22 Juni 2016

22. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von TORBEN ADELHARDT @Torben41

Wie in jedem Jahr, so gab es auch in dieser Saison wieder einen Spieler, der im Verlauf einer NCAA-Spielzeit konstant in der Gunst der Mockdraft-Ersteller emporstieg. Letztes Jahr hörte der Mockdraft-Chartstürmer auf den Namen D'Angelo Russell, der vor seiner Freshman-Saison noch nicht einmal als sicherer One-and-Done-Prospect erachtet wurde. Doch mit fortwährender Saisondauer konnte "D-Russ" konstant seinen Draftstock steigern und wurde schlussendlich gar an Position Numero Dos von den Lakers selektiert.

Im diesen Jahr geht der imaginäre "D'Angelo Russell-Award" - Nein, damit ist nicht der beste Hobbyphotograph der NCAA gemeint - an Marquese Chriss. Niemand hatte vor Beginn dieser Saison den Freshman der Washington Huskies als potentielles Erstrundentalent auf dem Schirm. Kein Wunder, schließlich hatte vor zwei Jahren noch niemand den talentierten Jungspund als großartiges College-Talent auf dem Schirm.

Das ESPN 100-Ranking, bei dem die vielversprechendsten High School-Abgänger eines Jahrgangs geranked werden, gilt als eines der renommiertesten seiner Art und ist in der Regel ein - mal mehr, mal weniger - brauchbares Instrument, um das Talentlevel eines High School-Basketballers einschätzen zu können.

Dass es Chriss in dem 2015er-Ranking nur auf Position 60 geschafft hat und nun als sicherer Lottery-Pick gilt, gehört zu den überraschendsten "Wendungen" der letzten Jahre. Immerhin schaffte es seit der Etablierung dieses Rankings noch kein Spieler, der sich außerhalb der Top-50 befand, als Freshman-Abgänger zu den Top-14 der nächsten NBA Draft zu gehören. Doch warum flog Chriss so lange unter dem Radar und was zeichnet das Spiel des jungen Big Man aus?


Chriss begann erst mit 14 Jahren Basketball auf einem Niveau zu spielen, welches in Amerika mit dem Adjektiv "organized" tituliert wird. Soll heißen: erst seit knapp vier Jahren spielt Chriss unter Wettkampfbedingungen Basketball und erhält regelmäßiges Coaching. Der Grund dafür ist recht einfacher Natur. Chriss konzentrierte sich in seinen ersten Sportlerjahren voll und ganz auf Football und erst nach einer Schulterverltzung, welche er sich in besagtem Alter von 14 Jahren zuzog, wechselte der junge Chriss vom Wilson-Ei zur Spalding-Kugel.

Dass es dem 18-Jährigen sowohl an einer taktischen, als auch technischen, Grundlagenausbildung noch mangelt, wurde in seiner einzigen College-Saison immer wieder deutlich. Chriss ist ein Langzeitprojekt, das nicht lediglich den letzten Feinschliff benötigt, sondern eine komplette Modellierung. Doch getreu dem Mantra "High Risk, High Reward" könnte sich der ehemalige Huskie im Verlauf der nächsten Jahre zu einem der effektivsten NBA-Spielern unter den diesjährigen Draftees entwickeln.

Der momentane Hype um Chriss fußt vornehmlich auf seinen körperlichen Voraussetzungen und einer Overall-Athletik, die ihresgleichen sucht. Mit einer Körpergröße von 2,08 Meter und einer Armspannweite von 2,13 Meter kann Chriss locker jene Mindestmaße aufweisen, die ein moderner NBA-Big Man erfüllen muss. Was den Modellathleten aber zu so einem gehypten Draftee macht, ist, dass er einen vielversprechenden Sprungwurf, den er auch aus der Langdistanz anbringen kann (21 3FGs bei 60 Versuchen), mit effektivem Shotblocking (2,6 BpG pro 40 Minuten) paaren kann.

Above-the-rim-Athletik, Shotblocking und einen brauchbaren Sprungwurf aus der Mittel- und Dreierdistanz? Drei Wünsche eines jeden NBA-General Manager und Headcoach auf einmal? Und ihr dachtet sowas gibt es nur bei einem Ü-Ei...


Das Kinder Ü-Ei als Allegorie für Marquese Chriss passt wie die Faust auf's Auge. Auch bei dem 18-jährigen Big Man - trotz der dreifachen Verlockung aus Overall-Athletik, Shooting und Shotblocking - darf man sich noch lange nicht sicher sein, ob man schlussendlich auch mit dem Inhalt der Verpackung  zufrieden ist. Denn so aufregend und verheißungsvoll das Talent auch ist; die aktuell (noch) vorhandenen Schwächen und Löcher in seinem Spiel sollten nicht außer Betracht gelassen werden.

Wer Marquese Chriss zum ersten Mal Basketball spielen sieht, dem fällt sofort auf, dass er hinsichtlich seiner athletischen Vorzüge eine Ausnahmeerscheinung ist. Egal ob krachende Slam Dunks in der Transition-Offense, Chase-Down Blocks, Alley-Oop-Anspiele in der Halbfeld-Offensive oder einfach nur unfassbare Putback-Dunks - Marquese have it all, würde Monta Ellis da sagen.

Selbstverständlich blühte Chriss vor allem immer dann auf, wenn die Huskies den Fastbreak forcierten und der Big Man seine Geschwindigkeitsvorteile gewinnbringend einsetzen konnte. Als dynamischer Trailer war Chriss in solchen Situationen stets frühzeitig im gegenerischen Halbfeld und wurde von seinen Mitspielern auch immer wieder gesucht. Dass die Washington Huskies mit 78,4 Possessions (auf 40 Minuten gerechnet) den zweitschnellsten Ball aller 351 NCAA Division I-Teams spielten, war dahingehend natürlich von Vorteil.



Wie in dem oberen Videosequenzen unschwer zu erkennen ist, ist Chriss ein unfassbar guter "Leaper", der aufgrund seiner Sprunggewalt "Highlight-Reels" am laufenden Band produziert.

In der Halbfeld-Offensive wurde der Big Man primär als Screener am Perimeter oder Anpielstation in Post-Up-Situationen am Zonenrand eingebunden. Bereits als Freshman stellte Chriss als Blocksteller eine "pick your poison"-Gefahr für die gegnerische Verteidung dar.

Slippte er den Block und rollte direkt hart zum Korb ab, wurde er von seinen Ballhandlern Dejounte Murray oder Andrew Andrews (No Typo!) per Lob-Anspiel bedient. Für die Defense meistens eine zu schnelle Handlung, die nicht adäquat per blitzen des Ballhandlers oder frühzeitiges Absinken des Big Man verteidigt werden konnte.

"Poppte" Chriss hingegen zum Perimeter hinaus, erfolgte der Jumpshot. Auch hier konnte die fehlerhafte Screen-Verteidigung der gegnerischen Defensiven häufig bestraft werden. Dass Chriss zudem oft genug als Pick-and-Pop-Spieler einfach unterschätzt wurde, eröffnte ihm freie Würfe zuhauf.


Während sein Face-Up-Game vor allem durch eine ansprechende Wurfmechanik zu Gefallen weiß, wechseln sich in seinen Post-Ups helle und dunkle Momente munter ab. Dass ein gutes Wurfgefühl und eine - höchstens - solide Fußarbeit nicht immer ausreichend ist, um in solchen Situationen effektiv zu scoren, bewieß Chriss oft genug. Meistens verzettelte er sich nach einer kurzen Körpertäuschung in schwere Fadeaway-Jumper, welche häufiger das Backboard als Nylon gefunden haben.

Abenteuerlich wurde es auch immer dann, wenn Chriss sich seine Abschlussoptionen aus dem High Post per Dribbling selbst kreieren wollte. Ähnlich wie es bei seinen Fadeaway-Jumper nach Post-ups der Fall war, verzettelte sich der Jungspund auch bei seinen Drives in schöner Regelmäßigkeit in viel zu komplizierte Abschlüsse. Ein schönes Beispiel, um die Ambivalenz zwischen seinen vorhandenen Skills und seiner offensiven Entscheidungsfindung zu illustrieren, lässt sich dem Spiel gegen die Gonzaga Bulldogs entnehmen:


So, wenn ihr nach dem Anschauen dieser Szene mit dem Kopfschütteln fertig seid, dann können wir hier ja weitermachen...

Natürlich macht eine schlechte Offensiv-Szene noch keinen Sommer (das Sprichwort geht doch so, oder?), aber im Fall von Chriss kann diese Sequenz durchaus als Paradebeispiel für sein unterdurchschnittliches Spielverständnis betrachtet werden. Denn Szenen, in denen Chriss ein Dribbling-Move zur falschen Zeit anbringt - und dann auch noch gegen eine optimal stehende Verteidigung auf Teufel komm raus scoren möchte - lassen sich in fast jedem seiner College-Spiele finden.

Das offensive Hauptproblem bei dem 18-Jährigen ist nämlich seine Unfähigkeit die Defensivrotationen des Gegners zu lesen und seine Offensivaktionen daran anzupassen, was die Verteidigung ihm anbietet. Der oft zitierte Basketball-IQ geht Chriss in solchen Momenten größtenteils ab. Dass der junge Mann aber auch erst dabei im Begriff ist Basketball als komplexes Spiel zu verstehen, darf als Schuldminderung erachtet werden.


Aufgrund seiner möglichen NBA-Rolle als ultrathletischer, variabler Stretch-Vierer, rechtfertigt das Offensiv-Potential von Chriss einen hohen Draftpick. Da Basketball jedoch aus Angriff und Verteidigung besteht (ausser bei James Harden) müssen wir an dieser Stelle auch auf die defensiven Darbietungen des 18-Jährigen zu sprechen kommen. Und die waren leider des Öfteren gruseliger als [Insert your favorite horror flick).

Wie es bei konstruktiver Kritik so üblich ist, fängt man zuerst mit den positiven Aspekten an. Chriss ist fluide genug, um am Perimeter zu verteidigen und in Zusammenarbeit mit seiner Armspannweite und Athletik auch vor Guards zu bleiben. Bei den Huskies wurde letztes Jahr in der Verteidigung so gut wie jeder Ballscreen geswitcht und Chriss hatte durchaus gute Momente, wo er einen gegnerischen Drive dank seiner lateralen Geschwindigkeit stoppen konnte. In der NBA, wo das unfallfreie Switching von Big Men mehr als gern gesehen wird, könnte der Washington Huskie mit diesem Skill also positiv auffallen.


Des Weiteren glänzte Chriss durch seine Shotblocking-Skills. Dabei schaffte es der 18-Jährige vor allem von der Helpside kommend konstant gegnerische Würfe zu rupfen:



So, genug der schönen Videos. Wir sind hier ja nicht bei HoopCity TV. Denn auch wenn solche Rejections nett anzuschauen sind, ein effektiver Verteidiger war Chriss in seiner einzigen NCAA-Saison nicht. Um einmal die advanced stats-Groupies abzuholen, hier zwei interessante Statistiken: 6,5 Fouls auf 40 Minuten und eine Defensiv-Rebound-Percentage von 11,6 Prozent. Beides unterirdische Werte, die die mangelnden Defensivkünste von Chriss aufdecken.

Ein grundlegendes Problem ist seine Überaktivität im eigenen Halbfeld. Chriss attackiert den Gegner am Perimeter zu schnell, statt kurz vor dem Mann den Close-Out abzubremsen, um nicht einfach die Penetration zu erlauben. Mit seiner Freak-Athletik möchte Chriss jeden gegnerischen Wurf erschweren bzw. blocken, was jedoch viel zu oft in Shooting-Fouls resultierte.

In Post-Ups lässt sich Chriss viel zu einfach herumschuben und versucht schlussendlich den Korbversuch mit einer Portion Überaggressivität zu stoppen (Stichwort Shotblocking).

Viel brutaler als sein schwaches Defensivverhalten in Post-Ups und bei den Close-Outs, ist jedoch sein Defensiv-Rebounding. Keine Körperspannung, kein frühes Ausblocken und kein Auge für das Weakside-Rebounding - Chriss gab in dieser Hinsicht wirklich ein schreckliches Bild ab. Es ist aktuell kaum vorstellbar, wie der 18-Jährige in der NBA das eigene Brett sauber halten kann.


Marquese Chriss ist neben Cheick Diallo und Thon Maker die Wundertüte der NBA Draft 2016. Im Gegensatz zu Diallo und Maker, deren Draft-Range irgendwo im Bereich von 20-50 liegt, wird Chriss jedoch frühzeitig über die Ladentheke gehen und somit auch mit ganz anderen Erwartungen konfrontiert werden.

Ist der Hype um den jungen Big Man gerechtfertigt? Jein. Auf dem ersten Blick offeriert Chriss all jene Sachen, die in der modernen NBA bei den Frountcourt-Spielern so gefragt sind: Shotblocking, Spacing und Variabilität im Pick-and-Roll/Pop.

Doch seine Schwachstellen sind im Moment noch so eklatant wie vielzählig. Sein Spielverständnis ist in der Offensive und Defensive unterentwickelt, er versucht in der Defense alles durch seine Athletik und Länge zu regeln und stellt im Angriff bisweilen ein schwarzes Loch dar (AST%: 6,3 bei einer Usage-Rate von 24,1%).

Chriss ist eine Wette. Bleibt die Frage, welches Team sich traut sein Geld auf die (taktische und spielerische) Entwicklung des jungen Talents zu setzen. Denn in vielen Bereichen des Spiels ist Chriss noch "two years away, from being two years away"