21 Juni 2016

21. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von SEB DUMITRU @nbachefkoch

Jeder Draft-Jahrgang hält mindestens einen Mystery-Kandidaten bereit, jene Sorte Nachwuchsspieler, von dem wenig bis fast gar nichts bekannt ist. Entweder, weil kaum Anschauungsmaterial existiert, oder weil die Art seiner Competition so obskur war, dass keinerlei Rückschlüsse auf seine jeweilige NBA-Tauglichkeit möglich waren/sind.

Einer dieser Typen ist in diesem Sommer Dragan Bender. Der jüngste Spieler dieser Klasse - er wird erst im November, nach Start der neuen Saison, 19 Jahre alt - kommt vom israelischen Powerhouse Maccabi Tel Aviv, wo er in den abgelaufenen zehn bis zwölf Monaten seine erste Profisaison überhaupt beendete. 

Im regulären Ligabetrieb kam Bender auf 5.5 Punkte und 3.0 Rebounds in nur 14.5 Minuten pro Partie. In der Euroleague waren es sogar noch weniger (2.1 PPG, 1.4 RPG in 10.5 MPG). Diese Zahlen geben freilich null Aufschluss. Maccabi ist ein Veteranen-Team, das unter enormem Druck steht, gewinnen muss, in allen Wettbewerben. Youngster wie Bender spielen dort nicht nur fast gar keine Rolle, sie bekommen auch so gut wie nie Chancen, in live Situationen an ihrem Spiel zu arbeiten. Ein Trainerwechsel mitten in der Saison und viel Lärm hinter den Kulissen erschwerten die Situation zusätzlich.

Wie und warum also landete der im bosnischen Čapljina geborene Kroate ausgerechnet in Israel? Die Antwort ist: Nikola Vujčić. Der ehemalige Profi und Euroleague-Champion entdeckte Dragan und dessen älteren Bruder Ivan und holte sie im Alter von zwölf respektive 14 Jahren in seine Basketball-Akademie nach Split. Dort, bei KK Split und KK Cedevita, machte Bender stete Schritte in Richtung kroatischer Jugendnationalspieler, feilte an seinem All-Around Game und etablierte sich als eines der begehrtesten Talente auf dem alten Kontinent.


Vujčić, zwischen 2003 und 2007 einer der dominantesten Spieler der Euroleague, ist mittlerweile Team Manager bei Maccabi - und holte Bender vor zwei Jahren nach Tel Aviv. Benders Leistungen bei Tel Avivs Zweitliga-Klub, auf Leihbasis bei Ironi Ramat Gan und bei der U-16 Europameisterschaft riefen multiple NBA-Scouts auf den Plan.

Ich sah und sprach mit Bender zum ersten Mal vor einem Jahr, im Sommer 2015. Damals war der Hype bereits groß genug, um ihn als garantierten Lotterie-Pick projizieren zu können. Seine Verbesserung seither und die in der Spitze alles andere als imposante Draft-Klasse 2016 haben ihn mittlerweile irgendwo zwischen Pick drei und sieben verortet. Der Hype ist also echt. Warum eigentlich?

Bender trifft den Zahn der Zeit. Ein 2,15 Meter großer Big Man mit der Beweglichkeit und Geschmeidigkeit eines Small Forwards lässt GMs wie Pavlov'sche Hunde sabbern. Wären die gigantischen Ausmaße und die Flüssigkeit seiner Bewegungen die einzigen Pros dieses künftigen NBA-Pros, wäre er angesichts seiner erst 18 Jahre dennoch ein vermutlicher Lotterie-Pick.

Der bodenständige Kroate hat aber mehr zu bieten. Zum Beispiel seinen Wurf. Der ist zwar noch lange nicht auf dem Niveau, das ein NBA-Team von seinem Starter auf Power Forward erwartet, hat sich aber seit meinen ersten Live-Eindrücken von Bender bereits verbessert und noch sehr viel mehr Luft nach oben. Die Form ist ausbaufähig - der Release muss schneller werden, die Konstanz im Wurfablauf optimiert werden - gibt künftigen Assistant Coaches aber sehr viel, mit dem sie arbeiten können.


Bedingt vor allem durch Maccabis System agierte Bender viel zu häufig als reiner Spot-Up Shooter, der stationär fixiert auf den Pass wartete. Seine natürlichen Instinkte und sein ausgezeichnetes Spielgefühl machen ihn aber zu einem viel geeigneteren Pick & Pop Spieler, der nach dem gestellten Block direkt in seine freie Wurftasche bedient wird. Elite Point Guards sind geschult darin, ihre Bigs auf diese Art in Szene zu setzen. Hier wird Bender in kürzester Zeit die größten Fortschritte machen.

Weil er ohne Probleme auch von jenseits der Dreierlinie einnetzen kann - auch hier noch lange nicht mit der Konstanz anderer Stretch Bigs á la Dirk Nowitzki oder Serge Ibaka, aber durchaus mit Chancen, eines Tages ähnlich verheerend zu werden - werden gegnerische Defensiven eines Tages große Probleme mit ihm bekommen. Seine Länge und Spannweite machen es fast unmöglich, seinen Wurf im Halbfeld zu behindern.  


Die NBA hat sich bekanntlich längst in Richtung Spacing und Shooting entwickelt, die Veränderung ist noch nicht abgeschlossen. Big Men wie Bender sind folglich begehrt wie nie. Eine unterschätztes, aber vor allem in der Association sehr gern gesehenes Element, ist die Fähigkeit, das Spiel mitdenken und die Teamkollegen in Szene setzen zu können. Ein Großer, der Playmaking-Elemente übernehmen kann, auch wenn nur sporadisch, wertet den Angriff einer Mannschaft enorm auf.


Benders Basketball-IQ ist sehr hoch. Er liebt es, für andere zu kreieren, brillierte vor allem in Wettbewerben gegen Gleichaltrige mit einer faszinierenden Übersicht und der Fähigkeit, überraschende Pässe durch engste Öffnungen zu spielen. Er ist ein sehr uneigennütziger Spieler, und wenngleich ihm Kritiker dies als mangelnde Aggressivität auslegen, sehe ich vor allem bei Spielern von Benders Statur lieber ein paar Fähigkeiten mehr im Skills-Paket. Ein Big, der kreieren kann und will, ist ungleich viel mehr wert als ein paar extra Prozent von der Dreierlinie.

Der häufigste und gleichzeitig dämlichste Vergleich, den ihr in den kommenden Wochen und Monaten hören werdet, wenn von Bender und seiner NBA-Comp die Rede sein wird, ist Kristaps Porzingis. Dabei sind ihre Herkunft (Europa), Hautfarbe (durchsichtig) und ungefähre Größe (mehr als 2,10 Meter) so ziemlich die einzigen Gemeinsamkeiten dieser beiden Bigs. Davon ab ähnelt sich ihre Spielweise nicht im Geringsten.

Ihr wollt einen passenderen Vergleich? Toni Kukoč, mehrfach Europas Basketballer des Jahres und dreimaliger NBA-Champion mit den Chicago Bulls. Beide sind Kroaten. Beide wuchsen in Split auf. Beide sind lang und beweglich genug, um Inside und Out zu spielen. Beide haben wenig mit klassischen Centern oder Power Forwards gemein (Side Note: Kukoč hätte perfekt in die heutige NBA gepasst). Beide treffen ihre Distanzwürfe und lieben es, als Point Forward Mitspieler in Szene zu setzen.


Genau wie Kukoč, den er übrigens als sein großes Vorbild angibt, bewegt sich auch Bender wie ein Hirsch übers Parkett, kann coast to coast manövrieren und mit Leichtigkeit Richtung und Geschwindigkeit verändern. Diese Fähigkeit, die bei seinen 2,15 Metern live noch beeindruckender wirkt als am Bildschirm, kommt ihm nicht nur im Fastbreak und beim Cutten abseits des Balls zugute, sondern auch defensiv, wo er in der Lage ist, auf kleinere Spieler zu switchen. Wie wichtig diese Skills heutzutage in einer Pick & Roll Liga sind, muss ich euch nicht erklären.


Größe, Beweglichkeit, ein solider, wenngleich optimierbarer Wurf und Skills/Bock, als Playmaker auszuhelfen... es dürfte auch denjenigen, die Bender noch nie in Aktion erlebt haben, nicht allzu schwer fallen, ihn aufgrund dieser Vorzüge irgendwo in den Top-10 dieses Jahrgangs zu projizieren, vielleicht sogar Top-5.

Es gibt natürlich auch Fragezeichen. Zum einen seine mangelnde Playing Time auf absolutem Top-Niveau, bedingt wie gesagt durch die Spielerpolitik in Tel Aviv. Für diesen Mangel an Anschauungsmaterial für interessierte Scouts und General Manager kann Bender nichts.

Besorgniserregender ist da schon seine physische Präsenz. Knapp 100 Kilogramm bei 215 Zentimetern Länge ist noch lange nicht auf adäquatem NBA-Niveau. Es wird für den Youngster viel Zeit und Einsatz erfordern, sich in den nächsten Jahren genügend Muskelmasse anzutrainieren, um in den Zonen der Basketball Association einstecken und austeilen zu können.


Die Faszination für Bender rührt von seiner projizierten Fähigkeit, innen und aussen zu spielen. Beschränkt sich sein Skills-Paket auf nur ein Areal auf dem Court, minimiert das nicht nur seinen Impact aufs Spiel und seine Beteiligung an einer Offense, sondern lässt ihn obendrein zum Spezialisten verkommen, der über Backup-Minuten nicht hinaus kommen wird.

Schafft es Bender hingegen, seine gigantischen Ausmaße mit der nötigen Muskelmasse vollzupacken, wird er dank seiner Vielseitigkeit eine All-Around Waffe in Angriff und Verteidigung. Stand heute ist er einfach nicht kräftig genug, um unter den Brettern und am Zonenrand zu bestehen. Er verliert leicht Position, wird von kleineren Spielern in der Gegend herum geschubst und beim Ausboxen einfach ausgehebelt oder unter den Korb geschoben, wo seine Länge und Spannweite verpuffen.

Vor allem in Punkto Rebounding muss Bender große Fortschritte machen, um nicht zum Minus-Faktor zu avancieren. Bigs, die keine Bretter greifen, sind in der NBA eine Hypothek, die nur wenige Teams hinzunehmen bereit sind. Mehr Gewicht, Power und Stabilität wären ebenso essentiell, um eines Tages zu einem respektablen Ringbeschützer zu avancieren. Bender ist theoretisch lang und athletisch genug, um genug Protection zu liefern, wird aber aufgrund seiner Statur am Brett noch aufgefressen.


Dieser physische Nachteil führte bisher zu einer logischen, problematischen Kettenreaktion: persönliche Fouls. In der NBA werden Teams Bender immer wieder attackieren, ihn hinten gegen Low Post Bigs oder Forwards switchen und seinen mangelnden Widerstand gegen kräftigere Athleten dazu nutzen, ihm Fouls anzuhängen. Das wird vor allem zu Beginn sehr frustrierend sein. Bender hat aber bisher sehr viel Reife und Arbeitseifer gezeigt, Qualitäten, die ihm bei der Assimilation helfen werden.

Wer Bender einen Strick drehen will, der hat angesichts seines bescheidenen statistischen Outputs, dem Mangel jeglicher Spezialisierung und seines entspannten Naturells viel Gelegenheit dazu. Bender ist kein lauter in-your-face Star, brilliert weder von Downtown noch mit reihenweise spektakulären Aktionen über Ringniveau. Seine Bodenständigkeit und die mühelose Art seiner Bewegungen suggerieren beim oberflächlichen Blick auf sein Game, dass er nicht vollständig involviert ist, dass er 'coastet'.

Nichts könnte ferner der Realität liegen. Ich habe einen Youngster gesehen, der hart und immer hochkonzentriert spielt, der seine Teamkollegen, Coaches, Gegenspieler und das Game respektiert. Einen über die Maßen hinaus reifen Typen, der schon sehr früh von zuhause auszog, um Basketball zu spielen, der schon so lange in einem professionellen Umfeld steckt, dass ihm auch der Übergang in die NBA ohne persönliche Tragödien gelingen wird.

Dass er dort, wie so viele Europäer vor ihm, komplett scheitert, halte ich für ausgeschlossen. Bender wird vermutlich nie der Superstar, den einige in ihm sehen. Er wird nicht Dirk Nowitzki, und er wird auch nicht Kristaps Porzingis. Auch hier ist Toni Kukoč wieder das realistischste Szenario: ein gechillter Allrounder, der eines Tages so ziemlich jede Frontcourt-Position und Situation meistern kann, die sein Team in der jeweiligen Situation benötigt.