23 Juni 2016

23. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von TORBEN ADELHARDT @Torben41

Die NCAA-Saison 2015/16 wurde medial mit dem Slogan "Das Jahr der Seniors" betitelt, was sich damit begründen lässt, dass nicht die gehypten College-Freshman das Geschehen auf den Spielfeldern dominierten, sondern die Langzeitsemester. Buddy Hield und Denzel Valentine legten in ihrer jeweils vierten College-Saison Spielzeiten für die Geschichtsbücher hin und lieferten sich über das gesamte NCAA-Jahr hinweg ein enges Rennen um die Krone des besten College-Spieler des Jahres.

Auch wenn schlussendlich Buddy Hield das Gros der individuellen Auszeichnungen für sich einheimsen konnte, gehören die letztjährigen Darbietungen von Valentine zu dem Besten, was die College-Basketballwelt in der letzten Dekade zu sehen bekam.

Dass Valentine im Kalenderjahr 2016 eine dominierende Figur im College-Basketball sein wird, und sich darüber hinaus berechtigte Hoffnungen auf einen Erstrundenpick machen kann, war vor vier Jahren nicht einmal ansatzweise abzusehen.

Für die NCAA-Saison 2012/13 brachte Michigan State Headcoach Tom Izzo mit Gary Harris, Matt Costello, Kenny Kaminski und Denzel Valentine gleich vier Top-100-Freshman nach East Lansing. Letztgenannter knackte als Freshman gleich die Rotation (20,8 MpG) und gehörte in seinen ersten beiden Spielzeiten aufgrund seines variablen "do-it-all"-Spielstil als Flügelspieler direkt zu den Lieblingsschülern von Izzo.

In der dritten Saison konnte bei Valentine dann eine natürliche Progression beobachtet werden, welche in erster Linie mit seiner größeren Rolle innerhalb des Teamgefüges und seiner rapiden Entwicklung als Schütze (Pull-up und Catch-and-Shoot) zusammenhing. Nach den Abgängen von Adreian Payne, Gary Harris und Keith Appling übernahm Valetine immer mehr Verantwortung und führte die Spartans schließlich als Point Forward gar bis in das Final Four 2015.

Während seines Junior-Jahrs wurde schon deutlich, dass Valentine einer der variabelsten College-Flügelspieler ist. Seine Qualitäten als Shooter, Playmaker und Rebounder suchten damals schon ihresgleichen. Aber NBA-Liebe? No way. Vielleicht ein Mid-Second-Round-Pick, aber mehr wurde Valentine hinsichtlich seiner Draftchancen nicht zugetraut. The Times They Are a-Changin'.


Wenn eine Saison-Statline von 19,2 PpG, 7,8 ApG und 7,5 RpG nicht aufhorchen lässt, was dann? Ahja. Progressiver Basketball-Blog und so. Okay: Offensiv-Rating von 127,2 bei einer Usage Rate von 28,4 Prozent. Eine True Shooting-Prozentzahl von 60,8 Prozent.

Wer den Eye-Test nur aus dem Bereich der Ophthalmologie kennt und lieber auf erweiterte Statistiken vertraut, der erkennt an dieser Stelle, dass Valentine einen unfassbar effizienten Offensiv-Output an den Tag gelegt hat. Sollte er vielleicht doch ein Mann für die NBA sein? Schauen wir einmal genauer auf seine basketballerischen Skills.

Das Steckenpferd von Valentine, sowie seine NBA-Eintrittskarte, ist sein offensives Skillset. Als primärer Ballhandler, den Valentine in den letzten anderthalb Jahren bei MSU de facto gegeben hat, mimte er den Fixpunkt der Spartans-Offensive im Halbfeld.

Coach Izzo fordert von seinen Schützlingen in der Halfcourt-Offense viel Bewegung abseits des Balles und ein schnelles Ballmovement, weshalb Valetine oftmals die Rolle des Orchestrators übernahm, der seine Mitspieler zu den richtigen Spots dirigierte und die richtigen Swing-Pässe spielte. Nach drei Jahren unter Izzo war Valentine in der vergangenen Saison natürlich bestens mit den Automatismen der Spartans-Offense vertraut und wusste genau welche Aktionen sein Übungsleiter von ihm sehen wollte.

Dass Valentine über signifikante Playmaking-Skills verfügt, lässt sich bereits an seiner beeindruckenden Assists-Percentage von 45,8 Prozent erkennen. Dabei kann der Sparty nicht einmal ein sonderlich beeindruckendes Ballhandling sein Eigen nennen, sondern brilliert viel eher durch sein sehr gutes Spielverständnis und der Fähigkeit, Lücken in den gegnerischen Defensiven frühzeitig zu erkennen.

Dabei bewies Valentine sowohl in der Transition-Offense, als auch in Pick-and-Roll-Situationen, dass er seine Mitspieler gut in Szene zu setzen weiß.




Wie in der zweiten Szene schön zu erkennen ist, stellt Valentine als Ballhandler in Pick-and-Roll-Spielzügen aufgrund seiner Qualitäten als Pull-Up-Jumpshooter für jede Defensive ein schwieriges Match-Up dar.

Bei der Verteidigung der Valentine-Pick-and-Rolls waren die Gegner fast schon gezwungen zu trappen oder zu switchen, um einerseits den Pull-Up-Jumper zu verhindern, und andererseits die Pässe für Valentine so schwierig wie möglich zu gestalten.

Hier einmal zwei Beispiele, wie es Valentine trotzdem immer wieder gelang seine Pässe aus Double-Teams heraus an den Mann zu bringen.



Obwohl diese Szenen das Playmaking-Potential von Valentine am Perimeter illustrieren, muss aus NBA-Perspektive in dieser Hinsicht auf die Bremse getreten werden. Denn der Point Forward ist aufgrund seiner unterdurchschnittlichen Athletik nur bedingt für Dribble Drives auf dem höchsten Niveau zu gebrauchen. Beim Zug zum Korb offenbart Valentine grundlegende Problematiken, die in der NBA sehr deutlich zum Tragen kommen könnten.

Neben der bereits angesprochenen unterdurchschnittlichen Athletik, welche sich in einem fehlenden ersten, schnellen Schritt manifestiert, mangelt es Valentine auch an einem Top-Ballhandling. Wurde der Sparty auf dem Weg zum Korb von physischen Verteidigern unter Druck gesetzt, vertändelte er oftmals den Ball durch unsaubere Spin-Moves, Crossover oder ähnliche Dribbling-Bewegungen. Wenn er in solchen Situationen zumindest noch die Kontrolle über den Ball behalten hat, kamen wilde Floater oder Fadeaway-Jumper zum Einsatz.


Dass sich Valentine in der Zone nicht sonderlich wohlfühlt, suggeriert bereits der prozentuale Anteil jener Abschlüsse gemessen an seinen Korberfolgen. Nur 16,4 Prozent seiner erfolgreichen Treffer hatten ihren Ursprung in unmittelbarer Korbnähe, wobei davon sogar noch fast die Hälfte (46 Prozent) direkt assistiert wurden. Für primäre Ballhandler ein unorthodoxer Wert.

Während die hochgehandelten Ballhandler-Draftees wie Kris Dunn, Ben Simmons oder Dejounte Murray aufgrund des Fehlens eines sicheren Distanzwurfs, Fragezeichen hinsichtlich ihrer Pick-and-Roll-Offense aufwerfen, ist bei Valentine genau das Gegenteil der Fall.

Sollten NBA-Verteidiger an Valentine in jeder Aktion kleben bleiben und ihm lieber die Penetration statt den Wurf ermöglichen, könnte der Sparty eine seiner größten Waffen beraubt werden. Denn dass er nur unterdurchschnittlich gut auf eine aggressive on-Ball-Defense reagiert, wurde in der letzten NCAA-Saison bereits gegen weniger talentierte Spieler deutlich.

Abgesehen von seinen Playmaking-Skills, ist es eben der sichere Sprungwurf, der Valentine in der Draft so begehrt macht. Der "Point Forward" benötigt das orangefarbene Leder nicht in den eigenen Händen zu halten, um eine Defensive zu beschäftigen.

In den letzten beiden Jahren wurden für Valentine in der MSU-Halbfeld-Offense auch immer wieder Pin-Down, Staggerd- oder auch Flare Screens gestellt, damit der 22-Jährige seine Qualitäten aus dem Catch-and-Shoot heraus anbringen konnte. Seine Gegenspieler mussten bei der Bekämpfung der gestellten Blöcke schnell reagieren, da Valentine zwar keinen schnellen Release besitzt, jedoch dank seiner guten Beinarbeit, Größe und Armspannweite über die meisten Close-Outs hinweg schießen konnte.


Das Offensiv-Spiel von Valentine birgt eine Menge Potential - besonders, wenn er lernt bei seinen Drives die Ruhe zu bewahren und an seinen Ballhandling-Fähigkeiten arbeitet -, doch wie lange der MSU-Absolvent tatsächlich in der NBA seine Buckets einstreuen wird, hängt unmittelbar mit seinen Performances im defensiven Halbfeld zusammen.

Wenn ein junger Spieler bereits am College in einer Teamdefensive versteckt werden muss, bedeutet dies zumeist nichts Gutes für seine Aussichten in der NBA.

Denzel Valentine ist ein erschreckend schwacher "One-on-One"-Defender, weshalb ihn Coach Izzo konstant "cross-matchen" musste und gegen die gegnerischen Shooter bzw. schwächeren Guards/Flügelspieler stellte.

Die bereits zitierten athletischen Nachteile machten Valentine in der NCAA zu einen der schlechteren Perimeter-Verteidiger. Zu oft hatte der Sparty Probleme den gegnerischen Drive mit schnellen Schritten und einer guten Beinarbeit zu verteidigen.

Dass er darüber hinaus auch regelmäßig an off-Ball-Screens hängenblieb und seinen direkten Gegenspieler aus den Augen verlor, machte ihn in der Verteidigung zu einem Problemfall für Izzo. Dadurch dass die Spartans in den letzten Jahren über diverse athletische Frontcourt-Jungs verfügten (Deyonta Davis, Gavin Schilling, Branden Dawson), konnte zumindest viel rotiert und eine aktive Helpside-Defense gespielt werden.

Ein Premium-Wing-Defender wird aus dem 22-Jährigen nicht mehr. Dafür fehlt ihm einfach die Athletik, Explosivität, Kraft und laterale Geschwindigkeit. Möchte Valentine in der NBA bestehen, dann muss er dringend an seiner off-Ball-Defense arbeiten, um zumindest die gegnerischen Schützen effektiv verteidigen zu können.

Hierfür muss Valentine aber auch noch eine deutliche Progression hinsichtlich seines Close-Out-Verhaltens hinlegen:


Wenn schon die körperlichen Voraussetzungen eine NBA-Karriere als Plus-Verteidiger verhindern, müssen wenigstens die technischen und taktischen Basics stimmen. Doch Valentine nahm in vielen Defensiv-Situationen eine zu lasche Körperhaltung ein und setzte seinen Körperschwerpunkt falsch. Dadurch ließ er sich in hoher Frequenz von Körpertäuschungen (on- sowie off-Ball) aus dem Gleichgewicht bringen und musste auf seinen Gegenüber in der Folge erst einmal wieder Boden gut machen.

Die Scouting-Analyse über die Defensive von Valentine mag zwar trauriger - oder beschissener - klingen als die komplette Diskographie von James Blunt, aber ist noch lange kein K.O.-Kriterium für seine NBA-Karriere.


Nicht nur, dass Valentine nicht der erste Spieler wäre, der in einer NBA-Defensive versteckt werden muss - er bringt auch noch zumindest das Potential zum brauchbaren Defensiv-Rebounder mit. Schon bei den Spartans gehörte Valentine zu den fleißigsten Arbeiter am eigenen Brett und pflückte sich auch regelmäßig seine Abpraller gegen physische Konkurrenz. In dieser Hinsicht könnte der Sparty ein wichtiges Element zum Weakside-Rebounding mitbringen.

Also, wo geht die Reise des Denzel V. hin? Während sein defensiver Output wohl Zeit seiner Karriere begrenzt sein wird, könnte er sich zu einem der effektivsten Shooting-Wings und Flügel-Playmaker in der NBA entwickeln. Nicht viele Spieler können einen äußerst effizienten Shooting-Touch mit einer überragenden Spielübersicht und den dazu notwendigen Passfähigkeiten paaren.

Für Valentine werden die offensiven Darbietungen entscheidend sein. Es gibt zahlreiche Beispiele von College-Stars, die mit sinkender Usage-Rate in der NBA nicht zurechtgekommen sind und ohne brauchbare Defensive sich nicht lange in der Association halten konnten.

Wenn der 22-Jährige lernt die gegnerischen Close-Outs per Dribbling gezielt zu kontern und an seinem Midrange-Game feilt, dann könnte ihm seine offensive Variabilität für viele Teams interessant machen.