19 Mai 2016

19. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Portland Trail Blazers.

von SHOTO @notshoto

Saison 15/16
27, bestenfalls 31 gewonnene Spiele. Viel traute man den Portland Trail Blazers 2015-16 nicht zu, nicht nach diesem chirurgischen Längsschnitt nahe der Talentschlagader. Nic Batum getradet als absehbar war, dass LaMarcus Aldridge gen Süden fliehen würde, um endlich mal in die Conference Finals einzuziehen (Glückwunsch dazu!).

Ab da keinerlei Notwendigkeit mehr, mit drei Sechsteln der Top-6 Rotation zu verlängern. Stattdessen Stilbruch im Nordwesten, Schienbeinbruch(flüche) in Richtung San Antonio, Umbrüche in der Franchisehierarchie und was man halt sonst noch alles brechen kann: Die Blazers würden auf ihrem Herunterpurzeln in den Tabellenkeller so ziemlich alles abhaken, was eine rebuildende Franchise halt so abhaken kann oder eher muss.

Dachte man. Auch wir, auch hier. Sogar krasser, nur 20 Spiele könnten mit einem dicken W versehen werden. Schlechtestes Team im Westen. An Playoffs gar nicht zu denken. Insert Robert-De-Niro-lacht-gif here. Nun…

Müssen wir darüber reden, dass das ja alles ganz grober Unfug war? Man will natürlich nicht verheimlichen, dass der Autor dieses Textes sich zu Beginn der diesjährigen NBA Season auch den einen oder anderen Scouting Bericht mehrmals durchgelesen hat. Es bewahrheitete sich aber eben auch einmal mehr, dass man am Black Jack-Tisch nie gegen Damian Lillard wetten sollte (wettet man am Black Jack-Tisch überhaupt gegen jemanden? Ach, egal…).

Damian Lillard, diese personifizierte #UsAgainstThem Mentalität. LaMarcus Aldridge Schrank war noch nicht ganz ausgeräumt, da trommelte Dame D.O.L.L.A. (ja, das ist ein Ding) die neue Blazers-Bagage zusammen, um einmal kollektiv die antrainierten Bauchmuskeldefinitionen in die Kamera zu halten.

Ein von Meyers Leonard (@meyersleonard11) gepostetes Foto am


Der Rest? Sicherlich Franchise-Geschichte. Entspannte 44 Siege. Playoffs statt Lottery. So ziemlich jede Addition eine positive Überraschung. Eine Attitüde, die mein Herz erst erwärmte, dann entflammte und mich abermals in diese sympathische Underdog-Franchise (war doch so Anno?) verknallen ließ.

Ja, man profitierte vom Verletzungspech der anderen. Ja, im Normalfall hätten die 44 Siege nicht für die Playoffs und schon gar nicht für Platz 5 gelangt. Aber will man das Portland vorwerfen? Gerade Portland? Und überhaupt: Wer glaubt, dass bei einem normaleren Saisonverlauf das Endergebnis fundamental anders gewesen wäre, der hat [Behauptung!] keine Minute Playoff-Basketball mit Beteiligung der Portland Trail Blazers geguckt. Und falls doch, dieses Team nie verstanden.


Offseason Agenda
Damian Lillard ist langfristig an Portland gebunden. Mit Terry Stotts wurde frisch bis einschließlich 2020 verlängert. Für C.J. McCollum und dessen Vertragsverlängerung besteht in diesem Sommer noch keine Notwendigkeit. Der Restricted Free Agent Nukleus und dessen finanzielle Implikation wird weiter unten behandelt. Grundsätzlich und vor allem oberflächlich scheint Portland gut aufgestellt. 

Aber (es gibt immer ein aber) tatsächlich ist dies nun der Sommer, in dem sich Portland – und vor allem GM Neil Olshey – über einige Detailfragen Gedanken machen muss. Wie zum Beispiel die: Wie viel kann und will man wirklich für ein Backcourt Duo hinlegen, dessen Skill Set nicht fundamental anders und sicherlich nicht 100 Prozent komplementär ist? Was wenn Bryan Colangelo durchdreht und beispielsweise Jahlil Okafor oder Nerlens Noel plus den Pick der Los Angeles Lakers im Tausch für C.J. McCollum anbieten würde?

Was ist mit Mason Plumlee und Ed Davis? Plant man auf Dauer mit einem der beiden als Starter und wenn ja, wie viel wird man dem anderen dann perspektivisch anbieten können? Wie wird man Al-Farouq Aminu und Allen Crabbe zukünftig auf die begrenzte Spielzeit aufteilen können, da Letzterer sicherlich einen gewaltigen Gehaltssprung wird erwarten dürfen. 

Und was ist mit Noah „er ist immer noch jünger als Porzingis“ Vonleh? Eine Offenbarung war er sicherlich nicht und Verbesserungen eher im Detail erkennbar. Aber braucht nicht gerade er Spielzeit ob seines Potenzials? Und ist es nicht genau das, was man früher von Meyers Leonard schrieb?

Grundsatzentscheidungen werden sicherlich nicht getroffen werden müssen. Das war im vorherigen Sommer. Doch ist Portland sicherlich nicht vor einem Suns’schen oder Bucks’schen Schicksal gefeit, begeht man den Fehler und gibt sich der entfachten Emotionalität hin. Hört auf, rationale Entscheidungen zu treffen, weil man sich irgendwo liebgewonnen hat. Es wird schwierig sein, basiert der jüngste Erfolg doch auch auf der überragenden Teamchemie. Und doch ist es das, was eine professionell geführte Franchise tun muss: Harte Entscheidungen treffen.


Draft
„This is not the Franchisebuildingaspekt you’re looking for”.

Offenbar hat man in Nordwesten den „Hitchhinkie’s Guide to the NBA“ verlegt. Stand jetzt findet der diesjährige Draft nämlich komplett ohne Beteiligung der Portland Trail Blazers statt. Ja, Olshey verwies auf den Umstand, dass man dank Paul Allen nie ohne Draft Pick ist. Moment, ich übersetze kurz: „C.R.E.A.M. – Cash Rules Everything Around Me“. Portland wird wohl ziemlich sicher versuchen, sich irgendwo in die zweite Runde einzukaufen. Passend dazu das Gerücht, PDX schiele etwas auf Thon Maker. 

Ob man nun dringend das nächste Big Man Projekt braucht, sei mal dahingestellt. Doch wird die Draftnacht im Normalfall keine sein, für die es wach zu bleiben lohnt. Oh, eins noch: Retrospektiv herumzublöken, welch kolossalen Fehler man damals gemacht hat, als junge Spieler und der diesjährige 1st Round Pick nach Denver für ein halbjähriges Leasing von Arron Afflalo geschickt wurden, kann man natürlich machen. Ist dann halt nur ziemlich dämlich. 


Kohle
Jüngste Soßen schätzen den kommenden Salary Cap auf ca. 92 Millionen Dollar. Ein beträchtlicher Anstieg, der den Blazers in etwa 7 Mio. $ an Spielraum ermöglichen wird. Beispielsweise könnte man … WAWAWAAAAS? Waren die Blazers nicht die, die mit am wenigsten Salär gezahlt haben? Wie können die nun nicht mal mehr 10 Mio. $ an freiem Raum haben? Olshey raus!

Kurz sanft aufs Bremspedal gedrückt. Natürlich ist dies nicht der realistische Cap Space, mit dem Neil Olshey wird jonglieren dürfen. Aber eben genau der Umstand, den man sich zunächst vor Augen führen muss. 85 Mio. $ beträgt die Payroll der Blazers 2016-17, würde der komplette Kader beisammen gehalten werden. Knapp 87 Mio. $ sogar, sollte Damian Lillard in eines der All-NBA Teams einziehen. 


Von dieser Summe – nehmen wir an, die Liga fährt weiter ihren Kurs und BETRÜGT DIE BLAZERS UM IHRE AUSZEICHNUNGEN (Stotts CotY... Lillard All Star... Olshey EotY... #justsaying) und Portland pendelt sich bei 85 Mio. $ ein – kann man ziemlich sicher die Cap Holds von Chris Kaman und Brian Roberts abziehen, womit Portland ungefähr bei 16,5 Mio. $ an freiem Salär landen würde. Schon eine beträchtlichere Summe, aber noch nicht ganz das, was man an Platz für einen Max Contract braucht. 

Und hier wird es schwierig, denn um ins Rennen um einen respektierten Free Agent einsteigen zu können, müsste sich Portland von einem aus der Gruppe um Gerald Henderson, Meyers Leonard, Maurice Harkless und Allen Crabbe trennen (sofern jene Free Agents nicht einen Paycut akzeptieren würden. Was sie sollten, schließlich handelt es sich um die Trail Blazers. Aber das ist jetzt nicht der Punkt). 

Hier kommt die obige Offseason-Agenda ins Spiel: Signalisiert ein für Portland attraktiver Free Agent ernsthafte Verhandlungsbereitschaft (seit DeAndre Jordan mag man ja nicht mehr vom „Zusagen“ sprechen), ist es elementar, dass man sich im Vorfeld darüber klar ist, wer gehen soll. Henderson, der – relativ gesprochen -, alte, aber vielleicht einzig echte Shooting Guard? Oder eben einer der talentierten, jungen Spieler, deren Skillsets sich aber irgendwo immer mit denen anderer überlappen würde?

Als zusätzlich erschwerendes Element kommt hinzu, dass natürlich nicht nur Portland vom steigenden Salary Cap profitieren wird. 25 von 30 Teams könnten grundsätzlich einen Max Contract offerieren. Und wer sich nicht im Rennen um einen begehrten Free Agent sieht, wird seinen Fokus schnell auf die Blazers Talente lenken und mit ihnen verhandeln. Macht euch doch ruhig mal den Spaß und sucht auf Twitter die Kombination „[beliebiges Lottery-Team]“ plus „Crabbe/Harkless“. 

Man stellt recht schnell fest, dass - zumindest viele Fans - davon überzeugt sind, dass man solchen Spielertypen mit einem ansehnlichen Angebot auch den Ligakeller schmackhaft machen kann. Und auch ich selbst bin davon überzeugt, dass solche Angebote kommen werden. Man wird darauf hoffen müssen, dass sie so fair sind, und Olshey zumindest so viel Zeit geben, den Free Agent Markt zu evaluieren und Portland ins Rennen um beispielsweise einen Al Horford zu manövrieren. Speaking of which…


Personal
Es wurde nun hinlänglich darüber gesprochen, wen die Blazers in und um ihren Kader haben, mit wem sie bereits verlängert haben und wie ihre finanzielle Situation aussieht. Daher lasst mich diesen Platz nutzen, zwei Szenarien zu skizzieren. Nennen wir Szenario 1 das Norddeutsche Szenario und Szenario 2 das Amerikanische Szenario.

Norddeutsches Szenario
Portland bekommt, wie schon in vergangenen Spielzeiten, zwar Meetings mit Free Agents der Marke Al Horford und Hassan Whiteside, aber genau dort hören die Affären dann auch auf. Portland realisiert, dass es keine realistische Chance auf einen Spieler hat, der das Team sofort unter die Top-4 im Westen bringt. Es verlängert umgehend mit Leonard, Harkless und Crabbe, wenig später, als der Markt nahezu abgegrast ist, auch mit Henderson. Die Rotation in Portland bleibt nahezu intakt und die Führung setzt darauf, dass die abgelaufene Saison kein (positiver) Ausreißer war und die interne Weiterentwicklung des Kaders die Blazers im Rennen um die Plätze sechs bis zehn halten wird.

Amerikanisches Szenario
Al Horford kündigt unmittelbar an, nur zu den Blazers gehen zu wollen und unterschreibt einen Max Contract. Henderson muss daraufhin gehen, im Gegenzug gelingt es Neil Olshey, NBA Rückkehrer Larry Sanders zu verpflichten. Die Vertragsverlängerungen von Leonard, Harkless und Crabbe sind nur noch Formsache. 2016/17 ziehen die Blazers an Position zwei ihrer Conference in die Playoffs ein.



Zukunft
Zugegeben, das Amerikanische „Chase your Dream – vom Tellerwäscher zum Millionär“ Szenario ist schon arg weit hergeholt, und die realistische Chance geht irgendwo unter 10 Prozent. Das Norddeutsche Szenario kommt deutlich konservativer daher, wirkt dafür aber auch entschieden vorstellbarer. Und genau diese Bandbreite an Ausgängen illustriert die Zukunft der Portland Trail Blazers meiner Meinung nach sehr gut. 

Es ist eine Gruppe, die sich gefunden hat. Spielerisch wie menschlich aufeinander abgestimmt ist oder zumindest so wirkt. Deren jetzige Qualität für den Kampf um die hinteren Playoffplätze reicht, die mit dem Keller wenig zu tun hat, der aber der ganz große Wurf verwehrt bleibt. Die dennoch couragiert antritt, nie aufsteckt und somit selbst historisch-gute Teams über fünf Spiele fordert. Und die sich durch diese Herangehensweise die Möglichkeit auf einen begehrenswerten Free Agent erspielt hat, der sie bis in die West- und Liga-Spitze führen kann.

Es ist eine Gruppe, die komplett die DNA von Damian Lillard innehat. Einem Spieler, der binnen Sekunden vom zweiten, vielleicht sogar dritten oder vierten Mann zum Führungsspieler befördert wurde, für die Rolle jedoch schon vorher bereit war. Der nicht nur seine Statistiken in diese Franchise steckt, sondern seine Seele. 

Eine Transformation zum Guten nach dem grauen Alltag, den LaMarcus Aldridge schuf. Die Portland Trail Blazers waren Anno 2015/16 die wahrscheinlich größte Wohlfühlstory. Doch seid euch gewiss: Sie sind nicht gekommen, um kurz aufzuflackern. Die Fackel der Franchise brennt, vielleicht so groß und deutlich und warm, wie schon lange nicht mehr.

Die Blazers sind gekommen – um zu bleiben.