20 Juni 2016

20. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von Torben ADELHARDT @Torben41

Eigentlich war alles angerichtet für die große College-Karriere von Caleb Swanigan im Spartys-Dress. Als physischer Low-Post-Big Man sollte der McDonald's All American und Fünf-Sterne-Rekrut den exmatrikulierten Branden Dawson ersetzen und für easy buckets in Korbnähe sorgen. Tom Izzo hatte wohl seinen größten Recruiting-Coup seit Jahren gelandet – da sprachen die Medienverter in East Lansing in einer Zunge.

Vielleicht kein zweiter Mateen Cleaves, aber auf jeden Fall jemand, der sich in den nächsten Jahren zu einer absolut dominierenden Figur in der Big Ten entwickeln kann. Dass sich neben Swanigan auch noch die Vier-Sterne-Rekruten Deyonta Davis und Matt McQuaid in der Alma Mater von Draymond Green eingeschrieben haben, wurde nur noch als nette Randnotiz konstatiert.

Doch Swanigan machte im Mai 2015 den DeAndre Jordan  – noch bevor DeAndre Jordan den DeAndre Jordan machte – , bekam „a change of heart“ und brach seine Zelte in East Lansing wieder ab, obwohl die Heringe nicht einmal im Boden waren.

Wieso die Geschichte des wankelmütigen Caleb Swanigan (der stattdessen für die Big Ten-Rivalen aus Purdue auflief) an dieser Stelle aufgegriffen wird? Weil ohne das „Decommittement“ von Swanigan sehr wahrscheinlich kein diesjähriges Draft Spotlight über Deyonta Davis von Nöten wäre.


Hinter Matt Costello, Gavin Schilling und eben Swanigan wäre der drahtige Athlet in der Frontcourt-Rotation der Spartans am hinteren Ende der Nahrungskette und hätte von Coach Izzo vermutlich nur spärlich Einsatzminuten gesehen. Aufgrund von Verletzungen (Schilling) und geplatzten Debüts (Swanigan) wurde Davis gezwungermaßen eine tragendere Rolle zugetragen, als es wohl ursprünglich für seine Freshman-Saison angedacht war. Und Davis sollte seinen Übungsleiter nicht enttäuschen.

Mit einem knackigen 13 Punkte, 5 Blocks und 11 Rebounds – Spiel in seine College-Karriere gestartet, zeigte der junge Big Man frühzeitig was von ihm zu erwarten ist – und was nicht. Als athletischer Ringbeschützer und effektiver Abroller in Screen-Situationen war Davis kontinuierlich ein integraler Bestandteil der Spartans-Rotation.

Die 7,5 Punkte, 5,5 Rebounds und 1,8 Blocks pro Partie, die der Big durchschnittlich auf das Scoreboard brachte, dürften jedoch nicht zwingend für offene Münder sorgen. Um das Potential von Davis und damit einhergehend seine Attraktivität als potentieller Lottery-Pick nachvollziehen zu können, reicht selbst das frugale Nachschlagen von Block-Percentages und Points per Possessions nicht aus. Es muss genauer auf seine Darbietungen während der 35 Spiele andauernden Spartans-Saison geblickt werden.

Obwohl das (De-)Commitment von Swanigan das bestimmende Thema im Vorfeld der letzten Spartans-Saison war, kam auch Davis nicht gänzlich ohne Hype am Universitäts-Campus an. Während seiner High School-Tage schnürte der Pivot seine Sneaker für die Muskegon HS, die am westlichen Rand des Bundesstaat Michigan liegt. Der introvertierte Big Man, der von seinen High School- respektive AAU-Coaches und Mitspielern als ein unfassbar stiller und in sich gekehrter Zeitgenosse charakterisiert wird, ließ schon frühzeitig primär seine Taten auf dem Basketballcourt für sich sprechen.

Davis dominierte in seiner letzten High School - Saison ganze Spiele allein durch seine Präsenz in der eigenen Zone, wo er als Ringbeschützer die letzte Verteidigungslinie seiner Mannschaft darstellte. Aufgrund seiner defensiven Qualitäten, welche auf seiner Mischung aus Länge, Athletik, lateraler Geschwindigkeit und Energie fußen, kletterte Davis in den nationalen Recruting-Listen konstant empor.


Immer mehr Division I-Coaches nahmen den Weg bis nach Michigan auf, um ihren potentiellen Ringbeschützer der Zukunft in persona zu sehen. Trotz einiger attraktiver Angebote (Butler, Xavier) entschied sich der Jungspund frühzeitig für Michigan State und damiteinhergehend für eine Lehre unter Head Coach Tom Izzo.

Auch wenn der (hohe) Draftstock von Davis vordergründig mit seinen defensiven Fähigkeiten zusammenhängt, sollte das Offensiv-Spiel des 19-Jährigen bei der Bewertung seines NBA-Potentials nicht unterschlagen werden. Auf dem ersten Blick wirkt Davis wie der prototypische Big Man, dessen Stärken in der Transition und Early Offense liegen.

Er ist schnell genug, um den Fastbreak mitzulaufen und weiß, welche Lanes er in diesen Situationen besetzen muss. Die diesjährigen Ballhandler von Michigan State - allen voran Denzel Valentine - schafften es immer wieder die Lücken in der gegnerischen Defensive zu finden und ihren Big Man per Alley-Oop-Pass zu bedienen.

Hier zwei beispielhafte Szenen, in der nicht nur die Playmaker-Fähigkeiten von Valentine offenbart werden, sondern auch einen ersten Eindruck von Davis als Finisher und Alley-Oop-Partner vermitteln:



Dank seiner Athletik und Länge (2,75 Meter "Standing Reach") war Davis eine beliebte Anspielstation für seine Ballhandler. Den jungen Frontcourt-Spieler als reinen Alley-Oop-Verwerter zu charakterisieren würde jedoch zu kurz greifen. In der Halfcourt-Offense zeigte Davis immer mal wieder Ansätze eines brauchbaren Post-Up-Games, wobei hierbei sogar ein klarer go-to-Move erkennbar war:



Davis postet in der zweiten Szene am linken Zonenrand gegen Ben Bentil auf und geht nach zwei Dribblings über die linke Schulter zum kurzen Hookshot hoch. Ein einfacher rechtshändiger Hookshot nach dem Post-up macht aus Davis zwar noch lange keinen zweiten Hakeem, jedoch lassen diese Szenen die Hoffnung aufkeimen, dass der Sparty in Zukunft noch die ein oder andere Center-Bewegung in sein Repertoire aufnimmt. Dass es Davis zur Zeit noch sowohl an Counter-Moves als auch Effektivität mangelt, sollen die beiden folgenden Szenen illustrieren:



Im zweiten Video postet Davis gegen den Cardinals-Big Man Anas Mahmoud auf. Der Ägypter stellt mit seiner Größe (7'0") ein schwieriges Match-Up dar, wodurch Davis seinen Hookshot am Mann nicht so leicht anbringen kann. Dass er den Wurf trotzdem versucht, könnte ihm durchaus als Eindimensionalität ausgelegt werden. Okay, Davis bekommt in dieser Szene zwar das Foul gepfiffen, aber eine wirklich gute Abschlussgelegenheit konnte er sich in diesem Post-Up nicht kreieren.

Neben Alley-Oop-Anspielen und dem patentierten rechthändigen Hookshot nach Post-Ups, lässt sich noch die Arbeit am offensiven Brett als ein weiterer Pluspunkt ausmachen. Der MSU-Big Man kann eine Offensiv-Rebounding Percentage von 13,5 Prozent vorweisen und schnappte sich somit prozental betrachtet mehr offensive Abpraller als Jakob Poeltl (11,9), Domantas Sabonis (11,7) oder Brice Johnson (11,7).

Es ist durchaus legitim Davis als den besten Offensiv-Rebounder unter den Top-Draft-Prospects zu bezeichnen, da der "Eye-Test" die sehr gute Offensiv-Rebounding-Percentage untermauert. Davis geht nicht nur einfach energischer als seine Gegenspieler zu Werke, sondern paart ein gutes Gespür für Rebounds mit frühem Ausboxen und einer hervorragenden Armpannweite (7'2"), die es ihm erlaubt über seine Gegenspieler hinweg zu greifen:


Davis neigt dazu bei seinen Rebounding-Bemühungen am offensiven Brett zuweilen zu akitv zu Werke zu gehen und handelt sich im Positionskampf das ein oder andere Foul ein, weil er auch in eigentlich aussichtslosen Situationen noch mit ganzem Körpereinsatz nach dem Ball jagt. Hier wäre durchaus manchmal weniger mehr, da sich der Sparty durch unnötige Foulpfiffe selbst oft aus dem Spiel nahm.

Krachende Putback-Dunks (41 und damit rund ein Drittel all seiner Abschlüsse in Ringnähe) und spektakuläre Alley-Oops sorgen zwar dafür, dass sich paar nette Highlight-Mixtapes aus seiner Freshman-Saison zusammenschneiden lassen, aber verschleiern auch etwas sein Offensiv-Potential. Denn Davis wird in der NBA auf Spieler treffen, die ihm nicht nur hinsichtlich Muskelmasse einiges voraus haben, sondern auch seine Athletik und Länge matchen können. Vielmehr ist es eine andere Facette im Spiel von Davis, die ihn erst zu einem potentiellen Lottery-Pick machen: sein Jumpshot.

Davis hat in der abgelaufenen Spielzeit nicht viele Touches im High-Post erhalten, aber in einigen Situation ein mögliches Face-Up-Game angedeutet. Beispielhaft dafür soll nun eine Szene gezeigt werden, in der Davis einen Sprungwurf aus 17 Foot Entfernung einnetzt und dabei eine absolut annehmbare Shooting-Mechanik an den Tag legt:


Sollte Davis tatsächlich auch eine effektive Pick-and-Pop-Option darstellen, dann wäre sein Ceiling in der NBA wesentlich höher anzusiedeln. Aber noch sind seine Fähigkeiten als Sprungwerfer eher ein "What if". Dass er 41,6 Prozent seiner Zwei-Punkte-Jumper verwandeln konnte (via hoop-math) lässt zumindest aufhorchen. Und obwohl "nur" 60,5 Prozent seiner Freiwürfe den Weg durch die Reuse fanden, scheint seine Wurftechnik ihm auch in diesem Bereich noch Entwicklungsspielraum zu ermöglichen:


Der gesamte Bewegungsablauf an der Freiwurflinie mutet zwar etwas seltsam an, aber dass Davis den Ball von der Stirn anreißt und sein Handgelenk weich nach vorne abklappen lässt, kann als ein vielversprechendes Indiz interpretiert werden.

Am Ende des Tages bleibt Davis trotz seiner Upside aus NBA-Perspektive jedoch ein begrenztes Offensiv-Talent. Wie effizient kann der 19-Jährige noch in unmittelbare Ringnähe abschließen, wenn er mit seinen 2,09 Meter auf größere und physischere Big Men trifft? In seinen Spartans-Tagen wurde Davis im Halfcourt fast ausschließlich als Screener in die Offensiv-Aktionen seiner Mannschaft involviert.

Spuren von Ballhandling- und/oder Passing-Skills, die über das Mindestmaß hinausgehen? Fehlanzeige. Somit sollte niemand von Davis verlangen, dass er eine NBA-Offensive auf diversifizierte Art und Weise beeinflusst. Die höhere Pace in der NBA sollte ihm in der Rolle des "rim runner" dennoch entgegen kommen.

In der Defensive nahm Davis - wie auch schon zu seinen High School-Tagen - die Rolle des blockgewaltigen Ringbeschützers ein, der seine defensive Versatilität in schöner Regelmäßigkeit in Helpside-Defense- und Pick-and-Roll-Situationen zur Schau stellte.

Davis ist dank seiner lateralen Geschwindigkeit, Armspannweite und Mobilität auch als Verteidiger am Perimeter zu gebrauchen und kann nach einem Switch in Pick-and-Roll-Situationen auch vor gegnerischen Guards bleiben und den Dribble Drive verteidigen.


Durch seine Kombination aus Mobilität und Länge kann der Sparty das Pick-and-Roll variabel verteidigen. Hedge-and-Recover, hard show oder auch ein switchen der Gegenspieler - je nach Verteidigungsvorgabe seines Coaches kann Davis den "Breand and butter"-Spielzug in der NBA auf unterschiedliche Arten kontern.

Während Davis aufgrund seiner physischen Tools das Potential besitzt sich zu einem beachtlichen Pick-and-Roll-Verteidiger zu entwickeln, bereitet ihm die Low-Post-Defense noch schwerwiegende Probleme. So bekam der 19-Jährige in seiner Freshman-Saison immer wieder von kräftigeren Big Men im Low-Post seine Grenzen aufgezeigt:




In allen drei Szenen ist deutlich zu erkennen, welche Probleme Davis bekommt, wenn bullige Kontrahenten gegen ihn aufposten. Sowohl Swanigan (Purdue), als auch Chinanu Onuaku (Louisville) und Bentil (Providence), können sich mit zwei, drei kräftigen Rückwartsbewegungen genügend Platz verschaffen um ihren Hookshot in Korbnähe anzubringen. Davis mangelt es in solchen Eins-gegen-Eins-Situationen einfach an Kraft und Masse, um dieses tiefe Aufposten zu kontern.

Eine nicht zu unterschätzende Schwachstelle, da Davis in der NBA in erster Linie als (Smallball-) Fünfer auflaufen wird und nach Isolations am Zonenrand gegen erfahrene Low-Post-Bigs verteidigen muss. Mit seinen 19 Jahren ist aber auch in diesem Bereich noch genügend Luft nach oben und seine knapp 108 Kilogramm Körpergewicht bieten schon einmal eine gute Grundlage.

Darüber hinaus wird der Izzo-Schützling auch seinen Hang zur Überaktivität eindämmen müssen und lernen, wie er in spezifischen Spielsituationen zu reagieren hat. Zu oft spekulierte Davis auf den spektakulären Block, fiel auf Pump-Fakes rein und verließ dabei seine eigentlich gute Verteidigungsposition. Stellvertend dafür, hier eine Szene, in der Davis gegen Mangok Mathiang (Louisville) verteidigt:


Davis fällt auf den Pump-Fake von Mathiang (kein sonderlich effizienter Mitteldistanz-Werfer)am High-Post herein, eröffnet ihm dadurch den Drive durch die Mitte. Dass sein letzter Rettungsversuch dann in einem And-One rundet das Bild einer vollkommenen misslungenen Defensiv-Possession ab.

Die Foulanfälligkeit von Davis (5.3 Fouls/40 Minuten im Conference-Play) führte nicht nur immer wieder zu dezenten Izzo-Wutausbrüchen, sondern begrenzte auch die Einsatzzeit des Youngster. Nicht selten startete Davis übermütig in eine Partie und handelte sich frühzeitig Pfiffe beim Kampf um Rebounds oder Blockversuchen ein.

Der ernergiegeladene Frountcourt-Spieler ist erst dabei das Spiel als solches zu verstehen und versucht noch in zu vielen Aktionen allein durch seine Athletik und Sprunggewalt gegnerische Possessions zu beenden. Dabei lassen sich aber auch viele Szenen heranziehen, in denen Davis mit beiden Füßen auf den Boden bleibt und seinen Gegenspieler mit seinen krakenartigen Arm in Schach hält und zu schwierigen Abschlüssen zwingt.

Deyonta Davis ist ein Langzeitprojekt - soviel steht fest. Spartans-Coach Izzo gab unlängst zu Protokoll, dass er bereits zum Zeitpunkt des Davis-Recruitement wusste, dass sein neuer Schützling nicht für vier Jahre in East Lansing verweilen wird. Aber ein One-and-Done-Prospect? Nein, damit hatte selbst der legendäre MSU-Trainer nicht gerechnet. Doch Davis ist intelligent genug, um die überschaubare Talenttiefe im diesjährigen Draft-Jahrgang auszunutzen und wird der erste Sparty seit Zach Randolph sein (2001), der bereits als Freshman in Richtung NBA aufbricht.

Dabei begründet sich der Draft-Hype um Davis noch vornehmlich auf seine Upside. In seiner einzigen College-Saison zeigte der Draftee vielversprechende Ansätze, aber auch ebenso viele Unzulänglichkeiten.

So kann Davis mit 6'10" nicht unbedingt mit dem Gardemaß für einen NBA-Ringbeschützer aufwarten. Offensiv fehlt ihm auf der einen Seite noch die Shooting-Range und das Face-Up-Game, damit er auch am Perimeter agieren und das Spielfeld in die Breite ziehen kann.