17 Juni 2016

17. Juni, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Toronto Raptors.

von STEFAN DUPICK @Hoopsgamede

Saison 15/16
Die Saison der Toronto Raptors war die erfolgreichste in der Franchise Historie. Die reguläre Saison beendeten die Raptors auf Platz zwei im Osten und mit einer Bilanz von 56 Siegen zu 26 Niederlagen, ein Rekord für ein kanadisches NBA Team.

Der Backcourt um Kyle Lowry und DeMar DeRozan hatte ein herausragendes Jahr. Somit war es nur folgerichtig, dass beide Guards zum Allstar Game eingeladen wurden. Auch Jonas Valanciunas konnte in der Saison immer wieder beweisen, dass er zu den besseren Centern der Liga gehören kann. 

Die Playoffs waren ein Auf und Ab für Toronto. Neben dem zeitweisen Ausfall von Valanciunas hatten auch Lowry und DeRozan zeitweise Probleme mit ihrer Konstanz. Die Raptors mussten sowohl gegen Indiana als auch gegen Miami über sieben Spiele gehen, konnten jedoch aus beiden Serien gestärkt hervortreten. 

Die Abwesenheit des etatmäßigen Centers rief Bismack Biyombo auf den Plan. Der Kongolese steigerte seinen Marktwert mit zum Teil fantastischen Leistungen am defensiven Ende und wurde für kurze Zeit zu einer Kultfigur in Toronto. DeMarre Carroll fand nach langer Verletzungspause ebenfalls zurück aufs Parkett.

In den Conference Finals konnte Toronto den Cleveland Cavaliers zwei Spiele abnehmen, bevor die Serie letztendlich mit 2-4 verloren ging. Trotz dieser Niederlage gegen den Favoriten war das Erreichen der Conference Finals ein großer Erfolg für die Raptoren.   



Offseason Agenda
Die Offseason bringt für GM Masai Ujiri eine ganze Menge Arbeit und damit verbundene Entscheidungen mit sich. Einige dieser Entscheidungen liegen nicht in seiner Hand. Wenn Ujiri aber bisher eines bewiesen hat, dann dass er kreativ und erfolgreich managen kann.

Zumindest über eine wichtige Personalie ist man sich in Toronto bereits einig: Coach Dwane Casey soll auch in Zukunft der Übungsleiter dieser Truppe sein. Der neue Vertrag mit dem Coach wurde schnell unterschrieben. Damit herrscht Klarheit an der Seitenlinie.

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Spannender wird es hinsichtlich der eigenen Free Agents. DeRozan und Biyombo können beide aus ihren Verträgen aussteigen. Schließlich steigt der Salary Cap und die verfügbare Kohle in der Liga massiv an. Beide Spieler können also langfristige neue Deals unterschreiben. Oder aber, sie wetten auf sich selbst, ziehen die Opt-In Option und sahnen erst im kommenden Sommer so richtig ab.

Neben DeRozan und Biyombo werden zudem auch Luis Scola, James Johnson und Jason Thompson die Free Agency testen. Das Management muss entscheiden, ob einer dieser Reservisten Teil der Zukunft sein soll. Ausserdem muss entschieden werden, was mit dem eigenen Draft-Pick passieren soll.


Personal
Die wichtigste Personalie in diesem Sommer betrifft ganz klar DeMar DeRozan. Die Verlängerung mit dem Shooting Guard wurde von Ujiri als höchste Priorität eingestuft. Da DeRozan eine gute Saison gespielt hat, der Salary Cap deutlich ansteigt und somit viele Teams Kohle zur Verfügung haben - und es hinter Durant keinen wirklichen Superstar auf dem Markt gibt - könnte DeRozan mit massiven Angeboten überschüttet werden.


Die Raptors müssen vermutlich das Maximum anbieten, um DeRozan zu halten. Wenn DeRozan einen Maximal-Vertrag erhält, dann ist nicht mehr genug Kohle verfügbar, um Bismack Biyombo zu bezahlen. Der junge Center hat in den Playoffs zeitweise sehr gut gespielt und den Raptors in der Defensive den Arsch gerettet.

Biyombo hat bereits betont, dass er gerne in Toronto bleiben möchte und dafür auf Geld verzichten würde. Die Raptors verfügen jedoch nicht über Biyombos Bird-Rechte und können für seine Verlängerung nicht den Cap übersteigen.

Es könnte also gut sein, dass ein anderes NBA-Team die Playoff-Leistungen des Centers überbewertet und ihm aufgrund des steigenden Caps einen richtig dicken Vertrag anbietet, den der Kongolese nicht ablehnen kann. Da die Raptors als Starting-Center der Zukunft noch immer Valanciunas in ihren Reihen haben, wäre ein Verzicht auf Biyombo zu verkraften. Das Team hätte dann noch ausreichend Geld, um sich nach dem einen oder anderen Veteranen umzuschauen.

Eine potentielle Verlängerung mit Scola, Johnson oder Thompson wird wohl nur zu minimalem Geld geschehen, da keiner von ihnen zu den Leistungsträgern gehört. Speziell Scola hat in den Playoffs enttäuscht. Aufgrund seiner Erfahrung hat sich das Team von ihm deutlich mehr erhofft.

Neben den anstehenden Verlängerungen mit dem vorhandenen Personal muss sich GM Ujiri dringend auf die Suche nach einem Power Forward begeben, der punkten kann und wenn möglich auch von außen trifft (Stretch Four). Zudem wäre ein reiner Shooter hilfreich. Einen solchen Spieler können die Raptors möglicherweise im Draft finden. 


Draft
Die Raptors verfügen in diesem Jahr über den neunten Pick im Draft. Dieser Pick gehörte ursprünglich den Denver Nuggets, eröffnet nun jedoch den Raptors neue Möglichkeiten an einer unverhofft hohen Stelle in der ersten Runde. Teams mit dieser Bilanz dürfen so gut wie nie hier auswählen.

Auch wenn 2016 als zwei Spieler Draft gilt und die Raptors weder Simmons noch Ingram bekommen werden, so folgen hinter den beiden potentiellen Stars vielversprechende Rollenspieler. Die Raptors könnten an Position neun garantiert einen Spieler bekommen, der dem Team langfristig hilft. Ein Power Forward oder Center, idealerweise mit solidem Wurf, wäre genau das Puzzlestück, das passen würde. Beispiele? Jakob Poeltl, Skal Labissière oder Henry Ellenson.

Sollten die Raptors jedoch auf den aktuellen Erfolgen aufbauen wollen, dann ist ein Trade des Picks genauso wahrscheinlich. Der Pick kann für andere Franchises deutlich wertvoller sein und den Raptors im Gegenzug einen soliden Scorer oder Power Forward bescheren, der das aktuelle Team ergänzt und schon jetzt hilft.


Kohle
Finanziell sieht es in Toronto ähnlich gut aus wie bei fast allen anderen Teams. Sobald die Verlängerung mit DeMar DeRozan jedoch durch ist, ist der finanzielle Spielraum bereits deutlich begrenzt. 


Dennoch bleiben Masai Ujiri einige Möglichkeiten, das Team weiter in Richtung seiner persönlichen Philosophie zu formen und zu entwickeln. 

Im besten Fall hat er mit knapp 18 Mio. $ mindestens einen soliden Vertrag in der Hinterhand. Zwar nicht im Maximal-Bereich, aber durchaus reizvoll für einen Mittelklasse-Veteranen, der dieser Mannschaft eine neue Facette hinzu fügen kann.

Zukunft
Die Toronto Raptors haben gerade eine hervorragende Saison hinter sich, inklusive bester Bilanz aller Zeiten. Eine Zugabe und sofortige Steigerung ist da nur schwer möglich. In der kommenden Spielzeit wird es sicherlich einige Teams geben, die im Osten oben angreifen werden. 

Macht das die Sache für die Raptors schwieriger, die Leistungen aus 2015/16 zu bestätigen? Ja. Allerdings ist dieser Klub gefestigt und in der Eastern Conference Hierarchie oben angesiedelt, nicht erst seit dieser Saison. In der Atlantic Division ist niemand in Sicht, der den Dinos Paroli bieten kann.

GM Ujiri und Coach Casey werden in den kommenden Jahren weiterhin an einer schlagkräftigen Truppe feilen und das Team kontinuierlich verbessern. Dass sie sowohl auf junge Nachwuchsspieler als auch auf produktive Veteranen setzen, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Toronto noch viele Jahre um Heimvorteil mitspielen kann.

Sollte DeRozan in der Free Agency das Weite suchen, muss natürlich ein Umdenken her. Alle Signale, die in der Vergangenheit vom Shooting Guard kamen, deuten aber auf seinen Verbleib in Kanada hin. Solange DeRozan und Lowry, gute Freunde und kongeniale Partner im Backcourt, zusammen bleiben, bleiben auch die Raptors eine Hausnummer.