22 Juni 2016

22. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Das Jahr: 2014. Thon Maker steht weniger als zwei Meter von mir entfernt auf dem Parkett. Oder ist es Kevin Garnett? Die Größe, die Bewegungen, die Intensität... all das kann gar nicht anders, als sofort ans "Big Ticket" zu erinnern.

Ist es ein Wunder, dass Maker sich an KG orientiert, dass er die Karriere des NBA-Champions, Most Valuable Players und Defensive Players of the Year als Blaupause für das nutzt, was er selbst in der besten Liga der Welt erreichen möchte?

Gegen Gleichaltrige dominierte Maker dank seiner freakigen Kombination von Größe (2,13 Meter, minimal größer als Garnett), Spannweite (2,21 Meter), Sprungkraft und Mobilität. Maker bewegt sich wie ein Small Forward und stellte All-Time Rekorde für maximale vertikale Sprungkraft für Spieler seiner Größe auf, aus dem Stand und mit Anlauf. Mit anderen Worten: Maker hat das Zeug, zu einem der beeindruckendsten Athleten der NBA zu avancieren.

Diese Fähigkeiten machen ihn im Angriff und in der Verteidigung zu einem potentiell brandgefährlichen Spieler. Vorne kann er dank seiner schnellen Beinarbeit und seiner Beweglichkeit horizontal und vertikal manövrieren, Blöcke im Halbfeld stellen und dann hart zum Ring abrollen. Seine Sprungkraft macht ihn zu einem perfekten Ziel für Lob-Anspiele über Ringniveau. (*Kameraschwenk zu Garnett ca. 1997)


Sein Wurf ist solide, wenngleich unausgereift und noch nicht konstant genug, um ihn als Stretch Big featuren zu können. Dennoch kann er bis weit nach draußen absinken und traut sich, auch von dort abzufeuern. Seine vorhandenes Ballgefühl, seine Wurfform und sein Arbeitseifer suggerieren, dass er eines Tages durchaus als valide, verlässliche Option im Pick & Pop funktionieren kann.

Gefühl? Das macht sich auch beim Ballhandling bemerkbar. Maker hat überdurchschnittlich gute Handling-Skills für einen Big Man, kann mit dem Ball umgehen und den Spalding aufs Parkett packen, wenn er in einer geraden Linie und ohne viel Schnickschnack attackiert. Das verspricht Mismatch-Potential gegen kantigere Opponenten im Halbfeld.

Solange er sich darauf beschränkt, schnelle Entscheidungen trifft und die Anzahl seiner Dribbles bei einem oder zwei belässt, profitiert Maker gegen seine längeren Gegenspieler von seinem vielseitigeren Skills-Paket. Fängt er hingegen an, sich wie Tim Hardaway oder Kenny Anderson zu fühlen, steigt die Wahrscheinlichkeit eines Ballverlustes massiv an.


Es ist nicht so, dass Maker ein egozentrischer Ballplayer ist, der kein Interesse daran hat, im Kollektivverbund zu agieren oder seine Nebenleute einzusetzen. Im Gegenteil: er gilt als waschechter Teamplayer. Seine Verliebtheit in alle Facetten des Spiels stehen jedoch einem fundamentaleren Verständnis von Spielsituation, der Konstellation auf dem Parkett und dem richtigem Play im Weg.

Maker agiert vor allem im Angriff zu hype, zu aufgedreht, zu überhastet. Das schlägt sich in hohen Turnover-Raten und schwachen Shooting-Quoten nieder. Weil er weder beim Wurf aus der Distanz, noch aus der Mitteldistanz, noch beim Spiel am Zonenrand, noch als Passgeber überragt, läuft Maker immer wieder Gefahr, zu einer chaotischen, perpetuierenden Fehlermaschine zu verkommen, die zwar über alle Tools verfügt, aber in drei von vier Fällen den falschen Lösungsansatz wählt.

Wer auch immer den 2,13 Meter Risen draftet, wird viel Geduld, Zeit und Arbeit investieren müssen, um sein Spiel in alle Einzelteile zu zerlegen und dann wie ein Lego-Haus wieder zusammenzusetzen. Maker bringt alle Skills mit, sollte aber vor allem zu Beginn seiner Karriere im Halfcourt-Spiel nur sporadisch eingesetzt werden.


In Transition hingegen wird der gebürtige Sudanese schon vom ersten Tag an eine Hausmarke sein, ähnlich wie das auch Garnett bereits als Rookie demonstrierte. Seine Fähigkeit, Gegenspieler auf seiner Position im Sprint zu schlagen, außen die Bahnen zu füllen und sowohl unten als auch oben oder als Trailer angespielt zu werden, machen ihn zu einem ausgezeichneten Big für ein Team, das gerne und häufig schnell spielt.

Verstärkt wird diese Option mit Maker im Fastbreak durch sein Potential am defensiven Ende. Die Beweglichkeit, der Ehrgeiz, die Athletik, die Spannweite und Länge, all das macht Maker zu einem idealen Pick & Roll Verteidiger - sobald er die Nuancen der defensiven Strategie verstanden hat. Momentan wirkt er auch hier noch zu fehleranfällig, zu übereifrig, zu planlos. Das ist am hinteren Ende bekanntlich noch verheerender, weil NBA-Mannschaften jeden fatalen Fehler beim Positionieren, Rotieren oder Aushelfen sofort bestrafen.

Es erfordert jedoch nicht allzu viel Fantasie, Maker als vielseitigen Verteidiger á la Garnett zu sehen, der die Zone und den Ring beschützt (Spannweite + Vertikalität = Rim Protection!) und ohne Weiteres gegen gegnerische Spielmacher hedgen, bumpen und dann wieder recovern kann. All das, wie gesagt, unter der Prämisse dass er seine Hausaufgaben macht und Dinge wie Timing, Kommunikation und Positionsspiel perfektioniert.

Ebenso wichtig wird für den 98-Kilo-Mann natürlich die Arbeit im Kraftraum sein. Er ist viel zu hager, um in den Schützengräben der NBA mit den Andre Drummonds und DeMarcus Cousins dieser Liga zu wrestlen. Selbst kleinere Bigs wie Tristan Thompson oder Steven Adams werden Maker zunächst zum Frühstück verspeisen. Die gute Nachricht: Auch Garnett kam mit weniger als 100 Kilogramm in die beste Liga der Welt, malochte in der Muckibude und legte mit durchschnittlich 110 Kilo eine All-NBA-Saison nach der anderen hin.


Maker ist eines der große Mysterien in diesem Draft. Als einer der jüngsten Prospects des Jahrgangs (erst Anfang 19) wurde der Wandervogel (geboren im Sudan, später Uganda, Australien, USA, Kanada) auch ohne College- oder Pro-Erfahrung von der NBA zum Draft zugelassen. Er ist der erste Prep-to-Pro Spieler seit 2005, dem Jahr, in dem zum vorerst letzten Mal High School Spieler zugelassen waren. Über die Auswirkungen dieser Entscheidung wird künftig häufiger zu sprechen sein.

Über Maker jedoch schon früher, viel früher. Sein Draft-Kurs, einst Wolkenkratzer-hoch, fiel nach zu zu viel Hype (Maker hasst es) und jeglichem Mangel an Anschauungsmaterial (keine Exposition in echten Wettbewerben gegen Gleichaltrige, minus einer Handvoll Turniere und Camps) ins Bodenlose.

Die letzten Wochen vor dem Draft haben ihn jedoch wieder in die Gunst und die Boards nach oben katapultiert, dank exzellenter athletischer Leistungen, seiner gefestigten, emotional-intelligenten Persönlichkeit und der Tatsache, dass nur wenige Seven Footer mehr Formmasse mitbringen.

Das Team, das Maker schließlich  - ich gehe stark davon aus zwischen #15 und #25 - selektieren wird, bekommt mit ihm einen Projektspieler, dessen Bust-Potential hoch ist, Plafond jedoch noch sehr viel höher. Dieser coachbare, getriebene Teenager bringt enorm viel mit, um in der heutigen NBA über kurz oder lang zu einem wichtigen Rotationsspieler auf Power Forward oder Center zu avancieren.

Bekommt er genügend Entwicklungszeit in der D-League und weiter oben, die passenden Mentoren an seine Seite gestellt und wenig Druck, zu schnell in eine Rolle hinein wachsen zu müssen, die nicht für ihn bestimmt ist (Franchise-Player und/oder Superstar), dann wird sich Thon Maker in vier bis fünf Jahren als einer der größten Steals dieses Drafts entpuppen.