13 Juni 2016

13. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Obwohl Wade Baldwin sein komplettes erstes Jahr am College kaum Beachtung seitens der Massenmedien in den USA fand und auch als Sophomore trotz der eindringlichen Hinweise vieler Draft- und Collegeexperten erst spät und nur verhalten im Ansehen diverser Draftportale stieg, ist es durchaus legitim, Baldwin als größtes Talent auf der Aufbauposition zu bezeichnen, das der diesjährige Draftjahrgang zu bieten hat.

Baldwin spielte zwei Jahre für die Vanderbilt Commodores. Wade Baldwin spielte zuvor in New Jersey Highschool Basketball an der Seite von Karl-Anthony Towns und war in Sachen Recruiting bei den wenigsten Portalen überhaupt aufgeführt, da er in der Regel nicht mal die Hürde der besten 100 seines Jahrgangs nehmen konnte. Ähnlich erging es vielen seiner Classmates, die sich ebenfalls für Vandy entschieden und den Kern eines Neuaufbaus bilden sollten.

Im ersten Jahr durfte er direkt viel Verantwortung in einem insgesamt jungen Team übernehmen und dadurch mit seinen jungen Kollegen für Aufwind in Tennessee sorgen. Nach zwei mageren Jahren, erreichten die Commodores unter anderem dank Baldwin die 20-Siege-Marke. Besonders in der zweiten Hälfte der Conference Saison profitierten die jungen Spieler von den gemachten Erfahrungen und konnten der teils deutlich routnierteren Konkurrenz das eigene Talent unter die Nase reiben.

In der just vergangenen Saison konnte Vandy sogar das NCAA Tournament erreichen. Baldwin überzeugte dabei in vielen Spielen, blieb jedoch insgesamt sehr inkonstant. Gerade die Spielweise der Commodores schien Baldwin nicht wirklich entgegen zu kommen, da er selten genug Platz für Drives hatte und stattdessen auch öfter mal abseits des Balls geduldig auf die Entscheidungen seiner Mitspieler vertrauen musste.

Ein großes Problem, an dem die Offensive und die Schlagfertigkeit besonders in der Crunchtime krankte, war, dass durch die vielen Read-and-React-Prinzipien sowie den vielen Pässen und Cuts am Ende nicht zwangsläufig Baldwin als Ballhandler das Eins-gegen-Eins oder Pick & Roll initiieren konnte. Da außer ihm aber nur wenige Spieler über wirklich verlässliche Playmaking Qualitäten verfügten und er als Catch-and-Shoot-Player auf NCAA Ebene eigentlich eine Verschwendung war, mussten sich die Commodores in vielen knappen Spielen geschlagen geben.


Gerade hier sollte sich der Wechsel in die NBA relativ schnell bezahlt machen. Gewöhnt sich Baldwin erst einmal an die dauerhafte Rolle als Playmaker, kann er relativ schnell einen positiven Einfluss auf das Spiel seines Teams haben. Denn in den letzten zwei Jahren konnte er sein Spielverständnis enorm aufbessern und trifft dadurch nur noch selten wirklich schlechte Entscheidungen. Viel eher ist es so, dass ihm gelegentlich noch die notwendige Konzentration bei einigen Details abhanden kommt und er auf diese Weise seine Ballverluste verschuldet.

Ein Problem, das Baldwin jedoch schleunigst aus der Welt schaffen sollte, sind seine langen Entscheidungszeiten, die oft dazu führen, dass nur die schlechtere Option übrig bleibt. Oft baut Baldwin nach dem Ballerhalt erst einen Fake ein, obwohl er seinen Verteidiger teilweise abgeschüttelt hat oder dessen Closeout attackieren könnte. Doch die Täuschung kostet ihn dann oft den entscheidenden Bruchteil einer Sekunde, sodass letztlich eine wilde Aktion entsteht, in der Baldwin die Kontrolle über sich und das Spielgerät verliert.

Zudem kann man Baldwin eine gewisse Sorglosigkeit im Umgang mit dem Spalding nachsagen. Oft sind seine Pässe und Dribblings zu lässig, wodurch seine Zuspiele entweder nicht ankommen oder er unbedrängt den Ball vergisst und damit gar nicht erst die Möglichkeit hat, einen Pass im richtigen Moment zu spielen.


Im den ersten beiden Angriffen des Videos bringt sich Baldwin selber in die Bredouille. Beide Male ist die Entscheidung zwischen Charge- oder Blockingfoul relativ knapp. Besonders auf College Ebene wird jedoch gerne der Anreifer für eine solche Aktion bestraft. In beiden Momenten ließe sich diese knifflige Lage galant vermeiden, indem Brown früher den Verteidiger liest und sich für eine bessere Option entscheidet.

Während Baldwin in der ersten Szene zunächst anscheinend über die Baseline attackieren will, worauf auch seine Füße und Körperhaltung ausgelegt sind, entscheidet er sich im letzten Moment doch noch um und rennt in den nun stehenden Verteidiger rein. Hier wären entweder der direkte Curl zum Korb nach dem Handoff oder aber der Drive über diese Baseline die vielversprechenderen Alternativen gewesen.

In der zweiten Szene ist noch offensichtlicher, dass Baldwin überhaupt nicht auf den Verteidiger achtet und dennoch zu lange vom Catch bis zur ersten Bewegung braucht. Beim Ballerhalt hat er sehr viel Platz, ist sich dessen aber offensichtlich überhaupt nicht bewusst und hat stattdessen von der ersten bis zur letzten Sekunde nur den Drive über die Mitte im Kopf. Baldwin hat hier Glück, dass der Verteidiger für den guten Read nicht belohnt wird und das Defensvifoul angekreidet bekommt.

In der letzten Situation kombiniert Baldwin gleich zwei häufig aufkommende Schwächen miteinander. Erst ist er nicht in der Lage zu erkennen, dass sein Big Man Damian Jones, für den das Play konzipiert ist, nach dem Screen freie Bahn zum Korb hat. Anschließend wirft Baldwin auch noch achtlos den Ball weg und verschuldet damit nicht nur das Fehlen zwei einfacher Punkte seines Centers sondern gleichzeitig einen Ballverlust.


Ähnliche Schwierigkeiten beim Erkennen von eigenen Vorteilen hat Baldwin im Eins-gegen-Eins. Noch ist er hier nicht in der Lage, konstant seinen Gegenspieler zu schlagen. Durch die vielen Screens am und abseits des Balls gingen viele gegnerische Teams dazu über, kompromisslos alle Screens zu switchen. Doch nur selten konnte Baldwin Mismatches auskosten und langsamere Bigs am Perimeter stehen lassen.

Oft wirkte Baldwin verunsichert. Einerseits schienen ihm die Mittel und die Kreativität bei seinen Aktionen zu fehlen, andererseits fehlte oft das letzte Quäntchen Selbstvertrauen. Auch wenn er seinen Kontrahenten schon geschlagen hatte, kam entweder der unnötige Kickout nach draußen oder ein Abschluss, der mehr darauf zielte, einem Blockversuch zu entgehen, als den Ball im Korb zu versenken. 

Neben diesen mentalen Störfaktoren fällt zudem auf, dass Baldwin aufgrund seiner langen Arme sehr weit von seinem Körper entfernt den Ball dribbelt und somit mehr Angriffsfläche für Stealversuche bietet. Da Baldwin auch nicht sonderlich hart den Ball auf den Boden setzt, ist Baldwin in der Tat anfällig dafür, sich einfach den Ball aus den Händen nehmen zu lassen. Durch die weiten Crossover verliert zudem der erste Schritt oft an Explosivität, da Baldwin immer einen Moment warten muss, bis er das Leder wirklich unter Kontrolle hat.

In solchen Moment wäre es zudem von Vorteil, wenn Baldwin seine Wurfauswahl überdenken würde. Zu oft leidet seine Quote unter Mischungen aus Floatern und Pullup-Jumpern, die weder das eine noch das andere sind und relativ wenig Aussicht auf Erfolg bieten. 


Alle Impressionen stammen aus dem Spiel gegen Texas A&M. Die Aggies entschieden sich, wie bereits angeschnitten, dafür, alle Screens zu switchen. Dadurch sah sich Baldwin des Öfteren den gegnerischen Bigs am Perimeter entgegen gestellt. Von diesen Bigs sind die wenigsten im Normalfall in der Lage einen Guard, geschweige denn Baldwin vor sich zu halten. Dennoch reagierte Baldwin in vielen Fällen zu passiv.

So verursacht er das Überschreiten der eigenen Angriffszeit in der ersten Offense durch den Kickout zu seinem Center. In der zweiten Situation realisiert Baldwin noch nicht mal, dass er mit Tyler Davis einen der langsamsten Spieler der NCAA vor sich hat und ihn leicht schlagen sollte. In der letzten Szene zeigt er einen seiner typischen Abschlüsse. Gemessen an seiner allgemeinen Athletik ist Baldwin kein sonderlich explosiver Finisher am Brett und bleibt in der Regel unter Ringniveau. Stattdessen verlässt er sich auf seine Reichweite und versucht den Ball aus Lagen zum Korb zu bringen, an die kein Verteidiger heranreichen kann.

Allerdings sind die wenigsten dieser Abschlüsse von Erfolg gekrönt und rollen stattdessen immer wieder aus dem Ring. Das liegt sicherlich daran, dass Baldwin beim Korbleger das Handgelenk oft seitlich abklappt und dem Ball dadurch einen seitlichen Spin verleiht, der sich in der Regel als ungünstig erweist.

Neben dieser Schwächen ist Baldwin jedoch bereits ein sehr kompletter Basketballspieler und verfügt über großes Potential, zu einem cleveren Spielmacher heran zu reifen. Und selbst diese Schwächen sind bei weitem nicht unauslöschbar. Vieles hängt mit mangelnder Erfahrung, fragwürdigem Spacing und und fehlendem Selbstverständnis zusammen. All das sollte er sich im Laufe der Profikarriere aneignen oder nicht so oft wieder vorfinden müssen.


Gerade seine Uneigennützigkeit im Eins-gegen-Eins sollte man ihm auch nicht zu stark als Nachteil anheften. Denn schließlich spricht es für den jungen Guard, dass er zuerst immer an seine Mitspieler denkt und nicht auf die eigene Spalte im Boxscore schauen will. Seine Assist-Turnover-Ratio ist zwar nicht mehr so stark wie noch in seiner Freshman Saison (2,3), allerdings immer noch annehmbar (1,9), gerade vor dem Hintergrund des harten Spielplans und der gestiegenen Erwartungen.

Baldwin verfügt über eine exzellente Courtvision und ist ein versierter Passgeber. Seine Pässe sind zielgenau und landen immer dort, wo der Angreifer den Ball haben will und nicht dort, wo er vielleicht in dem Moment des Passes steht. Besonders für sich bewegende Shooter und bei Schnellangriffen ist dies eine sehr angenehme Eigenschaft. Baldwin kann aus dem Dribbling oder aus dem Stand mit beiden Händen gleich gut passen, auch bei erhöhter Spielgeschwindigkeit und sich nach den Fähigkeiten oder Vorzügen seiner Mitspieler richten.

Als Ballhandler drückt Baldwin in der Regel gut auf das Gaspedal. Nach Rebounds versucht Baldwin möglichst schnell, das Foul zu überqueren und ist durchaus für Coast-to-Coast-Drives geschaffen. Allerdings überdreht er nichts und findet auch seine offenen Mitspieler. Oft sind es die kleinen unscheinbaren Pässe auf die Seiten des Spielfeldes, die zwar im ersten Moment keine direkte Gefahr für die Defense bedeuten, in letzter Konsequenz jedoch ausschlaggebend für den Korberfolg waren.

Im Halbfeld hat Baldwin besonders drei Disziplinen als Ballhandler gemeistert. Zum einen curlt Baldwin in der Regel sehr hart zum Brett und nutzt seine Vorteile geschickt aus. Hat er Fahrt aufgenommen, ist es nur sehr schwer den Guard aus der Bahn zu drängen. Besonders aus Handoffs explodiert er und lässt sich kaum aufhalten.

Zum zweiten kann Baldwin mittlerweile Shooter blind mit exakten Pässen in die Wurfbewegung hinein versorgen. Zwei Jahre lang war er umringt von Schützen und hatte Zeit, sich an die Eigenarten und Gewohnheiten solcher Spielertypen zu gewöhnen. Er weiß nun genau, wann und wo ein Werfer den Ball haben will und wie er dieses Ziel erreichen kann.

Zum dritten ist er auch im Pick & Roll ein insgesamt sehr solider Akteur. Zwar könnte er wie bereits erwähnt öfter Switches attackieren. Doch unter dem Strich ist seine Entscheidungsfindung bereits jetzt schon sehr ausgereift. Er kann den Roller auf verschiedene Arten bedienen, selber zum Korb ziehen oder auch mal die Weakside einbeziehen. Hilfen erkennt er schnell und bestraft sie mit Kickouts.

Mit seinen energischen Drives eröffnet er seinen Mitspielern viele Freiräume und war in dieser Hinsicht einer der wenigen, wenn nicht gar der einzige Akteur bei den Commodores, der dieses Talent aufweisen konnte.


Neben seinen Playmaker Ambitionen untermauerte Baldwin während seiner beiden Collegejahre zudem, dass er ein exzellenter Schütze ist. Ob aus dem Dribbling, in der Mitteldistanz als Pullup-Jumper oder als Catch-and-Shoot-Dreier: Baldwins Wurf fällt zu einem hohen Prozentsatz. Von seinen fast 200 Dreiern fanden über 40 Prozent ihr Ziel. Auch aus Screens kommend kann Baldwin seine Füße schnell sortieren und sicher verwandeln.

Zwar wirft Baldwin noch etwas zu sehr aus den Armen, weswegen er anfangs Schwierigkeiten mit der Entfernung in der NBA haben könnte, doch die Wurfbewegung an sich und auch die technische Ausführung sehen bereits akzeptabel aus.

Kann Baldwin sein Release noch etwas beschleunigen und sich gerade beim Pullup-Wurf noch höher in die Luft schrauben, um Blockversuchen im Pick & Roll zu entgehen, gibt es am Wurf des Guards nichts mehr zu verbessern.


Offensiv ist Baldwin also schon ein sehr kompletter Spieler, der vor allem einfach an Routine gewinnen muss, indem er so vielen Entscheidungssituationen wie möglich ausgesetzt wird und so gezwungen wird, aus seinen Fehlern zu lernen. Da Baldwin über die vergangenen Saisons einen Trend in die richtige Richtung erkennen ließ und generell über ein hohes Spielverständnis verfügt, sollte er die Hürden der praktischen Erfahrung schnell und zufriedenstellend meistern können.

Technisch muss Baldwin vor allem an Kleinigkeiten beim Ballhandling und Wurf arbeiten, wobei beide Aspekte seines Spiels bereits auf einem ordentlichen Niveau angesiedelt sind. Es geht nun vor allem darum, die Übertragbarkeit auf die NBA zu gewährleisten.

In der Defense kommen dann vor allem Baldwins physische Attribute ins Spiel. Dank der aus der Reihe tanzenden Werte ist Baldwin mit phänomenalen Anlagen ausgestattet. Für einen Guard hat er extrem lange Arme. Bei einer Körpergröße von etwa 1,90m erreicht er eine Spannweite von 2,10m. Auf einen solchen Wert wäre so mancher Power Forward der NBA stolz.

Diese Armlänge eröffnet Baldwin hervorragende Neuigkeiten als Balldieb und Verteidiger von exzellenten Schützen. Denn aufgrund seiner Reichweite kann der Aufbauspieler gleichzeitig einen Wurf erschweren oder gar verhindern und dennoch einen ausreichenden Abstand einhalten, um nicht direkt mit dem ersten Schritt geschlagen zu werden.

Eine weitere Überlegung ist zudem, dass Baldwin leichtes Spiel beim Abfangen von Pässen hat, da er oft nur den Arme ausstrecken muss, um Bälle zu erreichen, die anderen Spielern verwehrt bleiben würden. Gerade hieraus kann Baldwin jetzt schon häufig Kapital schlagen, indem er Pässe entweder komplett abfängt oder zumindest Deflections verursacht und dadurch der Offensive des Gegners den Rhythmus nimmt.

Auch als Verteidiger von Schützen kann Baldwin durch seine langen Arme das Anvisieren und Abdrücken erschweren, ohne dabei allzu großes Foulrisiko eingehen zu müssen. Da der Guard auch gleichzeitig flink und mobil genug ist, um sich beispielsweise um Offball-Screens herumwinden zu können, sollte Baldwin tatsächlich das Potential zu einem universellen Lockdown-Verteidiger in sich tragen.


Besonders die ersten Szene unterstreicht eindrucksvoll Baldwins Länge. Obwohl er gut zwei Meter von Aufbauspieler Lester Medford entfernt steht, als dieser sich für einen kurzen Moment umdreht, um von seinem Trainer Anweisungen entgegen zu nehmen, reicht diese kleine Unaufmerksamkeit aus, damit Baldwin mit langen Armen und großer Schrittlänge den Ball stibitzt.

Auch in der Loseballsituation nach dem Block hat der Vanderbilt Guard einen Vorteil dem größeren Caruso gegenüber, obwohl dieser zunächst näher am Ball ist. Allerdings ist Baldwins erster Schritt extrem lang und seine Reaktionszeit kurz, weshalb er den Ballgewinn durch seinen Einsatz forcieren kann.

Neben seinen guten Instinkten und seinen exzellenten körperlichen Prädispositionen muss Baldwin aber noch eine Menge lernen und zudem an Masse und Toughness zulegen. Besonders ersichtlich wird das bei der Bekämpfung des Pick & Rolls. Gerade bei Ballscreens bleibt Baldwin noch sehr oft im Block hängen und schafft es nicht, sich in kurzer Zeit um den Screen des Angreifer herumzuwinden.

Zusätzlich lässt er hin und wieder das nötige Timing in Abstimmung mit dem Verteidiger des Blockstellers vermissen. Ist Baldwin erst mal ein oder sogar mehr Schritte hinter seinem Gegenspieler, tendiert er dazu, mit der Situation gedanklich abzuschließen oder sich zu sehr auf seinen Big zu verlassen.

Dabei wäre es häufig seine Aufgabe, wie ein Berserker seinem Matchup hinterher zu stürmen und sich wieder zwischen ihn und den Korb zu schieben. Seine Herangehensweise ist hier noch viel zu passiv und wird gerade von NBA Guards sehr schnell bestraft werden.


In den ersten beiden Szenen verlässt sich Baldwin zu sehr auf seine Länge und lässt sowohl Toughness als auch wichtige Grundlagen vermissen. Beide Ballscreens sind sonderlich gut oder physisch gestellt. Dennoch überlässt Baldwin seinen Gegenspieler einen Vorsprung, den er trotz seiner Länge nicht mehr aufholt. Statt in einer tiefen Grundhaltung und mit lateraler Beweglichkeit den Ballhandler aus der Zone zu halten, gerät Baldwin bei den Screens in schlechte Verteidigungshaltung und lässt die nötige Schnelligkeit vermissen.

In der letzten Sequenz läuft der Gegner ein typisches Element der Flex Offense, wie es in der NBA ebenfalls oft vorkommt. Da Baldwin abkürzt und anschließend nie wieder in eine günstige Ausgangslage gerät, bleibt er am Screen hängen und verpasst es, im richtigen Moment wieder den Weg des Ballhandlers abzuschneiden, wodurch sein Team den Dreier hinnehmen muss.

Eine weitere Fehlerquelle liegt in Baldwins Tendenz, helfen zu wollen, obwohl sein Gegenspieler sich nur einen Pass vom Ball entfernt befindet. Gerade wenn er Shooter verteidigt, muss Baldwin diese Aussetzer vermeiden, denn in der NBA wird ihm auch seine Länge nicht viel nützen, wenn er einen zu langen Weg bei einem Closeout auf so kurze Passdistanz hinlegen muss.


Besonders die erste Situation bereitet Kopfzerbrechen. Denn durch diese überstürzte Hilfsaktion erlaubt Baldwin seinem Gegenspieler einen offenen Dreier zur Führung in der Schlussminute, weshalb sein Team letzten Endes das Spiel verliert. Dieser Fehler ist umso bitterer, da in der Zone gleich vier Spieler (zwei Verteidiger und zwei Angreifer) stehen und ein Abschluss somit nur unter höchster Bedrängnis möglich wäre. Der Dreier von Lester Medford ist hingegen komplett offen und kein Verteidiger hat die Chance, den Wurf noch zu erschweren.

Inwieweit hier eine Ansage oder Philosophie des eigenen Coaches den Ausschlag zur Hilfe gegeben hat, lässt sich von außen schwer beurteilen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Baldwin nur umsetzen wollte, was der Coach normalerweise in einer solchen Situation von ihm verlangt. Allerdings muss Baldwin hier smart genug sein, das entstehende Unheil bei einer möglichen Hilfe seinerseits zu erkennen und im Zweifelsfall lieber den Drive abgeben, anstatt so einen Dagger verschulden zu müssen.

Bei den anderen beiden Dreiern sollte fairerweise miteinbezogen werden, dass Baldwins Matchup Collins keinen wirklich stabilen Distanzwurf hat. Allerdings ist die Art und Weise des Helfens und des Closeouts wieder bezeichnend. Gerade in der zweiten Situation will der Guard beim Postup doppeln, obwohl sein Mitspieler Luke Kornet zu den besseren Verteidigern der NCAA im Lowpost zählt und anschließend niemand in der Nähe von Collins steht, um den Wurf zu erschweren. Zudem wäre es besser gewesen, nicht direkt dem Pass hinterher zu springen und Davis damit sehr offensichtlich die eigene Intention preiszugeben. Dadurch hat Davis keine Mühe, einfach direkt wieder einen harten Pass an die Dreierlinie zurück zu feuern.

Insgesamt ist Baldwin jedoch ein sehr interessanter Spieler und meiner Meinung nach auf lange Sicht der beste Aufbauspieler des Jahrgangs. Baldwin kombiniert atemberaubende Länge und grundlegende Athletik mit einer guten technischen Ausbildung und dem Potential, zu einem sehr effizienten Offensivspieler zu reifen. 

In erster Linie muss Baldwin an Erfahrung gewinnen. Er muss lernen, wann er eher passen oder wann er eher selber den Abschluss suchen sollte. Auch bei der Art der Abschlüsse muss sich Baldwin für feste Optionen entscheiden und diese automatisieren. Im Moment ist er noch kein allzu guter Finisher, was am selbst verschuldeten Schwierigkeitsgrad vieler Abschlüsse liegt. Aber auch zusätzlich Athletik- und Krafttraining würden Baldwin helfen, da er wesentlich explosiver zum Korb gehen und beim Absprung mit Power in die Luft steigen muss.

Seine Qualitäten als Spielmacher im Pick & Roll, seine generelle Fähigkeit, mit Drives Räume zu kreieren, und sein Wurf sind bereits jetzt schon auf einem überdurchschnittlich guten Niveau und werden mit zunehmenden Selbstvertrauen und hinzukommender Spielerfahrung noch besser. Da Baldwin auch noch relativ jung ist und in einem eher speziellen System am College auflief, sollte er hier auch noch eine Menge Raum für Verbesserung zur Verfügung haben.

Gerade dieses Potential, ein Two-Way-Player auf sehr hohem Niveau zu werden, und die außergewöhnlichen körperlichen Anlagen lassen immer wieder Vergleiche mit Russell Westbrook aufkommen. In der Tat hat Baldwin enormes Potential und ähnelt in seiner Spielweise sehr dem Allstar der OKC Thunder. Baldwin drückt auf das Gaspedal, findet Wege zum Korb, wo andere Spieler gar keinen Versuch zum Drive unternehmen würden, und tendiert immer wieder zu Schwächephasen, in denen die Wurfauswahl leidet und Turnoveranfälligkeit steigt.

Einschränkend muss bei diesem Best Case Vergleich hinterfragt werden, ob Baldwin wirklich über die vertikale Komponente eines Westbrook verfügt oder sie jemals erreichen können wird. Dafür hat er bei seinem Wurf womöglich sogar noch größeres Potential.

Sollte Baldwin sich nicht optimal entwickeln, wäre er aber immer noch ein solider Starter/Rollenspieler, dessen Fokus dann vermutlich auf die Defensive gerichtet wäre, sich aber auch offensiv durchaus behaupten könnte. Eine Karriere wie die von George Hill wäre in dieser Hinsicht eine denkbare Variante.