19 Juni 2016

19. Juni, 2016


'5-Second-Violation' ist unser neuer, monatlicher-oder-so Newsletter, der euch in unregelmäßigen Abständen erschreckende Entwicklungen, unpopuläre Meinungen und einen Eimer voll Hass liefert - ohne Rücksicht auf Verluste, political correctness oder Live-Ball Turnovers.

von ROMAN SCHMIDT @sch_rom

Die Finals stehen vor ihrem Höhepunkt, die Royal Rumbles des Westens und Ostens sind längst beendet. Jeder, der nicht würdig war, ging über’s Seil und fand sich auf dem harten Boden des Gone-Fishin‘ wieder.

Während ihr in diesen Tagen von Finals-Content überhäuft werdet und die gesamte NBA nur noch aus zwei Teams zu bestehen scheint, werde ich mich an diese armen Geschöpfe auf dem Boden wenden und rekapitulieren, wie sie sich im diesjährigen Playoff-Fight präsentiert haben. 

Speziell möchte ich Augenmerk darauf legen, wie die Teams ausgeschieden sind. Das hat einerseits damit zu tun, dass es zwei Arten des Verlierens gibt, nämlich das klägliche, jämmerliche, nicht zu entschuldigende Verlieren, das in der Zukunft keine Rehabilitation zulässt, sowie auf der anderen Seite das aufrechte, ehrenhafte Verlieren, bei dem man dem Gegenüber alles abverlangt hat und erhobenen Hauptes nach Hause gehen kann.

Andererseits hat es damit zu tun, dass ich kürzlich erneut alle Rocky-Teile gesehen habe, mir einige Parallelen aufgefallen sind und fuck it, Rocky ist der Hammer, wieso brauche ich hierzu überhaupt eine Erklärung.

Rocky or Drago
Ich werde jedes der ausgeschiedenen Teams bewerten und sie werden sich entweder als Rocky oder Drago entpuppen.

Ivan Drago ist der Bösewicht und Rockys Gegner in Rocky IV. Er hat Yao-Ming-Länge (gefühlt) und Prime-Mike-Tyson-Stärke (mindestens). In Zeiten, in denen anabole Steroide noch nicht so Mainstream waren wie heute, war er für Boxerverhältnisse so maximal am Maximum, wie es eben nur geht. 

Dann tötet er Rockys Kumpel Apollo im Ring, was in den 80ern wohl irgendwie ein no go war, und fordert dann Rocky heraus. Also boxt Rocky gegen ihn und Drago vermöbelt Rocky soweit es die Jugendfreigabe gerade noch erlaubt, bis Rocky ihm links und rechts eine verpasst und das Publikum sich auf einmal auf Rockys Seite schlägt, weil Drago anscheinend doch kein russischer, unbesiegbarer Atomwaffencyborg ist. 

Achja, das alles spielt in Russland und ist irgendwie eine Metapher für den Kalten Krieg oder so und Drago findet es nicht cool, dass die Kommunisten nicht mehr hinter ihm stehen. Es ist super. Jedenfalls dreht er durch, killt fast irgendeinen aus seiner Ecke und Rocky boxt ihn in der letzten Runde nieder. 

Ivan Drago ist ein Musterbeispiel dafür, wie man nicht verliert. Sobald es hart auf hart kommt, lässt man nicht die beleidigte Diva heraus hängen und drosselt Teammitglieder. Das ist uncool. Und nachdem man sich als das große Ding darstellt, auch noch zu Boden gehen… das ist ganz übel. Ivan Drago ist also, ich fasse zusammen, das Sinnbild dafür, wie man nicht verlieren sollte.

Rocky Balboa hingegen ist das genaue Gegenteil. Im ersten Film tritt er als Ersatzkämpfer auf, um gegen eben erwähnten Apollo Creed, welcher der unangefochtene Champ ist, zu boxen. Niemand glaubt, er habe eine Chance, und doch schlägt er sich wie ein wahrer Krieger und verliert am Ende nur knapp 1 zu 2 nach Punkten. 

Die Menge liebt Rocky, denn er verliert zwar, hat aber Herz gezeigt und legte damit eine stabile Basis für die Zukunft seiner Karriere. Er konnte erhobenen Hauptes aus dem Ring gehen. Klar, Apollo hat gewonnen, aber wen interessiert Apollo, er ist tot. 

Um es also noch einmal zusammenzufassen: Rocky ist gut, Drago ist schlecht. Let’s go.

Detroit Pistons
Ich werde mir hier Feinde machen. Klar, die Pistons kassierten einen Sweep von den Cavaliers. Aber welches Team im Osten ist den Cavs denn bitte nicht hoffnungsvoll unterlegen? Jedes der Spiele war bis ins vierte Viertel knapp. Das sind vier Nicht-Blowouts. So viele Nicht-Blowouts hatten die Raptors und Hawks gegen die Cavaliers zusammen. Außerdem starten dort Spieler wie Reggie Jackson und der andere Morris-Zwilling. Sagt was ihr wollt, die Pistons sind Rocky.

Boston Celtics
Schaut euch den Kader der Boston Celtics an und nennt mir zwei Spieler, die bei eurem Lieblingsclub unangefochtene Starter wären. Eben. Dass sie den Hawks mit diesem Personell zwei Siege abringen konnten, ist ein kleines Wunder. Und sie sind mir nach dieser Serie definitiv noch sympathischer geworden. Die Celtics sind definitiv Rocky.

Charlotte Hornets
Hier wird es bereits äußerst schwierig. Die Hornets unterlagen 3 zu 4 gegen Miami, waren gebeutelt von Verletzungspech und haben der Hitze aus Florida dennoch in einigen Spielen einen Fight geliefert. Darüber hinaus weiß ich nicht, wie sich die Hornets im kommenden Jahr deutlich verbessern sollen. Dieses Team scheint seine Grenze erreicht zu haben. Und ich kann keinem Team Kampfgeist attestieren, das die letzten zwei Spiele der Serie mit insgesamt 40 Punkten verliert. Die Hornets sind Drago. Sorry, MJ.

Indiana Pacers
Dieses Team ist so merkwürdig zusammen gestellt, es tut in den Augen weh. Dann auch noch Frank Vogel zu feuern, nachdem man ihm Fremdkörper Monta Ellis in die Rotation geschoben hat, ist ganz großes Kino, Larry. Darüber hinaus haben die Raptors wirklich alles getan, um schlagbar zu sein. Die Pacers waren nie der Favorit und haben es trotzdem geschafft, Drago zu sein. Aber um eins festzuhalten: Paul George ist Rocky.

Houston Rockets
LOL, don’t even get me started. Bleib liegen, Drago!

Los Angeles Clippers
Ihr legt euch am besten gleich zu den Houston Dragos. Was, Verletzungen? Keine Gnade für die Clippers.

Dallas Mavericks
Die Parallelen zu Rocky sind durchaus da. Niemand hätte ihnen zugetraut, dass sie eine Chance gegen die Thunder haben und die allgemeine Meinung war, dass sie lediglich Kanonenfutter seien. Naja, hier hört es allerdings schon auf, denn beides hat sich auf schmerzhafte Weise in der Serie bestätigt. Von kläglichem Versagen will ich allerdings auch nicht sprechen. Ich denke, die Mavs sind Apollo. Die Mavs sind auch tot. Das klingt fair.

Memphis Grizzlies
Noch ein Fall von klarem Apollo. Von Anfang an keine Chance gegen die Spurs und die Leistungskurve Marc Gasols lässt darauf schließen, dass es auch in Zukunft nicht rosig aussieht. Grit and Grind ist ebenfalls tot. R.I.P., Memphis.

Atlanta Hawks
Ich bin mächtig enttäuscht von den Hawks. Nachdem sie bereits letztes Jahr in katastrophaler Manier kollabiert sind, hat sich dies in 2016 ähnlich wiederholt. Auch hier sieht man ein Team, das die Leistungsgrenze erreicht zu haben scheint und einen Neustart benötigt. Weder Millsap noch Horford werden jünger und Jeff Teagues Entwicklung hat einen Schritt rückwärts vollführt, während Dennis Schröder ihm Spielzeit klaut. Ich sehe schwarz für die Hawks. Sie sind mit dem Gesicht voran umgefallen. Genau wie Drago.

Miami Heat
Ohne Chris Bosh in die zweite Runde vorzudringen, ist nicht übel. Ohne Chris Bosh ein Spiel von den Conference Finals entfernt zu sein, ist sogar verdammt nicht übel. Dabei haben sie in 4¾ Spielen der Heat-Raptors-Serie ohne Center spielen müssen. Miami hat nach dem Allstar-Break zu sich gefunden und auch während der Playoffs einen positiven Eindruck hinterlassen. Außerdem hat Dwyane Wade selbst im fortgeschrittenen Alter mal wieder bewiesen, dass er für die Playoffs gebaut ist. Winslow sieht stark aus, Dragic scheint den Umzug in den Osten endgültig überstanden zu haben und trotz ihrer Verletzungen haben sie einen ordentlichen Kampf geliefert. Miami ist definitiv Rocky.

Portland Trail Blazers
Ihr braucht mir nichts erzählen, die Blazers waren der Underdog der Underdogs und haben es nicht nur in die zweite Runde geschafft, sondern den Champion auch noch ordentlich ins Schwitzen gebracht. Ich würde Damian Lillard in den Krieg folgen. AND HE’S WATCHIN US ALL TROUGH THE EYEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEE
OF THE TIGER... Rocky natürlich.

San Antonio Spurs
Die Spurs haben mich bitter enttäuscht. Es scheint, als seien Westbrook, Durant und Ibaka Popovichs Kryptonit. Die Texaner sind einmal mehr glanzlos gegen OKC ausgeschieden. Dabei waren sie quasi einstimmig gesetzt in einem potenziellen Death-Match mit den Warriors in den Western Conference Finals. Tja, Pustekuchen. Das ist schon fast enttäuschender als Dragos Auftritt. Drago ist die Spurs.

Toronto Raptors
Ich bin immer für Kyle Lowry. Immer. Und dennoch kann mich die „erfolgreichste“ Raptorenhorde aller Zeiten nicht täuschen. Dieser Playoff-Run war gar nichts. Haben die Raptors nicht ganze sieben Spiele gebraucht, um auf dem Papier unterlegene Pacers zu bezwingen, nur, um anschließend ganze sieben Spiele zu brauchen, um auf dem Papier kaum als Konkurrenz zu bezeichnende Heatles zu schlagen? Wie viele „Was ist mit Kyle/DeRozan/Kyle und DeRozan?“-Stories haben wir lesen müssen? Die Raptors haben mehr Zeit damit verbracht, über ihren Backcourt zu rätseln, als tatsächlich Spiele zu gewinnen. Und in den Conference Finals zwei gute und vier katastrophale Spiele abzuliefern, macht den Braten auch nicht fett. Sorry, Raptors. Glückwunsch zur besten Postseason ever, aber ihr seid dennoch Drago. Bis auf Bismack Biyombo. Bismack ist freaking Iron Mike Tyson.

Oklahoma City Thunder
Zum Verschenken einer 3-1 Führung gehört mehr, als eine thermonukleare Explosion Klay Thompsons und crazy Dreier von Stephen Curry. OKC hat diese Serie buchstäblich weggegeben, als sie in Game 6 mit der Strategie „Turnover sind besser als Würfe“ ins letzte Viertel gingen. Die Niederlage hat ihnen das Genick gebrochen. Im alles entscheidenden Game 7 war der Wille zunächst da, aber in der zweiten Hälfte des Spiels verpassten die Warriors ihnen einen Haymaker, OKC konnte sich davon nicht mehr erholen und gab die Hoffnung auf. Alles was folgte, war Hero-Ball und Dwight-Howard-Fingerzeigen auf andere nach verpatzten Aktionen in der Defense. Es ist so schade. Dass sie ein Game 7 gegen den Champion und das beste Regular Season Team aller Zeiten erzwungen haben, wäre eigentlich einen Rocky wert. Aber sie hätten schlicht und ergreifend auf den Nacken der Warriors treten müssen, als die auf dem Boden lagen. Golden State hat selbst in den letzten beiden Partien nicht perfekt gespielt. Sie waren absolut schlagbar. Hinzu kommen noch lächerliche Aktionen, wie das Lachen von Westbrook, als er gefragt wurde, ob Stephen Curry ein unterschätzter Verteidiger sei. Er lachte, während er, zu diesem Zeitpunkt, bei 9 von 25 Würfen mit 8 Turnovern stand, wenn Curry sein direkter Verteidiger war. Nach der Serie sagte Durant auch noch, die Warriors hätten sie an der Dreipunktelinie geschlagen, und das war’s. Nein Nein Nein Nein. OKC hat sich selbst geschlagen. OKC ist sowas von Drago.

Das ist auch der Grund, weshalb Durant keinen langfristigen Vertrag in Oklahoma unterschreiben wird. Und er darf mich in den Vertragsverhandlungen gerne zitieren: 


"Warum sollte Kevin Durant bei einem Team unterschreiben, das Ivan Drago ist?"