06 Mai 2016

6. Mai, 2016


Die Schwergewichts-Franchises machen den NBA-Titel unter sich aus, während andere Klubs die Saison 2015/16 längst abgehakt haben und optimistisch/pessimistisch in die Zukunft blicken (müssen). Wir röntgen in unserem gewohnten 30er Split alle Teams, analysieren ihre Situation und prognostizieren den bevorstehenden Sommer. Heute: die Orlando Magic.

von HARALD MAINKA @Harrystocats

Saison 15/16
Ach jaaa... die Magic. Nach 2012/2013, 2013/2014 und 2014/2015 lassen wir bereits zum vierten Mal zu diesem Saisonzeitpunkt Orlandos Spielzeit Revue passieren. Und wiederholt können wir nur das Gessicht verziehen, die Stirn in Falten legen, uns am Kopf kratzen und darüber sinnieren, in welche Schublade wir die junge Bande denn nun stecken? 

Orlandos Saison ist schwer zu beschreiben. Natürlich sind 35 Siege nett, aber das ist der große Bruder von Dünnpfiff auch. Neu-Trainer Scott Skiles, eigentlich als Defensivspezialist geholt, heimste dem fruchtlosen Angriffsspiel neue Ideen ein, die Pille lief flüssiger in den eigenen Reihen. Knapp 6,4 Punkte erzielte das Team pro Partie mehr als in der Vorsaison und kämpfte sich damit beim OffenivRating zumindest ins Ligamittelfeld vor. 

 Die Playoffs waren zeit der Saison in Reichweite, doch die Franchise verpasste es, zur Trading Deadline die Leinen los zu machen. Das Hin und Her mit Victor Oladipos Rolle wurde nie wirklich geklärt, stattdessen Tobias Harris in einem Verlegenheitstrade für Brandon Jennings und Ersan Ilysova Richtung Detroit verschifft. 

Skiles sortierte den Flügel, der im Sommer noch einen Max-Deal unterzeichnet hatte, trotz seines spielerischen Potentials aus, weil er seine Rolle sowohl defensiv und offensiv im Teamverbund nicht annahm und sich zu oft fahrig präsentierte. Wie auch immer: der erkennbare sportliche Mehrwert der beiden Interims-Neuzugänge lief gegen Null.

Skiles Verdienst ist es, dass die Magic nach jahrelangem Larifari eine Vorstellung präsentierten, wie es in Zukunft Basketball spielen will. Am Ende stehen zehn doppelte Us mehr auf der Habenseite, dennoch sind die Playoffs meilenweit entfernt und verdeutlicht Orlandos Dilemma: reicht der Nukleus wirklich, um in den nächsten Jahren um die Playoffs zu konkurrieren oder bleibt es der belächelte Underachiever, der Saison für Saison um die hohle Nuss spielt?


Offseason Agenda
Mit den Magic verhält es sich wie mit Sophia Thomalla: das Team ist sexy, keine Frage. Aber seien wir ehrlich: eigentlich kann Orlando gar nichts. Im Roster findet sich kein Spieler, dem ohne Abstriche das amtlichen NBA-Gütesiegel  verliehen werden kann. Der Kader birgt viele junge, spezielle Talente, deren Fähigkeiten trotz all der Verbesserungen unter Skiles noch immer nicht harmonieren wollen. 

Klar ist: die Magic werden noch den ein oder anderen Sommer angeln gehen können, wenn General Manager Rob Hennigan nicht anfängt, für eine klare Hierarchie in der Mannschaft zu sorgen. Das Kompetenzduell zwischen Nik Vucevic und Victor Oladipo scheint aufgrund des ausgebliebenen Trades für den Shooting Guard nicht abschließend geklärt. 


Der Nummer zwei-Pick von 2013 wäre mit seiner Athletik und Verteidigung der ideale sechste Mann - genau das will er aber nicht sein. Eine Aufstellung mit Elfrid Payton, Victor Oladipo und Evan Fournier funktioniert, aber mit den beiden Wurflegasthenikern im Backcourt gewinnen die Magic nicht einen Blumentopf. 

Mit seiner rauen und mürrischen Art ist Scott Skiles die richtige Autoritätsperson für die Zauberlehrlinge. Das Team besitzt großes Potential am eigenen Korb und zeigte sich bereits in der dieser Saison deutlich verbessert im defensiven Verbund. 

Dennoch wirft die Entwicklung der letzten Jahre die Frage auf, wie lange die Magic noch in ihrer Rebuild-Phase dümpeln wollen. Wenn Orlando in der neuen Saison in die Playoffs will, dass muss jeder Spieler im Kader auf Tauglichkeit geprüft werden. Eine klare Hierarchie ist immer noch nicht zu erkennen.


Personal
Wie gesagt, noch ist alles easy. Im Kern sind die Magic für 2016/2017 gut aufgestellt. Die Arbeitspapiere von Vucevic, Oladipo, Aaron Gordon, Elfrid Payton und Mario Hezonja haben weiterhin Bestand und in Disneyland ist man alles in allem froh, diese Spieler zu haben. Gordon könnte in der nächsten Saison einen großen Schritt machen, in ihm stecken alle Attribute für einen modernen NBA-Big und sich zu Skiles Musterschüler entwickeln.

 In Sachen Free Agency liegt das Hauptaugenmerk zunächst auf Evan Fournier. Der Franzose hat durch seine Entwicklung Begehrlichkeiten geweckt, ist aus Orlandos Offensive nicht mehr wegzudenken. Seine Vielseitigkeit macht ihn für einige Teams interessant, letzten Endes sind es aber die Magic, die seinen Preis bestimmen. 

Was wir aus vergangenen Beispielen wissen: für ein Croissant und einen Café Noir wird der 23-Jährige in der nächsten Saison kaum auflaufen. Orlando hat die Kohle und die Möglichkeit, einen elementaren Baustein für ein bitte schön baldiges Playoffteam zu binden und sollte mit jedem Angebot mitgehen. Ist der Franzose einen Max-Deal wert? Mitnichten. Aber der Sommer... ihr wisst schon.


Womit wir dann bei wieder beim unterschwellig aufkommenden Gerangel auf den Guard-Positionen wären. Ein Langzeitvertrag Fourniers macht entweder Oladipo oder Payton überflüssig. Payton kennt seine Rolle und wirkte in seiner zweiten Saison überraschend gefestigt und selbstbewusst, die Magic wissen in ihm den vielleicht intelligentesten jungen Spielmacher in den eigenen Reihen. Sein Wurf ist zwar das genaue Gegenteil von Sophia Thomalla, durch seine Dribble Drive-Aktionen ist er im Backcourt schlicht der bessere Fit zu Fournier als Oladipo, der im Rahmen der Draft das Ticket zum Trade-Karussell wieder lösen könnte.

Unter diversen weiteren auslaufenden Verträgen ist noch Andrew Nicholson erwähnenswert. Der Flügel arbeitet Basketball und haut sich in jedes Duell. Für einen relativ preiswerten Vertrag hat man solche Typen einfach gerne im Team.

(Note: Dass die Verträge von Brandon Jennings und Ersan Ilyasova nicht in Erwägung gezogen werden, ist mir keine Zeile wert.)


Draft
Rob Hennigan hat in den vergangenen Jahren immer wieder ein gutes Händchen bei der jährlichen Verlosung bewiesen, aber da "gut" in der heutigen Liga nicht mehr ausreicht, machen wir es kurz: Orlando braucht keinen weiteren Rookie. Außerhalb der ersten beiden Plätze wartet die Lottery mit kaum interessanten Talenten für die Magic auf, zumal Headcoach Skiles schon für  die Greenhorns Mario Hezonja und Aaron Gordon viel Geduld aufbringen muss. 

Das Leck der Magic befindet sich besonders unterm Korb und auf dem Flügel. Ein Rim Protector oder ein Distanz- und optimalerweise Defensivspezialist stünden der Mannschaft gut zu Gesicht. Findest du solche Spieler in der Draft? Klar. Bringen die dich den Playoffs näher? Bedingt. 

Also gilt: Mobilfunk-Flatrate zum Glühen bringen, einen gesprächsbereiten Kollegen finden und das eigene Spielermaterial evaluieren. Wenn es hart auf hart kommt und ein Topspieler für die Magic in Reichweite ist, ist selbst Vucevic nicht mehr unantastbar und womöglich der Einzige, die die Magic überhaupt erst als Destination interessant macht.



Kohle
Angesichts vertraglicher Vereinbarungen von über knapp 35 Millionen Dollar rotiert Orlandos Weltkugel ziemlich rund. Dumm nur, dass das bei so ziemlich jeder anderen Franchise ebenfalls der Fall ist. Bares wird also nicht alles für Orlando regeln können, das hat es im letzten Jahr allerdings auch schon nicht. Immerhin: im vergangenen Sommer war Orlando knapp davor, Paul Millsap von sich zu überzeugen - völlig chancenlos scheint die Franchise scheinbar nicht zu sein. Die üppige Vertragsverlängerung für Fournier ist nur Formsache. 

Der Name "Dwight Howard" kursiert immer mal wieder durch Küche (nicht durch unsere!), und warum eigentlich nicht? Jeder bekommt mal Heimweh, zudem ist Orlando sicher hübscher als Akron - aber was weiß denn ich schon? 

In diesem Sommer wird es für die Magic irre schwer, Spieler mit Substanz von sich zu überzeugen. Der Franchise bleibt nichts anderes übrig als bei den Hassan Whitesides, Nicola Batums, Kent Bazemores nachzufragen. Dass diese überbezahlt werden müssen, sofern dieser Terminus überhaupt möglich ist, ist klar. 


Zukunft
Die Magic stehen am Scheideweg und müssen langsam liefern. Obwohl der Kern des Kaders nicht älter als 25 jahre alt ist, ist das spielerische Potential weitestgehend vorhersehbar beziehungsweise begrenzt. Wie lange will das Management und Scott Skiles an dieser Clique fest halten? 

Die sportliche Verbesserung unter Scott Skiles war merklich zu sehen. In der wiedererstarkten Eastern Conference könnte sich die Weiterentwicklung jedoch als wenig nachhaltig entpuppen. 

Das Talentlevel im Kader gibt für mehr als 35 bis 40 Siege pro Saison zu wenig her, das ist für die Playoffs zu wenig. In Orlando fehlt der eine Spieler mit (Super-)Starpotential, an dem sich alle anderen Jungs orientieren. 

Falls euch im Sommer die Langeweile überkommt, werft immer einen Blick auf die Magic, denn die sind im Sommer mit Sicherheit für einen großen Trade gut.