18 Juni 2016

18. Juni, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Sacramento Kings.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Saison 15/16
Einseifen, abspülen, und das Ganze von vorne. Die Sacramento Kings, Ladies and Gentlemen, der Treppenwitz der National Basketball Association. Seit zehn Jahren haben die Kalifornier die Playoffs nicht mehr erreicht. Nur die Minnesota Timberwolves sind noch länger mies - blicken jedoch einer brillanten Zukunft entgegen, weil Towns.

Die Kings? Die wollten in der abgelaufenen Saison eigentlich wieder in die Postseason. Mit aller Macht. General Manager Vlade Divac verpflichtete eine ganze Reihe von Veteranen, um dieses Vorhaben in die Realität umzusetzen, umgab Franchise-Player DeMarcus Cousins mit Rajon Rondo, Marco Belinelli, Caron Butler, Kosta Koufos.

Allein, es brachte nicht viel. Unterm Strich sogar gar nichts. Die gute Laune bereits vor dem ersten Saisonspiel vergiftet, Cousins und Head Coach George Karl das gesamte Jahr über im Clinch, Cliquenbildung in der Umkleide, Spannungen über Spannungen...

Wenn sogar Rüpel-Rondo - der mit seiner anti-LGBT Tirade in Richtung Referee Bill Kennedy eine weitere Kontroverse auslöste, was niemanden mehr überraschte - die Stimmung untereinander als prekär empfand, dann sagt das eigentlich schon alles aus. Die Kings waren nie eine Einheit, fanden nie ihren Rhythmus, verpassten die Playoffs letztendlich um acht Siege.

Es gab auch Lichtblicke: Cousins war All-Star, Omri Casspi entpuppte sich als vielleicht bestes Schnäppchen der NBA, Seth Curry und Quincy Acy begeisterten. Alles in allem waren aber alle heilfroh, als die 28. und letzte Saison in der ARCO Arena zu Ende war... und damit auch eine Ära, die in ihrer letzten Dekade nichts als Kopfschmerzen verursacht hat.


Offseason Agenda
Mit dem Wechsel in das neue Gebäude 'Golden 1 Center', der Enthüllung des neuen Logos und neuen Trikots wollen sich die Kings endlich vom Mief der jüngsten Vergangenheit reinwaschen. Divac, der die volle Unterstützung von Besitzer Vivek Ranadivé genießt, baut weiterhin an seiner Vision von einer erfolgreichen Kings-Mannschaft und wird auch heuer keinen Cauley-Stein auf dem anderen lassen.

Die erste Personalie war die des Head Coaches. Karl wurde nach weniger als zwei Jahren im Amt direkt wieder geschasst. Karl war der achte Cheftrainer seit Rick Adelman, dem letzten erfolgreichen in Sacramento. Die kumulative Erfolgsquote aller Übungsleiter seit Adelman liegt bei durchschnittlich zwei Niederlagen aus drei Partien. Das ist nicht optimal.


Der neue Mann, Dave Joerger, soll mit seinem defensiver geprägten Stil, einer gesünderen Mischung aus Offense und Defense und seiner umgänglicheren, weniger 'in your face, b*tch' Art eine neue Bindung im Team und besseren Basketball auf dem Parkett katalysieren.

Alle Signale, die mir Divac und einer seiner neuen Mitarbeiter im Front Office, Peja Stojakovic, in diesem Sommer kommunizierten, deuten darauf hin, dass die Macher weiterhin an Cousins als Franchise-Säule festhalten werden, es so lange mit ihm probieren, bis wirklich nichts mehr geht. Die Aufgabe wird sein, weiter nach den richtigen Puzzleteilen zu suchen und endlich eine Star-Team-Coach Formel zu finden, die funktioniert.

Mit einer Vielzahl an Free Agents im aktuellen Kader, Salary Cap Kohle satt und einem weiteren hohen Draft-Pick in der Lotterie haben Divac & co. zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, die unterdurchschnittlich talentierte, unausgewogen zusammengestellte Rotation zu optimieren.


Personal
Acht Kings stehen über den Sommer hinaus unter Vertrag. Der Fixpunkt ist noch immer DeMarcus Cousins, der mit 26.9 Punkten pro Abend die beste Scoring-Leistung seiner Karriere auflegte. DMC schaffte zum zweiten Mal den Sprung ins All-Star Team und hat sich längst als einer der produktivsten und gefährlichsten Big Men der Liga etabliert.

Boogies größtes Problem, neben der Inkompetenz, die ihn umgibt, ist die Kaderzusammenstellung und der Mangel an einem geeigneten Frontcourt-Partner. Warum Divac im Vorjahr Koufos und Willie Cauley-Stein verpflichtete, obwohl keiner von beiden die Rolle des stretchenden Bigs mit verlässlichem Distanzwurf einnehmen kann, wird eines der unzähligen Akte X Mysterien in Sac-Town bleiben.

Zumindest der athletische Cauley-Stein deutete Potential an, um gemeinsam mit Cousins zu funktionieren. Defensiv zwar besser als offensiv, aber durchaus mit auf die Zukunft projizierbaren Positivaspekten, wird es an Joerge liegen, den Ertrag dieser Paarung künftig zu maximieren.

Ben McLemore stagnierte und hat die Kings in eine delikate Situation gebracht; die Verlängerung seines Rookie-Vertrages steht an. Bisher hat der Flügelspieler nur in minimalen Ansätzen bewiesen, dass er die langfristige Antwort auf der Zwei sein kann. Es besteht eine Restchance, dass der neue Coach seiner Produktivität gut tun wird. Realistischer ist aber, dass McLemore in Sacramento nicht zu dem wird, was die ex-Macher vor drei Jahren in ihm gesehen haben.


Rudy Gay, Darren Collison und Marco Belinelli frustrieren ebenso. Keiner dieser Veteranen hebt die Kings auf ein anderes Level, scheint jedoch aufgrund der sicheren Vertragsstruktur und mangels Alternativen mit in die Zukunft geschleift werden zu müssen.

Ob Rajon Rondo Teil dieser Zukunft ist, werden die kommenden Wochen entscheiden. Sein Einjahresdeal, den er 2015 unterschrieb, sollte ihn zu einem großen Zahltag in diesem Sommer katapultieren. Obwohl er solide auftrat und die NBA mit 11.7 Assists im Schnitt anführte, hat sich ligaweit längst herumgesprochen, dass Rondo keine seiner Mannschaften besser macht. Ein maximal durchschnittlich effizienter Stats-Padder, der mehr als zehn Millionen Dollar pro Jahr verschlingt, ist längst nicht mehr Teil erfolgreicher Basketball-Klubs. Es ist 2016, nicht mehr 2008.

Die letzten Punkte auf der Agenda betreffen die eigenen Free Agents Curry und Acy. Beide sind unspektakulär und undekoriert genug, um nicht die Bank zu sprengen, sollten aber angesichts ihrer soliden und zumindest ehrlich-inspirierenden Leistungen zurück gebracht werden. Kings-Fans brauchen Typen, mit denen sie sich identifizieren und die sie aufrichtig anfeuern können. Die Underdogs Curry und Acy sind genau das.


Draft
Sacramento darf in diesem Draft zwei Mal selektieren: an Position acht in Runde eins, sowie kurz vor Schluss an Position 59 in Runde zwei. Die realistischen Chancen, an der Stelle in der Lotterie einen Franchise-Player zu ziehen, sind gering.

Das heisst nicht, dass Divac & co. an Acht nicht einen richtigen Impact-Rookie ziehen können, der dieses Team auf Anhieb auf ein neues Level hievt. Mindestens ein explosiver Kombo-Guard á la Buddy Hield, Kris Dunn oder Jamal Murray dürfte noch verfügbar sein, wenn die Kings auf der Uhr sind. Jeder aus diesem Trio wäre ein Upgrade gegenüber Collison, Rondo, McLemore und Belinelli. 


Kohle
Die Kings haben, nach Abzug aller Cap Holds für Rondo, Curry, Acy und Caron Butler sowie ihres ausstehenden Erstrundenpicks, zwischen zehn und zwölf Millionen Dollar auf der hohen Kante, um einkaufen zu gehen.


Sollte das Management entscheiden, auf die Rechte an Rondo zu verzichten und den Starting Point Guard in die Free Agency entlassen - ein smarter Move, wenn dieser Klub wieder respektablen Basketball spielen will - steigt das verfügbare Budget auf plötzlich Max-Deal-ermöglichende 23 Mio. $ oder mehr.

Dass die Kings angesichts ihrer chronischen Misserfolge für Free Agents weniger attraktiv sind als hässliche Hater in Hoden-Hosen, können sie einen Großteil dieser Ressourcen in den Sommer 2017 mitschleppen. Dann werden Collison und Gay Free Agents, der Space steigt auf potentielle 50 Mio. $ an, der Markt quillt über mit Qualität auf allen Positionen.


Zukunft
Sacramento durstet nach Erfolgen und Relevanz. Ranadivé würde alles dafür tun, eine ähnlich progressive und erfolgreiche Franchise zu etablieren wie die etwas weiter nördlich, in Golden State, wo der Inder früher mitgewirkt hat.

Seine Bereitschaft, zu investieren und sich mit ex-Basketballern zu umgeben, ist begrüssenswert. Der Teufel liegt aber bekanntlich im Detail. Genau hier hapert es bei den Kings. Die Umsetzung funktioniert nicht, alle Vorstellungen und Beteuerungen, es künftig besser zu machen, sind bisher verpufft.


Im Sommer werden es Ranadivé und Divac mit weiteren Veränderungen versuchen. Neue Arena, neuer Coach, neue Corporate Identity, neue Spieler. Bringt das was? Du kannst den Tiger aus dem Dschungel nehmen, aber niemals den Dschungel aus dem Tiger.

Rücken die Playoffs in 2016/17 also näher als in den letzten zehn Jahren? Sacramento wird sicherlich im Dunstkreis der Anwärter auftauchen, je nach Transaktionen in dieser Offseason und der Homogenität der neuen Truppe vielleicht sogar realistische Preseason-Erwartungen entfachen. Immerhin steht mit Cousins ein Star in der Startformation.

Aber: Was kommt danach? Kann irgend ein anderer King die Rolle des co-Stars übernehmen? Kann Joerger an der Seitenlinie wirklich etablieren, was seine acht Vorgänger nicht hinbekamen? Das Fehlen jeglicher Konstanz und einer Identität, irgend einer Identität, ist der singulär größte Faktor für die anhaltende Erfolglosigkeit dieser Franchise. Es sei denn, wir sprechen von Chaos. In dem Fall sind die Kings zweifelsohne die absoluten Könige!