16 Juni 2016

16. Juni, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die San Antonio Spurs.

von MATTIS OBERBACH @MattisOb

Saison 15/16
Der größte Name der Free Agency 2016, LaMarcus Aldridge, hatte zwar bei den San Antonio Spurs einen Vertrag unterschrieben, ein echtes Zuhause fand er in Texas aber erst rund um den Jahreswechsel. Die Spurs haben seit Jahren einen der besten Kader der Liga und konnten es auch ohne Weltklasse-Leistungen ihrer großer Neuverpflichtung aushalten.


Mit einer Bilanz von 30-6 ging es ins neue Jahr. Es folgten weitere 29 Siege und nur neun Niederlagen, die meisten Losses allerdings erst, als der zweite Platz im Westen schon sicher war. Alles nach Plan also? Eigentlich schon.

Kawhi Leonard spielte mehr als 33 Minuten, warf und traf aus allen Lagen und häufiger als in den Vorjahren und erhöhte seinen Punkteschnitt um 4,7 Zähler pro Spiel auf 21,2. Dadurch war er nicht nur verdientermaßen der bester Defender der Liga. In einem normalen Jahr und bei menschlichen Leistungen von Steph Curry hätte Leonard vielleicht sogar Chancen auf den MVP-Titel gehabt.


Dazu war Aldridge später der zweitbeste Spieler, Tony Parker war weiterhin Kapitän des Schiffs und verteilte fleißig Assists. Besonders das Pick & Pop mit Aldridge funktionierte hervorragend. Danny Green (mal besser, mal weniger gut) und Manu Ginobili sorgen für Gefahr von draußen, Tim Duncan war langsamer und behutsamer als zuvor, aber am eigenen Korb immer noch immens wichtig.

Franchise-Rekord mit 67 Siegen und 15 Niederlagen aufgestellt, die bisherige Bestmarke von 40 Heim-Siegen wurde egalisiert, das Defensiv-Rating von 96,6 war, Drum Roll, das Beste der Liga. (Fun Fact: Die 76ers hatten ein Offensiv-Rating von 96,6).

Als einzige echte Frage blieb offen, wie zur Hölle San Antonio den Übernatürlich-Warriors würde beikommen können. Die Playoffs kamen, die Memphis Grizzlies gingen. In nur vier Spielen wurden sie abgefertigt, im Mittel erzielten die Spurs 22 Punkte mehr als ihre Opfer, äh, Gegner. In Game eins der Serie gegen die Oklahoma City Thunder gewann San Antonio sogar mit 32 Punkten.

Und dann… Stop. Wieder einmal wurden die Spurs von den längeren, explosiveren, athletischeren Thunder überrollt, Russell Westbrook und Kevin Durant waren zu gut. In sechs Spielen in den Conference-Semifinals mussten die Spurs ihre Sachen packen und sich in die Offseason verabschieden - viel früher, als das alle erwartet hatten.



Offseason Agenda
Es war schon wieder argumentiert worden, man müsse die Conferences abschaffen oder das System ändern. Wie sonst könnte man verhindern, dass „Spurs vs Warriors“ schon vor den Finals verschwendet würde!? Aber auf einmal waren die Texaner nicht mal in den Conference Finals vertreten.

Fragen, ob und wie lange das alternde Trio die Spurs noch anführen könnte - man hatte sich seit Jahren an sie gewöhnt. Doch hatte schon mal jemand hinterfragt, ob Gregg Popovich die Entwicklung der NBA verschlafen hat? Wenigstens ein bisschen?


Wie aus heiterem Himmel steht San Antonio vor einer ganz anderen Offseason als so oft zuvor. Einen Plan, die Kräfte der Routiniers zu sparen, gibt es schon lange, keiner schont seine Stars mehr als die Spurs. Aber was, wenn diese Stars dann doch irgendwann mal aufhören?

Ob Tim Duncan weiter macht, steht bis heute noch nicht fest. Die Zukunft von Manu Ginobili hängt angeblich unmittelbar mit Duncans zusammen (oder auch nicht, wer weiß das schon). Was wird dann aus Tony Parker? Können durch Karriereende entstandene Lücken geschlossen werden? Muss vielleicht sogar das gesamte System überdacht werden?

Bevor sich General Manager R.C. Buford also um Draft oder die Free Agency kümmert - letzteres könnte spannend werden - muss erst die Zukunft der eigenen Spieler geklärt werden. Kawhi Leonard und LaMarcus Aldridge werden bleiben, klar. Darüber hinaus haben die Gedankenspiele freien Lauf.


Personal
Insgesamt acht Spurs werden Free Agents, sieben davon unrestricted. Dabei haben David West, Duncan und Ginobili Player Options für die nächste Saison. Aldridge, Leonard, Parker, Danny Green, Boris Diaw (teilweise garantiert), Patty Mills und Kyle Anderson haben noch laufende Kontrakte.

Abhängig von den Optionen und den möglichen Rücktritten von West, Duncan und Ginobili könnten sich zwischen 13 bis 16 Millionen Dollar in den Porto-Kassen befinden. Nicht unfassbar viel, aber auch nicht nichts. Also, was geht?


Nun ja, Kevin Durant wird unter diesen Voraussetzungen nicht nach San Antonio kommen. Viele sagen, das Durant ohnehin am wahrscheinlichsten in OKC bleibt, da er so gleichzeitig mit Russell Westbrook 2017 Free Agent werden kann.

Zusätzliches Gehalt loswerden ist schwierig, da Aldridge und Leonard bleiben und Tony Parker sicherlich nicht getradet oder entlassen wird. Das wäre nicht die Art der Spurs. Aber es ist nicht unmöglich. Eine Max-Deal-Offerte für Durant ist also, Stand heute, unmöglich.

Sollten Duncan und Ginobili jedoch in Rente gehen und sich zusätzlich ein Trade-Partner finden, der Danny Green abnimmt, dann gestaltet sich die Situation natürlich anders. Doch sollte sich San Antonio die Frage stellen, ob Kevin Durant die nach seiner Verpflichtung fehlende Tiefe wettmachen könnte.


Auch Mike Conley scheint auf der Wunschliste der Spurs weit oben zu stehen. Ihn könnten sie wohl für weniger Geld holen, er würde aber eben auch nicht den selben Glanz bringen wie Durant.

Man möchte meinen, ein weniger großer Name wie Conley passt besser in das Beute-Schema der Spurs. Auf der anderen Seite kam 2015 LaMarcus Aldridge. Und wenn die Spurs „einsehen“, dass Athletik und Geschwindigkeit immer wichtiger werden und man für eine Zeit nach Tony Parker vorsorgen möchte, wäre Kevin Durant dann nicht genau der richtige Mann?


Draft
Die Spurs halten momentan den 29. Pick im Draft 2016. Eine Vorhersage ist schon deshalb völlig unmöglich. Man muss auch kaum die Stärken oder Schwächen nennen, denn so spät in der ersten Runde ist der Unterschied zwischen „need“ oder „best player available“ marginal.


Was sich aber mit Sicherheit sagen lässt, und hier wird an die Free Agency-Möglichkeiten angeschlossen, ist dass der Pick in Sachen Gehalt gerade so im siebenstelligen Bereich liegen wird und somit kaum eine Differenz entstünde, sollte der Pick den Besitzer wechseln. Ein Trade nach oben im Draft scheint unendlich weniger wahrscheinlich als ein Trade nach unten.


Kohle
Das Problem der Spurs in diesem Sommer ist Geld. Nur wenige der insgesamt 30 Mannschaften haben trotz historischem Anstieg des Salary Caps finanzielle Restriktionen. Die Spurs sind eine von ihnen.

Selbst ohne die eigenen Cap Holds und die des Erstrundenpicks einzuberechnen, liegen die Verpflichtungen für die kommende Saison 2016/17 bereits bei weit über 80 Millionen Dollar. Wollen die Spurs die Rechte an ihren eigenen Free Agents halten, steigen die Ausgaben auf über 90 Mio. $ an.

Einkaufen gehen, also bei potentiellen Neuzugängen anfragen, könnten die Spurs nur im Falle dass ihre alten Spieler die Schuhe an den Nagel hängen und die eigenen Free Agents aufgegeben werden. Das wäre kontraproduktiv und würde die personelle Situation in Zukunft nur erschweren.


Zukunft
In der Vergangenheit hätte man hier bezweifelt, ob Duncan/Parker/Ginobili noch lange so weiter machen können. Heute weiß man, dass nur Tony Parker sicher weiter macht, seine beiden kongenialen Partner bekommen nicht nur immer mehr ihre Minuten runter geschraubt, sie hören unter Umständen ganz auf.

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Sicher ist, dass es auf jeden Fall ein Dreieck aus Parker, Leonard und Aldridge geben wird. Der Aufbau eines potentiellen Vierecks mit Durant lässt die NBA schon jetzt erzittern. Wie realistisch dieses Szenario angesichts der finanziellen Möglichkeiten jedoch ist, haben wir bereits beantwortet.

Der Kreis geschlossen wird mit den Frage, was von der Bank kommen soll. Nein, nicht nur von den Spielern zweiter Reihe, sondern vom Head Coach. Bleibt Popovich bei seinem System? Öffnet er es ein wenig? Will er überhaupt einen Spieler á la Durant?

Lange Zeit wurden in San Antonio Geschwindigkeit und Athletik außer Acht gelassen, zumindest aber wurde ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit geschenkt. Das rächte sich in den diesjährigen Conference Semifinals - und könnte auch künftig die Achillesferse der Texaner sein.

Der Brockhaus zeigt unter „Muster-Franchise“ das Logo der Spurs mit der Anmerkung: „Sie machen alles fast immer richtig.“ Untergehen werden sie also nicht in San Antonio. Aber der Weg zurück nach ganz, ganz oben sieht womöglich etwas anders aus, als es sich in den letzten 20 Jahren dargestellt hat.