05 Juni 2016

5. Juni, 2016



Es wird die Jüngeren überraschen, aber die Saison 2013/14 der Brooklyn Nets hatte den Kern einer richtige Wohlfühlgeschichte zu bieten. Im Schatten der katastrophal gescheiterten Versuchsanordnung "mit der Ü30-Brechstange zur Meisterschaft" feierte ein Mann von 28 Jahren seine Coming-out-Party, der zwei Jahre später als Schlüssel zum Krönungszimmer für die beste Saison der Geschichte gilt.

von ANNO HAAK @kemperboyd

Die Schönheit in "0 von 6"
Genau am 07. März 2014 durchbricht er eine Schallmauer. Es ist eine der vielen grauen Abende für die schwarz-weißen Möchtegerncontender. Ausgerechnet im Garden bei den in jenem Jahr gewollt indiskutablen Boston Celtics, an die man im Sommer die gesamte Zukunft für den Korpus von The Truth und The Kid verpfändet hat, setzt es für Brooklyn eine dieser Pleiten, an die kaum ein Mensch sich je erinnert, weil auch ein Sieg wertlos gewesen wäre.

Von sechs Versuchen aus dem Feld findet an jenem Abend nicht ein einziger den Weg in die Maschen, die die Welt bedeuten. Seine drei verwandelten Freiwürfe aber setzen ein Carrer High in die Spalte "erzielte Punkte in einer Saison".

Es ist seine erste komplette Spielzeit bei einem einzigen Team seit sechs Jahren. Es ist sein 59. Einsatz im 60. Saisonspiel (ebenfalls Laufbahnbestwert). Er ist das Licht an einem düsteren Abend. Er ist Shaun Patrick Livingston.

Stunde Null
Sieben Jahre zuvor hätte Shaun L. einen selbst gewonnenen Meisterschaftsring verschenkt, um an einem trostlosen Abend in Boston auch nur aufrecht auf dem Parkett stehen zu können. Am 7. März 2007 ist er ein 21-Jähriger, der um den Erhalt seines linken Beines bangt.

Neun Tage zuvor springt er als Clipper in einem ähnlich bedeutungslosen Spiel wie in Boston bei den Bobcats Richtung Rotluchskorb und versemmelt einen offenen Layup. Als er gelandet ist, weinen erwachsene Männer ob des Grauens, das sich ihren Augen bietet.

Bei der Rückkehr auf den Boden macht der Guard sich im linken Knie ohne Gegnereinwirkung kaputt, was im linken Knie überhaupt nur vorhanden ist. Für die Jüngeren: Es sieht ein bisschen wie Paul George 2014 aus. Nur viel schlimmer.

An Basketball ist nicht zu denken. Nachdem das Bein vor der Amputation gerettet ist, muss der Leistungssportler das Gehen neu lernen. Mit dem Knie zerspringt eine hoffnungsvolle Karriere vermeintlich in tausend Stücke.

Be like LBJ
Anfang des Jahrtausends gibt es noch keine Altersgrenze beim NBA Draft. Vor 12 Jahren ist die Wahl des "Auserwählten" wenige Monate alt. "Fundamentals" sind was für den Schlafwagen am Alamo und Larry-Brown-Ansprachen an Ben Wallace.

Das nächste große Schülerding wird gesucht. An der Peoria High School in Illinois glauben die Clippers, es gefunden zu haben. Ein etwas schmächtiger Spielmacher mit enormer Spanne, einem Wurf und einer für die Guard-Gardemaß übersteigende Größe von 2,01 Metern enormen Mobilität hat es ihnen angetan. Für Livingston lassen sich die Clippers sogar von der zweiten auf die vierte Draftposition herunterhandeln, und zwar von... den Charlotte Bobcats.


Livingston soll aus der damals (wieder einmal) trüben Gegenwart eine strahlende Zukunft beim anderen Team in L.A. machen. Der vermeintlich nächste LeBron kommt nie in der Liga an. Bis zum Ablauf seines Normfrischlingvertrags 2008 macht er gerade einmal 113 von 340 möglichen Spielen.

Allein die Horrorverletzung kostet ihn mehr als eineinhalb Spielzeiten. Schon vor dem Totalschaden stoppen ihn der eigene Körper und die überbordende Erwartungshaltung in fatalem pas-de-deux. Er scort kaum, selbst Freiwürfe fallen nur knapp über dem Rondo-Limes, ein weiterer Olowokandi, ein Bust, eine Katastrophe für die Clippers.

Wanderjahre
Im Sommer 2008 darf der Hoffnungsträger von einst zurück auf das Hartholz. Die Sterling-Clippers, Class Act, der sie sind, sparen sich allerdings sogar die QO für ihren gefallenen Goldjungen. Der Mohr hat nicht mal seine Schuldigkeit getan, gehen kann er sowieso. Jetzt droht die Karriere auszutrudeln, mit gerade einmal 23 Jahren.

Im folgenden Halbjahrzehnt sammelt er Stationen wie Groundhopper im Luke Ridnour Trikot. Washington, Memphis, Houston, OKC, sogar das vermaledeite Charlotte sind nur einige der Stationen. Bei manchen Teams macht er nicht ein Spiel, bevor er die Papiere wieder ausgehändigt bekommt oder weitergereicht wird.

An Weihnachten im Jahre des Herrn 2012 verpflichten ihn die Cleveland Cavaliers aus seiner zweiten Heimat, der Waivers List, haben aber sechs Monate später weder Geld noch Verwendung für ihn. (man kann ihnen das kaum als Scouting Desaster vorwerfen, aber die Ironie dürfte selbsterklärend sein).

#HelloRebirth
Ausgerechnet die Geldverbrennungsmaschine vom Hudson bietet dem zum Wandervogel mutierten Ex-Superstarprospect die zweite Chance. Auf Geld kommt es Mikhail Prokhorov nicht an, Livingston ist ohnehin bereit, für alles oberhalb von zwei warmen Mahlzeiten pro Tag zu spielen.

Die Nets, die gefühlt Phantastillionen Luxussteuer allein für die Starter zahlen, benötigen billige Veteranen, die Williams, Johnson und Co. entlasten können. Es ist eine dieser win-win-Verbindungen, die meist am Ende wenig Rendite abwerfen. Vielleicht sollte man sie besser "Nobody-got-something-to-lose"-Beziehungen taufen.


Während die Nets auseinanderfallen, findet Livingston seine Rolle. Edelbackup und Mismatchmaker in Personalunion. Einzig, nicht artig. Die Ironie des Schicksals will es, dass die Verletzung, die die Kirsche auf der umgekippten Sahne ist, die die Saison der Brooklyn Nets ist, Livingstons Entwicklung vom bemitleideten "Journey Man" zum respektierten Rollenspieler vervollständigt.

Nach Lopez' Saisonende verfrachtet Coach Gatoradespill den Comboguard in die erste Fünf. Mit ihm als Starter schleppen sich die Nets wenigstens noch in die Postseason und sogar vorbei an den Raptors in die zweite Runde. Zehn Jahre nach seiner Draft ist Livingston doch noch ein veritabler NBA-Pro.

Golden years
So wird der Guard vom Resterampenbeschwerer zum begehrten Ergänzungsasset. Damals in der Draft hätte er vermutlich davon geträumt, mit dann 29 einen letzten dicken Vertrag zu unterzeichnen. Irgendwas im hohen achtstelligen Bereich, LeBron James-Nachbarschaft.

Statt dessen langen die Warrios für 15 Mio. $ und drei Jahre hin. Die Nets können dank ihres abstrus nummernreichen Lohnjournals nicht mitbieten. (So gesehen hat Billy King Aktien an einem 73-Siege-Team. Die NBA ist ein komischer Ort.)

A photo posted by Shaun Livingston (@sdot1414) on


Wie an jenem 26. Februar 2007 kommt irgendwie plötzlich alles zusammen, nur in die andere, die positive Richtung. Aus einem obskuren Platz-vier-Team im Westen, das unverständlicher Weise gerade seinen Trainer entlassen und einen TV-Kommentator an die Schalthebel gesetzt, einen fragilen reinen Shooter als Franchise Player und Kevin Love wegen seiner nicht begreifbaren Liebe zu einem Dime-a-dozen-Shooter verpasst hat, wird der Meister 2015.

Und aus dem Fastinvaliden Livingston ein werthaltiger Bestandteil des besten Vereinsteams der Welt. Ein modernes Märchen, doch das Beste kommt noch.

Als ein Jahr später der Zweifach-MVP via Verletzung sogar den Rockets eine Chance auf Runde 2 einzuräumen scheint, vertritt ihn der Schlaks mit dem vermeintlich profisportuntauglichen Körper fulminant.

Anders als die Celtics 2010 implodiert Oakland nicht. Curry ist eben nicht Perkins (Is was, Doc?). Das ist auf so vielen Ebenen wahr. Die Rockets kriegen D'Antoni, die Warriors die Blazers.

Am Donnerstag macht Shaun Livingston 20 Punkte in Spiel 1 der NBA-Finals, so viele wie die Splash Brothers. Zusammen wohlgemerkt. Acht von zehn Versuchen sitzen. Boston 2014 ist nur noch eine schale Erinnerung, Charlotte ein Universum weit entfernt.

Die Franchise, die ihm einst einen Vertrag auf den Gabentisch legte, um ihm im Juni den Schuh in den verlängerten Rücken zu geben, sah chancenlos aus. Trotz LeBron James. So wird Livingston zur Symbolfigur dieser Warriors-Fanchise. Der unwahrscheinlichste Dominator der NBA-Geschichte mit dem unwahrscheinlichsten aller Helden.

Egal, wie diese Serie ausgeht: Livingston wird aus ihr als Gewinner hervorgehen. Weil er nach dem Leidensweg nur noch gewinnen kann, ob ein bedeutungsloses Spiel im Garden oder den höchsten Preis auf der größten aller Bühnen.

Er ging diesen beschwerlichen Pfad, auf dem er vieles richtig machte. Denn was immer Du machst, Du machst viel richtig, wenn das einzige Mitglied der beiden besten Teams der Ligageschichte über Dich sagt, was das Schlusswort sein soll. Steve Kerr über Livingstons Weg:

"That inspires me."