18 Juni 2016

18. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Jahre lang galt es als gesichert, dass Brandon Ingram im Laufe seines Recruiting Prozess North Carolina, seiner Heimatuni, die Zusage geben würde. Doch die anhaltend unklare Situation nach Manipulationsvorwürfen und damit im Raum stehenden Sanktionen schränkten Ingram letztlich ab. Stattdessen geriert er in die Fänge von Trainerlegende Mike Krzyzewksi und entschied sich stattdessen für den Erzrivalen Duke.

Nach der Championship Saison und dem Verlust von gleich vier Startern brauchten Ingram und die Blue Devils einige Spiele, um sich aufeinander einzustimmen. Doch gerade als Ingram nach verhaltenen ersten Spielen beim Blowout-Sieg über Indiana seinen Motor starten konnte und auch das Team als Kollektiv ähnlich dominant wie in der Vorsaison auftrat, verletzte sich Amile Jefferson und fiel für den Rest der Saison aus.

In mehrfacher schien dieser Ausfall eine mittelschwere Katastrophe zu bedeuten. Zum einen fehlte Jefferson Präsenz an den Körben, wo die Blue Devils ohnehin nur zwei Bigs mit nennenswerten Minutenzahlen aufweisen konnten. Zum anderen fehlte Jefferson als emotionaler Leader und knallharter Verteidiger.

Doch die Blue Devils holten im Anschluss das Optimum aus ihren Möglichkeiten heraus. Ingram rutschte auf die Position Vier, die Offense wurde stark auf eine Four-Out-Offense vereinfacht, offensive Talente der Individuen wurden gewinnbringend eingebracht und Coach K behielt eine kurze Rotation bei. Was zunächst wie Notmaßnahmen aussah und Skepsis hervorrief - gerade in Anbetracht der dünnen Rotation - entpuppte sich im Nachhinein als Vorteil. Da viele Spieler gezwungen waren, Verantwortung zu übernehmen und die Rollen klar verteilt waren, funktioniert besonders der Angriffs reibungslos.


Gerade Ingram profitierte sehr vom Positionswechsel und konnte sich als wandelndes Mismatch etablieren. Durch seine Größe und Länge konnte er es mit den meisten Power Forwards aufnehmen, die es wiederum nicht gewohnt waren auf einen mindestens gleichgroßen Kontrahenten mit den Skills eines Guards zu treffen.

Ab Dezember stiegen Ingrams Aktien gewaltig und mit jedem weiteren Spiel. In vielen Spielen hatte Ingram Phasen, in denen er wie der beste Spieler des Jahrgangs aussah und für seine Gegenspieler nicht zu stoppen war. Allerdings unterlagen seine Leistungen größeren Schwankungen sowohl innerhalb eines Spiels auch von Spiel zu Spiel.

Ähnlich erging es auch dem Team. Zum ersten Mal seit 2007 fielen die Blue Devils aus den Top25 der Teamrankings, wenige Wochen später konnten sie jedoch Rivale und Titelkandidat North Carolina mit einer Rotation aus fünf Spielern schlagen. Im NCAA Tournament überstanden sie das erste Wochenende, mussten sich aber Oregon im Sweet Sixteen geschlagen geben.

Auf den ersten Blick sticht Ingrams enorme Spannweite ins Auge. Mit 2,21m hat er extrem lange Arme, die ihm viele Facetten des Spiels erleichtern. Er kann leichter über Gegenspieler werfen, schnappt sich Rebounds, die kein anderer erreicht und weiß auch defensiv seine Länge zu nutzen. Außerdem hat der Wing eine gute Größe für seine Position, die es ihm am College erlaubte, auch mal als Stretch Vierer aufzulaufen.

Gerade auf dieser Position fühlte sich Ingram extrem wohl und konnte seine Mismatches exzellent nutzen. Von Coach K gezielt in Szene gesetzt, bevorzugt Ingram vor allem den linken Flügel und Elbow. Nach dem Catch geht Ingram lehrbuchmäßig in die "Triple Threat Position" und guckt sich in aller Ruhe seinen Gegenspieler aus. Er arbeitet mit Fakes, verschafft sich Platz und lauert auf einen kleinen Fehler des Verteidigers.

Da viele seiner Bewacher es nicht gewohnt waren, so weit vom Korb entfernt verteidigen zu müssen, häuften sich diese Fehler und Ingram konnte seine Variabilität im Scoring ausspielen. Er hat einen ordentlichen Midrange Jumper aus dem Dribbling, absorbiert Kontakt weitaus besser, als es seine Statur vermuten ließe, und hat für seine Größe auch ein ordentliches Ballhandling.

Eingeschränkt wurde seine Effektivität vor allem dann, wenn er es mit gleichgroßen Gegenspielern zutun bekam, die ihre Füße einigermaßen bewegen konnten. Hier tendierte der Freshman zu forcierten Aktionen und billigen Versuchen, ein Foul zu ziehen. Zudem rächte sich, dass Ingram nicht sonderlich explosiv ist. Sein erster Schritt ist zwar lang, aber braucht seine Zeit. Auch beim Finish und Absprung fehlt Ingram noch die notwendige Dynamik.


Die Szenen des Virginia Spiels verdeutlichen, wo Ingram bereits sehr weit in seiner Entwicklung ist und woran er gleichzeitig noch dringend arbeiten muss. Bei den klaren Mismatches gegen Aufbauspieler Perrantes, über den er im Lowpost einfach drüberwirft, und gegen Gill und Wilkins, die beide einfach keine guten Verteidiger am Perimeter sind, zeigt Ingram, wie schnell er seine Vorteile realisiert. Perrantes lässt er mit dem hohen Release keine Chance, während er bei Wilkins und Gill verstärkt mit Fakes arbeitet und sie dadurch schlagen kann.

Gegen Brogdon fehlt Ingram hingegen die Stabilität, um einen ordentlichen Drive hinlegen zu können und auch beim Midrange Jumper ist er nicht ausbalanciert. Die Faktoren Kraft und Schnelligkeit sind beiden ärgsten Widersacher, denen sich Ingram bislang noch beugen muss.

Bei seinen Abschlüssen in der Zone braucht Ingram Platz, um sich am Verteidiger oder der Helpside vorbeischlängeln und seine Länge optimal einsetzen zu können. Hat er dies nicht, sehen seine Abschlüsse gezwungen aus und haben nur eine geringe Erfolgswahrscheinlichkeit.


Viel Respekt verschafft sich Ingram außerdem mit seinem Distanzwurf. Am College traf er 41 Prozent von der Dreierlinie bei 2,2 Treffern pro Spiel. Das liest sich im Moment überaus stark. Allerdings muss hier stärker differenziert werden, als es oft gemacht wird. Denn es ist keineswegs sicher, dass Ingram diesen Wert auch sofort oder überhaupt in der NBA erreichen kann.

Das hört sich im ersten Moment eventuell seltsam an, sollte jedoch auf jeden Fall im Auge behalten werden. Denn technisch ist Ingrams Wurf noch nicht gefestigt - die Bewegungen variieren zum Teil äußerst stark. Gerade mit der größeren Distanz kann Ingram Probleme bekommen. Ingram wirft zu einem Großteil aus den Armen und stößt den Ball dadurch, anstatt ihn sauber zu werfen. Dadurch sind viele Würfe sehr flach und zu kurz.

Die Streuung ist groß, da der Wurfarm die Richtung nicht so steuert, wie es sein sollte. Speziell bei Freiwürfen wurde diese Problematik ersichtlich, weshalb Ingram auch "nur" 68 Prozent seiner Freiwürfe traf. Ingram muss viel mit seinem extrem weichen Handgelenk kompensieren und korregieren, was jedoch immer schwieriger wird, je größer der Krafteinsatz aus den Armen ist.


Die Koordination von Arm- und Beinbewegung zu einem flüssigen Ablauf ist nicht bei allen Würfen gegeben und entsprechend muss Ingram bei den fehlerhaften Ausführungen mehr mit seinem Touch korrigieren, was funktionieren kann, aber auf Dauer in der Regel nicht zu den erwünschten Resultaten führt.

Solange Ingram jedoch seine Distanzwürfe einnetzt, ist er ein sehr schwieriges Matchup und Verteidiger sind gut beraten, ihm eng auf den Füßen zu stehen. Das nutzt der Forward gerne zum Drive. Egal ob im Eins-gegen-Eins, bei Closeouts oder aus dem Pick & Roll heraus: Ingram kann sich seinen Weg in die Zone bahnen und lässt sich dabei von der Verteidigung nicht aus der Ruhe bringen.

Ingram nutzt sein Ballhandling im Pick & Roll und behält auch gegen hartes Hedgen die Kontrolle. Gleichzeitig hat er eine gute Vision und versucht immer sich die Situation samt mögliche Ausstiege einzuprägen, bevor er zum Korb zieht.


In der ersten Szene läuft Ingram das Pick & Roll als Power Forward. Entsprechend sind zwei Bigs als Verteidiger in das Blocken-und-Abrollen involviert. Aufgrund der ungewohnten Situation ist den beiden Verteidigern nicht ganz klar, wie sie die Situation lösen sollen. Ingram nutzt diese Unsicherheit und attackiert seinen eigenen Gegenspieler mit einem schnellen Crossover. In der Zone stehen sich Poythress und Labissiere gegenseitig auf den Füßen, sodass Ingram einen ordentlich Abschluss bekommt. Allerdings fehlt hier wieder das starke Finish.

Die zweite Szene zeigt sein Potential aus Offball-Screens kommend als potentieller Wing in der NBA. Ingram curlt zum Korb und bindet damit den Verteidiger des Blockstellers. Ingram schaltet schnell und bedient den Blocksteller Jefferson, der in der Folge leichtes Spiel hat.

Zusätzlich zeigt Ingram mit seinem Pass aus dem Lowpost heraus, dass er sehr schnell Situationen erfassen kann und die richtigen Schlüsse aus seinen Beobachtungen zieht. Sollte er als Small Forward in der NBA auftreten, sind Postups sicher eine Option, um seine Größe auszuspielen. Kann er auf etwaige Versuche eines Doppeln mit solchen Pässen reagieren, wäre sein Spiel noch variabler.

Neben seinem Drive, seinen Skills und seinem Spielgefühl hat sich Ingram zudem angeeignet, seine Gegenspieler zu überrumpeln. Sehr oft nimmt er einen scheinbar überhasteten und schwierigen Wurf, bei dem ihm der Verteidiger im Arm hängt, um anschließend wie von der Tarantel gestochen dem Offensivrebound entgegen zu eilen. Viele Gegner sind darauf überhaupt nicht vorbereitet, weshalb Ingram in der Regel den Rebound holen kann. Der Erfolg der Putbacks hängt wieder davon ab, wie viel Platz Ingram zum Abschluss hat und gegen viel Kontakt er sich stemmen muss.


In der ersten Szene unterstreicht Ingram seine Länge. Obwohl er eigentlich keinen guten Blick zum Korb hat, kann er dank seiner Armspannweite noch einen zielgerichteten Baby Hook an den Ring setzen, dem er sofort hinterherschnellt. Auch beim Rebound verhält sich Ingram vorbildlich. Er lässt den Ball über Kopfhöhe und schließt schnell genug ab, um dem Blockversuch des herannahenden Bigs zu entgehen.

Ist die Zone allerdings dicht besiedelt, versucht Ingram gar nicht erst mit dem Ball zu landen, sondern noch in der Luft einen zweiten Abschluss im Korb unterbringen zu können. Allerdings sind solche Zweitversuche oft überhastet und haben nur geringe Erfolgsaussichten.

Selbst wenn Ingram den Ball nicht fangen kann, kriegt er meist noch die Fingerspitzen an den Ball und tippt den Ball in Richtung seiner Mitspieler. So sichert er seinem Team neue Ballbesitze und konkret eine Chance zum Putback oder Neuaufbau.

Einen Bereich, den Ingram perspektivisch ebenfalls noch verbessern muss, sind sein Ballhandling und damit einhergehende Angewohnheiten. Ingram hat für seine Größe zwar eine gute Ballkontrolle, allerdings verlangsamt ihn der Ball in vielen Situationen noch. Zudem lässt die Kontrolle schlagartig nach, sobald der Flügelspieler härteren Kontakt verspürt.

Ein weiteres Manko liegt darin, dass Ingram gerne - sehr offensichtlich - seine Unterarme nutzt, um sich ein wenig Platz zu verschaffen und sich den Gegenspieler vom Hals zu halten. Dafür werden ihm gerne Offensivfouls abgepfiffen. Auch in der NBA werden clevere Verteidiger schnell lernen, auf solche Aktionen entsprechend zu reagieren und Ingram in Schwierigkeiten zu bringen.


In der ersten Szene antizipiert er den Kontakt von Poythress und versucht mit der Schulter dem Aufprall entgegen zu wirken und sich selbst ein wenig zu bremsen. Allerdings geschieht das direkt vor den Augen des Schiedsrichters und da Poythress den Braten riecht, ist die Entscheidung auf Offensivfoul schnell gefällt. Auch in der zweiten Situation gegen Lee ist die Bewegung mit dem Unterarm sehr offensichtlich und ein gefundenes Fressen für jeden Verteidiger mit Fallsucht.

Bei den darauffolgenden Penetrations hat Ingram wenig Kontrolle über die eigenen Bewegungen und stolpert eher in die Zone. Er sucht halt bei den Verteidigern, die ihm jedoch nur den Ball abnehmen oder ihn auf den Ball fallen lassen. Solche Szenen leistet sich Ingram häufiger, da ihm einfach die Rumpfstabilität fehlt, um die Bewegungen seiner langen Arme und Beine beim ersten Schritt konstant zu steuern.

Ingram hat offensiv eine Menge Potential als Scorer und auch als Playmaker. Obwohl er körperlich noch weit vom Optimum entfernt ist und bisher nur von seinen Instinkten und guten Fakes lebt, konnte er so manche College Defense im Alleingang in ihre Einzelteile zerlegen. Die NBA wird dagegen zwar eine andere Nummer, doch die Anlagen lassen sich auf die NBA übertragen.


Allerdings darf man sich von den guten Phasen Ingrams auch nicht zu sehr blenden lassen. Denn vor ihm richtet sich ein riesiger Berg an Arbeit auf, der sehr viele verschiedene Schichten aufweist und an dem sich der Forward lange abarbeiten wird, ehe er ihn überwinden kann. Ingram muss neben der körperlichen und athletischen Entwicklung vor allem Konstanz beim Wurf und bei Drives entwickeln.

Zu guter letzt wird er sich auch taktisch umstellen müssen. In Duke lief fast jeder Angriff über den Freshman und er erhielt den Ball an seinen Sweet Spots, von wo aus er problemlos die Mismatches attackieren konnte. Doch in der NBA wird er weiter weg vom Korb starten, sich besseren Verteidigern gegenübersehen und auch keine krassen Vorteile mehr gegenüber seinen Bewachern haben. 

Neben diesen offensiven Baustellen muss sich Ingram speziell defensiv enorm steigern. Auch hier hat er exzellente Anlagen, die großes Potential beherbergen. Bis dieses jedoch freigelegt ist, wird er eine Menge Lehrgeld zahlen und an seinen Schwachstellen feilen. 

Die Grundlage des Optimismus bilden Ingrams physische Voraussetzungen und sein hohes Spielverständnis. Durch seine langen Arme kann er theoretisch Pässe und Würfe erschweren, als Helpverteidiger in Erscheinung treten und sich als Rebounder hervortun.

Gerade im Duell um Fehlwürfe erledigt Ingram meist jetzt schon einen sehr soliden Job, den man ihm angesichts seiner eher schmächtigen Statur kaum zutrauen würde. Er bringt nicht nur die nötige Länge mit, sondern weiß sie auch einzusetzen und ist sich nicht zu schaden, sich in hart umkämpfte Konfrontationen mit gelernten Innenspielern zu begeben.


Zunächst fälscht Ingram dank seiner langen Arme und schnellen Reflexe den Pass auf seinen Kontrahenten ab, womit er sich ein wenig Zeit ergaunert. Anschließend schließt er die Mitte perfekt und drängt Angreifer Briscoe geschickt zur Baseline. Bricoe muss auch beim Abschluss die Länge seines Verfolgers bedenken und entscheidet sich daher aus Respekt vor dem Block für einen schwierigen Reverse-Layup, der sein Ziel verfehlt.

Bei seinen Rebounds verschafft sich Ingram meist gute Position, wenn er zumindest direkt schon am Brett steht und den Atem des Bigs im Nacken spürt. Dank seiner langen Arme ist er zumeist zuerst am Ball. Durch gute Greifreflexe und ein schnelles Heranziehen des Balls an den Körper, sichert er sich sofort den Ballbesitz und gibt den Innenspielern gar keine Gelegenheit ihr Plus an Masse ins Spiel zu bringen.

Bei Würfen kann Ingram oft noch eine Fingerspitze an den Ball bekommen oder verändert sie auf eine andere Art. Lasche Pässe sind vor ihm sowieso nicht sicher.

Insgesamt ist Ingrams Defense am Perimeter noch sehr wankelmütig. Einerseits hat er gute Voraussetzungen Closeouts zu meistern und Würfe zu erschweren. Außerdem verfügt er über eine durchaus annehmbare laterale Geschwindigkeit, die mit steigender Explosivität in den kommenden Jahren sogar zunehmen sollte.

Andererseits ist er jedoch oft nicht in der Lage, seine Gegenspieler vor sich zu halten. Diese müssen noch nicht mal wesentlich schneller sein, sondern einfach nur Ingrams Fehler bei der Fußarbeit ausnutzen können. Ingram hat immer wieder Schwierigkeiten, seine Füße rechtzeitig zu sortieren und auf die Bewegungen des Gegners zu reagieren. Ihm gelingt es oft nicht, in eine tiefe Grundhaltung zu geraten, aus der heraus er sich mobil in alle Richtungen bewegen kann.


Jamal Murray legt dieses Problem in der ersten Situation offen. Obwohl Ingrams Intention und seine Vorbereitung richtig sind, kann Murray relativ gemütlich über die Mitte zum Korb spazieren und muss nicht mal zwei Hände am Ball haben beim Layup.

Auch beim Offball-Screen gibt Ingram keine gute Figur ab. Er ist einer sehr schlechten Ausgangsposition, da sowohl Ulis als auch sein direkter Gegenspieler näher zum Korb stehen als Ingram und er beiden teilweise aus den Augen verliert. Entsprechend verzögert ist seine Reaktion zum Closeout. Dass er am Ende von Ulis ausgeboxt wird am eigenen Brett und dadurch den Putback nicht verhindern kann, trägt nicht zu seiner Ehrenrettung bei.

Sehr eindrucksvoll ist hingegen sein Auftreten in der dritten Szene, als er den gegnerischen Aufbauspieler verteidigt und ihm zuerst die Baseline versperrt, anschließend beim Drive zur Mitte präsent ist und abschließend den Wurf erschwert.

Am Korb hat Ingram zwar mit fehlender Masse bei Postups zu kämpfen, allerdings konnte er in der NCAA diesen Nachteil durch Fronten und seine Länge kompensieren. Dennoch ist er in solchen Situationen ein Gefahrenherd, da ihm erfahrene Innenspieler Punkt um Punkt einschenken werden - ein Glück für Ingram, dass es davon nur noch wenige in der NBA gibt.


Beim ersten Postup kann Ingram noch seine Länge ausspielen und den Fadeaway erschweren, in der letzten Szene ist er gegen Meeks' Finesse und Masse chancenlos. Er verliert einen Moment seine gute Ausgangsposition, dank der er den Entrypass zunächst verhindern kann, und schon zappelt der Ball im Netz.

Zudem muss sich Ingram bei Rebounds abgewöhnen, all sein Vertrauen alleine auf seine Größe zu richten. Gerade in der NBA werden die Angreifer noch energischer und schneller ihren Fehlversuchen oder denen ihrer Mitspieler nachgehen. Vergisst Ingram dann das Boxout wie in der zweiten Sequenz, sind Highlights des Gegners kaum zu verhindern.

Auch als Teamverteidiger hat Ingram durchaus noch Potential nach oben. Er setzt bereits viele Dinge richtig um. Allerdings fehlen ihm oft noch die Disziplin und gedankliche Schnelligkeit, um konstant einfache Punkte der anderen Mannschaft zu verhindern.


In der zweiten Szene will Ingram den ersten Pass schließen und unbedingt den Steal erzwingen. Allerdings ist der Druck am Ball nicht hoch genug und Ingrams Gegenspieler liest die Situation richtig, wodurch er vollkommen frei mitten im Herz der Zone den Ball erhält und spektakulär finishen kann. Ingram hätte in dieser Situation den Korb schützen und bei seinem Gegenspieler bleiben müssen.

Auch beim indirekten Block für Brogdon sieht Ingram nicht gut aus. Für ihn besteht kein Grund soweit in die Zone abzusinken und Brogdon erst so spät bumpen zu wollen. Brogdons Gegenspieler bleibt im Screen hängen und Ingram reagiert nicht rechtzeitig. Ingram deutet aber zumindest in den letzten Szenen sein Potential an und rotiert richtig und schnell. 

Solange Ingram also seine Länge und seine Intelligenz ausspielen kann, wird er defensiv keine Probleme haben. Allerdings wird es genug Situationen geben, in denen sein Matchup schneller, athletisch und gleichzeitig genauso groß und lang ist. Für solche Szenarien muss das Toptalent besser gewappnet sein.

Ingram ist ein riesiges Talent, das eine seltene Kombination aus Länge, Beweglichkeit, Skills und Spielverständnis in sich vereint. Allerdings muss er dringend an Masse zulegen und auch seine Explosivität steigern. Beide Aspekte schränken sein Spiel auf mehreren Dimensionen ein. Solange er hier keine Fortschritte erzielt, wird er sich als Spieler nur bedingt weiterentwickeln können. Da Ingram einer der jüngsten Spieler des Drafts ist und entsprechend noch etwas mehr Raum zu Entwicklungen bietet, sollten die jetzigen Defizite keinen Grund zur Panik darstellen.

Allerdings ist gerade die fehlende Explosivität ein Eigenschaft, die sich in sehr unterschiedlichem Maße aneignen lässt. Jedem Spieler sind hier individuelle Grenzen gesetzt und wo diese bei Ingram liegen, ist von außen betrachtet unmöglich vorherzusagen.

Neben den physischen Aufgabenbereichen wird Ingram an seiner Technik feilen und die teils rudimentären Anlagen stark verfeinern müssen. Ballhandling, Passing und Shooting sind allesamt noch weit von Perfektion entfernt und werden Ingram noch eine Weile im Trainingsalltag beschäftigen.