12 Juni 2016

12. Juni, 2016


von ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

Cleveland verlor auch die vierte Partie der diesjährigen NBA Finals, zu Hause gegen Golden State. Drei Niederlagen in vier Versuchen, damit steht das Team aus Ohio vor dem potentiell entscheidenden fünften Spiel endgültig mit dem Rücken zur Wand.

Bis zur Pause von Spiel vier konnten Anhänger der Cavaliers eigentlich recht positiv gelaunt sein. Der Einsatz stimmte, die Körbe fielen und mit einem erneut glänzend aufgelegten Kyrie Irving schnupperten die Cavs am Finals-Ausgleich, am 2-2. Doch was in den zweiten 24 Minuten nach der Pause passierte, rückte diese Finals wieder ins rechte Licht – zugegebenermaßen. 

Golden State übernahm das Zepter in einer Art und Weise, wie Spitzenteams eine enge Angelegenheit nach Hause bringen oder – um bei der Fachsprache zu bleiben – 'closen'. Die Qualität der Bay-Area-Franchise ist zweifelsohne überragend. Die galligste Gegenwehr wurde ihnen aber nicht entgegengestellt, was ihren 108-97 Erfolg keinesfalls schmälern soll.

Als Fan der unterlegenen Truppe muss ich zwar den zeitweiligen Klassenunterschied neidlos anerkennen. Was ich dagegen aber nicht muss, ist die partiell erbärmliche Leistung der Kavaliere zu akzeptieren – und so geht es nicht wenigen. 

Zum Beispiel LeBron James: Diese Serie hat die Erkenntnis geliefert, dass er nicht mehr das Alpha und das Omega der besten Basketballliga der Welt ist. Wer kann sich an einen LBJ erinnern, der gleich mehrfach einen Drive per unpräzisen Kickout beendete, obgleich ein eigener Abschluss einfacher wie vielversprechender gewesen wäre? Niemand.

Dass Rollenspieler wie J.R. Smith und Tristan Thompson nicht konstant brillieren, ist allgemein bekannt. Sich aber den Arsch in den beiden wichtigsten Begegnungen so lange aufzureißen, bis der letzte Buzzer ertönt, ist genauso zu erwarten wie die Tatsache, dass ein selbsternannter 3&D-Spezialist wie Iman Shumpert mindestens eine Sache beständig abliefert. Zumindest ein bisschen. Ein kleines bisschen.


Über die Rolle von Kevin Love, ob startend oder von der Bank kommend, wurde mittlerweile schon jede Facette beleuchtet, so dass ich mir hier einen weiteren Kommentar ersparen möchte; ähnlich sieht es mit Coach Tyronn Lue aus, dessen Adjustments in der Luft verpuffen.

Am bemerkenswertesten ist jedoch eine andere Erkenntnis: In den entscheidenden Situationen, wenn Irving und/oder James übernehmen (müssen), wird auf den altbewehrten Hero-Isolations-Ball zurückgegriffen. Das ist legitim, das ist üblich. Unverständlich ist in diesen Phasen die Existenz der zwei, drei Cavs-Komparsen. 

Wenn bei den Dubs Curry zum Chefkoch avanciert, bewegen sich die verbliebenen 80 Prozent umso intensiver, stellen härtere Screens und steigen aggressiver zum Rebound. Warum? Damit ihr bester Spieler die beste Ausgangssituation vorfindet, um am effizientesten zu scoren.

In Cleveland dagegen stellen sich Smith, Love und co. in ihre Ecken und machen – genau: nichts! Sie zeigen nicht einmal Ansätze, dass sie ihre überbezahlten Hinterteile gewinnbringend einsetzen wollen, damit das gewohnte Ego-Shooting auch funktioniert. 

Von der teils überragenden Stimmung abseits des Courts ist in schwierigen Phasen nie nur ein existenzieller Hauch zu vernehmen. Die Charakterfrage der #brotherhood wird nach dieser Runde wieder gestellt werden – und das früher als gedacht, denn die Ausgangsfrage lautet wie folgt:


Wie soll Ohio seine erste Meisterschaft in der NBA feiern, wenn weder Ausrichtung noch Einsatzbereitschaft dieser Cavaliers stimmen? Das ist eine rhetorische Frage, also bitte nicht beantworten...