22 Juni 2016

22. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Kaum ein Spieler in diesem Draftjahrgang konnte während seiner College Karriere so viele Rollen kennenlernen und in diesen eine gute Figur abgeben wie DeAndre Bembry. Als Freshman spielte Bembry in der Regel die vierte Geige. Für das Playmaking waren Point Center Halil Kanacevic und Guard Langston Galloway zuständig.

Dahinter war es dann an Power Forward Ronald Roberts die entstehenden Lücken mittels Durchsteckern und Putbacks zu nutze. Bembry fiel vor allem als Cutter auf, konnte aber im Setplay auch immer wieder von seiner Vielseitigkeit und dem System der Hawks profitieren.

In einer Offense, in der feste Positionen ein Fremdwort waren und Spieler ganz simpel ihre Stärken einbringen sollten und mussten, konnte Bembry als Allrounder gute Pässe spielen, offene Würfe versenken, aufposten oder sogar den Ball bringen. Diese Aufgaben übernahm Bembry ab der Sophomore Saison noch häufiger. Nach den Abgängen der genannten Führungsspieler war er der beste Spieler des Teams und gerade an seiner offensiven Rolle ließ sich das hervorragend festmachen.

Statt gelegentlicher Auftritte und einer brüderlichen Aufteilung der Verantwortung unter den Startern, schulterte Bembry fortan den Löwenanteil. In fast jedem Angriff berührte Bembry den Ball und meist entstand aus diesen Touches ein guter Wurf für ihn oder einen seiner Mitspieler.

In seinem Junior Jahr erhielt er Unterstützung von Teamkollege Isaiah Miles, der ebenso wie Bembry nicht zu einer einzelnen herkömmlichen Position zuzuordnen ist. Gemeinsam formten sie ein schwer zu stoppendes Duo, das ein insgesamt unorthodox spielendes Team anführten.

Als Belohnung für ihre starken Leistungen konnten die Hawks das A10 Tournament gewinnen und auch im großen Turnier Aufsehen erregen. Gegen Cincinnati setzten sie sich hauteng nach einer extrem spannenden Schlussphase in der ersten Runde durch. Gegen die Oregon Ducks hielten die Hawks lange Zeit gut mit, hatten aber am Ende nicht dem Wurftalent der Ducks nichts entgegen zu setzen.


Bembry blühte in seiner Rolle als Anführer auf. Er nahm in vielen Bereichen Verantwortung und konnte fast auf ganzer Linie überzeugen. An beiden Enden des Feldes übernahm der Junior mit der auffälligen Haarpracht die Aufgaben aller fünf Position. Er verteidigte vom kleinen Point Guard bis zum massigen Innenspieler jeden Spielertypen. Offensiv nutzte er die Schwächen seiner Verteidiger eiskalt aus und wurde damit zum wandelnden Mismatch.

Das bevorzugte Mittel in Bembrys Werkzeugkoffer ist sein Postup Game. Oft als nomineller Flügelspieler aufgestellt wurde Bembry in der Regel auch von Guards, die zum Teil wesentlich kleiner waren verteidigt. Diesen Größenvorteil nutzte Bembry dann meist gnadenlos aus. Bembry hat einen guten Touch, eine nahezu perfekte Fußarbeit und auch noch viel Geduld in solchen Situationen. Er überstürzt nichts, findet fast immer den richtigen Weg und leistet sich kaum Fehler.

Oft erkannte er selber sehr früh, dass ihn sein Bewacher nicht am Scoren hindern kann und gab seinen Mitspielern das Kommando, eine Seite für ihn zu räumen. Bei seinen Abschlüssen bevorzugt Bembry keine seiner beiden Hände und hat auch keinen Lieblingsspot, von dem er besonders gerne attackiert. Da er nicht wählerisch ist, kann er aus jeder Situation eine gefährliche Notlage für die Defense kreieren.

Sein einbeiniger Stepback-Fadeaway ist kaum zu verteidigen und gehört zu Bembrys Standardrepertoire. Kommt bei seinen Drives nach einem Faceup die Hilfe von einem zweiten Verteidiger, kann er sich oft noch geschickt in die Lücke zwischen die beiden Verteidiger schieben und sich zum Korb winden.

Dank seiner Point Forward Qualitäten fühlt sich Bembry am Perimeter ebenfalls sehr wohl und kann sich auch dort seine Kontrahenten ausgucken. Sein Ballhandling ist ausgezeichnet. Er kann mit beiden Händen gleichermaßen zum Korb ziehen, ist jedoch meistens noch nicht mal auf seine Crossover angewiesen, sondern kann alleine auf seinen ersten Schritt bauen. 


Anschließend hat er die Athletik und Länge, um über Korbniveau abzuschließen und Highlights zu produzieren. Liefert er doch keine Showeinlage, kann Bembry sich in der Regel auf seinen guten Touch verlassen. Selbst schwierige Floater über das Brett finden ihr Ziel und zappeln im Netz. Spinmoves und Hesitation Dribblings verschaffen ihm den nötigen Raum, um überhaupt zum Abschluss zu kommen.

Wesentlich effektiver wären Bembrys Drives noch, wenn er einen wenigstens einen durchschnittlichen Wurf zur Verfügung hätte. Doch dieser ist im Moment die mit Abstand größte Schwachstelle im relativ kompletten Spiel des Juniors. Aus der Mitteldistanz ist er noch ein ordentlicher Schütze, der auch mal relativ schnell aus dem Catch-and-Shoot oder in Form eines Turnaround erfolgreich sein kann.

Bei seinen Würfen aus der Distanz ist es auch relativ egal, ob Bembry aus dem Dribbling oder direkt nach dem Ballerhalt zum Jumper ansetzt. Seine Würfe unterscheiden sich in ihrer Form noch relativ stark, was für eine wenig gefestigte Technik spricht. Sein Arm- und Beinbewegung sind noch nicht optimal koordiniert und oft fehlt ihm die Stabilität beim Wurf. Dadurch schnellt gerne mal die rechte Hüfte nach vorne und Bembry gerät immer leicht in Rücklage. 

Auch als Freiwerfer ist Bembry noch keine Bank, auch wenn er sich technisch hier zumindest über die Jahre steigern konnte, was sich auch in leicht verbesserten Quoten widerspiegelt. Die sinkende Dreierquote über seine drei Jahre hinweg ist in erster Linie eine Kombination aus fehlendem technischen Fortschritt und gestiegener Verantwortung in der Offense. Durch das relativ freie System mit wenigen Setplays war Bembry oft dazu gezwungen, sich gegen Ende der Angriffszeit noch einen Wurf aus den Fingern zu saugen.

Doch selbst unter Berücksichtigung dieser verhältnismäßig geringen Falllzahl an Notwürfen, lässt sich Bembrys Wurfquote nicht schönreden und bedarf einer gewaltigen Steigerung, um in der NBA akzeptabel sein zu können.

Der Abstand, den seine Gegenspieler ihm gaben, hatte jedoch auch seine Vorteile. Dadurch hatte Bembry beispielsweise genügend Zeit und Platz, um seine exzellente Vision einzusetzen. Da er nur selten wirklich unter Druck gesetzt wurde, konnte er mit einem Blick das Feld scannen und Fehler der Verteidigung augenblicklich bestrafen.


Egal ob in der zweiten Welle des Schnellangriffs oder als Nutznießer absinkender, unaufmerksamer Verteidiger auf der Weakside: Bembry findet seine Mitspieler überall auf dem Feld und kann sie mit guten, zielgerichteten Pässen bedienen. Oft nimmt er sehr früh den Augenkontakt mit seinem Mitspieler auf und weist ihn so an, in die Lücke zu cutten. Auch das Gegenteil tritt häufig ein, indem Bembry seine Künste als No-Look-Passgeber zum besten gibt.

Dank der Mixtur aus Ballhandling und Spielübersicht kann Bembry auch mal das Pick & Roll als Ballhandler übernehmen, was er speziell in der vergangenen Saison erfolgreich ausführte. Vor allem bei den häufig auftretenden versetzten Ballscreens behielt Bembry die Übersicht und war prinzipiell in der Lage, alle vier Mitspieler mit Pässen zu füttern.

Auch wenn er aggressiv gedoppelt wurde, behielt er die Ruhe und konnte dank seiner Größe und Spannweite über die Arme der Verteidiger hinwegsehen und -passen. Besonders beim Pick & Pop erwies sich diese Qualität als wichtig und den lässigen Pass über die eigene Schulter hat er mittlerweile perfektioniert.

Bembrys große Stärke ist jedoch, dass er trotz dieser Skills am Ball und des fehlenden Dreiers nicht darauf angewiesen ist, den Ball in den eigenen Händen zu halten, um effektiv zu sein. In der NCAA gab es vermutlich kein anderen Spieler, der gleichzeitig der beste individuelle Akteur und der beste Cutter des Teams war.

Bembry hat ein ausgeprägtes Gespür für den Moment, in dem sein Verteidiger schläft und nur auf den Ball achtet. Hier schleicht sich Bembry dann äußerst geschickt im Rücken des träumerischen Bewachers davon und ist in Bruchteilen von Sekunden frei unter dem Korb. Er bietet ein gutes Passziel an und ist ein exzellenter Finisher.

In der Transition kann Bembry ebenfalls variabel mit dem Ball das Tempo anziehen oder gegebenenfalls die Außenspur entlang sprinten und einen langen Pass verwerten. Bembry ist auch in vollem Sprint immer unter Kontrolle und hat sich einige Moves angeeignet, die seine überforderten Gegenspieler schnell aus der Bahn werfen. Besonders sein Eurostep ist kaum zu verteidigen, da Bembry ihn sehr geschickt anwendet und die Geschwindigkeit variiert.

Bembry ist offensiv einer der vielseitigsten Spieler des Drafts und hat perfektes Rollenspieler Format. Er braucht den Ball nicht, um einen Einfluss auf das Spiel zu haben, kann aber Mismatches direkt bestrafen, weswegen sich die Gegner genau überlegen müssen, wie und mit wem sie Bembry in Schach halten wollen.

Kann Bembry zusätzlich noch seinen Jumper verbessern und auf ein annehmbaren Niveau hieven, gibt es eigentlich keine Facette mehr, die an Bembry zu bemängeln wäre.


In der Defense ist Bembry ebenfalls ein Zugewinn für jedes Team. Am College verteidigte er alle fünf Positionen. Das wird er in der NBA zwar nicht mehr hinkriegen, aber eine gewisse Flexibilität sollte er seiner Franchise auf jeden Fall verleihen.

Er hat gute Anlagen, um ein ordentlicher Verteidiger und sogar Stopper zu werden. Er hat lange Arme, ist extrem schnell auf den Beinen unterwegs und reagiert umgehend auf die Bewegungen seines Gegenspielers. Gerade in Closeout Situationen wird Bembry verhältnismäßig selten geschlagen und schafft es schnell wieder vor seinen Kontrahenten zu stürzen.

Dank seiner Länge kann er viele Würfe erschweren und Pässe abfälschen. Dieser Möglichkeiten ist Bembry sich durchaus bewusst, weswegen er auch oft sehr erfolgreich nach Steals fischt.

Allerdings muss Bembry noch lernen disziplinierter zu agieren. Zu oft hebt er beim kleinsten Fake vom Boden ab oder springt unerreichbaren Pässen hinterher, was ihn selber oder seine Mitspieler in Bedrängnis bringt. Gerade in der NBA, wo er seine Athletik nicht mehr nutzen kann, um solche Fehler zu verhindern, wird sich Bembry diese Angewohnheit abgewöhnen müssen.

Ein weiteres mögliches Problemfeld ist seine fehlende Masse. Noch ist Bembry nicht in der Lage, Power Forwards oder gar Center per Switch zu übernehmen und im Lowpost zu verteidigen. Das nimmt ihm viele Optionen und schränkt seine theoretisch vorhandene Variabilität ein.

Selbst bei der Pick & Roll Defense an sich hat Bembry oft Probleme, weil er an den Screens hängen bleibt, wenn er am Ball verteidigt. Das war sogar am College schon eine Schwachstelle, obwohl die Bigs kaum das physische Format eines NBA Blockstellers aufweisen konnten. Gelingt es Bembry hier zuzulegen und an Toughness zu gewinnen, gibt es auch defensiv wenig an dem Allrounder auszusetzen.

Insgesamt ist Bembry ein sehr unterschätzter Spieler, was daran liegt, dass er in der A10 Conference keine große Bühne zur Verfügung hatte und seine Statistiken angesicht seiner Dreierquote in Kombination mit seinem fortgeschrittenen Alter auf den ersten Blick abschreckend wirken. Doch das sollte nicht davon ablenken, dass Bembry ein vorzüglicher Basketballspieler ist, der genau weiß, wie das Spiel gewonnen wird.

Mittel- bis langfristig könnte sich Bembry als einer der größten Steals dieses Drafts herausstellen. Spätestens gegen Ende der ersten Runde ist es Pflicht, sich diesen Allrounder mit dem auffälligen Haupthaar genauer anzusehen. Nicht nur optisch sticht Bembry heraus und verspricht eine Menge Unterhaltungswert.

Bei optimaler Entwicklung und unter guten Bedingungen könnte Bembry durchaus zu einem Klon von Andre Iguodala mutieren. Als vielseitiger Wing mit keiner besonderen Stärke und inkonstantem Wurf bewegen sich die beiden auf einer Wellenlänge. Bembry muss physisch stärker werden und den Wurf auf ein Mindestmaß verbessern, um Iguodala in der Tat nacheifern zu können.