12 Juni 2016

12. Juni, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Charlotte Hornets.

von CHRISTOPH LENZ @nbakenner

Saison 15/16
Es ist mittlerweile fast sieben Jahre her, dass ein gewisser Michael Jordan seinen Emotionen am Tag der Aufnahme in die Naismith Memorial Basketball Hall of Fame freien Lauf ließ. Die Nahaufnahme seines tränenerfüllten Gesichts von damals ist in diesen Tagen häufiger im Internet zu finden als die Erwähnung, dass er der beste Basketballer aller Zeiten oder Haupteigentümer eines NBA-Teams ist. Während der Schnappschuss des „crying Jordan“ von vor fast sieben Jahren so populär wie nie zuvor ist, hat MJ in seiner Funktion als Haupteigentümer der Charlotte Hornets so viel zu lachen wie nie zuvor.

Seit den 49 Siegen aus der Saison 1999/2000 (u.a mit Rookie Baron Davis) hatte kein Team aus Charlotte mehr als 44 Siege einfahren können. Mit 48 erfolgreichen Auftritten war die Truppe von Steve Clifford in 2015/16 also erfolgreicher als alle zehn Mannschaften der „Bobcats Ära“ sowie alle Teams unter Jordans Mit- oder Haupteigentümerschaft.

Die Art und Weise wie das Team sich im dritten Jahr unter Coach Clifford weiterentwickelt hat sticht dabei besonders hervor. Ein Kader mit insgesamt null All-Star Teilnahmen, der einen geteilten dritten Rang in der Eastern-Conference erreicht und dann den beliebten Eastern Conference Championship-Geheimtipp Miami in sieben Spiele zwingt, ist per Definition einerm auf den die Floskel „mehr als die Summe seiner Teile“ zutrifft. 

Umso bemerkenswerter wird dieser Eindruck, wenn man sich die positiven Entwicklungen dieser einzelnen Teile ansieht. Und wenn das Team all das ohne Michael Kidd-Gilchrist erreichen kann, lässt das erahnen, dass selbst an diesem vorläufigen Höhepunkt noch nicht das Maximum des Kaders erreicht sein muss.

Vergleicht man die Veränderung einzelner Statistiken zur Vorsaison, wird eine deutliche Entwicklung sowie einige elementare Stärken und Schwächen des Teams sichtbar. Die Hornets haben sich vom schlechtesten Dreier-Team zur Nummer acht der Liga entwickelt. Das wirkt umso beeindruckender vor dem Hintergrund, dass in 2014/15 nur 22,6% ihrer Würfe Dreier waren, in der abgelaufenen Saison hingegen 34,8% aller Würfe von Downtown kamen. In Sachen Zweier-Quote war Charlotte 24., was aber immer noch eine Steigerung zu Platz 29 aus dem Vorjahr darstellt. 

Probleme wurden vor allem aus besonders kurzer und besonders langer Zweier-Distanz deutlich, während sich die Hornets zwischen einem und drei Metern Entfernung ordentlich verkauften. Eine der großen und mittlerweile beinahe traditionellen Stärken des Teams war einmal mehr die niedrige Anfälligkeit für Turnover. Im dritten Jahr mit Steve Clifford waren die Charlotte Hornets zum dritten Mal das Team mir den wenigsten Turnovern. 

Die Offensivrebound-Quote lag nur auf Platz 29 in der NBA - Auf den ersten Blick völlig paradox, dass die Defensivrebound-Quote hingegen die Nummer 1 der Liga darstellte. Das lässt sich allerdings durch die gestiegene Zahl an Dreiern, einen Fokus auf das Verhindern schneller Angriffe der Gegner und den Mangel an talentierten Offensivreboundern im Kader erklären. 


Offseason Agenda
Die Offseason wird in Buzz City maßgeblich durch die Entscheidungen der eigenen Free Agents bestimmt werden. Mit Nicolas Batum, Marvin Williams, Courtney Lee, Jeremy Lin und Al Jefferson können fünf ihrer besten sechs Scorer aus 2015/16 neue Verträge unterschreiben, wo sie wollen. 

Positive Signale wurden zur Freude von Front Office und Fans bereits von quasi allen diesen Free Agents entsandt. Allerdings ist durchaus mit Signalstörungen zu rechnen, sobald andere Teams Angebote abgeben, die für den ein oder anderen sowohl deutlich über dem aktuellen Gehalt, als auch über der Schmerzgrenze für die Hornets liegen.

Möglichst schnell einen möglichst klaren Überblick über die Zukunft der eigenen Free Agents zu haben ist daher unerlässlich für eine gute Offseason in North Carolina. Wenn Charlotte alle halten könnte, wären die weiteren Baustellen recht klar. Es fehlt an Offensivrebounding, Shotblocking und der Fähigkeit, den Korb auch von den Guard-Positionen konstant zu attackieren.


Sind die Fronten mit den eigenen Free Agents geklärt, gilt es, die Lücken im Kader zu füllen. Entweder am Draft-Abend, oder per Free Agency. Mögliche Szenarien: die frühzeitige Suche nach Ersatz für die wahrscheinlichsten Abgänge Lin und Lee... jeweils im Idealfall mit etwas mehr Scoring, Zug zum Korb, Pick & Roll Fähigkeiten und ohne Einbußen von der Dreierlinie.

Vielleicht muss auch ein Nachfolger für Al Jefferson her - ein Big Man, der auch offensiv rebounden kann, keine dicke Krankenakte hat und offensiv einen Teil des Jefferson’schen Scorings ersetzen kann.

Charlotte hat mit Steve Clifford einen der fähigsten Head Coaches der Liga auf der Bank sitzen, der für NBA-Verhältnisse sehr fest im Sattel sitzt. Um ihn herum könnte je nach Besetzung der letzten offenen Posten noch Handlungsbedarf entstehen, da Patrick Ewing von verschiedenen Teams umworben wird.


Personal
Batum und Kemba Walker haben sich zu Borderline All-Stars entwickelt, Walker erreichte sogar Rang zwei im Most Improved Player Voting. Die Rollenspieler Lin, Marvin Williams und Cody Zeller spielten ihre Rollen besser, als ihnen das vor der Saison wenige zugetraut hätten. Das alles in Abwesenheit von Kidd-Gilchrist, dem nicht wenige eine Breakout-Season zugetraut hatten. 

Aus den Statistiken lassen sich die wunden Stellen der Hornets ablesen. Es fehlt an einem Big Man, der offensiv rebounden kann und defensiv hinter der starken Defense abräumt. Außerdem fehlt es an einem Guard, der zum Korb ziehen und dort finishen kann.


Auf die Beschreibung des gesuchten Big Man passt Hassan Whitesides Profil wie seine Hand um den vom Brett abprallenden Ball. Whiteside kommt aus dem Großraum Charlotte, und zumindest sein Name passt zum “Vanilla Thunder” Frontcourt um Kaminsky, Zeller, Spencer Hawes und Tyler Hansbrough. Alternative Center, die den Platz von 'Big Al' einnehmen könnten, falls der das Weite sucht, sind Dwight Howard, Bismack Biyombo, Festus Ezeli und Ian Mahinmi.

Potenzielle Backcourt Free Agents und damit möglicher Lin und/oder Lee-Ersatz sind Brandon Jennings, der versatile (und vermutlich von 90% der Liga begehrte) Jared Dudley, sowie die eventuell nötigen Billig-Varianten (Lin und Lee haben kombiniert nur unter 8.0 Mio. $ verdient) Ramon Sessions, Ian Clark, Aaron Brooks und Jerryd Bayless. Sollte Batum dem möglichen Ruf eines Contenders folgen, müsste Charlotte auf seiner Position nachrüsten und frühzeitig Angebote für Kaliber wie Harrison Barnes, Chandler Parsons und Luol Deng ablegen. 

Bei allen Überlegungen, die die Saison 2016/17 betreffen, ist es nicht ausgeschlossen, dass das Front Office genügend Platz unter dem Salary Cap freilassen will, um im Washington-Wizards-Style die Tür für die mögliche Heimkehr eines in Charlotte aufgewachsenen 2017er Free Agents offen zu lassen.


Draft
Die Erinnerung an den letzten Draft, als die Hornets für Frank Kaminsky auf vier Draft-Picks aus Boston verzichteten, ist noch sehr präsent. Um welche Picks es sich dabei handelte, ist nicht überliefert, man kann also nur spekulieren. 
  
Nun hat Charlotte den 22. Pick, der in diesem Jahr wertvoller ist als in Jahren, in denen nur Lottery-Positionen stark besetzt sind. Die Ausgangslage vor dem 23. Juni kann somit als durchaus positiv beurteilt werden. Die Vorbereitung dürfte allerdings deutlich schwerer als in vergangenen Jahren sein, da extrem schwer zu antizipieren ist, wer zu diesem Zeitpunkt noch auf dem Board ist. Die Dichte zwischen den Rängen zehn und (mindestens) 45 ist ungewöhnlich eng, unterschiedliche Mock Drafts ordnen einzelne Spieler quasi wahllos überall zwischen dem fünften und dem fünfzigsten Pick ein.

Durch die Tiefe des Drafts könnte es (nicht nur für die Hornets) interessant sein, hohe und mittlere Second Rounders zu holen, da fähige Spieler, deren Niveau auch durchaus nah an der Lottery sein kann, bis in diese Bereiche fallen werden. Potenzielle Trade-Partner sind die Pick-reichen Franchises Boston, Denver und Philadelphia. Potenzielle Trade-Chips der Hornissen sind beispielsweise Jeremy Lamb oder Spencer Hawes.

Charlotte muss sich frühzeitig auf die Nachfolge für den ein oder anderen Abgang seiner zahlreichen Free Agents einstellen, weshalb der Fokus vor allem auf stilistischen Nachfahren von Al Jefferson, Jeremy Lin und Courtney Lee im Auge liegen dürfte. 

Da es extrem schlecht vorherzusehen ist, wer noch verfügbar sein wird, wenn die Hornets am Zug sind, ist es schwierig, konkrete Namen zu diskutieren. Möglicherweise realistisch erhältlich, vielleicht an 22 aber auch schon längst weg, sind die Big Men Brice Johnson, Henry Ellenson und Ante Zizic sowie die Guards Malik Beasley, Caris LaVert und Anthony Barber.


Kohle
Auf den ersten Blick könnte man meinen, der massig vorhandene Platz unter dem Salary Cap ist ein Umstand, der General Manager Rich Cho und die Entscheidungsträger im Front Office erfreuen dürfte. Mit der überaus zufriedenstellenden Saison im Rücken hätte man in Charlotte allerdings liebend gerne darauf verzichtet, wenn man wüsste, dass das Grundgerüst des Teams zusammenbleiben könnte. Stattdessen laufen viele Verträge aus, die eigenen Free Agents wollen umgarnt werden, nebenbei müssen für den Fall der Fälle die Pläne B und C vorbereitet werden.


Derzeit verpflichtete haben sich die Hornets nur mit 45.9 Mio. $. Diese teilen sich in die fantastischen Verträge von Walker und dem hoffentlich in alter Form zurückkehrenden Kidd-Gilchrist, den guten Verträgen von Lamb und Zeller sowie dem per Definition preisgünstigen Rookie-Kontrakt von Kaminsky. Dazu kommt Hawes.

Je nachdem, wo sich der Salary-Cap einpendeln wird, hat Charlotte im Sommer zwischen 46 und 49 Millionen zur Verfügung. Von diesem Geld müssen aber die Leistungsträger der vergangenen Saison (meine persönliche Priorisierung wäre Batum > Williams > Lin > Lee > Jefferson) und/oder deren Ersatz bezahlt werden. Allzu viel Raum für zusätzliches Wachstum durch Addition bleibt voraussichtlich nicht - es sei denn, Cho kann substanzielle Upgrades zu guten Konditionen auf den frei werdenden Positionen an Land ziehen.


Zukunft
Die Charlotte Hornets sind mit dem Kader, der aktuell auf dem Papier steht, kein Team von morgen, sondern mit der Altersstruktur zwischen MKG und 'Frank The Tank' (beide 23 Jahre bei Saisonstart 2016/17), Zeller und Lamb (beide 24), Walker (26), Batum (27) und Williams (30) absolut ein Team von heute... plus zwei bis drei Jahre. 

Das kann sich durch Hinzunahme von Free Agents in beide Richtungen verschieben. Diese Unklarheit bezüglich der vielen Free Agents dominiert den Blick in die Zukunft der summenden Stadt an allen Ecken, wie man auch an der Erwähnung in quasi jedem Abschnitt dieses Textes erkennen kann. Ein Blick in die Glaskugel ist schwer, ohne zu wissen, wer die Leere ausfüllt, die beim Blick auf die vorhandenen Verträge sofort ins Auge fällt.

Dementsprechend ist für die kommende Saison auch eine extrem weite Spanne an möglichen Szenarien denkbar. Vom ernsthaften Cleveland-Jäger bis zum harten Playoff-Kampf mit bis in letzter Minute ungewissem Ausgang ist quasi alles möglich. Dass das Erreichen der Postseason mit Ach und Krach aber schon ein Worst Case Szenario ist, sollte verdeutlichen, wie positiv die Entwicklung der Franchise unter Steve Clifford bleibt.

Grundsätzlich kann man zum jetzigen Zeitpunkt den Schritt zu 50 Siegen (die in der Franchise-Historie erst dreimal zwischen 1995 und 1998 geknackt wurden) als Ziel ausgeben. Je nach Verlauf der Free Agency kann man dieses Ziel dann in Richtung Franchise-Rekord (54 Siege) oder Bobcats-Rekord (44 Siege) korrigieren.

Der längerfristige Blick zeigt eine weitere Ballung von auslaufenden Verträgen nach der Saison 2018/19, in der folglich (spätestens) der Peak des Teams (basierend auf Alter und Vertragslaufzeiten) erreicht sein sollte. Nach diesem Tag X ist aktuell noch keine glorreiche Zukunft absehbar. Bis dahin haben die Hornets eine große Möglichkeit, die Eastern Conference mitzugestalten und eine kleine Ära einzuläuten. Gelingt es ihnen, die eingeschlagene Entwicklung weiter voranzutreiben, ist der erste Sieg einer Playoff-Runde seit 2002 in greifbarer Nähe. Vielleicht kann dann bald sogar ein Schnappschuss für ein „smiling Jordan“-Meme entstehen.