14 Juni 2016

14. Juni, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Atlanta Hawks.

von TIM SEITTER @Timuslav

Saison 15/16
Nach den 60 Siegen in der Vorsaison reichte es für Atlanta 2015/16 „nur“ zu 48 Siegen und Platz vier. Obwohl keiner erwarten durfte, dass die vergangene Fabelsaison inklusive bester Bilanz der Conference wiederholt werden würde, blieben die Hawks hinter den Erwartungen zurück. Besonders der Abgang von DeMarre Carroll konnte nicht kompensiert werden - auch weil Kyle Korver in einem monatelangen Tief feststeckte. 

Die Neuzugänge Tiago Splitter und Tim Hardaway Jr. (für den man immerhin über ein paar Ecken den 15. Pick im Draft abgab) holte Atlanta zwar bekannte Namen, im Fall von Splitter sogar mit Championship-Erfahrung, doch Verstärkungen waren beide wenig bis überhaupt nicht. Splitter war mal wieder verletzt, Hardaway Jr. blieb seine NBA-Tauglichkeit schuldig.

Die Hawks kamen in dieser Saison wieder auf dem Boden der Tatsachen an, aka. das selbe gehobene Mittelmaß wie eh und je. Atlanta stellt ein gutes Team. Zu einem ernsthaften Contender fehlen allerdings wichtige Bausteine. 

Platz zwölf im Offensivrating, Platz sechs im Defensivrating und ein Net-Rating, das für Platz sieben in der regulären Saison reichte. Gehobenes Mittelmaß eben. Angst bekommt bei diesen Zahlen jedenfalls niemand, inklusive diejenigen Gegner, auf die es am Ende ankommt: diejenigen in der obern Hälfte der Ost-Tabelle, die Playoff-Kontrahenten.

Das Endergebnis war schließlich das selbe wie im letzten Jahr. An den Cleveland Cavaliers bissen sich die Falken erneut die Zähne aus und wurden wie schon in der letzten Postseason, mit 4-0 gerupft. Diesmal bereits in der zweiten Runde. Der Auftaktsieg in Runde eins gegen die Boston Celtics (4-2) blieb nicht mehr als ein kurzzeitiger, schnell verpuffender Teilerfolg, von dem sich Atlanta nichts kaufen kann.


Offseason Agenda
Die Hawks müssen sich in diesem Sommer darüber klar werden, wo der Weg in Zukunft hinführen soll. Al Horford wird im Sommer Free Agent. Von ihm und seiner Situation wird in Atlanta fast alles abhängen. 

Entweder werden die Verträge von Horford und Kent Bazemore verlängert, oder ein Rebuild wird eingeleitet. Tradepotenzial bietet der Kader mit ehemaligen und/oder aktuellen All-Stars wie Jeff Teague oder Paul Millsap allemal.  


Die Frage ist, wie sinnvoll ein solcher Rebuild überhaupt wäre? Wie lange und beschwerlich so ein Weg sein kann, zeigen unter anderem die Beispiele Philadelphia oder Orlando. Der Weg des Rebuilds ist lange dunkel. Die Fans in Atlanta, die ihr Team vor der letzten Saison nicht gerade mit Zuneigung überschütteten, werden davon schwer zu überzeugen sein. 

Davon abgesehen ist es in der NBA nicht einfach, ein 50 Siege-Team zusammen zu stellen. Die Liste der Teams, die über mehrere Saisons so erfolgreich sein können, ist klein. Atlanta hat mit dem aktuellen Roster alle Möglichkeiten dazu. 

Wenn aber das ultimative Ziel einer Franchise, der NBA-Titel, auch hier der alleinige Maßstab ist, hat das aktuelle Hawks-Team keine Zukunft mehr, denn mit dem vorhandenen Personal ist selbst das Conference-Finale ein vielleicht schon zu großer Schritt - je nach Matchups in den Playoffs, versteht sich. 


Personal
Neun Hawks stehen über der abgelaufenen Saison hinaus unter Vertrag: Paul Millsap, Tiago Splitter, Jeff Teague, Kyle Korver, Thabo Sefolosha, Mike Scott, Dennis Schröder, Tim Hardaway Jr. und Walter Tavares. Mit Al Horford, Kent Bazemore, Kirk Hinrich, Mike Muscala (Team-Option) und Kris Humphries werden fünf Spieler in diesem Sommer Free Agent. Die Deals von Mike Scott und Lamar Patterson sind nicht garantiert.

Bei einem Rebuild dürften Millsap und Teague den Größten Gegenwert bringen, doch dieser Rebuild steht noch in den Sternen. Wenn das Team zusammen bleibt, müssen Horford und Bazemore zu höheren Bezügen von einem Bleiben überzeugt werden. Beide haben signalisiert, dass sie dafür bereit wären. 

Das Problem: Horford wird wohl einen Maximalvertrag fordern und Bazemore eine gewaltige Steigerung zu seinen zwei Millionen Dollar in dieser Saison. Raum, den Kader danach noch aufzupeppen, ist trotz steigendem Cap nahezu nicht vorhanden. 

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Bleibt noch die Frage, wer nächste Saison auf Point Guard starten soll. Teague oder Schröder? Schröder macht kein Geheimnis daraus, dass er künftig zur Starting Five gehören möchte, doch mit Jeff Teague hat der Deutsche große Konkurrenz. Für die Hawks stellt sich die Frage, ob sie Teague im nächsten Sommer bezahlen wollen oder ihn für Gegenwert bereits diesen Sommer traden sollen, bevor er nach der Saison Free Agent wird. 

Dass Schröder ein Team führen kann hat er bereits bewiesen, unter anderem in Spiel vier gegen die Cavaliers, als Teague das gesamte letzte Viertel auf der Bank saß und Schröder stark aufspielte. Vielleicht war das ein erster Hinweis, wie die Point Guard-Frage beantwortet wird. Auch wenn Atlanta jedoch nicht langfristig mit Teague planen sollte, ist es realistisch, dass er mit in die neue Saison genommen und dann erst im Frühling getradet wird.


Draft
Im Draft 2016 haben die Hawks den 21. Pick in der ersten Runde. Hinzu kommen die Picks 44 und 54 in Runde zwei. Spekulationen, wen sie damit draften oder ob sie ihre Picks traden, erübrigen sich, solange unklar ist, welchen Weg die Franchise anstrebt.

Was jedoch definitiv gesagt werden kann, ist, dass die Hawks angesichts der anstehenden finanziellen Entscheidungen ihren Kader so günstig vervollständigen können. Selbst gegen Ende von Runde eins sind angesichts der Breite dieser Draft-Klasse im Bezug auf potentielle Rotationsspieler noch produktive Rookies zu haben. Die Frage ist natürlich, ob Atlanta den richtigen Riecher hat. 


Kohle
Knapp 52 Mio. $ verdienen die neun Spieler, die die Hawks nächstes Jahr sicher unter Vertrag haben. Addiert man die möglichen neuen Gehälter der eigenen Free Agents Horford und Bazemore hinzu, bleibt nur noch minimaler Raum, um den Kader aufzufüllen. Selbiges gilt auch, wenn nur die Cap Holds der beiden Starter berücksichtigt werden.

Anders sieht es natürlich bei einem möglichen Rebuild aus. Besonders der Vertrag von Millsap, der im nächsten Jahr 20 Mio. $ verdient, würde bei einem Trade wegfallen und massig Raum unter dem Cap schaffen. Ähnliches gilt für den unrealistischen Fall, dass Atlanta auf die Rechte an Horford und Bazemore verzichtet, was weitere 20 Mio. $ freisprengen würde. In diesem Fall wäre also massig Geld da. 


Zukunft
Atlanta beschäftigt schon seit Jahren die selbe Frage wie alle anderen Teams in der Eastern Conference: Wie kann das Team von LeBron James geschlagen werden? Die einfache Antwort, aus Hawks-Sicht: so nicht! Zwei Jahre in Folge wurden die Hawks jetzt bereits mit 4-0 abgefertigt, zwei Mal in Folge von James' Cleveland Cavaliers. 

In der jetzigen Form und Zusammenstellung ist das Team von Mike Budenholzer einfach nicht gut genug für die Finals. Das heißt: es müssen klarere Ziele definiert werden. 


Ist das Ziel der NBA-Titel, muss der Rebuild eingeleitet werden. Ob der den möglichen Erfolg bringt und wie lange es dauern wird, bis die Franchise wieder konkurrenzfähig ist, kann niemand beantworten. 

Ist das Ziel, im Osten eine gute Rolle zu spielen, 50 Siege einzufahren und in den Playoffs weiter zu kommen, als elf bis vierzehn andere Teams der Conference, sollte hingegen alles versucht werden, das Team um Millsap und Horford zusammen zu halten. 

Die Situation in Atlanta ist komfortabler als bei den meisten Klubs im Osten, doch für die Finals ist diese Lineup zu schwach. Im Sommer muss sich die Franchise klar werden, wohin es in Zukunft gehen soll - und ob es Sinn macht, weiterhin auf diesen Kern zu bauen?

Besonders die Free Agency von Al Horford macht dies ungemein schwer. Lieber Rebuild, oder nach einer soliden Saison erneut in den Playoffs gegen LeBron & co. verlieren? Es gibt schönere Aussichten. Aber auch schlechtere…