29 Juni 2016

29. Juni, 2016


Die Schwergewichts-Franchises haben den Titel unter sich ausgemacht, andere Klubs haben die Saison 2015/16 längst abgehakt und blicken optimistisch/pessimistisch in die Zukunft. Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Cleveland Cavaliers.

von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

Saison 15/16
Mittlerweile dürfte selbst der größte Basketball-Hater erfahren haben, dass die Cleveland Cavaliers dank einer königlichen Leistung von LeBron James erstmals Meister in der besten Liga der Welt geworden sind. 

Da wir in diesem Text den Fokus aber auf die nahende Offseason richten, empfehlen wir euch dringend unsere Hommage an die Franchise aus dem Bundesstaat Ohio. Etwas pathetisch, das geben wir gerne zu, aber dafür vollkommen auf den Punkt gebracht – here we go, Believeland!


Offseason Agenda
Never change a winning team. Eine Floskel, die in der Sportwelt unlängst eine gewisse Bedeutung beigemessen wird. Auf der Oberfläche trifft das natürlich auch auf die Truppe von Headcoach Tyronn Lue zu, aber ist es wirklich so einfach? Schlicht und einfach: nein.

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Nicht umsonst galten die Cavs über weitere Strecken der zurückliegenden Spielzeit als Unruhe-Hotspot. Immer wieder wurden über eine schlechte Stimmung und fehlende Puzzlestücke debattiert. Während zumindest die Charakterfrage in den letzten Wochen und Monaten beachtlich beantwortet worden ist, schwebt hinter dem Personal weiterhin eine graue Wolke. Aber dazu gleich mehr.

Die Needs des neuen Champions richten sich ganz nach den Entscheidungen, die General Manager David Griffin in Absprache mit Lue und James treffen wird. Generell gilt jedoch: Stillstand ist Rückstand – vor allem bei einem Team, das gerade am Höhepunkt seines Schaffens angekommen ist.


Personal
Zu allererst: LBJ bleibt. Jegliche Gerüchte, die entweder von fragwürdigen Portalen oder unseriösen Journalisten gestreut werden, wurden, worden sind, dass sich die Nummer 23 der Kavaliere beispielsweise den Lakers anschließen könnte, ist maximaler Bullshit. Auf der Meisterschaftsparade gab er kürzlich bekannt: „Ich liebe Cleveland und habe nicht vor, diese Franchise zu verlassen.“

Ob James seine Spieleroption in Höhe von 24 Millionen Dollar ziehen wird, hängt lediglich davon ab, was die Gespräche mit dem Front Office ergeben. Zwei Möglichkeiten scheinen dabei realistisch: er schließt erneut einen Vertrag über zwei Jahre ab, wobei das zweite erneut eine Spieleroption enthält, um den Druck auf das Management aufrecht zu erhalten, oder unterschreibt seinen vielleicht letzten Max-Deal. 

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Nach der erfüllten Mission, seiner Heimat den ersten Ring seit über 52 Jahren zu schenken, ist die langfristige Bindung eine ernstzunehmende Variante. Immerhin will sich James noch intensiver um seine sozialen Projekte im Großraum Akron kümmern.

Ausgehend von James Verbleib stehen Kevin Love, Kyrie Irving, Tristan Thompson, Iman Shumpert, Channing Frye, Mo Williams und Sasha Kaun fest unter Vertrag. Der Kontrakt von Dahntay Jones über 1,5 Millionen Dollar ist nicht garantiert, für Jordan McRae hält der Ohio-Standort eine Option über 0,87 Millionen Dollar. Diese wird wahrscheinlich gezogen, was aufgrund der gezeigten Ansätze absolut Sinn machen würde.

Interessant wird es bei Matthew Dellavedova: Der australische Point Guard ist ab dem 1. Juli Restricted Free Agent und wird vermutlich zu den Spielern gehören, die ungemein vom ansteigenden Salary Cap profitieren. 

Seinen Wert hat der Kettenhund mehrfach unter Beweis gestellt. Seine Defense ist überdurchschnittlich, der Dreier fällt mit 40,1% hochprozentig, er liest das Pick & Roll ordentlich und findet seine Nebenmänner. Doch wie gut funktioniert Delly, wenn er minder talentierte Mitstreiter hat?

Aufgrund seiner Fähigkeiten klingt alles über zehn Millionen Dollar sicherlich nicht zu viel, aber es ist halt nur Dellavedova. Der Name steht für Arbeit, nicht für glanzvolle Leistungen. Es wird spannend zu beobachten sein, wo die Schmerzgrenze für den Backup von Irving liegt. Immerhin findet sich mit Williams ein adäquater Ersatz bereits im Roster.


Wichtiger wird dagegen das Halten von Shooting Guard J.R. Smith, der auf garantierte 5,7 Millionen Dollar verzichtet und sich nach dem Gewinn der Meisterschaft nicht nur durch seine tränenreiche Liebeserklärung gegenüber seiner Eltern, sondern auch durch ansprechende Performances in den Vordergrund gespielt hat.

Ein ähnliches Fiasko wie im letzten Sommer, als der Sommer ohne Angebote anderer Klubs endete, wird nicht zu erwarten sein. Cleveland wird allerdings jegliche Reserven ausschöpfen, um Swish zu halten. Der Scharfschütze kann nicht nur jederzeit fünf Dreier reinzimmern, er verbesserte seine Verteidigung ungemein und ist zudem ein essentieller Faktor außerhalb des Courts.

Unverzichtbar für die Chemie sind auch James Jones und Richard Jefferson. Die beiden Veteranen sorgten durch ihre Erfahrenheit und Gelassenheit für den nötigen Rückhalt in den brenzligen Phasen und würden durch Mini-Verträge recht günstig zu haben sein.

Moment, R-Jeff hat doch jüngst erst retired. Ja, hat er, aber mittlerweile sieht es wieder danach aus, als würde er noch ein Jahr dranhängen. Ähnliches ist von Jones, der von Love vergöttert wird, zu erwarten.


Love Alert
Klingt arg nach „Love is in the Air“ – naja. Er ist immerhin die brenzligste Personalie dieses Sommers. Seit seiner Ankunft aus Minnesota 2014 wird über die fehlende Implementierung in Ohio diskutiert. Auch die Beförderung Lues zum Headcoach hat an dieser Situation nichts geändert.

Gerade in der entscheidenden Phase der Saison wurde der Welt offenbart, dass Cleveland viel besser mit einer dynamischen Kombi aus Irving/James fährt. Für den Power Forward ist in diesem Szenario nur als überbezahlter Rollenakteur Platz, der ab und an als Spot-Up-Shooter und Rebounder in Erscheinung tritt.

Denken wir an den Allstar Love zurück, so kann dies nicht sein Anspruch sein. Eine faire Lösung wäre, die Zweckgemeinschaft aufzulösen und die Number Zero zu einem Team zu traden, bei dem er nicht nur auf Anhieb Franchise-Player wäre, nein, dass auch lukrativen Gegenwärt besitzt.

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In diesem Zusammenhang taucht immer wieder Boston auf. GM Danny Ainge ist heiß auf den Stretch-Big, der mit „the Stop“ gegen Stephen Curry seine defensiven Wert ausnahmsweise zeigen konnte.

Interessant wäre hier ein Deal, der Jae Crowder beinhaltet. James könnte so auf Power Forward rücken und das Verteidigungsass auf Small Forward. Mr. Dreadlocks brächte zusätzliche Athletik und Shooting in die Starting Five, was für die gefährlichen Drives vom King und Irving weiter fördernd wäre.

Zusätzlich der nicht garantierte Vertrag von Jonas Jerebko, der auf Big ebenso zu gebrauchen wäre wie Avery Bradley als Allrounder. Auch ein direkter Trade mit Carmelo Anthony geistert immer wieder durch die Gazetten, aber ob dies tatsächlich Sinn macht, steht auf einer anderen Seite. 

Da mit Timofey Mozgov der klassische Ringbeschützer nicht mehr vorhanden und Kaun kein Baller auf NBA-Niveau ist, wären neben Thompson etwas Härte und offensive Vielfalt auf Center nicht verkehrt. Vielleicht sehen wir auch einen Sign & Trade mit Al Horford oder sondergleichen. 

Das letzte Wort in der Causa Kevin Love ist auf keinen Fall gesprochen, und Stand jetzt ist davon auszugehen, dass er in Cleveland seine Mission erfüllt hat und woanders wieder aufblühen darf. Einfach, weil es für beide Seiten passen würde.


Draft
Etwas überraschend schnappte sich Griffin für zweieinhalb Millionen Dollar den 54. Pick der Atlanta Hawks, um Point Guard Kay Felder aus Oakland zu sichern. Zwar sind Zweitrundenpicks nicht garantiert, aber hier steckt mehr dahinter.


Felder war der einzige College-Player, der in der letzten Saison Top-Five-Werte im Scoring (24,4 PPG) und bei den Assists (9,3 APG) auflegte. Nicht wenige sehen in ihm den nächsten Isaiah Thomas und sprechen von einem Steal, der beim Weggang von Delly sofort in die Rotation rutschen könnte.


Kohle
Auch 2016/17 werden die Cleveland Cavaliers wieder die fetteste Payroll der NBA haben. Ausgehend vom Verbleib von James, D. Jones und McRae verdienen zehn Baller knapp 100,6 Millionen Dollar. Bei einem angestiegenen Cap auf circa 94 Millionen Dollar, ist nicht wirklich Platz vorhanden – im Gegenteil.

Bis Mitte Februar stehen durch die Trades von Anderson Varejao, Joe Harris und Jared Cunningham noch über elf Millionen Eceptions zur Verfügung, die sicherlich genutzt werden. Trotzdem muss Besitzer Dan Gilbert die Luxussteuer zahlen, aber das wird ihm recht Schnuppe sein – immerhin hat er dieses Jahr die beste Rendite aller Zeiten.


Zukunft
Cleveland wird auch in der neuen Season den Osten dominieren und ein heißer Contender auf den Ring der Macht sein. Als amtierender Champion steht der Repeat ganz oben auf der Liste, und mit einigen sinnvollen Moves in der Offseason steigt die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung ratzfatz.


Die Zeit von Love ist abgelaufen, ein reibungsloser Abgang sollte für alle Beteiligten das angestrebte Ziel sein – wie gesagt. Auch Shumpert könnte sich nach einer summa summarum enttäuschenden Vorstellung auf dem Tradeblock befinden, um vielleicht Cap-Space für einen weiteren Max-Deal zu schaffen. 

Entscheidet sich Smith gegen den Lake Erie, könnten die Trade Exception und Shump dazu genutzt werden, um per Sign & Trade beispielsweise Nicholas Batum zu holen. Aber naja... Abwarten!