02 Juni 2016

2. Juni, 2016


Nicht, dass die abgelaufene Saison arm an guten Storylines gewesen wäre, aber... Playoffs, yo! Auch hier bei NBACHEF. Nach drei Vorspiel-Runden an beiden Küsten ist der Moment der Wahrheit angebrochen: die NBA Finals starten am Donnerstag. In ihnen? Die Golden State Warriors um Steph Curry auf der einen, die Cleveland Cavaliers von LeBron James auf der anderen Seite. Wer macht's?

von SEB DUMITRU @nbachefkoch  
TIAGO PEREIRA @24Sekunden 
ANDRÉ NÜCKEL @AndreNueckel

Entrée
Finals, Baby! Von Donnerstag auf Freitag (3 Uhr) öffnet sich der letzte Vorhang einer atemberaubenden NBA-Saison, die im absoluten Höhepunkt kulminiert: Im Rematch der letztjährigen Endrunde wollen die Cleveland Cavaliers den amtierenden Champion stürzen. Das Momentum spricht abermals für die Golden State Warriors.

Gegen die Oklahoma City Thunder lag das Team um MVP Stephen Curry bereits 1-3 hinten; eine fast schon aussichtslose Situation. Doch der beste Kader der Liga zeigte seine Gier, die ihnen von vielen schon abgesprochen wurde, und kürte sich zum zweiten Mal hintereinander zum Dominator des Westens.


Auf der anderen Seite sehnt sich der Bundesstaat Ohio nach seinem ersten Ring seit über 50 Jahren. Die Cavs verloren um die Krone der Eastern Conference zwar ihre ersten beiden Playoffspiele in diesem Jahr, doch am Weiterkommen zweifelte niemand so wirklich. Der 4-2-Erfolg gegen die Toronto Raptors war phasenweise eine erneute Machtdemonstration.

Dementsprechend lautet die alles entscheidende Frage: Wer zeigt mehr Muskeln: King James, der sich mit seinem dritten Ring unsterblich machen möchte, oder die Warriors, die ihre historische Spielzeit (73-9-Bilanz in der regulären Saison) ebenso historisch abschließen wollen?


Warum Golden State gewinnt
 „Ich will nicht nach Hause“ schrie Nummer 30 den Spielern der Oklahoma City Thunder ins Gesicht, als sie gewaltsam versuchten, den zwölfjährigen Jungen vom Parkett zu ziehen. Störrisch, unwillig und unnachahmlich stemmte sich der zweifache MVP gegen das drohende Debakel. 

Dreimal standen er und seine Golden State Warriors mit dem Rücken zur Wand, angeknockt im Angesicht des 'Slim Reapers'. Aus einem sicheren Todesurteil für die meisten Teams wurde für die Krieger aus Oakland zum Sprungbrett in die NBA Finals. 

Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Dreier her. Die Wurfkünste der Splash Brothers in den finalen drei Spielen der Western Conference Finals waren eine weitere Machtdemonstration an die Konkurrenz - diesmal mit Oklahoma City als Testkaninchen, aber schon als Fingerzeig in Richtung Cleveland, dem nächsten und letzten Gegner auf dem Weg zum Repeat. 


Jedes Löschmittel, welches Thunder-Coach Billy Donovan den menschlichen Fackeln entgegen warf, verpuffte hinter dem „Swish“ des Nylons. Wie groß ist die Aussicht der weniger langen, weniger athletischen, weniger defensivstarken Cavaliers, die Kreise von Steph Curry und Klay Thompson einzuengen?

"Sie sind das beste Shooting-Duo aller Zeiten", sagt sogar LeBron James. "Da sind Würfe mit dabei, bei denen du absolut nichts machen kannst. Gute Offense schlägt gute Defense - das war schon immer so in diesem Sport." Gute Offense - damit sind wir hier richtig. Sowohl in der regulären Saison (Warriors 1., Cavaliers 4.) als auch in den Playoffs (Cavaliers 1., Warriors 2.) brannten beide Teams Angriffsfeuerwerke ab.

Diese Finalserie wird dank der Präsenz von Kyrie Irving und Kevin Love einen anderen Charakter erfahren als im Vorjahr. Dies zieht nicht unweigerlich einen Nachteil für die Buchtbewohner mit sich, denn das defensiv lethargische All-Star Duo der Cavaliers spielt den Kriegern in die Hände. 

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Ebenso wie die Unmengen an Erfahrung und mentaler Festigkeit in kritischen Situationen, egal wie aussichtslos die Lage auch erscheinen mag. Die Warriors, inklusive Head Coach Steve Kerr, sie standen alle schon hier. Wurden im Westen getestet. Wissen, dass sie auch ohne ihren besten Spieler konkurrenzfähig sind (Curry fehlte mehr als zwei Wochen und ist nicht bei 100%). Cleveland? Irving und Love gehen in ihre ersten Finals überhaupt. Da flatterten schon ganz anderen Kalibern die Nerven.

Dieses Mal spielen sowohl Cavs als auch Warriors um mehr als die Larry O’Brien Trophäe. Für die Cavaliers und ihren König geht es um ein mittlerweile 13 Jahre altes Versprechen, dass damals ein Teenager quer über seinen Rücken tätowierte. In Oakland hingegen träumt das Basketballproletariat von der Perfektion.

Unsterblich machten sich die Krieger bereits in der regulären Saison, indem sie Michael Jordan und seine Chicago Bulls entthronten. Doch in den Augen vieler sind 73 Siege ohne eine Meisterschaft nicht mehr wert als eine Teilnehmerurkunde. Der Nachsatz „zum Schluss scheiterten sie im Finale“, wäre ein Anhängsel, welches damit ebenso für die Ewigkeit bestimmt wäre. Denkt nicht, dass die vielen Restzweifler und Nein-Sager da draussen keine Extra-Motivation für eine tighte, tiefe, gefestigte Truppe ist, von der man denken könnte, sie hätte schon längst alles erreicht. Die Dubs sind hungrig.


Um zu verhindern, dass James wieder einmal zum unmenschlichen Hulk mutiert, wird die Blaupause vom Vorjahr verwendet. Dies bedeutet: multiple Verteidiger für LeBron und die Herausforderung an dessen Teamkollegen, weiterhin aus allen Lagen draufzuhalten. Ein offenes Shootout mit den Warriors? Selbst schuld.

Andre Iguodala wird James permanent auf die Füße treten. Das wird ihn nicht stoppen, denn James ist von niemandem zu stoppen. Aber belästigen. Einschränken. Bremsen. Wer aufgepasst hat, was Iguodala mit Durant gemacht hat, der weiss, dass der amtierende Finals MVP auf das ultimative Duell mit dem Panzer aus Akron brennt.


Unterm Strich wird dieses Finale vermutlich kompetitiver als das 2015. Cleveland ist stärker, viel stärker. Gesünder. Und will Revanche. Golden State hingegen? Besser. Dominanter. Sich noch mehr seiner Identität bewusst, seinen spielerischen und strategischen Vorteilen gegenüber jedem einzelnen Gegner.

Die Warriors testen so lange deine Schwächen, bis du einbrichst. Die Pick-and-Roll Coverage der Cavs? Anfällig, vor allem wenn Love involviert ist. Gut möglich, dass die Cavaliers mit dem richtigen System und viel Disziplin ihre Schwächen kaschieren und ihrem Gegner lange Paroli bieten. Selbst wenn jedoch alle Stricke reissen sollten: der Heimvorteil, der liegt ebenfalls bei den Kaliforniern. Und wie wichtig der am Ende sein kann, haben gerade erst die Conference Finals gezeigt.


Warum Cleveland gewinnt
Es ist absolut egal, wer heute weiterkommt. Es geht nur um uns, und die Jungs wissen ganz genau, dass wir noch vier Spiele gewinnen müssen - egal gegen wen“, wurde Headcoach Tyronn Lue vor Game 7 der Western-Finals nach seinem Wunschgegner gefragt. Ganz so gleichgültig dürfte ihm der Ausgang nicht gewesen sein, wäre doch das Matchup gegen Kevin Durant und Russell Westbrook deutlich passender gewesen. 

Der Stachel der letztjährigen Niederlage (4-2 für GSW) und der damit verpassten ersten Meisterschaft für die Cleveland Cavaliers sitzt noch tief. Neben zwei deutlichen Klatschen in den Begegnungen der Regular Season (Punktedifferenz: -20) untermauern auch diverse Aussagen diesen offenkundigen Fakt, wie Shooting Guard J.R. Smith unschwer anzumerken ist: „Ich hoffe, sie sind das Team. Ich will es in keiner anderen Art und Weise, ich will sie schlagen. Das wäre das schönste Gefühl.“

Und die Chancen stehen diesmal gut. Die mit Abstand stärkste Franchise der Eastcoast hat die bisherigen Playoffs genutzt, um jegliche Skepsis in einer erdrückenden Art und Weise die Luft zu nehmen, um sich einzugrooven und hundertprozentig fit zu werden. Kein Star fehlt, kein Rotationspfeiler fällt mit einer Verletzung aus.


Folgerichtig sind die Grundvoraussetzungen schon mal andere, als noch vor zwölf Monaten – und das wirkt sich äußerst positiv auf die vielerorts zitierte #Brotherhood aus. Beispiel gefällig? Timofey Mozgov, letztes Jahr noch Fels in der Brandung, heuer zum Garbage-Time-Player degradiert, der jede gute Aktion von der Bank aus feiert. 

Die sogenannten „weichen Faktoren“ sind selbstredend für den Charakter einer Truppe von enormer Bedeutung, aber auch die Leistung auf dem Parkett stimmt. Neben den beiden Sweeps gegen Detroit und Atlanta ähnelten vor allem die Auftritte vor heimischer Kulisse in den Conference Finals einer besseren Trainingseinheit.

Lue fand Antworten auf die taktischen Feinheiten der Raptors. Der Dreier wurde den Cavaliers in den ersten vier Auftritten beinahe komplett genommen, dafür klappte das Inside-Game hervorragend. Ein überforderter Kyle Lowry erklärte dazu: „Du kannst ihnen nicht die eine Waffe nehmen, ohne die andere preiszugeben.“

Das Dreierfestival der ersten beiden Postseason-Runden erinnerte phasenweise stark an die Golden State Warriors, doch der Ost-Meister hat dazu gelernt, weiß sich an schwierige Phasen anzupassen, zwischen schnellen und langsamen Stilen zu switchen – und auch zu verteidigen, wenn es sein muss.


Auf alle 14 Auftritte gerechnet, trafen die Kontrahenten mit einer Quote von 0,7% im Schnitt besser – der schlechteste Wert aller Playoff-Mannschaften. Den Wert für die letzten beiden Begegnungen gegen die Dinosaurier hat die Stats-Abteilung der NBA wohl vor lauter Frust verschluckt, denn die Defense war vorzüglich.

Ob die Einzelgegenwehr von LeBron James und Kyrie Irving oder das Teamkonzept, in dem Kevin Love immer besser funktioniert,  die Abwehr erstickte die Kanadier wortwörtlich. Einfache Fastbreak-Punkte und desillusionierte Gegner waren die Folge.

Weiter zeigte sich das gefestigte Mindset der Big Three. The Land stand unter Zugzwang, verspürte erstmals Druck in den Playoffs, aber auch diese Hürde wurde mit Bravour gemeistert. 

Love öffnete durch seine Präsenz am Perimeter Räume für den Drive seiner kongenialen Partner und verwertete Zuspiele mit 47,6% von Downtown höchst effizient (18,3 PPG & 9,3 RPG). Fanden früh zwei, drei Würfe den Weg durch das Nylon, war der Nuggets-Liebhaber fast nicht zu bremsen. Irving, der zwischenzeitlich seinen Rhythmus suchte, legte mit 19,5 PPG sowie 5,8 APG ähnliche Werte auf, die dabei halfen, den King zu entlasten. 

Vor allem im Elimination-Game bei den Raptors zeigte sich Bron-Bron von seiner besten Seite und spielte den vielleicht besten Ball der bisherigen Saison (33 Punkte, 11 Rebounds und 6 Vorlagen). Wenn er liefern muss, liefert er. Und darauf können die Anhänger der Kavaliere in den Finals vertrauen.

Ohne Unterstützung stemmte sich LBJ in der letztjährigen Ausgabe mit seinem ganzen Leistungsvermögen dagegen. Trotz der Niederlage sahen viele in ihm den MVP der Championship-Serie, was bei 35,8 PPG, 13,3 RPG und 8,8 APG nur wenig verwunderlich war.

Diesmal sind – wie bereits geschildert – die Karten neu gemischt, das Blatt spricht für den vermeintlichen Underdog aus Ohio. In den entscheidenden Angriffen vergab James 2015 einfache Layups und traf nur 68,7% von der Linie. Der Grund: die Kraft. Daran wird es diesmal nicht scheitern, zumal Übungsleiter Lue noch einen weiteren Trumpf im Ärmel weiß.


Mit der eigenen Interpretation vom „Lineup of Death“ besitzt Cleveland ein potentes Mittel, um die gefürchtete Formation der Krieger zu kontern. Mit Irving, Smith, James, Love und Channing Frye kann das Spacing maximal ausgereizt werden, um die Stärken im Shooting und den Drive bestmöglich freizusetzen. 

Andererseits dienen auch Iman Shumpert oder Matthew Dellavedova für Scharfschütze Frye (57,8% Dreier) als Alternativen. Beide wissen den Spalding aus 7,24 Meter durch die Reusen zu jagen und ihre Gegner zu quälen. Starting-Center Tristan Thompson, der das Pick & Roll sehr gut liest, oder der bereits angesprochene Mozgov sind ebenfalls veritable Optionen. 

Auf der mittlerweile tiefen Bank schlummern darüber hinaus noch weitere Baller, die X-Faktor-Potenzial besitzen. So wurde beispielsweise Guard Dahntay Jones wegen seiner Verteidigungsarbeit mit einem Vertrag ausgestattet. 


Fakt ist: Die Cavs stehen am Scheideweg. Sie müssen gewinnen, sonst könnte das Projekt, das letztes Jahr eingeläutet worden ist, im Sommer grundlegend überarbeitet werden. Die zweithöchste Pay-Roll der NBA-Geschichte (108,3 Mio. $) muss Dividende abwerfen, weshalb ein zweites Versagen kaum zu dulden wäre.

Aber die Vorzeichen stehen gut. Mit dem besten Basketballer dieser Welt, der zum sechsten Mal in Folge in der Endrunde steht, hat Cleveland ohnehin die größte Waffe in seinem Kader. James’ Kronprinzen funktionieren hervorragend, das Gefolge sorgt für die Basis.  

Golden State, das muss an dieser Stelle hervorgehoben werden, mag zwar das Momentum und den Coaching-Vorteil auf seiner Seite haben, aber sie sind nach dem Erreichen der besten Bilanz aller Zeiten verwundbar geworden – Cleveland dagegen strotzt vor Stärke und Konstanz.

„Unsere Stadt und unsere Fans haben diesen Titel verdient“, sagt der königliche Prophet. „Deshalb werden wir nicht nachlassen und alles in unserer Machstehende versuchen, die Championship zu gewinnen.“ Vergleichen wir 2015 mit der Ausgangslage vor den anstehenden Finals, addieren Love, Irving, Tiefe, Teamplay, Brotherhood und das Streben nach dem verflixten Ring dazu, kann der neue NBA-Champion nur Cleveland Cavaliers heißen.


Stat-Salat
Dass die Defense der Warriors zu den besten der Liga gehört, ist bekannt. In den beiden Aufeinandertreffen mit Cleveland ließen die Dubs nur 25% von Downtown zu.

Die 20,5 Punkte von LeBron James gegen die Warriors sind zwar nicht berauschend, aber auch nicht schlecht. Bemerkenswert sind seine 3,5 Assists gegen die Mannschaft von Steve Kerr. Bei beiden regulären Packungen wusste es Golden State, die Passwege zuzustellen.

LeBrons Dreierquoten: 31% in dieser Saison, 32% in diesen Playoffs, 34% in seiner Karriere, 29% in den Finals 2015. 

Steph Curry, der inmitten der Playoffs mehr als zwei Wochen pausieren musste, war in den entscheidenden drei Partien gegen OKC zur Stelle: 32.7 Punkte, 7.3 Rebounds, 7.7 Assists, 5.3 Dreier bei 47% von Downtown, 2.1 A/TO Rate... MVP-Stuff eben.

Die Defense der Cavaliers - ein Problemkind. Nicht nur während der regulären Saison (Rang 11), sondern auch in diesen Playoffs (102,9 DRtg)


Curry (26.0 PPG) und Thompson (15.8 PPG) blieben in den letztjährigen Finalspielen weit unter ihrem Schnitt. Vor allem Thompson hat in diesen Playoffs ein völlig neues Level erreicht, erzielt bisher 26.1 PPG in dieser Postseason. Thompson war bisher Golden States bester Mann.

Thompson ist nur noch 22 erfolgreiche Dreier vom All-Time-Playoff-Rekord entfernt (98). Wer den im Vorjahr aufgestellt hat, dürft ihr selbst erraten...

Zugelassene Punkte der Warriors nach eigenen Ballverlusten (in diesen Playoffs): 14.2 bei Siegen, jedoch 18.0 bei Niederlagen. Transition-Defense ist also ein Schlüssel.

Die vielgepriesene 'Lineup of Death' hatte in der regulären Saison ein Net-Rating von plus-47. In den Playoffs bisher sind es mickrige minus-0.3. Kann Cleveland das ausnutzen?

Kein Stat, aber eine Abo-Pflicht: Falls Snapchat vorhanden ist, folgt Richard Jefferson (Rjeff24). Der Veteran gilt teamintern nicht umsonst als Snapchat-G.O.A.T..


Die Rechnung, bitte!