21 Juni 2016

21. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Timothe Luwawu heisst eigentlich Timothé Luwawu-Cabarrot, ist Franzose und spielte in der abgelaufenen Saison für KK Mega Leks in Serbien. Er avancierte beim Team in Belgrad zur ersten Offensivoption, führte seine Mannschaft zum Gewinn des serbischen Cups und schaffte dank seiner guten Leistungen den Sprung in die All-ABA-Auswahl, die die besten Spieler der Adria-Liga ehrt.

Luwawu wuchs in Frankreich auf, sammelte zwischen 2012 und 2015 in Antibes erste Profierfahrungen, unter anderem in der zweiten Liga Pro B. Als 20-Jähriger gab er vergangenes Jahr seine Intention bekannt, sein Glück im NBA Draft versuchen zu wollen, zog allerdings zurück und heuerte lieber in Serbien an. Diese extra Runde bei einer der größten Talentschmieden in Europa hat Luwawu und seinem Draft-Kurs enorm gut getan.

Nach durchschnittlich 14.6 Punkten, fünf Rebounds, drei Assists und 1.7 Steals landete der 21-Jährige ein Jahr später im Dunstkreis der Lotterie-Plätze und hat gute Chancen, am kommenden Donnerstag irgendwo zwischen den Positionen zwölf und 20 selektiert zu werden.


Als ich Luwawu das erste Mal aus der Nähe sah, fielen mir sofort seine für einen Wing Player idealen Ausmaße auf - prototypische 2,01 Meter, lange Arme, Platz für weitere zehn Kilo Muskelmasse - sowie seine mühelose Art, sich mit langen oder seitlichen Schritten übers Parkett zu bewegen. Luwawu ist kein Überathlet, aber ein überdurchschnittlich guter.

Sowohl bei diversen U-Meisterschaften als auch in Serbien gab es zuhauf Momente, in denen Luwawu coast-to-coast sprintete und spektakulär mit Dunking abschloss, nach Backdoor Cut stopfte statt ihn zu legen, oder einen Drive mit einem explosiven And-One beendete.

Diese Athletik macht ihn zu einem interessanten Nachwuchsspieler für die Association. Seine Vorzüge beschränken sich jedoch nicht nur auf physische Fertigkeiten, sondern werden durch seine Vielseitigkeit ergänzt. Der 21-Jährige bringt offensiv wie defensiv viel mit und gibt seinen künftigen Coaches eine breite Palette, mit dem gearbeitet werden kann.

Dass er bei Mega Leks einer der Führungsspieler war und häufig mehr machen musste, als das in der Basketball Association jemals der Fall sein wird, tat seiner Entwicklung gut. Eine Spezialisierung, je nach Bedarf seines künftigen Arbeitgebers, ist in zahlreiche Richtungen möglich.

Idealerweise konsolidiert Luwawu in fünf bis sieben Jahren, wenn er in seiner Blütezeit angekommen ist, all diese Fähigkeiten in einem verheerenden All-Around Paket. Auch wenn er das aber niemals schaffen sollte, sind NBA-GMs schon heute sehr angetan von seinem Potential.

Das ist defensiv am größten. Dank seiner Länge, seiner lateralen Geschwindigkeit und seiner Spannweite wird sich Luwawu zunächst vor allem am hinteren Ende seine Brötchen verdienen müssen. Seine Fähigkeit, drei Positionen (eins bis drei) zu checken, ist für Teams heutzutage enorm wichtig. Hier kann er sich seine ersten Streifen am Revers erarbeiten und sich mit zunehmender Spielzeit nach und nach auch am offensiven Ende mehr einbringen.

Luwawu hat seine Trefferquote von jenseits der Dreierlinie enorm verbessert und hat hier noch viel Luft nach oben. Die Konstanz in seinem Jumpshot ist noch nicht da, er ist kein Elite-Schütze. Außerdem fehlt ihm das Selbstverständnis und vielleicht auch das Selbstvertrauen, um diese Waffe als go-to Option einzusetzen. Der Begriff 'streaky shooter' inklusive wochenlanger Tiefs passt wie der sprichwörtliche Arsch auf Eimer.


Seine Form beim Jumpshot hingegen ist technisch sauber und fluktuiert kaum, was aufgrund von Luwawus Alter und seiner klaren Verbesserung in den letzten zwei Jahren weitere Lernzuwächse garantiert.

Bei Mega Leks übernahm der Alleskönner häufig Playmaker-Elemente, brachte den Ball oder initiierte Sets im Halbfeldspiel. Das wird er in der NBA zu Beginn seiner Karriere nur selten müssen. Es ist allerdings gut zu wissen, dass er Ansätze von solidem Ballhandling mitbringt und Bereitschaft an den Tag legt, seine Nebenleute in Szene zu setzen. Luwawu ist ein teamdienlicher Player, der nicht in egomanische Dribbelarien verfällt, sondern lieber die gerade Linie zum Ziel wählt.

Auch ohne Ball ist er gefährlich genug, um seinen Defender nie völlig abziehen zu können. Er cuttet aufmerksam durch die Zone und an der Baseline entlangt, bleibt in seinen besten Sequenzen permanent in Bewegung und sorgt dank seiner Sprungkraft jederzeit für Alley-Gefahr, wenn er sich backdoor in Richtung Korb schleichen kann.

Warum ich explizit "in seinen besten Sequenzen" erwähne? Weil Luwawu nicht rund um die Uhr gleich hart und konzentriert spielt. Zu häufig "coastet" er, lässt sich treiben, leistet sich mentale Aussetzer und vertändelt den Ball. Sein Spiel ist unaufgeräumt, fehleranfällig. Viel hatte sicherlich auch damit zu tun, dass er so viel Freiraum hatte und solch junge Profis nur sehr selten mit brutaler Effizienz hervorstechen.

In der NBA wird Luwawu früher oder später den nötigen Killer-Instinkt entfachen müssen, um nicht wie so viele Talente vor ihm an mangelnder Konzentration, Einsatz und fehlender taktischer Disziplin zu scheitern. Es wird seiner Produktivität gut tun, wenn er in einem professionellen Umfeld an seinen Unzulänglichkeiten arbeiten und seine Fehler minutiös ausmerzen kann. Ob er dazu künftig genauso viel Gelegenheit bekommt wie in den vergangenen zwölf Monaten bei Mega Leks?

Schon vor den allerersten Live-Eindrücken erinnerte mich Luwawus Auftreten an einen anderen französischen Two-Way Wing: Nicolas Batum. Je häufiger ich diesen Rookie dann spielen sah, desto mehr stachen die Parallelen ins Auge. Der Körperbau. Die Spannweite. Die Leichtigkeit der Bewegungen. Der Drive. Der Wurf. Das inbetween-Dribble-Game. Die Spot-Up und Catch-and-Shoot Sequenzen nach Curl um den Block. Die heißen/kalten Streaks. Die Defense. Die laissez-faire Einstellung. Das minutelange Abtauchen, nur um dann die spektakulärste Aktion des Abends auszupacken.

Batum war bei seinem Wechsel zu den Portland Trail Blazers ein Jahr jünger, etablierte sich aber im Eiltempo als Starter und Allrounder. Wenn Luwawu eine ähnliche Entwicklung nimmt, wird das Team, das ihn in dieser Woche knapp außerhalb der Top-10 zieht, mehr als zufrieden sein. Luwawus Produktivität als Profi in jungen Jahren und sein noch unerschlossenes Potential als Two-Way-Player machen ihn zum heutzutage idealen Three & D Kandidaten und projizieren ihn als bestes internationales Draft-Talent hinter Dragan Bender.