18 Juni 2016

18. Juni, 2016


Die alte Rookie-Garde eben erst ausgezeichnet, steht eine brandneue bereits in den Startlöchern. Am 23. Juni geht für weitere 60 Youngster ein Lebenstraum in Erfüllung, wenn sie Commissioner Adam Silver in der NBA willkommen heißt. Wir behalten eine unserer liebsten Traditionen hier bei NBACHEF bei und checken im Vorfeld alle Talente dieses Jahrgangs... in unseren patentierten Draft Spotlights.

von AXEL BABST @CoachBabst

Jeder Jahrgang hatte im vergangenen Jahrzehnt mindestens einen Spieler, der der nächste LeBron James werden sollte. Kein Spieler konnte bisher diesem unfairen Schubladendenken gerecht werden. Doch der Australier Ben Simmons kommt dem jungen LeBron erstaunlich nah, auch wenn er selber in vielerlei Hinsicht eine ganz andere Spielweise an den Tag legt und erst noch beweisen muss, dass er überhaupt in der NBA Fuß fassen kann.

Der Australier wagte 2013 den Sprung über den Pazifik bis nach Florida, wo er für zwei Jahre die Sneaker an der Montverde Academy schnürte. An der Elite Highschool, wo viele NBA Kandidaten ihre Highschool Zeit verbringen, errang Simmons nach und nach Aufmerksamkeit und kletterte in der Gunst der Recruiting Services. Allerdings war für Simmons schnell klar, dass er das Angebot der LSU Tigers annehmen und damit dem Ruf seines Patenonkels, der dort Assistenztrainer ist, folgen würde.

Simmons' einzige Saison startete in großem Hype und endete in einem Desaster. Auch wenn Simmons teils fabulöse Statlines auflegte und der dominanteste Freshman seit Anthony Davis war, wuchsen die Zweifel an seinen Fähigkeiten mit jeder Woche. Da auch das Team und Umfeld nicht stabil genug waren, um diese Rückschläge kompensieren zu können, standen die Tigers bereits Ende Dezember nach einigen unnötigen Niederlagen mit dem Rücken zur Wand und mussten um die Teilnahme am NCAA Tournament bangen.


Kurzzeitig keimte durch eine Siegesserie Anfang Januar zum Start der Conference Saison noch einmal Hoffnung auf, als unter anderem auch Mitkonkurrent Vanderbilt und Powerhouse Kentucky geschlagen werden konnten, allerdings fielen die Tigers anschließend wieder in ein Leistungsloch und hatten in den letzten Saisonwochen keine realistische Chance mehr auf das NCAA Tournament. Auch im Conference Tournament, wo es um den letzten Strohhalm ging, präsentierten sich Simmons und seine Mitstreiter erschreckend uninspiriert und lethargisch.

Welche Schuld Simmons an der miserablen Saison trägt, lässt sich von außen betrachtet nur sehr schwer feststellen. Fakt ist, dass er definitiv nicht seinen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt wurde und auch seine Mitspieler ihm eher im Weg standen, als dass sie von seinen Pässen und seinen Talenten profitieren konnten. Unter den vielen schlechten Entscheidungen seiner Mitspieler litten Simmons' Einflussmöglichkeiten auf die Erfolgswahrscheinlichkeit des eigenen Teams.


Nichtdestotrotz ist Simmons weiterhin ein heißer Kandidat für den ersten Pick. Denn trotz der insgesamt enttäuschenden Saison ist es nur schwer möglich, Simmons sein Potential als künftiger NBA Star abzusprechen. Er bringt eine Vielseitigkeit auf verschiedenen Ebenen mit, die gerade in der modernen NBA gefragt sind und ihn zu einem besonderen Spieler machen können.

Als erstes sticht Simmons physische Erscheinung ins Auge. Wenige NBA Talente waren im vergangenen Jahrzehnt körperlich so weit entwickelt und für die NBA ausgestattet, wie es Simmons ist. Der Teenager verfügt über eine gute Größe (2,08m), viel Sprungkraft und eine enorme Schnelligkeit. Er ist schnell genug, um mit Guards in den Sprint zu gehen, hat aber gleichzeitig auch die Kraft, um Bigs in Schach zu halten.

Zudem verfügt Simmons über ein exzellentes Körpergefühl. Sein Absprung ist extrem schnell, sodass er nicht viel Reaktionszeit braucht, um höher als seine Kontrahenten zu steigen. In der Luft scheint Simmons dann oft einen Moment verharren zu können. Jedenfalls lässt er akrobatische und koordinativ überaus anspruchsvolle Aktionen kinderleich aussehen.

Simmons setzt seine Athletik am liebsten als Rebounder oder in der Transition ein. Meist kombiniert er beides. Simmons schnappt sich seine Defensivrebounds mit viel Autorität und kann dank seiner Schnelligkeit und seines guten Ballhandlings selber den gesamten Court in wenigen Sekunden überbrücken. Mehrmals pro Spiel sorgt er für Highlights, die jetzt schon von NBA Kaliber sind. Auch als Offensivrebounder tut sich Simmons gerne hervor und sorgt mit Tip-Dunks oder Putbacks für leichte und teils spektakuläre Zähler.


Herausheben möchte ich aus diesem Zusammenschnitt vor allem die letzten beiden Szenen, die vermutlich in dieser Weise für keinen anderen Prospect zu bewerkstelligen gewesen wären. In der Offensivreboundsituation gegen Florida streiten sich sieben Spieler um den Ball, darunter vier Verteidiger. Dennoch ist Simmons am Ende der Sieger und finisht zum Dreipunktespiel. Seine Kombination aus Kraft, schnellen zweiten & dritten Sprüngen und Timing kann kein anderer Spieler aufweisen. Zuletzt behält er die Ruhe und lässt zwei Verteidiger mit einem Fake aussteigen.

In der letzten Situation wird neben Simmons Körperkontrolle deutlich, was für ein Spielgefühl der Linkshänder besitzt. Beim Catch ist Simmons von zwei Gegnern bedrängt und mit dem Rücken zum Korb in der Lage, sich in einer schnellen, flüssigen Bewegungen zum Korb zu drehen und zu finishen. Ohne vorher den Korb anzugucken, weiß Simmons intuitiv, wo er steht und wo der Korb sich befindet und ist handlungsschnell genug zum Finish.

Am besten setzt Simmons seine Athletik bisher im offenen Feld ein. Hat er erst Fahrt aufgenommen, ist es schwer bis unmöglich, den Forward am Coast-to-Coast-Drive zu hindern. Simmons kann beide Hände beim Dribbling gleichermaßen nutzen und hat nach wenigen Metern bereits den Turbo gezündet. Schafft es eine Teamdefense doch, rechtzeitig zurückzukehren, müssen sie sich so sehr auf Simmons konzentrieren, dass oft ein Mitspieler frei ist, den Simmons dann auch prompt bedient.


Ein Beispiel für diese entstehende Verwirrung und das Übermaß an Aufmerksamkeit ist direkt die erste Szene des Videos. Simmons wird von Guard Jamal Murray aufgenommen. Dadurch müsste ein Kentucky Big Murrays Gegenspieler Quarterman aufnehmen. Das passiert jedoch nicht, sodass Simmons einen relativ einfachen Pass auf den freien Schützen spielen und sich einen Assist notieren kann.

Was jedoch passiert, wenn die Defense seinen Drive nicht respektiert, offenbart der letzte Clip. Florida schafft es nicht, Simmons frühzeitig zu stoppen. Als Resultat braucht Simmons sieben Sekunden, um im Spaziertempo nach dem Defensivrebound den Runner auf der anderen Seite über das Brett in den Korb zu legen.

Solange Simmons in solch kontrollierten Bewegungen verfährt, ist auch alles im grünem Bereich. Allerdings tendiert der 19-Jährige dazu, zu schnell zu viel zu wollen. Oft gewinnt man als Beobachter den Eindruck, dass Simmons gedanklich schon einen Schritt weiter ist als sein Körper. Das führt zu wilden, unkontrollierten und teils auch schlechten Abschlüssen.

Allerdings ist Simmons nicht nur außer Balance, sondern agiert oft zu zögerlich. Anstatt schnörkellos den Korb zu attackieren, baut er immer mal wieder noch eine Kurve ein und versucht beim Abschluss zu locker zu wirken. Eine weitere kuriose Angewohnheit, die sich bei Simmons wie ein roter Faden durch sein Spiel zieht, ist die Tatsache, dass er einen Großteil seiner Drives und Postups mit der rechten Hand finisht.

Prinzipiell ist es schön und sogar wünschenswert, dass sich Spieler nicht scheuen, ihre vermeintlich schwächere Hand einzusetzen. Dennoch macht sich Simmons dadurch selber das Leben schwer, weil er den Körper verdrehen muss oder den Winkel unnötig erschwert. Sehr ersichtlich werden die Zaghaftigkeit und die Tendenz zur rechten Hand bei Simmons' Floatern.


Zwar trifft er viele dieser wild aussehenden Abschlüsse, jedoch sollte ein Spieler seiner Möglichkeiten, einen deutlich sichereren Eindruck bei seinen Finishes hinterlassen. Oft wirkt Simmons gehemmt und scheint von der Angst eines Offensivfouls oder eines Shotblockers übermannt zu werden. Zu beidem besteht jedoch oft nicht der Anlass, das Simmons zu schnell und hoch für beide Sorten der Verteidigung ist.

Zudem steigt durch die selbst verursachte Komplexität der Aktionen die Gefahr, Ballverluste zu begehen. Simmons muss solche Fehler dringend vermeiden, denn gerade seine Anfälligkeit für Sorglosigkeit im Umgang mit dem Ball ist noch ein großes Problem. Knapp 3,4 Ballverluste leistet sich Simmons pro Spiel, was nach Kris Dunn der höchste Wert unter den potentiellen Erstrundentalenten ist. Fast jeden fünften Ball verliert Simmons.

Auch hier kommen fehlende Kontrolle über sich und den Ball zusammen. Simmons läuft fast immer Gefahr, einen Schrittfehler abgepfiffen zu bekommen. Speziell wenn er Closeouts attackiert oder als Trailer den Ball erhält, baut Simmons automatisch einen Jab-Step ein, den er sich oft sparen kann. Doch selbst wenn dieser nicht als Schrittfehler erkannt wird, bringt Simmons dieser zusätzliche Schritt aus dem Gleichgewicht und zieht meist Folgefehler nach sich.


Simmons mag das In-and-Out-Dribbling, allerdings dribbelt er noch so hoch und weit vom Körper entfernt, dass er es oft nicht schafft, den Verteidiger zu schlagen, selbst wenn er ihn richtig liest. Zwei weitere Störfaktoren sind seine Tendenz zum Offensivfoul und sein Hang, Pässe aus dem Sprung zu spielen.

Anders als noch weiter oben erwähnt muss Simmons immer dann auf Offensivfouls achtgeben, wenn er sich mit der Schulter in seinen direkten Gegenspieler lehnt. Er fährt meist den Unterarm aus oder senkt die Schulter, um sich Platz zu schaffen. Das ist ein einfacher Pfiff für die Schiedsrichter und sorgt für vermeidbare Ballverluste. 

Zudem ist Simmons groß genug, um auch ohne zusätzlichen Sprung über seine Gegenspieler passen zu können. Solche Pässe in letzter Sekunde sind für seine Mitspieler kaum zu verarbeiten, zumal er sie mit viel Wucht in eine ungefähre Richtung schmettert.

Im Halbfeld sind viele Turnover auch dem fehlenden Sprungwurf geschuldet. Dadurch können seine Gegenspieler absinken, was wiederum Simmons oft dazu veranlasst, gerade bei Closeouts diesen Nachteil durch einen noch schnelleren ersten Schritt kompensieren zu wollen.

Genau der Wurf ist das Stichwort, warum Simmons im allgemeinen Tenor nicht als unantastbarer erster Pick gesehen wird. In der Tat ergeben sich durch den fehlenden Wurf Schwierigkeiten. Auf Anhieb stellen sich daher zwei Fragen: Lässt sich der Wurf entwickeln? Und falls nicht: Wie kann Simmons dieses Loch in seinem Repertoire ausfüllen?


Nun die erste Frage lässt sich nicht so schnell und wahrscheinlich auch nicht endgültig beantworten, solange Simmons der Welt das Ergebnis nicht präsentiert. Denn gerade aus seiner bisherigen Karriere fehlt einfach die Grundlage, um bewerten zu können, wo die genauen Fehler liegen und welche Fortschritte er bereits hingelegt hat.

Sowohl als Highschool Spieler als auch am College nahm Simmons kaum Würfe aus dem Spiel heraus, verweigerte sogar selbst sehr freie Gelegenheiten und warf in den meisten Fällen nur dann, wenn es sich nicht anders gestalten ließ. Da seine körperliche Dominanz in der Highschool extrem war, konnte er sich dort immer einen Abschluss in der Zone oder den Extrapass auf den Mitspieler erspielen.

In der vergangenen Saison war das schon nicht mehr so einfach. Dennoch nahm Simmons nur drei Distanzwürfe und zusätzlich 170 (via Hoop-Math) lange Zweier, wobei dieser Wert aufgrund der hohen Anzahl an Floatern, Runnern und anderen andersartigen Abschlüssen wahrscheinlich deutlich zu hoch gegriffen ist.

Einfacher ist es, bei den Freiwürfen zu beginnen. Bei diesen fällt auf, dass Simmons den Ball nicht gerade vor der Stirn, sondern eher von der rechten Schläfe abwirft. 
Das Problem hieran ist, dass dadurch Ellbogen und Handgelenk nicht gerade zum Korb ausgerichtet sind, sondern eher nach links zeigen. Entsprechend wird auch die Wurfbewegung in diese Richtung gehen. Simmons korrigiert diese Ausgangshaltung durch ein sehr sauberes Abklappen des Handgelenks. Dies erfordert höchste Konzentration und Präzision.

Zwei Dinge, die Simmons im normalen Spieltempo normalerweise nicht hat. Fehlt ihm dann noch das Vertrauen lassen sich die fehlenden Sprungwürfe bereits ansatzweise erklären. Allerdings ist es zu einfach, die Wurfprobleme nur auf diese beiden Details zu reduzieren.


Bei den Sprungwürfen stechen zwei Dinge ins Auge. Erstens steht Simmons sehr lange in der Luft und verliert dadurch den Schwung aus dem Anreißen. Zweitens fehlt Simmons erneut die Stabilität in der Luft. Die linke Hüfte schnellt bei der Wurfbewegung nach vorne, sodass sich der ganze Körper beim Wurf ein wenig verdreht und eigentlich nicht die Balance für einen guten Wurf hat. Die Armbewegung sieht hingegen wieder gut aus.

Wie Simmons die nötige Stabiltität im Wurf erlangt, lässt sich bei so einer geringen Materialgrundlage kaum vorhersagen. Allerdings wäre ein Wechsel der Wurfhand eventuell eine Option. Denn die Tatsache, dass Simmons bei normalen Abschlüssen eher seine rechte Hand nutzt, seine Bewegungen auch eher darauf ausgelegt sind und Simmons den Ball beim Freiwurf von seiner rechten Körperhälfte abwirft, legt nahe, dass Simmons mit rechts werfen sollte.

Diese Vermutung steht seit einigen Monaten im Raum und je nach Erkenntnisgewinn über die nächsten Jahren sollten die künftigen Shooting Doktoren den Wechsel der Wurfhand durchaus mal im Training ausprobieren und überprüfen.

Doch auch ohne Wurf konnte Simmons immer wieder erfolgreich im Halbfeld in Erscheinung treten. Seine Courtvision und seine Kreativität als Ballhandler im Pick & Roll sind dabei wichtige Faktoren. Gerade die Pässe werden in der NBA noch wertvoller und häufiger von Erfolg gekrönt sein.


Als Playmaker im Pick & Roll ist Simmons ein großes Talent, kann aber jetzt schon mit einer einzigen Aktion, die Defense filetieren. Zwar sinken seine Gegenspieler gerne ab und geben ihm damit den Wurf, allerdings gibt das Simmons die Gelegenheit, kurz das Feld zu scannen und seine schnurgeraden Pässe zu spielen. Interessant ist außerdem das Pick & Roll mit ihm als Vierer und dem Fünfer als Blocksteller. Die wenigsten Bigs können seinen Speed - selbst mit Sicherheitsabstand -  matchen, weshalb Simmons Switches sehr hart attackieren kann.

Simmons' Courtvision ist überragend und muss nochmal hervorgehoben werden. Er traut sich jetzt schon Pässe, die viele NBA Point Guard überhaupt nicht erkennen und erst recht nicht spielen würden. Seine Kickouts auf Shooter sind exzellent in Sachen Härte und Präzision. Auch Pässe über das ganze Feld sind ganz sein Metier und überrumpeln oft die gesamte Teamdefense.

Sobald Simmons lernt, ein besseres Risiko-Gewinn-Verhältnis bei seinen Aktionen im Pick & Roll zu generieren und sein Ballhandling so weit verfeinert, dass der Ball und seine Füße ihn nicht mehr verlangsamen, wird er selbst auf NBA Ebene nur schwer im Blocken-und-Abrollen zu verteidigen sein.

Ein weiteres Betätigungsfeld für Simmons sind Situationen im Lowpost. Simmons hat genug Kraft, Athletik und Touch, um sich im Eins-gegen-Eins durchzusetzen. Kommt eine Hilfe oder sinken die Verteidiger abseits des Balls ab, bedient der Australier seine Mitspieler mit exzellenten Kickouts. In der letzten Saison entstand fast immer ein guter Wurf oder eine vielversprechende Aktion, wenn Simmons im Angriff den Ball am Zonenrand erhielt.


Bei seinen Postups fällt erneut auf, dass Simmons vornehmlich die rechte Hand zum Abschluss nutzt. Dadurch erschwert er sich zum Teil viele Würfe und baut unnötige Umwege ein. Zudem ist er teilweise sehr zögerlich bei seinen Abschlüssen. Er verliert sich gerne in Fakes oder nimmt sich nicht die Zeit, seine Schultern zum Korb auszurichten, weswegen die Baby-Hooks oft sehr weit ihr Ziel verfehlen.

Simmons könnte ergänzend auch noch seine Fußarbeit verfeinern. Er lässt jetzt schon aufblitzen, dass er ein guter Posttänzer werden kann, wie zum Beispiel die zweite Sequenz mit dem Up-and-Under-Layup verdeutlicht, allerdings fehlt noch die Konstanz.

Alles in allem ist Simmons also offensiv ein Spieler mit exzellenten Anlagen, die auch noch flächendeckend verteilt sind. Simmons ist weit von Perfektion entfernt und insgesamt keine überragende Saison, war jedoch dennoch nicht zu stoppen am College. Dass sich das in der NBA aufgrund des höheren physischen und athletischen Levels vorerst ändern wird und er sich langfristig auch technisch und spielerisch entwickeln muss, sollte klar sein. Dennoch ist Simmons' Spielweise vom ersten Tag an kompatibel mit dem schnellen Stil der NBA.

Der Wurf liegt naturgemäß im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung und wird mit Sicherheit auch (mit-)entscheidend darüber sein, wie gut Simmons werden kann. Allerdings besitzt Simmons durchaus Qualitäten, die es ihm ermöglichen könnten, auch ohne verlässlichen Dreier bei den Profis eine lange und erfolgreiche Karriere zu verleben.

In der Defense, die oft unter den Tisch fällt, enthält Simmons' Spiel noch viele Schwächen, die er in Zukunft bereinigen muss. In erster Linie ist ihm seine Foulanfälligkeit anzukreiden. Simmons hat die schlechte Angewohnheit, sehr oft nach dem Ball zu schlagen und Situationen durch Steals und Ballgewinne lösen zu wollen. Dadurch sammelt er viele unnötige Fouls und verbrachte vergangene Saison so manche Halbzeit auf der Bank.

Zwar trifft Simmons auch überraschend oft den Ball, allerdings ist seine Strategie sehr riskant, da ihre Erfolgsaussicht einzig und allein von der Dioptrien der Schiedsrichter abhängt. Kein Spieler sollte sich unnötig in eine solche Lage verfrachten.


Wie zweischneidig die Strategie der Reach-Ins verdeutlichen die zusammengestellten Szenen. Zunächst sicher Simmons im Schnellangriff seinem Team zwei Punkte durch seine schnellen Hände, handelt sich aber gegen Ole Miss durch zwei Steal-/Blockversuche schnelle Fouls ein und sitzt für die letzten acht Minuten der ersten Halbzeit auf der Bank.

Noch stärker wird der Kontrast in der letzten Szene. Zunächst schlägt Simmons Finney-Smith den Ball aus der Hand und verschafft sich damit einen kleinen Vorteil. Anschließend forciert er dank guter Fußarbeit einen schwierigen Abschluss, lässt sich im letzten Moment aber wieder zu einem kurzen Herabschnellen seines linken Arms hinreißen.

Auch als Teamverteidiger kann Simmons sich noch steigern. Im Halbfeld verpasst er viele Rotationen, achtet zu sehr auf den Ball, vergisst seinen Gegenspieler auszuboxen und verliert gerne mal seinen Gegenspieler aus den Augen.


In der ersten Szene müsste Simmons eigentlich die Hilfe geben, allerdings joggt er nur zurück und hat Ball und Gegenspieler nicht gleichzeitig im Block. Dadurch verpasst er erst seinen Einsatz als Helpverteidiger und merkt anschließend nicht, dass sich sein Matchup zum Offensivrebound schleicht. Die zwei Punkte gehen damit auf die Kappe des Freshman.

In den folgendenen zwei Szenen gibt Simmons ebenfalls keine gute Figur ab. Er guckt nur auf den Ball und sieht beim ersten Mal den Backdoorcut und das Lobplay nicht kommen. In der zweiten Situation ist er darauf vorbereitet, was passiert, schiebt die Verantwortung aber auf seine Mitspieler ab. Der Big in der Mitte muss dadurch zwei Angreifer verteidigen und hat keine Chance.

In der letzten Szene fühlt sich Simmons ebenfalls nicht verantwortlich und hält sich vornehm zurück, obwohl er dieses Mal eine ordentliche Ausgangsposition zur Helpdefense einnimmt.

Ähnliche Aussetzer erlaubt sich Simmons gerne in der Transition Defense. Wie bei den Profis zeigt Simmons nur wenig Interesse an harten Sprints zurück in die Defense. Viel lieber schlägt er nach gescheiterten Offensivreboundversuchen nach dem Ball und guckt sich das weitere Geschehen aus der Beobachter-Perspektive hinter dem Ball an.


Besonders in der ersten Situation ist es inakzeptabel, dass Simmons es nicht schafft, die Mittellinie zu überqueren und somit die Zone zu verbarrikadieren. Solche persönlichen Auszeiten darf sich Simmons in der NBA nicht erlauben, wenn er nicht mit James Harden um die Krone der Defense-Bloopers konkurrieren möchte.

Immerhin besitzt Simmons großes Potential in der Defense und zeigt das auch schon, wenn er engagiert bei der Sache ist. Er antizipiert Passwege exzellent, ist schnell auf den Beinen und kann auch den Ring beschützen.


In der ersten Situation verteidigt Simmons zunächst das Pick & Roll sehr geschickt. Er hält einen guten Abstand zum Ballhandler und ist trotzdem schnell genug auf den Beinen, um den Pocket Pass und somit seinen direkten Gegenspieler zu verteidigen, wodurch er einen schwierigen Abschluss forciert.

Auch das zweite Pick & Roll verteidigt Simmons gut und zeigt, dass er auch hedgen kann. Anschließend kehrt er schnell zurück und verteidigt das Postup so gut, dass seine Mitspieler genug Zeit zur Hilfe haben.

Simmons hat also durchaus gute Anlagen, muss in der Defense aber dringend seine Intensität und Konzentration erhöhen. Lernt er nicht, dass zum Basketball eine gute Leistung an beiden Enden des Feldes gehört, wird er in der NBA nie ein erfolgreicher Anführer sein können.

Abschließend noch eine Sequenz, die illustriert, wie es in Zukunft aussehen könnte, wenn Simmons sich frei entfalten kann und an beiden Seiten des Feldes engagiert auftritt:


Simmons ist in der Defense bereit zu Hilfe, kann jedoch den Durchstecker rechtzeitig verteidigen und seinen Gegenspieler zu einem schwierigen Wurf zwingen. Anschließend schnappt er sich in typischer Manier den Ball, spielt einen seiner starken Pässe und ist am Ende der Verwerter eines Alley-Oop-Passes.

Simmons bringt von allen Prospects das vielversprechendste Paket aus Athletik/Physis, Skills und Spielverständnis mit. Dazu ist er es gewöhnt im Rampenlicht zu stehen und wirkt in seiner Art bereits wie ein Profi. Entscheidende Kriterien, die darüber entscheiden werden, ob Simmons tatsächlich mal Allstar oder sogar Franchise Player werden kann, sind seine Einstellung zur Defense und sein Wurf.

Auch wenn er durchaus ohne Wurf eine Rolle in der NBA spielen könnte, würde ihm ein ordentlicher Wurf ganz andere Möglichkeiten eröffnen und ihn zu einem äußerst schwierigen Matchup werden lassen.

Ein weiterer interessanter Aspekt wird sein, auf welcher Position Simmons zukünftig spielen wird. Er verkörpert den Begriff des Power Forwards, allerdings ist er dafür zu balldominant. Ob er als Point Forward eingesetzt werden kann, wird sich herausstellen müssen. Eine weitere Überlegung wäre vielleicht sogar, ihn als Small Ball Center aufzustellen.

Die Variationen scheinen nur von Simmons eigenen Leistungen und der Kreativität künftiger Coaches beschränkt zu werden. Simmons ist die personifizierte Positionslosigkeit und hat keinen schlechten Zeitpunkt erwischt, um als solcher Allrounder die NBA Bühne zu betreten.

Geeignete Vergleiche zu finden ist aufgrund der Variabilität, die Simmons bereits jetzt schon an den Tag legt und die unterschiedlichen Pfade, die er womöglich noch einschlagen könnte, überaus schwierig.