18 Juni 2016

18. Juni, 2016


Die Playoffs sind on! Bei so viel irrsinniger Action pro Woche macht es nicht immer Sinn, traditionell zu berichten. Nicht weiter schlimm: die nbachefsquad ist zur Stelle wie LeBron James in Crunchtime und versorgt euch wöchentlich mit artgerechten Häppchen zur Postseason-Action 2016.

von NBACHEFSQUAD

Geschichtsträchtig
Torben Siemer @LifeofTorben ... Spiel sieben also. Das hatte ich nicht erwartet. Diese Finals sind gleichzeitig langweilig und spannend wie selten. Keines der Spiele ging mit weniger als elf Punkten Differenz zu Ende, echte Crunchtime haben wir bisher kaum gesehen. Und doch steht es jetzt, nach sechs Spielen und 288 Minuten, unentschieden. Sowohl die Golden State Warriors als auch die Cleveland Cavaliers haben 610 Punkte erzielt. Also: Alles auf null.

In der Nacht von Sonntag auf Montag geht es um alles oder nichts – und schon jetzt steht fest: Die Geschichte des Siegers wird eine gute. Die 73-9-Warriors, das beste Regular Season Team der Historie, mit der Chance auf den Repeat und darauf, eine Dynastie zu starten. Steph Curry, der trotz eines lädierten Knies die Chance hat, im selben Jahr zum MVP und Finals MVP zu werden. 

Draymond Green, die vielleicht größte Klappe der Liga, kann sich mit dem zweiten Titel in Folge das Recht erwerben, diese den ganzen Sommer über aufzureißen. Und Steve Kerr, der seinen insgesamt siebten Titel einfahren kann, den zweiten davon als Headcoach. In seiner zweiten Saison auf der Trainerbank.

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Noch größer aber wäre, wenn die Larry O’Brien-Trophäe nach Cleveland geht. Der erste Titel in einer Major League seit der Entdeckung des Feuers – und das erste Team, das eine Finalserie nach 1-3 noch in einen Sieg dreht. Wenn die Cavaliers in Oakland – ausgerechnet in der Halle eines historisch herausragenden Teams – die ihnen von nur Wenigen zugetraute Meisterschaft einfahren, wäre LeBron James endlich am Ziel. 

Endlich die ‘ship nach Hause geholt. Endlich käme die oft absurde und abseitige Kritik an James zum Erliegen – zumindest vorübergehend, hoffentlich länger. Was LBJ in den letzten beiden Spielen ablieferte, war herausragend. Selten, wahrscheinlich nie, habe ich eine solche Dominanz eines einzelnen Spielers über die gesamte Partie gesehen. Spiel 6 war LeBrons Welt, wir waren nur Gäste. Also: Stellt euch den Wecker auf Montag, zwei Uhr früh. NBA Finals Game 7. Mehr geht nicht. 


Mindset Change
André Nückel @AndreNueckel ... Nach Game 4 habe ich mich äußerst kritisch über das Auftreten meiner Cleveland Cavaliers geäußert. Meiner? Ja, ich bin ein Fanboy – und zwar ein richtiger.  Auf den äußerst starken Blowout im dritten Match der diesjährigen NBA-Finals gegen die Golden State Warriors folgte eine herbe Enttäuschung. In jeglicher Hinsicht.

Neben harschen Äußerungen bezüglich der Rollenspieler J.R. Smith und Tristan Thompson bekamen auch Kyrie Irving und LeBron James ihr Fett weg. Das war zu jenem Zeitpunkt durchaus angebracht. Jetzt, zwei Spiele später, muss ich sagen: Es hat gewirkt!

Natürlich werden die beeindruckend kämpfenden Kavaliere meinen 100-Zeilen-Tadel nicht in den Locker Room gehangen haben. Nein, sie wussten selbst, was sie verbockt hatten. Während im Game 5 Uncle Drew und Bron-Bron jeweils 41 Punkte auflegten und sich damit abermals einen Eintrag in den Annalen sicherten, war der Druck angesichts der Ausgangssituation vor dem letzten Spiel in Cleveland noch immenser: gewinnt Golden State, so sichern sich die Bay Areaner zum zweiten Mal in Serie den Titel in der Quicken Loans Arena.

Von Sekunde eins an opferte sich der Meister des Ostens auf und wehrte sich in mitreißender Manier: Cleveland spielte wie eine Mannschaft, die in Game 6 den Titel gewinnen konnte. Sie sorgten dafür, dass der Curry-King und seine Würstchen-Fabrikanten nur jämmerliche elf Zähler im Auftaktviertel scorten -  ein Season-Low, von dem sich GSW nicht mehr erholten sollte.

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Stunden zuvor schrieb ich mit Seb Dumitru über Persönlichkeiten im Sport. Wir beide sind der Auffassung, dass es nur noch wenige Athleten gibt, die offen und ehrlich über ihr Mindset sprechen. Die Cavs fanden zwar nicht im eigentlich Sinne die richtigen Worte, dafür im Übertragenen.

Die gesamte Fachschaft prämierte die Warriors nach dem 2-0-Auftakt in diesen Finals bereits zum Champion; niemand hauchte dem dominantesten Basketballer seiner Zeit einen Hauch von Leben ein, was unter anderem auch dazu geführt hat, dass Head Coach Tyronn Lue die richtigen Worte („Ihr wurdet geboren, um Champions zu werden!“) fand, um die Truppe wieder auf Kurs zu bringen. Cleveland hat nun drei der letzten vier Begegnungen gewonnen und geht als Favorit in das alles entscheidende Game 7.

Mit James, der die Trophäe als Finals-MVP trotz des ungewissen Ausgangs für seine erneut übermenschlichen Leistungen (28 PPG, 7,7 RPG, 8,3 APG, 66,3% FG und 56,3% von Downtown) wahrscheinlich schon sicher haben dürfte, und einer ausgewogenen wie charakterstarken Truppe, werden sich die Cavaliers in der Nacht von Sonntag auf Montag erstmals die Meisterschaft sichern. Es wäre auch das erste Mal, dass eine Mannschaft nach einem 1-3-Rückstand noch den Titel holt. Es wäre Historisches, aber nichts anderes sehen wir in dieser Serie. #GoCavs


In Your Face!
Pascal Gietler @PascalCTB ... Wie zur Hölle konnte Steph Curry in Game 6 rund vier Minuten vor Schluss des Parketts verwiesen werde? Einige Calls waren überflüssiger als die primären Geschlechtsorgane eines hohen katholischen Geistlichen.

Mal im Ernst: Stephen Curry kann ab einer gewissen Ansammlung von Fouls durchaus cleverer agieren, aber das macht die ganze Sache nicht besser. Das eigentliche Highlight erfolgte 4:22 Minuten vor dem Ende der Partie. 


Der amtierende MVP schleuderte seinen weltberühmten Mundschutz, aus Frust über seine Ejection, in die versnobte Courtside-Section der Quicken Loans Arena und traf den jubelnden Sohn von Teilbesitzer Nate Forbes. Was für eine grandiose - wenn auch unbeabsichtigte - Reaktion, die in der Folge auch von Coach Steve Kerr gelobt wurde.

Sowohl Kerr als auch Curry wurden von der NBA übrigens mit 25.000 $ zur Kasse gebeten - als ob Game 7 nicht ohnehin schon genug spielerische Klasse zu bieten hätte: Man kann ferner davon ausgehen, dass die Emotionen endgültig am Siedepunkt angekommen sind. Wer in der Nacht von Sonntag auf Monat schläft, sollte am besten nie wieder aufwachen! IT’S ON!


LeBrons Vermächtnis
Marc Lange @Godzfave ... Jordan oder LeBron? His Airness oder King James? Immer wieder wurden die Leistungen der Nummer 23 der Cavaliers mit den heroischen Auftritten der Bulls-Legende verglichen. Meist zieht James am Ende den Kürzeren. Knackpunkt ist dabei seine Finals-Bilanz: Seinen zwei Siegen stehen vier Niederlagen gegenüber. Es ist einer der wenigen Makel in LeBrons ansonsten blitzblankem NBA-Lebenslauf.

Das kann sich in der Nacht von Sonntag auf Montag jedoch ändern – für immer. Mit den Cavaliers ist LeBron kurz davor etwas zu schaffen, das man eigentlich – wenn überhaupt – nur Michael Jordan zutrauen würde: Einen aussichtslosen 1:3 Rückstand in den Finals noch zu drehen.
  
Mit Dwyane Wade und Chris Bosh in derer jeweiligen Blütezeit Meister zu werden, ist kein Kunststück. Vor allem nicht, wenn man selbst als bester Spieler seiner Generation gilt. Damals hieß es, LeBron habe wegen Wade und Bosh seinen ersten Ring geholt. Gewinnt er dieses Jahr, hat er es mit Kyrie Irving und trotz Kevin Love geschafft. Ein gewaltiger Unterschied.


Dreht James mit seinen Cavaliers tatsächlich noch diese Serie, wird das seine ganze Karriere neu definieren. Alle MVP-Titel, Rekordleistungen oder vorherigen Meistertitel werden in den Hintergrund rücken. Dieser historische Kraftakt wäre sein Vermächtnis. Sein persönliches „The Shot“.

Bei einem Sieg in Spiel 7 wird seine Leistung wohl einfach nur als „The Comeback“ in die Geschichte eingehen – und der unendlichen Debatte „Jordan oder LeBron?“ neue Würze verleihen.


Wahrscheinlichkeiten
Jan Wiesinger @WiesiG ... 3-3. Die Serie herunter gebrochen auf ein letztes, ein alles entscheidendes Spiel. 48 Minuten noch. Zeit für ein Geständnis: Ich wette manchmal. Manchmal auch so richtig um Geld. Manchmal sogar im Internet. Jeder Sport ist noch spannender, wenn man ein paar Euro gesetzt hat.

Wetten gewinnen ist schön. Auf lange Sicht gewinnen aber so gut wie immer die Buchmacher. Die sind einfach besser mit Wahrscheinlichkeiten und kalkulieren ohnehin mit teilweise gigantischen Margen bei der Wettannahme.

Vor Spiel 5 boten die großen europäischen Sportsbooks Quoten von bis zu 20:1 auf einen Serien-Sieg der Cleveland Cavaliers. Klar, das war noch vor gut einer Woche, bei einem Stand von 3-1 für die Warriors auch ganz und gar nicht wahrscheinlich. Da hätte man die Kohle ebenso stumpf in Konserven-Spenden fürs lokale Tierheim investieren können. Das geht auch vor die Hunde.


Kein Team hat mit dem Rücken zur Wand je einen 1-3 Rückstand noch in einen Finalsieg drehen können. NIE! Bis jetzt. Aber kein Team hatte einen designierten Finals-MVP wie LeBron, der kurzerhand back-to-back 41 Punkte mit Sahnehaube lieferte. Der vielleicht schon besser war, aber noch nie so voller Willensstärke wie heute.

Als Anführer eines Cavaliers-Teams, das den hochfavorisierten Warriors spielerisch deutlich unterlegen ist, hat LeBron Blut gewittert. Ein Spiel gewinnen, um den viel zitierten Championship-Curse Clevelands endlich ins Reich der Fabeln zu verweisen. Allen noch einmal zeigen wollen, dass er immer noch der beste Basketballer der Welt ist.

Nächstes Jahr den Titel gewinnen wird sicher nicht einfacher, das weiß er. Sein Fenster schließt sich, wenn auch langsam. Jenes in Golden State dürfte noch ein wenig geöffnet bleiben, mit der besten Saison aller Zeiten im Rücken. Aber was nützt das vor Spiel 7 noch, wenn der Rücken der Dub-Nation jetzt Iguodala gehört?

Bogut ist out, Curry nicht 100% fit. Mit Rückschlägen umgehen mussten die Warriors in letzter Zeit häufiger. Auch gegen die Thunder bewiesen sie Nehmerqualitäten. Der Heimvorteil greift noch ein letztes Mal. Die Oracle wird brennen.

Prognosen für Spiel 7? Nein, die bekommt ihr hier nicht. Die Buchmacher bieten für die Warriors 1,5:1, für Cleveland 2,6:1. Ich lasse es mit dem Wetten am Sonntag. Das dürfte nämlich auch so spannend genug werden.