29 Juni 2016

29. Juni, 2016


Die Schwergewichts-Franchises haben den Titel unter sich ausgemacht, andere Klubs haben die Saison 2015/16 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Cleveland Cavaliers.

von TIAGO PEREIRA @24Sekunden

Saison 15/16
Das Ende der Spielzeit in Oakland glich dem der 28 anderen NBA Franchises außerhalb von Ohio – ohne Meisterschaft. Vor den Augen von Beyoncé und dem heimischen Publikum schafften es die Golden State Warriors nicht, im finalen siebten Akt der NBA Finals sich den zweiten Meisterschaftsring in Folge zu sichern. 

Stattdessen erfüllte LeBron James sein jahrzehntealtes Versprechen und brachte der eisernen Jungfrau Cleveland das langersehnte Schmuckstück. Trotz einer königlichen Leistung von James ist es immer noch ein wenig surreal, die Warriors abgeschlagen auf dem Massenparkplatz der Verlierer zu sehen, statt jubelnd und oberkörperfrei im Autokorso der Meisterparade. 

Denn das Wort „verlieren“ strichen Stephen Curry und Co. bereits im November völligst aus ihrem Vokabular heraus, als sie ihre ersten 24 Saisonspiele in Folge gewannen. Viele weitere sollten folgen, sodass, trotz ein paar holpriger Zwischenstopps in Milwaukee und Portland, zum Schluss rekordträchtige 73 Ws im Spielplan der Krieger standen (88 für die, die die Playoffs mitzählen wollen). 

Doch alle Erfolge auf und abseits des Parketts halfen nicht in den entscheidenden Zügen der Saison, den Spalding durch das Nylon zu  werfen. Die Implosion der Warriors warf nicht nur Ayesha Currys Twitteraccount völlig aus der Bahn, sondern die gesamte Basketballgemeinde Nordamerikas.


Plötzlich kamen Fragen auf, die keiner in Oakland zu beantworten wusste oder wollte. Nur eine offene Frage, die seit Monaten wie ein Damokles-Schwert über den Köpfen der Spieler hang, erhielt ihre Antwort: (Sieges-) Rekorde ohne Meisterschaft sind nicht von Wert. 

"We were a minute away from winning a championship. We had a 3-1 lead. We had all the opportunities in the world we needed. Got to take your hat off to them." – Draymond Green via ESPN


Offseason Agenda
Diese Offseason wird keine Zeit der großen Veränderungen darstellen. Doch nachdem GM Bob Myers sein Team sowohl in der Final Serie als auch schon zuvor in den Conference Finals gegen Oklahoma City heftig hat straucheln sehen, wird es Zeit für neue Akteure in der Bucht.

Bis auf die frisch unterzeichneten Verträge von Klay Thompson, Draymond Green und Sophomore Kevon Looney laufen alle Arbeitspapiere im kommenden Sommer 2017 aus, oder sind dann längst ausgelaufen. Während derweil für Stephen Currys dann anstehende Vertragsverlängerung die Millionen einzelnen auf ein Sparbuch getragen werden müssen, könnten Andrew Bogut, Andre Iguodala und Shaun Livingston ab Juli als Tradechips auf dem Verhandlungstisch landen.


Im Gegenzug soll jedermanns Lieblings-Kevin, Al Horford oder zumindest Nicolas Batum in die Bucht übersegeln. Zwar ergatterten sich die Warriors als eines von nur sechs Teams ein Meet-and-Greet mit dem wahren MVP.

Dennoch sind die Chancen gering, Kevin Durant zukünftig im Warriors Trikot zu sehen. Die Gründe dafür sind simpel: erstens müsste Durant auf Dutzende von Millionen Dollar verzichten und zweitens müsste Bob Myers aus seinem Kader einen Flohmarkt machen, um den finanziellen Spielraum zu schaffen. 

Die weniger glamouröse 1-B Lösung Al Horford würde nicht bedeutend weniger Peanuts erfordern als Durant, dafür spielerisch wie Arsch auf Eimer in das Konzept von Steve Kerr passen. Auch die französische Allzweckwaffe Nicolas Batum dürfte drastisch besser in die Todesaufstellung der Warriors passen, statt des passiven ex Tar Heelers Harrison Barnes.


Personal
Der bevorstehende Geldregen  der Free Agents Barnes (Unrestriced) und Ezeli (Restriced) verwandelte sich während der Postseason vor den Augen aller zu einer 99 Cent Show. Eigentlich sollten die Eigengewächse der Dubs laut Zeitplan bereit sein, in die Fußstapfen ihrer Vordermänner Bogut respektive Iguodala zu treten, doch die Realität der Playoffs sprach eine andere Sprache. 


Obwohl beide Krieger nur schwer das Mindestmaß an Produktivität erreichen konnten, ist ein Verbleib einer der beiden in Oakland nicht undenkbar. Barnes und Ezeli zusammen können dagegen nicht gehalten werden, da die Jahresgehälter für Starter auf der Centerposition und Olympioniken, als welcher Barnes sich bald betiteln darf, meist im hohen zweistelligen Millionenbereich liegen.  
Neben den Stars und Sternchen müssen jedoch auch die Kaderplätze sieben bis zwölf besetzt werden. 

Typischerweise geschieht dies mit Veteranen die bereit sind, für das Minimum zu kommen und im Ernstfall Finalspiele entscheiden können. Zum Glück erwischen die Warriors einen Free Agent Jahrgang, der nicht nur an der Spitze fette Leckerbissen enthält, sondern auch in der Tiefe einige Schmankerl zu bieten hat.

So rangiert zum Beispiel Joe Johnson nur an Platz 50 der besten Free Agents (via HoopsHype), gefolgt von David West (54) und Mario Chalmers (69). Sollten daher der Fall eintreten, dass die eigenen Free Agents Marreese Speights, Brandon Rush und Leandro Barbosa zu teuer werden, könnten aufgrund des hohen Angebotes den Warriors ein oder zwei Goldgriffe gelingen.

Die letzte Personalie um die sich Bob Myers kümmern muss sitzt deutlich weiter vorne auf der Bank. Die Position des Head-Assistenztrainer, welche nach Luke Waltons Abgang zu den LA Lakers frei wurde, wird wider Erwartens nicht intern gelöst, sondern soll von einem erfahrenen Ex-Trainer übernommen werden. Kerrs neue rechte Hand wird aller Voraussicht nach der ehemalige Coach of the Year Mike Brown. 


Draft
Da der Free Agent Markt immer eine ordentliche Portion Ungewissheit und Sub-Tweets mit sich bringt, nutzte Bob Myers den Draft, um sein Team abzusichern. 

Für 2.4 Millionen $ kaufte der GM den Milwaukee Bucks die Rechte an Zweitrunden-Pick Patrick McCaw ab. Der UNLV Guard gilt, wie sollte es anders auch sein, als einer der Steals des Drafts. Neben seinen 2,04 Metern bringt McCaw das prototypische 3-and-D Packet eines modernen Flügelspielers mit sich. 


Der Erstrundenpick der Warriors, Center Damian Jones, lässt ein wenig in Myers Karten blicken. Der Big Man der Commodores zählt zur gleichen athletischen Center-Spezies wie Festus Ezeli und soll als Absicherung dienen, für den Fall das der Nigerianer sich im Sommer einer anderen NBA Franchise zuwendet.  


Kohle
Zur kommenden Saison macht das Salary Cap der NBA seinen ersten Satz und liegt nun bei knapp 94 Millionen $. Dieser 20 Millionen $ Sprung im Vergleich zum Vorjahr schafft für fast jedes Team Platz für einen Max-Contract. 

Auch die Warriors, die bereits mit 74 Millionen $ auf ihrer Gehaltsliste in der Kreide stehen, dürfen mit Scheinen um sich werfen. Doch bevor die Dollarnoten durch die Luft fliegen dürfen, muss Myers erst auf die Rechte seines restricted Free Agents Festus Ezeli verzichten.


Zukunft
Nehmen wir es einfach mit den Worten von Tupac: "It's all good, from Diego to tha Bay". Die Golden State Warriors bleiben auch in der kommenden Saison das heißeste Team im League Pass Kanal. Kein All Star Akteur verlässt diese Franchise, um in seiner Heimatstadt Versprechen einzulösen, oder um die kleinste Violine der Welt zu spielen. Das Front Office der Dubs hat dafür gesorgt, dass der Nukleus intakt bleibt und fürstlich entlohnt wird. 

Nicht zu vergessen ist auch, dass, trotz aller Dramatik in den Playoffs, die Warriors 73 Spiele in der regulären Saison gewannen. Auch ohne Siegesrekord vor der Nase wird Steve Kerr sein Team in den kommenden 82 Spielen weiterhin an der Spitze des Westens halten. 

Statt Rekorde für die Ewigkeit gehen die Warriors nun wieder auf die Meisterjagd und können somit ihre Zielscheibe auf dem Rücken an Cleveland abtreten. Dies bedeutet, dass nicht jedes unbedeutende Spiel im Februar mit der Intensität der Playoffs gespielt wird und Spieler zur Abwechslung geschont werden können.

Mental dagegen werden einige Räder anders als zuvor in Oakland ticken. Kein Krieger wird die Lehren der Finalserie vergessen und die Wertigkeit von Rekorden und Meisterschaften verwechseln. Ohne störende Nebenschauplätze gibt es für die Warriors nur noch das hier und jetzt. 

Eingeschworen durch die Pein der Niederlage treten die Warriors die kommende Saison erneut mit ihrer „wir-gegen-den-Rest-der-Welt“ Mentalität an. Mit mehr Disziplin der Stars und einer neuen Figur auf Steves Schachbrett beginnt in Oakland der Weg zurück an die Spitze.