren Höhepunkt gefunden. Durch den Druck auf die Besitzer in Philadelphia opferten diese das Gesicht des Rebuilds: Sam Hinkie. Von nun an soll Bryan Colangelo das Schiff der Sixers wieder auf Kurs bringen, nachdem Hinkie es gegen den Eisberg manövriert hat.

Doch zurück zum Thema Sicherheit. Eine Sicherheit, dass ein Spieler aus dem Kader die endlosen Losing Streaks ein wenig verdaulicher machen könnten, hatten die Sixers in der vergangenen Saison nicht im Kader, zumindest nicht aktiv. Hoffnungsträger Joel Embiid hat seit zwei Jahren keinen Fuß auf ein organisiertes Basketballspielfeld gesetzt. Nerlens Noel und Jahlil Okafor sind nur auf einer Seite des Feldes brauchbar und können nicht zusammen auf dem Feld stehen. 

So braucht es Glück, um die Zukunft der Franchise grundlegend zu verändern. Zwei Mal sprang in der Vergangenheit, trotz intensiver Bemühungen der Franchise auf den Nummer eins Pick, nur der unpopuläre dritte Pick heraus. 

Wie sähe die Perspektive der Sixers aus, wenn statt Okafor ein Karl-Anthony Towns auflaufen würden? Philadelphia hat in den drei Jahren unter Sam Hinkie kein Glück gehabt. Glück braucht es für solche Pläne, vor allem wenn ein Team von Erfolglosigkeit zu einem Siegerteam ummodelliert werden soll. 


Ironischerweise hatten die Sixers im ersten Draft nach Sam Hinkie jenes Glück, dass das Narrativ und die Zukunft der Franchise komplett verändern könnte. Endlich fielen die Bälle zugunsten der 76ers: Nach 1996 haben die Sixers zum ersten Mal wieder den ersten Pick. Damals kam Allen Iverson nach Philadelphia und wurde das prägende Gesicht der Franchise.

Manche würden behaupten, der Grund für das Glück läge in der Trennung vom Teufel persönlich: Sam Hinkie. Andere sehen es als Vermächtnis des vielleicht umstrittensten General Managers der vergangenen Jahre an, der sich durch den Nummer eins Pick für viele zum Märtyrer gemacht hat.  

Doch letztendlich bestimmt nur die richtige Kombination an Ping-Pong-Bällen in einem kleinen Hinterzimmer in New York die Zukunft der Franchise. Nicht auszudenken, wie groß die Häme nach einem erneuten Verfehlen des Nummer eins Picks gewesen wäre. 

Jeder Fan oder Beobachter des Rebuilds wird sich eine eigene Meinung gemacht oder die der Medienhäuser übernommen haben. Fest steht trotzdem, dass die Sixers sich einen Spieler aus der Draft Klasse 2016 frei auswählen dürfen und nicht auf andere Teams reagieren müssen - wie im Vorjahr, als die Lakers den Sixers D’Angelo Russell wegschnappten. 

Die Draftstrategie 
Ab dem Moment, als sich die Karte mit dem Sixers-Logo umdrehte, begannen die Diskussionen, welcher Spieler der passende für die Sixers wäre: Ben Simmons von der Louisiana State University oder Brandon Ingram von Duke. 

Schon längst steht fest: einer dieser beiden wird in der nächsten Saison ein Jersey der 76ers tragen. Der Rest des Draftjahrgangs gilt als weitaus weniger talentiert als die beiden Flügel, somit wird der Draft vermutlich zu einem „Zwei-Spieler-Draft“ werden. 


Welchen Spieler die Sixers wählen, wird entscheidend von ihrer Strategie abhängen. Die Debatten um die beiden Spieler sind auch davon geprägt, welcher Spieler besser in das Konstrukt des aktuellen Kaders passt. 

Vor allem das schlechte Shooting war das größte Problem der Sixers in den vergangenen Jahren. Hier wäre Brandon Ingram die logische Wahl. Doch es ist gefährlich, sich vom aktuellen Roster der Sixers blenden zu lassen. 

Fit oder BPA? 
„Wir werden den Spieler auswählen, der am besten zu uns passt und denjenigen, um und mit dem wir unser Team aufbauen wollen”, sagte der neue General Manager zu seinen Plänen im Draft. Somit hält sich der GM alle Optionen offen. Zwar sollten solche Aussagen nie überbewertet werden, doch der erste Halbsatz ist zu kurz gedacht. 

Wenn Fit der ausschlaggebende Grund ist, wird Brandon Ingram der Nummer eins Pick sein. Die Sixers sind im Frontcourt bereits überfüllt, und während Simmons diesen weiter aufstocken würde, fühlt sich Ingram am Perimeter viel wohler. Sehr gute 41% seiner Würfe von der Dreierlinie fanden das Ziel, das würde den Sixers sofort mehr Raum unter dem Korb verschaffen.

Doch der Faktor Fit sollte überhaupt keine Rolle bei der Entscheidung spielen. Die Sixers sind bisher meilenweit davon entfernt, sich über den besseren Fit Gedanken zu machen. Die bisher angesammelten Spieler sind allesamt unsichere Projekte, und nur weil bisher wenig Talent am Perimeter vorhanden ist, muss man nicht zwingend einen Perimeter-Spieler draften. 

Kluge Teams suchen sich Franchise-verändernde Spieler und bauen dann ein Team um sie auf. Die eklatanten Löcher im Kader der Sixers sollten nicht ausschlaggebend für die Wahl in diesem Jahr sein, da der Kader in drei Jahren wahrscheinlich sowieso ein komplett anderer sein wird. Daher sollten sich die Sixers für den besten Spieler, für das größte Talent entscheiden, anstatt für den Spieler, der vermeintlich besser in den aktuellen Kader passt. 

Der fehlende Franchiseplayer
Bisher hat kein Spieler im Kader Werbung für sich gemacht. Der Franchise Spieler für das Team aus der Stadt „der brüderlichen Liebe“ ist weiterhin unbekannt. Okafors defensive Probleme sind eklatant und hindern ihn daran, wirklich wertvoll zu sein. 

Das gleiche gilt auch für Noel, mit dem Unterschied, dass seine Defizite im offensiven Bereich liegen. Auch um den verletzungsgeplagten rechten Fuß von Embiid können die Sixers nicht selbstbewusst aufbauen, solange nicht klar ist, ob der Center tatsächlich gesund zurück kehren kann.


Deswegen kann die Devise nur sein, den Spieler zu nehmen, um den es sich aufzubauen lohnt. Mit Embiid haben die Sixers nur einen Spieler im Kader, der in die absolute Ligaspitze vorrücken könnte. Die gute Nachricht ist, dass Ingram und Simmons sehr gut mit ihm harmonieren würden, sollte sein Fuß dies erlauben und er der Spieler sein kann, den viele in ihm sehen. 

Auch mit Noel könnte eine Paarung funktionieren. Noels offensives Spiel ist zwar begrenzt, außerhalb der Zone ist er praktisch unbrauchbar, aber er kann als Lob-Anspielstation oder als Cutter wertvoll sein. Vor allem Simmons' tolle Spielübersicht und Passfähigkeiten könnten hier Noel extrem helfen, um einfache Abschlüsse am Ring zu kreieren.

Positioniert sich Noel an der Baseline, wird es sich sein Verteidiger zwei Mal überlegen müssen, ob er bei einem Zug zum Korb vom Simmons aushelfen will. Am schlechtesten passt Okafor zu Simmons: Okafors DNA und Spielstil war schon immer, am Low Post mit Bällen gefüttert zu werden. Hier wäre Ingram die klar bessere Wahl, da er mit seinem Distanzwurf das Doppeln im Post bestrafen könnte. 

Doch auch diese möglichen Paarungen sind mit Vorsicht zu genießen. Die Zeichen deuten auf einen möglichen Trade von Okafor oder Noel hin. Bei Noel kommt hinzu, dass er in der nächsten Saison Restricted Free Agent wird, die Sixers also bereits verlassen könnte, wenn die ihn nicht halten. Wie oben schon beschrieben, muss die Wahl auf den besten Langzeitperspektiven basieren, nicht auf dem aktuelle Kader.

With the 1st Pick, the Philadelphia 76ers select…
... Ben Simmons from Louisiana State University. Zwar würde Ingram besser in den aktuellen Kader passen, aber Simmons scheint die höhere Veranlagung zu haben. Um nichts anderes darf es bei den Sixers gehen, da auch alle anderen Spieler im Kader klare Schwächen haben. Die Sixers haben in diesem Draftjahr die Möglichkeit, den Franchise-Spieler zu draften, auf den der Plan von Ex-GM Hinkie abzielte. 


Auch Simmons kommt nicht ohne Fragezeichen. Das Spacing der Sixers würde zunächst zu einem großen Problem werden. Gerade einmal einen Dreier bei drei Versuchen hat Simmons in der vergangenen College-Saison getroffen, nur 32.9% seiner Zweipunktwürfe fanden ihr Ziel. Simmons' Spiel findet in unmittelbarer Ringnähe statt. Mehr als 50% seiner Würfe kamen direkt am Ring. Je weiter er vom Korb fern gehalten wird, desto unproduktiver ist sein Sprungwurf.

Bis er die NBA-Verteidiger eines Besseren belehrt, werden diese genüsslich unter den Blöcken durchgehen und ihm viel Raum lassen. Da der Dreipunktewurf immer wichtiger wird, sind die Sorgen dementsprechend berechtigt, in wie weit Simmons in der NBA effektiv sein kann.

Doch die anderen Skills von Ben Simmons sind bereits auf NBA-Niveau. Der 2,08 Meter große Forward ist athletisch, kraftvoll, gepaart mit einer für seine Größe hohen Geschwindigkeit. Sein Passspiel, sein Ballhandling und sein Gefühl sind elitär. Auch wenn hinter seinem Sprungwurf ein dickes Fragezeichen steht, ist Simmons die perfekte Wahl für die Sixers. 

Noch zwei Erstrundenpicks
Die Sixers besitzen auch noch den 24. und 26. Pick in diesem Jahr. Momentan scheint es wahrscheinlich, dass entweder beide Picks gebündelt werden, um per Trade weiter nach oben zu gelangen oder mindestens ein Spieler ausgewählt wird, der nicht unmittelbar nach Philadelphia kommt, sondern in Europa oder China bleibt.

Zum ersten Mal in drei Jahren wollen die Sixers wieder eine Rolle auf dem Free Agent Markt spielen. Da die Sixers bereits den jüngsten Kader in der NBA haben, scheint es wahrscheinlich, dass mehrere Kaderplätze für erfahrene Profis verwendet werden. Ebenfalls könnten diese Picks in einem möglichen Okafor/Noel Trade verwendet werden. 

Nach drei düsteren und glücklosen Jahren könnte sich das Blatt in Philadelphia langsam wieder wenden. Mit Simmons, einem hoffentlich fitten Embiid und Noel/Okafor, massig Cap Space, Trade Assets und Dario Saric, der vielleicht in diesem Sommer nach Philadelphia kommt, könnten die Sixers in der nächsten Saison wieder relevant und auch für den weniger zuversichtlichen „Trust-The-Process-Fan“ wieder interessant werden.