28 Juni 2016

28. Juni, 2016


Kobe, Timmy, Dirk: Ikonen der NBA gehen auf die 40 zu und stehen kurz vor dem Ende ihrer Karriere. In einer Serie begleitet NBACHEF die Oldies auf dem Weg in den Sonnenuntergang und erzählt ihre unterschiedlichen Geschichten. Heute: Tim Duncan.

von MATTIS NOTHACKER

Ob ihm eigentlich bewusst sei, dass Kawhi Leonard sieben Jahre alt war, als er seine erste NBA-Meisterschaft gewann, wurde Tim Duncan einmal gefragt. „Ja, das kommt schon ungefähr hin“, meinte er lachend. 1999 war das, fast 20 Jahre her, als Duncan zusammen mit seinem kongenialen Partner David Robinson seine erste Trophäe in den Himmel reckte. Nun, eine halbe Ewigkeit später, spielt Tim Duncan immer noch – in der besten Liga der Welt. Im April hat er seinen 40. Geburtstag gefeiert.

Es hat sich einiges geändert in dieser Zeit. Haufenweise kamen Spieler und gingen wieder, und doch ist auch einiges noch gleich. Seit mehr als einem Jahrzehnt wird er von seinen Co-Stars Tony Parker und Manu Ginobili begleitet. Gregg Popovich, Duncans Trainer und engster Kumpane bei den San Antonio Spurs, ist seit Tag eins an seiner Seite. Werte wie Respekt, Disziplin und allerhöchster Einsatz werden genauso propagiert wie vor 15 Jahren.

Doch Duncans Rolle hat sich unter Popovich enorm geändert: vom jungen Top-Athlet, der in so gut wie jedem Angriff den Ball bekommt und möglichst punkten soll, wurde der Power Forward schleichend zum alten, langsamen, aber extrem gewieften Veteranen und Defensivanker seiner Mannschaft.


Duncan ist einer dieser wenigen Spieler, der das geschafft hat: sich den Gegebenheiten seiner schwindenden Athletik anzupassen und trotzdem essentiell für die Mannschaft zu bleiben. Spieler wie Allen Iverson, Tracy McGrady, Shaquille O’Neal oder auch Kobe Bryant wollte das in der Form nicht gelingen.

Sie versuchten, auch mit jenseits der 30 die gleichen Würfe zu nehmen, die gleichen Aktionen wie in der Vergangenheit zu versuchen. Duncan machte es anders, und seine Teamkollegen taten es ihm gleich. „So wie sich Timmy an Manu angepasst hat, hat sich Manu an mich angepasst und jetzt passe ich mich an Kawhi an“, sagte Tony Parker vor einem Jahr.

Seit dem Ausscheiden der San Antonio Spurs gegen die Oklahoma City Thunder in den diesjährigen Playoffs ranken sich jedoch wieder die Gerüchte, wonach Duncan nun wirklich seine Karriere beenden werde. Diese gab es in den vergangenen paar Jahren so verlässlich wie die Behauptung, die Spurs seien nun kein Titelkandidat mehr. Nichts davon stimmte. Doch in diesem Jahr scheint es tatsächlich so, als ob Duncans Karriere vor dem unwiderruflichen Ende steht.

Vielleicht noch ein Jahr werde er sich antun, sagen die meisten, mehr aber auf keinen Fall. Schon ein halbes Jahrzehnt plagt sich Duncan mit Knieproblemen herum. In der Serie gegen die Thunder sah man zum ersten Mal seit langem wieder einen Spieler, der über weite Strecken  nicht mehr effektiv war – mickrige 3,4 Punkte pro Spiel erzielte er in den ersten fünf Partien. Lediglich im sechsten und letzten Spiel der Serie blühte er noch einmal auf und kam auf 19 Punkte, die meisten davon erzielte er in einem herausragenden vierten Viertel.

Vor diesem letzten Viertel wurde Duncan von Popovich gefragt, ob er drin bleiben wolle. „Natürlich, ich will immer spielen“, antwortete Duncan. „Ok, dann los“, sagte Popovich. Es war ein Gespräch, das sich in der Form, für alle Zuschauer gut zu erkennen, selten ereignet hat. Man merkte, dass sich auch Popovich nicht sicher war, ob Duncan das Feld noch einmal betreten würde – für den Fall wollte er dem besten Power Forward aller Zeiten einen würdigen letzten Auftritt ermöglichen.

GO. TIMMY. GO.

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Duncan hat zum einen immer betont, dass er nicht aufhören will, wenn er das Gefühl hat, der Mannschaft noch weiterhelfen zu können. Anderseits hat er aber auch erklärt, dass er nicht mehr spielen will, wenn er nicht mehr effektiv sein kann. Das "Problem": Tim Duncan wird seinem Team wohl auch mit 45 noch helfen können, wenn er einigermaßen gesund bleibt.

Allein durch seine Erfahrung kaschiert er seine inzwischen fehlende Athletik, seine Defense ist fast so gut wie eh und je. Im Angriff ist er längst nicht mehr so stark wie auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, doch mit seiner Größe, den Bankshots und Running-Hooks hat er auch im hohen Alter noch ausreichend effektive Moves in seinem Arsenal.

Egal wie es kommt, ob er tatsächlich demnächst sein Karriereende verkündet oder noch ein Jahr dranhängt - in den Medien wird es, gemessen an seinen Erfolgen und seiner Bedeutung für die NBA – eine untergeordnete Rolle spielen.

Seit seinem ersten Spiel in der NBA wird Duncan von vielen als langweiliger Spieler betrachtet. Die Spielweise eines Shaquille O’Neal oder Dwight Howard war von Kraft und Power gekennzeichnet, von enormer Muskelkraft. Dirk Nowitzki spielt elegant, sein Wurf mit einem Bein ist so schwierig wie schön anzuschauen, der Ball scheint ewig in der Luft zu schweben, wenn Nowitzki ihn loslässt.

Pau Gasol spielt mit Finesse, seine filigranen Post-Moves, Drehungen und Täuschungen sind der Traum eines jeden Basketball-Ästheten. Youngster wie DeMarcus Cousins oder Karl-Anthony Towns vereinen Elemente der alten und neuen Ära mit unglaublichen körperlichen Voraussetzungen.


Duncan ist anders: seine Spielweise ist geradlinig, simpel – und „hässlich“. Und doch ist sie erfolgreicher als jede andere. Er hat den Bank-Shot perfektioniert, bringt den Ball einfach in den Korb. Bei Tim Duncan sieht alles recht einfach aus, nicht umsonst wird er „The Big Fundamental“ genannt.

Zum anderen ist die Persönlichkeit Duncans so besonders wie selten in der NBA. In vielerlei Hinsicht ist er ein Spiegelbild seines Trainers: er scheut die Medien, gibt kaum Interviews, spricht so gut wie nie über sich selbst und will nur selten für Unterhaltung sorgen.

In einem seltenen Beitrag von ESPN über Tim Duncan sagte Bill Simmons: „Seit 1997 hat man noch nie davon gehört, dass Duncan faul ist, seine Mitspieler kritisiert, übergewichtig ins Trainingslager kommt, sich über Geld beschwert, einen Trade fordert, sich einen Spitznamen gibt. Natürlich fanden die Leute das langweilig. Tim Duncan hatte keine coolen Werbespots, Tim Duncan hatte keinen street cred, Tim Duncan war nicht polarisierend. 'Hey Tim Duncan, du bist langweilig', sagten die Leute. Entschuldigung, seit wann war es langweilig, zu gewinnen?“

Gewinnen. Das ist das, mit dem man Tim Duncan auch in 30 Jahren noch zuallererst in Verbindung bringen wird. Mit Duncan im Team haben die San Antonio Spurs noch nie die Playoffs verpasst oder in der regulären Saison weniger als 50 Spiele gewonnen - außer im Lockout-Jahr 1999, in dem sie die Meisterschaft holten – ein phänomenaler Wert. Fünf Titel sprangen dabei für Duncan heraus – so viele hat in dieser Generation nur Kobe Bryant gewonnen. Bereits in seinem zweiten NBA-Jahr gewann er den Finals-MVP Award.


„Es gibt ein neues Gesicht in der NBA, und es ist kein lächelndes“, schrieb die Sports Illustrated 1999, kurz vor dem Triumph der Spurs, in einem großen Artikel über Duncan. „Wenn er sich benachteiligt fühlt, kann er seine Augen ganz groß werden lassen. Aber wenn er in der Lage ist, etwas mehr als leichte Verärgerung zu spüren, muss er das noch zeigen. Das neue Gesicht der NBA ist offenbar eines der Gleichgültigkeit. Aber man sollte sich lieber daran gewöhnen, denn so wird es sehr, sehr lange aussehen.“

Tim Duncan zeigt in den seltensten Fällen, was in ihm vorgeht. Die meisten seiner Zunft reden dauernd während dem Spiel, pushen sich selbst und lassen ihrem Gegenüber ständig wissen, dass sie überlegen sind. Duncan schweigt einfach. Und treibt seine Gegner damit streckenweise zur Weißglut.

„Ich kann mich erinnern, als Kevin Garnett versucht hat, ihn fertig zu machen“, erinnert sich Metta World Peace. „Er schubste ihn, kam ihm ganz nah, doch Tim Duncan machte nichts, reagierte nicht einmal. Duncan gewann einfach die verdammte Meisterschaft. Verstehst du, was ich meine? Das ist Gangsta”.

Duncan, der auf den Jungferninseln aufgewachsen ist, ein exzellenter Schwimmer war und an der Wake Forest University Psychologie studiert hat, sagt: „Das beste Gedankenspiel ist, die Leute immer wieder anzugreifen, bis es sie kaputt macht“. Reagiere nicht, zeige keine Emotionen, meint Duncan: „Irgendwann wirst du sie anpissen.“

Duncans psychologische Vorgehensweise ist so effektiv, dass viele seiner Gegenspieler aufgehört haben, ihm während des Spiels Sachen an den Kopf zu werfen. „In meinem Rookie-Jahr habe ich eigentlich mit jedem Trash-Talk geredet“, erklärt Draymond Green, der in einer anonymen Wahl unter Beteiligung der NBA-Spieler zum besten Trashtalker der Liga gewählt wurde.


„Im Laufe eines Spiels gegen die Spurs begann ich, mit Tim zu reden. Er starrte mich einfach an. Ich redete weiter und er starrte einfach weiter. Ab diesem Zeitpunkt merkte ich, dass ich es genauso gut lassen könnte, mit ihm zu reden. Das tat ich dann auch.“

Für den seltenen Fall, dass es mal nicht klappt mit dem Schweigen, dann redet Tim Duncan doch. Aber nicht so, wie es die meisten tun oder erwarten: „Er ist ein netter Typ“, sagt Steven Adams von den Oklahoma City Thunder, der fast 20 Jahre jünger ist. „Das war mein größter Fehler als Rookie. Er hatte Probleme mit meiner Verteidigung.

Und dann kam er rüber und redete ein bisschen mit mir. Er meinte: „Hey, wie geht’s dir?“. Und ich dachte: „Wow, was für ein netter Typ“. Dann machte er plötzlich ganz einfach 20 Punkte. Ich erzählte es Mark Bryant (Assistant Coach der Thunder, Anm. d. Red.) und er sagte: „Das machen die Veteranen so. Lass dich nicht darauf ein. Sei auf keinen Fall nett zu ihm“.

Es ist schwierig, nicht nett zu Tim Duncan zu sein, ihn nicht zu mögen. Nicht nur seine Mitspieler, sondern auch seine Gegenspieler loben ihn in den allerhöchsten Tönen. Ob nach Siegen oder Niederlagen, Duncans Gegenspieler suchen immer zuallererst ihn, wollen mit ihm sprechen. Er ist inzwischen längst zum Vater der Liga geworden. Womöglich macht der Vater der Liga nun endgültig Schluss. Die NBA wäre um einen legendären Ausnahmespieler ärmer...